Alle früheren okinawanischen Meister der Waffen übten sich auch gleichzeitig im unbewaffneten Kampf (tōde). Von einem selbständigen Kobudō-System spricht man erst heute. Dennoch kann man unterscheiden, welche der früheren Meister sich besonders in den bewaffneten Systemen und welche sich mehr in den unbewaffneten Systemen verdient gemacht haben. Manche Namen tauchen auch in beiden Systemen auf (Karate).
Wichtige Okinawa-Meister des Kobudo
Untenstehend sind die wichtigsten okinawanischen Meister der Waffen in der gesamten Entwicklung des Kobudō angeführt:
- Matsu Higa
- Sakugawa Shungo (auch Teruya Kanga Sakugawa)
- Ufuchiku Kanakushiku (auch Kanagusuku Sanda)
- Yara Chatan
- Matayoshi Shinkō
- Matayoshi Shimpō
- Taira Shinken (auch Maezato)
- Shimabukuro Tatsuo
Entwicklung des Karate auf Okinawa
Auf Okinawa (= „ein Tau im offenen Meer“) gab es das Selbstverteidigungssystem des „Tode“ („Technik der Tang“). 1392 kam es zu einer großen Auswanderungswelle von China nach Okinawa. Dabei waren auch die „36 Familien“ des Chuan Fa.
Ab 1629 gab es geheime Konferenzen zwischen den Chuan Fa- und den Tode-Gruppen. Das Ergebnis war das sogenannte Okinawa Te („Hand von Okinawa“) oder einfach Te (= „Hand“). Im 19. Jahrhundert entstanden drei Hauptrichtungen des Okinawa Te, die nach den Städten, in denen sie entstanden, benannt wurden: Naha-Te, Shuri-Te und Tomari-Te.
Da der Bevölkerung von Okinawa das Waffentragen durch die japanischen Besatzer verboten war, entwickelten die Bauern, Handwerker und Fischer parallel zum Okinawa Te das Kobudo („alte Kriegskunst“). Dabei wurden landwirtschaftliche Geräte, Alltagsgegenstände und Werkzeuge zu Waffen umfunktioniert (z.B. Bo, Sai, Kama, Tonfa und Nunchaku).
Lesen Sie auch: Mehr über traditionelles Okinawa-Karate
Nach der Einführung neuer Gesetze zwischen 1869 und 1912 durfte die Kampfkunst von Okinawa öffentlich vorgeführt und seit 1905 in das Schulsystem integriert werden. Bis 1921 war das Okinawa Te in Japan unbekannt. 1922 brachte Gichin Funakoshi (1868-1957) das Okinawa Te nach Japan (später auch Myagi Chojun). Funakoshi gilt heute als Begründer des modernen Karate.
1935 führte Funakoshi den Begriff „Kara-Te“ (= „leere Hand“) ein, später „Karate Do“ (= „Weg der leeren Hand“). Die letztere Bezeichnung umfasst sowohl körperliche als auch geistige Aspekte. Die „leere Hand“ schließt allerdings nicht aus, dass in der Hand auch ein Gegenstand (Waffe) sein kann.
Im späten 19. Jhd. wurden die Stile Shuri-Te und Tomari-Te vereinigt und bekannt als Shorin-Ryu. Dies geschah als Folge einer natürlichen Vermischung und nicht aus politischen oder sozialen Gründen. Naha-Te wurde bekannt als Goju unter der Leitung des Großmeisters Kanryo Higaonna. Als junger Mann verbrachte Higaonna viel Zeit in den südlichen Provinzen Chinas. Dort lernte und modifizierte er die grundlegende Kata des Goju-Systems, Sanchin.
Das Shorin-Ryu-Systems wurde im Jahre 1922 auf Einladung des Kronprinz Hirohito von Gichin Funakoshi, einem Schüler von Itosu, nach Japan gebracht. Kenwa Mabuni, der Gründer des Shito-Ryu, folgte ihm im Jahr 1930. Obwohl Funakoshi und Mabuni Zeitgenossen und beide Schüler von Itosu waren, gingen sie ihre eigenen Wege: Funakoshi lernte weiter unter Azato und Mabuni trainierte mit Higaonna.
Funakoshis Shotokan, welches vor allem in der Hauptstadt Tokio praktiziert wurde, war nach dem Krieg für die ausländischen Soldaten wesentlich besser zugänglich und konnte damit leichter in andere Teile der Welt exportiert werden. Noch heute hat Mabunis Shito-Ryu die größte Stärke im Bezirk Kansei in Japan, also rund um Osaka, Kobe und Kyoto.
Lesen Sie auch: Einblick in die Welt von "Karate Kid"
Auf Okinawa war das Fehlen von Mabuni und Funakoshi der Grund, dass das Okinawa Karate durch Chojun Miyagi weitergeführt wurde, der die Goju Schule leitete.
