Am 23. Januar jährte sich der Todestag von Pierre Bourdieu zum 20. Mal. Bourdieu wurde am 1. August 1930 in Denguin geboren. Seine soziologischen und sozialphilosophischen Werke sind weltberühmt und bis heute hochaktuell. Er unterrichtete unter anderem ab 1982 am renommierten Collège de France. Pierre Bourdieu verstarb am 23. Januar 2002 in Paris.
Der Philosoph Ulrich Johannes Schneider schrieb im Nachruf in der Berliner Zeitung: »Mit dem Tod von Pierre Bourdieu ... hat die französische Gesellschaft einen engagierten Streiter für die Rechte der Benachteiligten und der Unterdrückten verloren, der an der Seite von streikenden Eisenbahnern gegen die Globalisierung protestierte, der die Folgen der neoliberalen Wirtschaftspolitik und der Weltbank-Weltmarktordnung in düsteren Farben malte. Die Intellektuellen weltweit verlieren einen Denker, für den kein Ersatz in Sicht ist.
Was kann, was soll Soziologie?
Was kann, was soll Soziologie? - im gesamten Werk Bourdieus werden diese Fragen immer wieder aufgeworfen und auf seine Weise beantwortet. Mitunter kurz und radikal: »Die Soziologie wäre keine Stunde der Mühe wert, sollte sie bloß ein Wissen von Experten für Experten sein.«
Pierre Bourdieu hat - im Unterschied zu anderen bekannten Namen seiner Generation - keine eigene geschlossene »Großtheorie« entwickelt, wohl aber die Soziologie als Disziplin ungeheuer befruchtet. Seine aus dem Strukturalismus herausgearbeitete Theorie gesellschaftlicher Felder, die gleichsam als »Mikro-Universen« mit eigenen Regelsystemen fungieren, gehört ebenso dazu wie die Bestimmung unterschiedlicher (ökonomischer, sozialer und kultureller) Kapitalarten in den Beziehungen der Menschen.
Mit der von ihm aufgegriffenen und theoretisch bearbeiteten Kategorie des »Habitus« - die bis in die Körperlichkeit reichende »Verinnerlichung« sozialer Verhältnisse im Menschen - gelang ihm ein überaus produktiver Ansatz: Aus der Dialektik von Struktur, Habitus und Praxis heraus lassen sich - auch empirisch begründbar - zahlreiche Verhaltensweisen, so zum Beispiel politisches Handeln, überzeugend erklären. Bourdieus umfassendste Arbeit zu diesem Thema (»Die feinen Unterschiede«, 1979) wurde zu einem Standardwerk in der modernen Soziologie.
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Bourdieu war zudem ein eigenwilliger und leidenschaftlich praktischer Forscher. Bescheiden sagte er von sich, dass ihm - wenn überhaupt - originelle theoretische Ideen vor allem in der Praxis kämen, beim Codieren eines Fragebogens etwa, und die eigene Person verglich er oft mit dem Soldaten im Gefecht, »dessen Blick auf die Welt von den vordersten Linien aus eine gänzlich andere als die des Sozialphilosophen auf einem Feldherrnhügel sei«.
Bourdieus Kritik und Engagement
Er war gegenüber seiner Profession zu keiner Zeit betriebsblind. Als Empiriker zeichnete ihn mindestens dreierlei aus: Gängige Methoden und Techniken - etwa der Meinungsforschung - wurden von ihm immer wieder höchst kritisch in Frage gestellt. Es schien ihm keineswegs selbstverständlich, dass Interviews »wahre Ergebnisse« liefern, wenn man nicht auch die »unsichtbaren Verzerrungen« durch die Situation (und die dabei wirkenden Machtstrukturen) mitdenkt.
Bourdieu warf ferner an zahlreichen Stellen seines Werks das Problem auf, ob denn tatsächlich an die Bürger die »richtigen Fragen« gestellt würden - und welche Fragen es sind, die der offizielle Diskurs verschweigt. Schließlich war Pierre Bourdieu ein Mann, der - obwohl als Forscher hoch geehrt und vom Rang her zur Elite gehörig - in den Lebenswelten der so genannten »einfachen Leute« sein Arbeitsgebiet sah. Er fragte bei Interviews nach dem Arbeitsklima im Betrieb, nach der Miete, nach dem Leben mit Migranten und Migrantinnen oder nach dem Preis für die Möbel.
Die Leiden von Menschen, die offenen und die unsichtbaren Bedrängnisse, zum Vorschein zu bringen, darin sah er die vordringliche Aufgabe einer »Soziologie, die stört, weil sie enthüllt«. Bekannt sind seine Vergleiche zwischen der Tätigkeit des Soziologen und des Arztes, wobei letzterer »die unsichtbaren Krankheiten aufdeckt, also die Dinge, über die der Kranke nicht spricht, weil sie ihm nicht bewusst sind«, während der erstere eine ganz ähnliche Aufgabe hat: Kenntnis und Verständnis des (oft verdeckten) gesellschaftlichen Leidens auf Grund von Armut, Ausgrenzung und Gewalt.
