Karate Tiger: Aufstieg eines Stars und ein Kultfilm der 80er

Am Beginn einer Weltkarriere stand „Karate Tiger“. Karate Tiger? Das ist doch der Film, von dessen Hauptdarsteller man nie wieder etwas gehört hat und dessen Bösewicht-Nebendarsteller zum Superstar wurde? Ja, genau. Durch Karate Tiger wurde Jean-Claude Van Damme zum Star.

Die Handlung

Der Teenager Jason Stillwell (Kurt McKinney) ist ein glühender Bruce-Lee-Verehrer und trainiert im Karate-Dojo seines Vaters. Als sich Tom Stillwell (Timothy D. Baker, „Blackbelt”) weigert seine Karateschule mit einer Bande brutaler Gangster zu teilen, schlägt ihn der grimmige Scherge Ivan (Jean-Claude Van Damme) zum Krüppel. Mit Sack und Pack zieht Tom in eine andere Stadt und kehrt dem Kampfsport den Rücken. Sein Sohn Jason (Kurt McKinney, „Sworn to Justice“) jedoch ist völlig vernarrt in die Martial-Arts und trainiert emsig in der heimischen Garage. Dessen erklärtes Vorbild ist Bruce Lee.

Als dieser von Ivan Kraschensky (Jean-Claude Van Damme), dem Schläger eines Verbrecher-Syndikats, invalide geprügelt wird und somit gezwungen ist, das Dojo aufzugeben, zieht die Familie von Los Angeles nach Seattle. Jason ist enttäuscht vom dem seiner Meinung nach feigen Rückzug seines Vaters und wird darüber hinaus kurz nach der Ankunft in Seattle von einer Clique um den schleimigen Scott (Kent Lipham) als neues Opfer auserkoren. Nach einer schmerzhaften Prügelei und einem heftigen Streit mit seinem Vater fleht der verzweifelte Jason sein Idol Bruce Lee um Beistand an.

Weil Jason in der Zwischenzeit nicht länger den Prellbock spielen möchte, heult er sich am Grab von Bruce Lee die Äuglein aus dem Kopf. Und siehe da, der Geist des großen Meisters schaut tatsächlich mal für eine Trainingsstunde in der Garage seines Fans vorbei. Dort funktioniert Bruce Lee (Kim Tai Chong, „Fist of Death“) den fleißigen Teilzeitschüler zur gestählten Kampfmaschine um und entschwindet wieder ins gleißende Licht des Nachlebens.

Währenddessen verbreitet das Syndikat aus L.A. auch in Seattles Dojos Angst und Schrecken. Deren Bruder Ian (Ron Pohnel) betreibt selbst eine Schule für Karate und Kickboxen, was alsbald die bekannten Gangster auf den Plan ruft.

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Um der aufgestauten Spannung gleich vorweg zu greifen: Jason bekommt das Mädchen, Vater Einsicht und Van Damme hübsch blödsinnig die Fresse poliert.

Die Darsteller

Der spätere Action-Star spielt in seinem Debüt eine denkbar kleine Rolle. Zu Beginn und Ende schaut er mal kurz vorbei und mit der Ausstrahlung eines Pfundes Steckrüben dröge in die Kamera.

Auch darstellerisch gibt es hier wenig zu holen. Van Damme hinterlies zurecht mit seinem Spagat und den Kicks den meisten Eindruck. Es gab ja sonst keine Highlights, die die Aufmerksamkeit auf sich hätten ziehen können.

Kultstatus und Kritik

Die Frage ist berechtigt, warum ein so unterirdisch schlechter Film zu so einem Kult werden konnte. Der Rezensent gibt zu, als kleiner Bub selbst total auf Karate Tiger abgefahren zu sein. Mit den Jahren Abstand gibt es auch immer noch Momente, die einfach kultig sind. Kultig schlecht wohlgemerkt.

Dabei schärft der Film nicht nur die Sinne gegen Russen, sondern auch gegen fettleibige Teenager. Bei all dem herrlichen Nonsens kommt unfreiwilliger Humor natürlich nicht zu kurz. Sei es das stets selbstklebende Bruce Lee-Poster, der auf Michael Jackson gebürstete schwarze Sidekick oder die deutsche Synchronisation - für Trash-Fans wird bei „Karate Tiger“ gleich beidhändig aus den Vollen geschöpft. Textliche Einfalt des Schlages „Komm mir nicht in die Quere Fatzke“ oder „Hörst du das Fatzke? Sie weiß wer der Beste ist.“ ist da bloß der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. Absolutes Highlight ist jedoch der verhinderte Bruce Lee-Ersatz.

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Und eine passende Moral von der Geschicht´ serviert der Streifen gleich dazu: Flenne lang genug am Grab deines größten Idols und alles wird sich zum guten wenden.

„Karate Tiger“ ist eine krude Mischung aus Coming-of-Age-Film und Martial-Arts-Spektakel. Die finalen Kampfszenen sind gut choreographiert und mit Tempo inszeniert, der Rest ist künstlerisches Schweigen im Walde. Spaß macht der muntere Unfug trotzdem - und sei es einzig aufgrund seiner überbordenden Lächerlichkeit. Mit Philosophien aus dem Glückskeks und Handlungssegmenten, die jeder Vorabend-Soap die Schamesröte ins Gesicht treiben würden, unterhält der grobe Schabernack auf ganzer Linie.

Und ja; Regie, Kamera und Schnitt taugen allesamt nichts. Doch jetzt kommt das große Aber. Karate Tiger hat Charme. Und das hebt diese Gurke über all die lächerlichen Karatefilme der 80er und 90er hinaus. Das Dirty Dancing-Syndrom, wenn man so will: Die Zutaten sind so lala, aber irgendwie passt alles und unterhält dann doch ganz gut. Karate Tiger ist ein Unfall, bei dem man nicht hinsehen will, es aber doch muss.

Leider täuscht die schicke Metall-Box der Limited Edition der DVD (übrigens erstmals uncut mit äußerst überflüssigen Szenen) darüber hinweg, dass die Bildqualität unter aller Sau ist. Jedes Karate Tiger-Videotape aus den 90ern (wie das des Rezensenten) hat ein besseres Bild. Der Ton ist ebenfalls furchtbar.

Wie auch immer, ob VHS oder DVD, Karate Tiger ist ein Jungsfilm, wie er im Buche steht.

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Corey Yuen

In Hongkong war die Mär der ´Rival Schools´ längst ein alter Hut, als Corey Yuen das Prinzip für den US-Markt aufkochte. Yuen, der sich in seiner Heimat als Regisseur, Produzent, Darsteller und Action-Choreograph etablieren konnte, zählt zu den geschäftigsten Vertretern seiner Zunft. Mehr als 30 Filme entstanden seit den frühen Achtzigern unter seiner Leitung, in mehr als 50 wirkte er mit. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen „Saviour of the Soul“, „Fong Sai Yuk“, „So Close“ und die Luc Besson-Produktion „The Transporter“.

Die "Karate Tiger"-Reihe

Der im Original mit „No Retreat, No Surrender“ betitelte Streifen ebnete nicht nur der langlebigsten Filmreihe der deutschen Videohistorie den Weg, sondern führte auch den damals 25-jährigen Belgier Jean-Claude Van Damme in den Orkus des Actionfachs ein. Das keiner der bis 1996 veröffentlichten zehn Teile der Serie wirklich „Karate Tiger“ heißt, stört heute eigentlich niemanden mehr. Bei deren Auftakt blieb ohnehin nur der schlagkräftige Kurzauftritt Van Dammes haften.