Kollektiver Intellektueller
Bereits im ersten Kapitel kritisiert Schultheis eine wissenschaftliche „Rezeptionslogik (…), die weiter dazu tendiert, singulären Genies zu huldigen“ (S. 10). Sie vermag dem unablässigen Versuch der Bildung eines kollektiven Intellektuellen nicht gerecht zu werden. Sprachbarrieren behindern die deutsche Rezeption maßgeblich. Schultheis zeigt sich davon überrascht, da es sich bei Bourdieu eben „um einen Forscher handelt, der über mehr als vier Jahrzehnte seine Theorie der sozialen Welt aus der empirischen Feldforschung in enger Zusammenarbeit mit Mitarbeitenden und Kolleginnen heraus entfaltete“ (S. 13).Bourdieus Alltag hat man sich folgendermaßen vorzustellen: „Tagsüber war er, von den Wochenenden und Ferien mal abgesehen, ein unablässig in soziale Prozesse und Konstellationen eingebundener Kommunikator (…). Zum Verfassen seiner zahlreichen Publikationen kam er erst, wenn er sich nach Hause an den Schreibtisch zurückzog und bis tief in die Nacht intensiv arbeitete“ (ebd.). Seine Rolle ist jene des „‘Patron‘ eines Kleinunternehmens, einer soziologischen Forschungswerkstatt“ (S. 14), eine Rolle, die mit viel symbolischem Kapital verknüpft ist.Forschungsseminare und Pädagogik
Das zweite Kapitel berichtet aus Bourdieus Forschungsseminaren im Maison des Sciences de l’Homme am Boulevard Raspail in Paris. „Seine Aversion gegen intellektuelle Selbstinszenierung, empirieferne theoretische Höhenflüge und konkurrenzorientiertes Gehabe, aber auch die ihm eigene Zurückhaltung und Bescheidenheit wurden zum kollektiven Stil“ (S. 20). Schultheis hebt hierbei die unübliche Pädagogik hervor: „Wie Bourdieu selbst festhielt, orientierte sich sein pädagogischer Stil mehr am Modell eines Sport-Trainers, der seiner ‚Mannschaft‘ sein über lange Jahre inkorporiertes Erfahrungswissen ‚in Aktion‘ vor Augen führt und für die eigene Praxis anwendbar macht“ (S. 22). Das kennzeichnende pädagogische Ethos stammt laut Schultheis schon aus der Zeit in den frühen fünfziger Jahren, als Bourdieu als Gymnasiallehrer für Philosophie tätig war - und von der Schülerschaft wegen seiner Initialen „Pablo“ genannt wurde.Das Elend der Welt
Vielleicht ist „Das Elend der Welt“ jenes Werk Bourdieus, das im Kontext der Sozialen Arbeit am meisten Beachtung gefunden hat. Es erschien 1993 auf Französisch (1997 in deutscher Übersetzung) und sollte, wie das dritte Kapitel zeigt, ein Werk des kollektiven Intellektuellen sein. Bourdieu konnte aus dem Reservoir der Autorinnen und Autoren der Actes de la Recherche en Sciences Sociales schöpfen.Schultheis fragt sich dabei, ob die Rede vom kollektiven Intellektuellen vielleicht gar nur beschönige, und findet, „dass Bourdieus Konzept des ‚kollektiven Intellektuellen‘ nicht unterstellen will, dass alle sozialen Rollen- und Statusunterschiede, dass jedwede Differenz im Erfahrungsreichtum und den intellektuellen Ressourcen einfach ausgeschaltet und vergessen werden können. (…) Der Dirigent orchestriert die Vielzahl unterschiedlicher Expertisen zu einem harmonischen Gesamtklang, zu einem Werk, an dem er zwar maßgeblichen, aber nicht alleinigen Anteil hat“ (S. 33).Actes de la Recherche en Sciences Sociales
Im vierten Kapitel behandelt Schultheis die Zeitschrift Actes de la Recherche en Sciences Sociales, die Buchrevue Liber und Raisons d’agir, um Bourdieu als Herausgeber zu charakterisieren. Die Actes entstanden 1975 in enger Zusammenarbeit mit Luc Boltanski, Claude Chamboredon und Jean-Claude Passeron. Bourdieu wirkte als Direktor, (Mit-)Gründer und sogar Eigentümer. „Actes steht für das systematische Experimentieren mit unterschiedlichen Darstellungsformen, Gattungen, Stilelementen und Techniken. In der Kombination von Text, Photographie, Grafik, synoptischen Diagrammen, Quellenzitaten und Datenvisualisierungen trug die Zeitschrift maßgeblich zur Erneuerung des gängigen Repertoires sozialwissenschaftlicher Textproduktion bei. (…) Bourdieus Konzept des ‚kollektiven Intellektuellen‘ fand in Actes von Beginn an seine materielle Grundlage“ (S. 49 f.).Obwohl Bourdieu selber oft in den Actes publizierte und mit seinen Beiträgen jeweils einen Vorgeschmack auf seine in der Folge erscheinenden Monographien lieferte, blieb die Zeitschrift jenseits der französischen Grenzen weitgehend unbeachtet. Für Bourdieu bedeutete die Herausgabe der Zeitschrift eine enorme zeitliche Belastung: „Zeit seines Lebens erschien in Actes kein Beitrag, der nicht über seinen Schreibtisch und durch sein kritisches Lektorat gegangen wäre“ (S. 54). Zu den ungeschriebenen Spielregeln zählte indessen auch, den Namen Bourdieu in den Beiträgen möglichst wenig zu nennen!Politisches Engagement