Bourdieu, der sich in diesem Zusammenhang übrigens auch profund zum Thema »Terrorismus« äußerte (»Machtmissbrauch im Namen der Vernunft«, 1995), zitierte für sein Credo häufig den Philosophen Gaston Bachelard: »Es gibt keine Wissenschaft ohne das Verborgene« und betonte: »Zur Demokratie gehört eine Forschung, die Ungerechtigkeiten aufdeckt«.
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Machtverhältnisse und Medienkritik
Pierre Bourdieu hat sich nicht gescheut, in nahezu allen seinen Arbeiten auf die Machtverhältnisse in der Gesellschaft zu sprechen zu kommen, und er thematisierte - oft weitaus klarer als andere seiner Zunft - die Asymmetrie in diesen Beziehungen, das Vorhandensein von Oben und Unten, von Zensur und Unterdrückung. Dies betraf Untersuchungen im »akademischen Feld«, im Bildungswesen oder die Analysen der Medien, wobei einer seiner Essays (»Über das Fernsehen«, 1998) - bezeichnenderweise als Vortrag im TV präsentiert - breite Debatten auslöste und zu den wirkungsvollsten Beiträgen humanistischer Medienkritik gezählt werden kann.
Bourdieu geht dabei sehr weit: Das Fernsehen in seiner gegenwärtigen Verfasstheit stelle - vor allem auf Grund der inneren kommerziellen Logik (Jagd nach Einschaltquoten, Verkürzung der bildgestützten Sequenzen, direkte und indirekte Zensur u. a.) - eine Gefahr für die Verwirklichung von Demokratie in der Gesellschaft dar.
Unbedingt empfehlenswert ist seine Rede, die er 1999 in Paris vor den Spitzen internationaler Medienkonzerne unter dem Titel »Fragen an die wahren Herren der Welt« hielt: Im besten Sinne der Aufklärung stellt Bourdieu seinen Gegenübern "»sokratische« Fragen: »Wissen Sie, in deren Händen die Gesamtheit der Instrumente der Produktion und Distribution kultureller Güter zusammenfließt, wirklich, was Sie tun - mit der Kommerzialisierung der Medienwelt, mit der schrittweisen Liquidierung nationaler Kulturströmungen, mit dem Messen von künstlerischer Innovation am Profit?«
Es war für den Lebensweg Pierre Bourdieus folgerichtig, aber im Vergleich mit zahlreichen Fachkollegen und -kolleginnen keineswegs selbstverständlich, dass er im Verlauf der 1990er Jahre aktiv politische Positionen gegenüber dem Modell des Neoliberalismus und den Gefahren der Globalisierung bezog.
Sein Name steht weiterhin für ein Auftreten bei den Streiks der Lastkraftwagenfahrer 1995, für die Unterstützung von Bauernprotesten, für die berühmte »Warnung vor dem Modell Tietmeyer« (Gegenfeuer, 1998), für die Gründung von ATTAC und für die schwierigen Bemühungen zur Stärkung neuer sozialer Bewegungen - der Arbeitslosen, der »Prekären«, der Gewerkschaftsaktivisten und anderer.
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Soziologie ist ein Kampfsport
»Soziologie ist ein Kampfsport.“ Der berühmte Satz Pierre Bourdieus ist für den großen französischen Denker gleichermaßen charakterisierend wie missverständlich. Letzteres vor allem deshalb, weil Bourdieu sich stets vom militanten Intellektuellentypus à la Sartre abgegrenzt hat. Gegen die vermeintlich „freischwebende Intelligenz“ der dröhnenden Allesdenker setzte er das Konzept des „reflexiven Intellektuellen“.
Noch energischer opponierte er gegen die hyperaktiven „Doxosophen“, also jene umtriebigen Medienintellektuellen, die die hegemoniale Ordnung opportunistisch verteidigen. Das merkte man bereits am Habitus. Im Vergleich zu diskursiven Trolls wie Bernhard-Henri Lévy wirkte Bourdieu lammzahm.
Zum anderen kann das Zitat irreführen, weil es verkürzt ist. Vollständig heißt es: „Soziologie ist ein Kampfsport, den man zur Verteidigung gebraucht und in dem Fouls streng verboten sind.“ Und gerade auf Letzteres legte Bourdieu stets viel Wert. Methodische Gründlichkeit und analytische Schärfe waren seine unhintergehbaren Prämissen. Wo andere sofort den politischen Acker umpflügen wollten, inspizierte er zunächst die sozialen Felder.
