Pierre Bourdieu, geboren am 1. August 1930 in Denguin (Pyrénées Atlantiques), war ein außergewöhnlicher Denker und Mensch.
Akademische Laufbahn und Einflüsse
Nach dem Besuch des Lycée de Pau und des Lycée Louis-le-Grand in Paris durchlief er die École Normale Supérieure und startete eine bemerkenswerte akademische Karriere. Von 1958 bis 1960 war er Assistent an der Faculté des lettres in Algier, wechselte dann nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales.
Soziologie als Kampfsport
Ein Zitat, dessen Sprengkraft sich vielleicht erst nach mehrmaligem Lesen und im Kontext der ganzen Arbeit (»Das Elend der Welt«, 1993) erschließt, sowie der in der Schlagzeile zitierte Titel, der einem in Frankreich mit Pierre Bourdieu produzierten Kinofilm entstammt - beides ist bezeichnend für einen höchst originellen Denker und außergewöhnlichen Menschen.
Die Soziologie wäre keine Stunde der Mühe wert, sollte sie bloß ein Wissen von Experten für Experten sein.
Ähnlich dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu (Staatskritik, symbolische Macht und Herrschaftsverhältnisse), die Soziologie als eine Art Kampfsport betrachtet und betrieben hat. Beide haben mit den "Waffen" der Soziologie interveniert und gesellschaftliche Missstände freigelegt und kritisiert.
Lesen Sie auch: Pierre Bourdieu: Mehr als nur ein Soziologe
»Soziologie ist ein Kampfsport«, heißt das einfühlsame Film-Porträt, das der Suhrkamp-Verlag anlässlich von Pierre Bourdieus 80. Geburtstag herausgegeben hat. Sie ist ein Kampfsport, weil sie hilft, sich zurechtzufinden in der Welt, die Dinge und mehr noch, die ihnen gewidmeten Argumente zu hinterfragen, also die Frage zu stellen: Warum redet einer, wie er redet?
Und wenn Soziologie ein Kampfsport ist, dann heißt das, dass die soziale Wirklichkeit die Bühne eines ewigen Ringens ist - eines Ringens um Anerkennung, Privilegien, Vorteile.
Zentrale Konzepte und Theorien
Pierre Bourdieu hat - im Unterschied zu anderen bekannten Namen seiner Generation - keine eigene geschlossene »Großtheorie« entwickelt, wohl aber die Soziologie als Disziplin ungeheuer befruchtet.
Seine aus dem Strukturalismus herausgearbeitete Theorie gesellschaftlicher Felder, die gleichsam als »Mikro-Universen« mit eigenen Regelsystemen fungieren, gehört ebenso dazu wie die Bestimmung unterschiedlicher (ökonomischer, sozialer und kultureller) Kapitalarten in den Beziehungen der Menschen.
Mit der von ihm aufgegriffenen und theoretisch bearbeiteten Kategorie des »Habitus« - die bis in die Körperlichkeit reichende »Verinnerlichung« sozialer Verhältnisse im Menschen - gelang ihm ein überaus produktiver Ansatz: Aus der Dialektik von Struktur, Habitus und Praxis heraus lassen sich - auch empirisch begründbar - zahlreiche Verhaltensweisen, so zum Beispiel politisches Handeln, überzeugend erklären.
Lesen Sie auch: Definition Soziologie
Bourdieus umfassendste Arbeit zu diesem Thema (»Die feinen Unterschiede«, 1979) wurde zu einem Standardwerk in der modernen Soziologie.
Das "soziale Kapital" ist einer der wichtigsten Begriffe Bourdieus. Aus guten Gründen.
Soziales Kapital ist vor allem ein Erkennungszeichen. An ihm erkennen sich die Mitglieder einer sozialen Schicht. Wie redet einer, wie gibt er sich, wie tritt er auf? Daran lässt sich erkennen, wo er groß geworden ist und wohin er darum auch hingehört.
Ich glaube, dass heute in der Gegenwart, vor allem auch in den entwickelten Ländern, aber auch in den anderen, Ungleichheit zunehmend durch die ungleiche Verteilung von kulturellem Kapital reproduziert wird.
Empirische Forschung und Kritik
Bourdieu war zudem ein eigenwilliger und leidenschaftlich praktischer Forscher. Bescheiden sagte er von sich, dass ihm - wenn überhaupt - originelle theoretische Ideen vor allem in der Praxis kämen, beim Codieren eines Fragebogens etwa, und die eigene Person verglich er oft mit dem Soldaten im Gefecht, »dessen Blick auf die Welt von den vordersten Linien aus eine gänzlich andere als die des Sozialphilosophen auf einem Feldherrnhügel sei«.