Bourdieus gesteigertes politisches Engagement führte 1996 zur Idee, sich mit einer eigenen Schriftenreihe öffentlich einzumischen. Der Name war derselbe wie jener der sozialen Sammlungsbewegung: „Raisons d’agir“. Die kleinen Büchlein, die bis in unsere Tage erscheinen, sind billig, da die Autorinnen und Autoren auf ein Honorar verzichten, und richten sich an ein breites Publikum. Mittlerweile sind es gegen fünfzig. Das erste war Bourdieus „Über das Fernsehen“.Das sechste Kapitel nimmt Bourdieus Hinwendung zur Politik in den 1990er Jahren in den Blick. Im Dezember 1995 hält er eine Rede vor streikenden Bahnangestellten an der Gare de Lyon (s. „Gegenfeuer“, S. 34 ff.). Für Schultheis besteht freilich kein Grund, die Bedeutung dieses Ereignisses zu überhöhen. Laut Schultheis „lässt sich hier von einem Schlüsselmoment sprechen, in dem eine außergewöhnliche gesellschaftliche Situation und ein spezifischer Habitus wie füreinander bestimmt aufeinandertrafen“ (S. 77).Soziologie als Kampfsport
„Soziologie ist ein Kampfsport, den man zur Verteidigung gebraucht und in dem Fouls streng verboten sind.“ Dieser berühmte Satz Pierre Bourdieus ist für den großen französischen Denker gleichermaßen charakterisierend wie missverständlich. Denn obschon die renommiertesten Kaderschmieden Frankreichs durchlief, musste er sich anfangs durchbeißen. Gehörten die meisten seiner Mitschüler nämlich zur Pariser Bourgeoise, beispielsweise Pierre Nora und Michel Deguy, kam Bourdieu, dessen Vater Briefträger im Béarn war, aus einfachen Verhältnissen.Zum einen, weil er zu den engagiertesten Denkern seiner Zeit gehörte. So setzte er sich etwa für streikende Bahnarbeiter ein, unterstützte die französische Arbeitslosenbewegung oder fungierte als Mitbegründer von Attac. Insbesondere in seinem Spätwerk, vor allem in den Bänden Das Elend der Welt und Gegenfeuer, stellte er seine theoretische Arbeit dezidiert in den Dienst der Kapitalismuskritik. Zum anderen war seine eigene Bildungsbiographie vom steten Kampf geprägt.Der Staat ohne Staatsdenken
All das im Hinterkopf zu haben, ist durchaus hilfreich, wenn man Bourdieus gerade auf Deutsch erschienenen Band Über den Staat zur Hand nimmt. Bourdieu unternimmt den ambitionierten Versuch, den Staat ohne Staatsdenken zu denken. Das heißt, seine Effekte zu analysieren, ohne diese gleich in jene Funktionslogiken einzubetten, die vom Staat selbst erst geschaffen wurden.Verweist Max Webers kanonische Definition auf das Monopol der physischen Gewalt, müsse diese um die symbolische Dimension ergänzt werden. Denn der Staat sei eben nicht nur Armee, Polizei und Bürokratie, sondern vor allem ein riesiges Reservoir an symbolischen Ressourcen. Er liefert die Legitimation der hegemonialen Ordnung, indem er Klassifikationssysteme entwirft, offizialisiert und objektiviert. Bourdieu illustriert, dass sich klassische hard power nicht ohne soft power denken lässt.Soziologie und soziale Arbeit
Soziologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, also eine systematische Art und Weise, methodisch angeleitete Art und Weise, sich mit modernen Gesellschaften mit kapitalistischen Gesellschaften auseinanderzusetzen, also mit der Struktur und Prozessen von kapitalistischen Gesellschaften.Der Begriff Kampfsport geht in der Soziologie auch mit unterschiedlichen Perspektiven auf Gesellschaft, Verständnis von Gesellschaft, Verständnis von sozialem Zusammenleben einher. Das Austragen dieser Kämpfe und da gehört eben auch dazu, dass wir im Soziologieunterricht verschiedene Perspektiven vorstellen, Definitionen und Begriffe.Ein Beitrag zur Entwicklung eines kritischen Professionsverständnisses und wenn man es jetzt vielleicht etwas konkreter, inhaltlich sagen möchte zuerst einmal, Sozialarbeitende oder Personen, die sich für das Studium entscheiden, haben schon ein Bewusstsein, Für soziale Ungleichheiten, für soziale Probleme, für Unterschiede zwischen Arm und Reich usw.,Wir können