Gern zitierte er ein unübersetzbares Bonmot Virginia Woolfs: „General ideas are always General’s ideas“. Seine Perspektive, bemerkte er einmal, sei „die von Fabrizius, dem Helden aus Stendhals Kartause von Parma, der nichts sieht, nichts versteht, dem die Kugeln nur so um die Ohren fliegen“.
Der Film: Soziologie ist ein Kampfsport
In dem Film wird Pierre Bourdieu vor allem in rastloser Ausübung seines Berufes als Soziologe gezeigt. Man sieht und hört Bourdieu in Vorlesungen, auf Kongressen, in Fernsehinterviews und einfach unterwegs z.B. auf Demonstrationen. Dabei erläutert Bourdieu auf sehr anschauliche Weise sein soziologisches Konzept, das verborgene Strukturen und Kräfte, vornehmlich der Herrschaft aufzeigen kann und will und auch gerade unser Verhalten im Alltag aufzeigt, das von habituellen Gesten und Selbstverständlichkeiten geprägt ist.
Höhepunkt ist dabei sicherlich sein Auftritt im Kulturzentrum des Problemviertels Val Fourré, in dem er von den vornehmlich migrantischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Vertreter des Establishments angegriffen wird, der nur reden würde. Pierre Bourdieu versucht in aller Ruhe und mit vielen Beispielen seinen Zuhörern klarzumachen, dass ihr Antiintellektualismus, den sie aus Protest zur Schau stellen, genau jene Herrschaftsformen festschreiben, die ihnen so zu schaffen machen.
Am Ende hat man ein sehr gutes Bild davon gewonnen, was Bourdieu damit meinte, als er die Soziologie am Anfang des Filmes als Kampfsport beschrieb. Der Film ist ein intellektueller Hochgenuss und der Zuschauer hat das Gefühl, Bourdieu hautnah in Ausübung seiner Berufung als Soziologe zu begleiten und ganz nebenbei sein Theoriegebäude in Ansätzen zu verstehen.
Bourdieus Begriff des Kapitals
Soziales Kapital ist vor allem ein Erkennungszeichen. An ihm erkennen sich die Mitglieder einer sozialen Schicht. Wie redet einer, wie gibt er sich, wie tritt er auf? Daran lässt sich erkennen, wo er groß geworden ist und wohin er darum auch hingehört. Denn von sozialer Beweglichkeit wird zwar gern und viel gesprochen, aber de facto, erläutert Bourdieu, findet sie relativ selten statt. Die Menschen leben in Sippen und Schichten - und diese haben Bindekräfte, die stärker sind als vielfach angenommen. Die Moderne ist einst auch mit dem Anspruch aufgetreten, diese Bindekräfte zu lockern. Gemessen daran, ist sie gescheitert.
»Ich glaube, dass heute in der Gegenwart, vor allem auch in den entwickelten Ländern, aber auch in den anderen, Ungleichheit zunehmend durch die ungleiche Verteilung von kulturellem Kapital reproduziert wird.« So verstanden, hat die Aufklärung versagt. Den Dritten Stand hat es immer gegeben, und wie die Dinge stehen, wird es ihn auch weiterhin geben.
Die bescheidene Herkunft hat Bourdieu empfänglich gemacht für die ingroup-outgroup-Logik, die Mechanismen der sozialen Selektion, für all die Bastionen, mit denen die, die viel zu verlieren haben, ihre Räume absichern. So leicht kommt da niemand durch. Immerhin: Seine Herkunft, erklärt Bourdieu, hat ihn sensibel gemacht für die diskreten Gesetze von oben und unten. Und sie hat ihm geholfen zu überleben. Das kann man ganz wörtlich verstehen.
In den späten 50er, frühen 60er-Jahren betrieb Bourdieu soziologische Feldstudien in Algerien - zu einer Zeit also, als dort der Unabhängigkeitskampf gegen Frankreich gefochten wurde. Ein gefährliches Terrain für einen Wissenschaftler. »Die Welt, die ich kannte, war nicht die Welt der Pariser Intellektuellen. Das wurde noch verstärkt durch meine Erfahrungen in Algerien, wo ich oft unter gefährlichen Bedingungen forschte. Es kam zwei- oder dreimal vor, dass von meiner Arbeit abhing, ob ich leben oder sterben würde. Das hing auch davon ab, wie ich meine Fragen stellte. Ich hatte keinen anderen Schutz in diesem Bürgerkrieg, diesem Befreiungskampf. Mein einziger Schutz war mein kluger Kopf, meine Art aufzutreten und meine Vorsicht.«
Gelehrt hat ihn dieser Aufenthalt, was er immer schon wusste: Die Mechanismen des Bewusstseins greifen tief - sehr tief. »Wenn man aus kleinen Verhältnissen kommt, aus einer kulturell unterdrückten Region, hat man automatisch eine Art kulturelles Schamgefühl.«
Soziologie ist Selbstverteidigung, sagte Bourdieu.