Lesen Sie auch: Die Soziologie als Kampfsport
Er war gegenüber seiner Profession zu keiner Zeit betriebsblind. Als Empiriker zeichnete ihn mindestens dreierlei aus: Gängige Methoden und Techniken - etwa der Meinungsforschung - wurden von ihm immer wieder höchst kritisch in Frage gestellt.
Es schien ihm keineswegs selbstverständlich, dass Interviews »wahre Ergebnisse« liefern, wenn man nicht auch die »unsichtbaren Verzerrungen« durch die Situation (und die dabei wirkenden Machtstrukturen) mitdenkt.
Bourdieu warf ferner an zahlreichen Stellen seines Werks das Problem auf, ob denn tatsächlich an die Bürger die »richtigen Fragen« gestellt würden - und welche Fragen es sind, die der offizielle Diskurs verschweigt.
Schließlich war Pierre Bourdieu ein Mann, der - obwohl als Forscher hoch geehrt und vom Rang her zur Elite gehörig - in den Lebenswelten der so genannten »einfachen Leute« sein Arbeitsgebiet sah. Er fragte bei Interviews nach dem Arbeitsklima im Betrieb, nach der Miete, nach dem Leben mit Migranten und Migrantinnen oder nach dem Preis für die Möbel.
Die Leiden von Menschen, die offenen und die unsichtbaren Bedrängnisse, zum Vorschein zu bringen, darin sah er die vordringliche Aufgabe einer »Soziologie, die stört, weil sie enthüllt«.
Bekannt sind seine Vergleiche zwischen der Tätigkeit des Soziologen und des Arztes, wobei letzterer »die unsichtbaren Krankheiten aufdeckt, also die Dinge, über die der Kranke nicht spricht, weil sie ihm nicht bewusst sind«, während der erstere eine ganz ähnliche Aufgabe hat: Kenntnis und Verständnis des (oft verdeckten) gesellschaftlichen Leidens auf Grund von Armut, Ausgrenzung und Gewalt.
Bourdieu, der sich in diesem Zusammenhang übrigens auch profund zum Thema »Terrorismus« äußerte (»Machtmissbrauch im Namen der Vernunft«, 1995), zitierte für sein Credo häufig den Philosophen Gaston Bachelard: »Es gibt keine Wissenschaft ohne das Verborgene« und betonte: »Zur Demokratie gehört eine Forschung, die Ungerechtigkeiten aufdeckt«.
Engagement gegen Neoliberalismus und Globalisierung
Es war für den Lebensweg Pierre Bourdieus folgerichtig, aber im Vergleich mit zahlreichen Fachkollegen und -kolleginnen keineswegs selbstverständlich, dass er im Verlauf der 1990er Jahre aktiv politische Positionen gegenüber dem Modell des Neoliberalismus und den Gefahren der Globalisierung bezog.
Weniger durch seinen Rang, sondern durch seine Arbeit und sein persönliches Engagement wurde er zu einer Leitfigur - eine Bürde, die nicht immer leicht zu tragen war.
Sein Name steht weiterhin für ein Auftreten bei den Streiks der Lastkraftwagenfahrer 1995, für die Unterstützung von Bauernprotesten, für die berühmte »Warnung vor dem Modell Tietmeyer« (Gegenfeuer, 1998), für die Gründung von ATTAC und für die schwierigen Bemühungen zur Stärkung neuer sozialer Bewegungen - der Arbeitslosen, der »Prekären«, der Gewerkschaftsaktivisten und anderer.
Bourdieu hat als einer der ersten Wissenschaftler von Rang den Charakter des Neoliberalismus mit aller Schärfe gekennzeichnet: Neoliberalismus ist für ihn eine antihumane Revolution, die im Zuge des Sachzwanges und der scheinbaren Selbstverständlichkeit daher kommt, aber eine Re-Feudalisierung, die Umwertung fast aller Werte und »ein Programm der planmäßigen Zerstörung der Kollektive« beinhaltet.
Er spricht im Gegenzug davon, »Voraussetzungen für einen kollektiven Entwurf einer sozialen Utopie zu schaffen, die in gemeinsamen historischen Traditionen und zivilisatorischen Werten wurzelt«.
Eine von ihm geforderte »Internationale der Intellektuellen« hätte bei diesem Ringen besondere Verantwortung.
Das Verhältnis zu Charles Wright Mills
Er war einer jener Wissenschaftler, die ähnlich dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu (Staatskritik, symbolische Macht und Herrschaftsverhältnisse), die Soziologie als eine Art Kampfsport betrachtet und betrieben hat.
Veröffentlichungen
Einige von Bourdieus wichtigsten Werken:
- Die feinen Unterschiede (1979)
- Das Elend der Welt (1993)
- Über das Fernsehen (1996)
- Gegenfeuer (1998)