dazu beitragen, das systematischer zu erfassen. Meine Erfahrung ist dass wenn es um die Vermittlung materieller Ungleichheiten geht oder wie diese zustande kommen, ist es auch einfacher nachvollziehbar, wie das Leben der Menschen beeinflusst.Sagen wir Armut oder eine prekäre soziale Position. Was aber ein bisschen schwieriger ist in der Regel ist zu sehen, wie auch über das heraus die Position in der Gesellschaft oder die eigene Sozialisation, die klassenspezifische Sozialisation auch sehr fest das eigene Denken, das eigene Handeln, die eigene Lebensweise auch beeinflussen.Das heisst aber auch, dass auch das Leben der Klientinnen dadurch stark geprägt ist. Ihr Denken, ihr Handeln und ihre Lebensweise ist auch ein Ausdruck einer bestimmten Sozialisation. Das heisst aber auch, wenn sie dann Hilfe oder soziale Arbeit in Anspruch nehmen, sind es Lebensumstände, die sie vorher nicht hatten. Das heisst, sie müssen sich an neue Lebensumstände anpassen, was von ihnen auch erfordert, dass sie ihr Denken, ihre Verhaltensweise an neue Situationen anpassen.Und damit man in dieser Situation vielleicht nicht das Problem individualisiert, oder gewisse Sachen auf individuelle Verhaltensweisen zurückführt, Kann es helfen, ein Verständnis für die gesellschaftliche Dimension der Situation der Menschen zu Damit kann man verhindern, soziale Probleme nicht zu individualisieren.Mithilfe der Soziologie ist es möglich, ganz viele tiefgehende spannende Analysen zu machen über die soziale Arbeit als Profession. Eine Profession ist immer auch ein Beruf, der sich als einen höheren Beruf versteht Ausbildung voraussetzt.Die Interaktionen mit Klientinnen und Klienten oder wie reden sie über Adressaten in der Kaffeepause, wenn sie nicht da sind. Es gibt eine berühmte Formulierung von Sigmund Baumann, die sagt, die Profession ist ein System von Lösungen auf der Suche nach ProblemenDie Professionellen, die haben ihre Lösungen und suchen Leute, wo man sozusagen diese Lösungen an die Frau und an den Mann bringen kann. Er dreht das wie um und das ist doch ein kritischer Blick, der zum Beispiel die Frage aufwirft Ob Sozialarbeiter, die nicht immer einfach Ausschau halten nach Leuten, die hilfsbedürftig sind oder wenn sie Methoden haben zur motivierenden Gesprächsführung gehen sie davon aus, dass das Gegenüber Motivation braucht oder so.Und auch das Über-die-Schulter-Schauen, Studien, die schauen, wie die im Alltag mit Adressaten und Adressatinnen umgehen Und da braucht es vielleicht auch einen kritischen Spiegel. Die Machteffekte, die es gibt, vielleicht manchmal auch gewisse Arten von Nicht-Ernst-Nehmen oder Herabwürdigung von Adressaten und Adressatinnen, kann man dann so analysieren Das ist mir sehr wichtig, also der kritische Blick und die Selbstreflexion von der Profession.Dabei sage ich aber immer, dass wir als Soziologen oder Dozierende wir sind genauso auch in dem drin. Ich bin auch als Dozent oder als Soziologe halte ich Ausschau nach Leuten, die Soziologie brauchen. Ich gehe davon aus die Studierenden kommen zu uns, weil sie etwas lernen müssen Wenn ich hier einen Schritt zurücktrete und über unsere eigene Tätigkeit nachdenke könnte ich einfach sagen, die Studierenden wollen als Sozialarbeitende arbeiten, dafür brauchen sie ein Diplom und machen, was wir von ihnen verlangen.Oder es gibt nochmals einen Schlüsselbegriff, den wir häufig verwenden. Der ist ein bisschen schwierig auf Deutsch zu übersetzen. Der «Street Level Bureaucracy» von Michael Lipsky. Also die Angestellten von Verwaltungen im direkten Kontakt mit den Klientinnen und Klienten auf Strassebene, auf «Street Level».Und wir als Dozierende sind genauso «Street Level Bureaucracy» wie die Sozialarbeitenden auch, wie Polizistinnen, wie andere Staatsangestellte, die in direkten Klientinnenkontakt haben. Und wir sind in den gleichen Dilemmata drin, wir müssen genauso kritisch mit unserer Arbeit umgehen. Wir haben hochfliegende Vorstellungen, wir möchten, dass die Studierenden die Gesellschaft kritisch anschauen.Zunahme der Segregation in Deutschland:
| Merkmal | Entwicklung |
|---|---|
| Segregation | Zunahme |
| Armutsbetroffene | Anstieg in bereits betroffenen Gebieten |
| Sozialproteste | Mangelnd trotz zunehmender Ungleichheit |
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