Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest in Mollis: Ein König wird gesucht

Mehr als 350 000 Besucher werden an diesem Wochenende zum Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Mollis erwartet.

Es geht um Könige, Tempel und einen Zuchtstier.

Gesucht wird der neue König im Sägemehl.

So darf sich der Sieger des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests (Esaf) nennen - und so wird er auch behandelt.

Dem Sieger des nur alle drei Jahre stattfindenden größten und wichtigsten Sportfests der Schweiz winken lukrative Werbeverträge und größtmögliche Popularität in der Alpenrepublik.

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In der kleinen, 3500 Einwohner zählenden Gemeinde Mollis im Kanton Glarus wird an diesem Wochenende der nächste König gekrönt - der Nachnachfolger Stuckis.

Die Bühne könnte größer nicht sein: Auf dem nahen Flugplatz ist in den vergangenen Monaten die größte mobile Arena der Welt entstanden - ein Festgelände, so groß wie 100 Fußballfelder und ein Stadion mit 56 500 Plätzen.

Die Schwing-Arena hat 850 Meter Umfang, ihr Durchmesser beträgt 280 Meter, die Gesamtfläche 49 000 Quadratmeter.

Die Tradition des Schwingens

Ziel ist es, den Gegner mit dem Rücken ins Sägemehl zu drücken.

Hart gekämpft wird beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in sieben Ringen, für die 37 Tonnen Sägemehl herangekarrt wurden.

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Ziel beim Schwingen ist es, den Gegner mit beiden Schulterblättern oder mit dem Rücken ins Sägemehl zu drücken.

Dabei muss immer mindestens eine Hand an der kurzen, reißfesten Überhose des Gegners sein.

Am Ende aller Duelle, die als „Gang“ bezeichnet werden, gewinnt der Schwinger mit der höchsten Punktzahl.

Umrahmt werden die Kämpfe von Jodlerchören und der Präsentation der Lebendpreise, neben dem Sieger-Zuchtstier noch Kühe und Pferde.

Idylle pur - und ein Stück heile Welt.

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Das gilt auch im Sägemehlring.

Am Ende des Kampfes hilft der Sieger dem Verlierer auf und wischt ihm das Sägemehl vom Rücken - auf ein gutes Miteinander.

Ein Blick auf die Organisation und das Publikum

Nur 4000 Tickets im freien Verkauf An Tickets für die Arena zu kommen, ist weit schwieriger, als Karten für das Endspiel einer Fußball-WM zu ergattern.

Nur 4000 gelangen in den freien Verkauf, sie waren innerhalb einer Viertelstunde vergriffen.

Ein Sitzplatz für zwei Tage kostet 290 Franken.

34 000 Karten verteilt der Eidgenössische Schwingverband (ESV) an seine Klubs, 18 500 gehen an Sponsoren.

Insgesamt werden zu dem dreitägigen Spektakel mehr als 350 000 Besucher erwartet - zum Vergleich: im Kanton Glarus leben gerade einmal 42 000 Menschen.

Für sie stehen zehn Festzelte, 40 Verpflegungsstände und 696 Toiletten bereit.

Am gesamten Wochenende werden rund 450 000 Würste, vier Tonnen Ruchbrot, 265 000 Liter Bier, 24 000 Liter Wein, 5400 Liter Schnaps und 125 000 Portionen Kaffee über die Theke gehen.

Rund 9000 Helferinnen und Helfer sorgen für einen reibungslosen Ablauf.

Auch die Schweizer Armee und der Zivilschutz unterstützen das Event mit 8910 Arbeitstagen.

Die Veranstaltung hat einen Etat von rund 40 Millionen Franken (42,5 Millionen Euro).

Trotz dieser eindrucksvollen Zahlen zählt das Schwing- und Älplerfest zu den bodenständigsten Festen der Schweiz.

Wer zum ersten Mal bei einem Schwingfest ist, kann über die auf den ersten Blick völlig skurrile Veranstaltung nur immer wieder den Kopf schütteln und denkt sich frei nach Asterix: Die spinnen, die Schweizer!

Das Publikum sorgt selbst für Ordnung und Anstand.

Das ist nötig, damit die 274 Schwinger, darunter sechs Auslandsschwinger, über ihre Runden kommen.

Das Publikum kann sich in den riesigen Festzelten bereits ab 5.30 Uhr mit Speis und traditionsgemäß viel Trank auf den Wettkampftag einstimmen, der dann in ein Unterhaltungsprogramm bis 3 Uhr in der Früh des nächsten Tages münden wird.

Es gibt auf den Festplätzen kaum Polizei - aber keine Schlägereien, keine Vermüllung, nichts.

Warum funktioniert das beim Schwingen so einfach?

„Das ist natürlich auch eine Publikumsfrage“, sagt Christian Stucki.

„Das ist beim Schwingen sehr selbstregulierend.

Wenn einer auf der Tribüne aus der Reihe tanzt, gibt es ringsum ein paar Leute, die sich nicht scheuen einzugreifen und zu sagen: so nicht.

Man schaut aufeinander und man sagt einander aber auch, wenn etwas nicht passt.

An einem Schwingfest kannst du deinen Rucksack samt Portemonnaie drei Stunden am Platz stehen lassen - da fehlt nichts.“

Doch auch der Schwingerkönig staunt: „Es ist ein Phänomen, dass es so gut funktioniert mit so vielen Leuten auf einem Haufen.

Wenn es so bleibt, werden wir noch lange Freude an den Schwingfesten haben.“

Die Popularität des Schwingens und die Rolle der Traditionen

Dieses Miteinander, die Geselligkeit, die Partystimmung sind einige Gründe, warum das Schwingen in den letzten zehn bis 15 Jahren so enorm an Popularität gewonnen hat - aber nicht die einzigen.

Wie kaum eine andere Veranstaltung pflegen Schwingfeste Traditionen und vermitteln damit ein Stück weit „Heile-Welt-Atmosphäre“.

Neues auszuprobieren, ist dem ultrakonservativen Schwingverband zutiefst suspekt.

Ein lange diskutierter Videobeweis wurde nicht einmal erprobt.

Es gibt keine Anzeigetafel, keine Bandenwerbung, keine Trikotsponsoren.

Bisher scheint dieses extreme Traditionsbewusstsein mehr Segen als Fluch für den Sport und seine Athleten zu sein.

Denn obwohl der Schwingverband gerne so tut, als seien im Sägemehl lupenreine Amateure am Werk, hat sich das Schwingen im Zuge der explodierenden Popularität in den vergangenen Jahren extrem professionalisiert.

Es gibt eine eigene, zweiwöchentlich erscheinende Schwingerzeitung namens „Schlussgang“ mit einer Auflage von 20 000 Exemplaren.

Panini gibt, analog zu einer Fußball-WM, seit Jahren ein Sammelalbum mit Klebebildern zum Eidgenössischen Schwingfest heraus.

Das Schweizer Fernsehen überträgt alle zehn großen Schwingfeste von der ersten bis zur letzten Sekunde live, in diesem Jahr mehr als 100 Stunden.