Bekannte Karate Stile und ihre Gründer
Hier ist eine Übersicht über einige der bekanntesten Karate-Stile und ihre Gründer:
- Shotokan: Gegründet von Gichin Funakoshi.
- Goju-Ryu: Entwickelt aus dem Naha-Te von Kanryo Higaonna.
- Shito-Ryu: Gegründet von Kenwa Mabuni.
- Kyokushin: Gegründet von Maas Oyama.
- Wado-Ryu: Gegründet von Hironori Ohtsuka.
Details zu einigen Meistern
Kanryo Higaonna (1853-1916)
Kanryo Higaonna (1853-1916), der „Heilige des Faustschlages“ gilt als der „Urvater“ des Goju Ryu. Im Alter von 13 Jahren geht er von Naha nach China. In Foochow wird er dem Chuan Fa Meister Ryu Ryuko vorgestellt und bleibt 15 Jahre bei ihm. Von Ryu Ryuko lernt er mehrere Stile des Chuan Fa, darunter den „Stil des Weißen Kranichs“. Nach seiner Rückkehr nach China entwickelte er eine Synthese aus dem Chuan Fa und dem Okinawa Te. Seine Hinterlassenschaft ist der unvergleichliche Stil des Naha Te, benannt nach seiner Geburtsstadt.
Miyagi Chojun (1888-1953)
Der spätere Begründer des Goju Ryu, Miyagi Chojun (1888-1953) wurde mit 14 Jahren Schüler von K. Higaonna und blieb seinem Meister bis zu dessen Tod 1916 treu. Miyagi Chojun überstand als einer der wenigen Schüler das harte Training bei K. Higaonna. Er lehrte Miyagi als einzigem Schüler alle Goju Katas. Waffentechniken lehrte Higaonna nicht.
Bereits von 1904-1908 reiste er nach Foochow. Nach dem Tod seines Lehrers K. Higaonna reiste er 1916 abermals nach China, um den Shaolin- und Pa-Kua Stil zustudieren. Nach seiner Rückkehr aus China 1920 kreierte er die Katas Gekisai Dai Ichi, Gekisai Dai Ni (1941) sowie die Tensho.
Lesen Sie auch: Handlung von Karate Kid II im Detail
Sakugawa Shungo (1733-1815)
Meister Sakugawa Shungo (auch Teruya Kanga Sakugawa) wurde im März des Jahres 1733 in Akata/Okinawa geboren. Sakugawa war der erste geschichtlich bekannte Lehrer des okinawanischen Karate oder tōde. Er begann sein Studium der Kampfkunst im Jahre 1750 bei Takahara Peichin, der ebenfalls in seinem Geburtsort wohnte. Takahara war ein Schüler von Matsu Higa (bō und tonfa). Später begegnete er Meister Kūshankū. Von ihm lernte er die gleichnamige Kata, die er ins Shōrin Ryū übertrug und die wir heute noch als Kanku üben.
Er schaute somit nicht nur auf die Technik, sondern speziell auf die innere Werte der Schüler. Der Meister unterrichtete ebenfalls den bō und überlieferte seine Auffassung des Kampfes mit dem Stock in der Kata Sakugawa no Kon. Sakugawa Shungo verstarb am 7.
Taira Shinken (1897-1970)
Taira Shinken (auch Maezato) wurde 1897 auf Kumejima, einer Okinawa vorgelagerten Insel geboren. Er begann seine Laufbahn im Studium der Kampfkunst 1922 unter Funakoshi Gichin. Mit Kobudō kam er 1929 unter Yabiku Moden in Berührung, dessen Schüler er bis ins Jahr 1929 blieb. Er bekam 1933 das Menkyo Kaiden von Yabiku. Ein Jahr später lernte er Mabuni Kenwa kennen und wurde sein Schüler. Im Jahre 1942 kehrte Taira Shinken nach Okinawa zurück und gründete den Ryūkyū Kobudō Hozon Shinkōkai. Aus seinen umfangreichen Studien überlieferte er 40 alte Kata des Kobudō.
Matayoshi Shinkō (1888-1947)
Matayohsi Shinkō war der Vater von Matayoshi Shimpō und sein Lehrer im Kobudō. Shinkō wurde 1888 auf Okinawa geboren. Er begann schon früh in seiner Kindheit mit dem Studium des Kobudō unter Agena Shokuhō. Bei ihm lernte er die Waffen bō, sai, eiku und kama. Später kamen noch Nunachaku und Tonfa hinzu, die er unter Meister Irei Moshigwa studierte. Im Jahre 1911 reiste Matayoshi nach China, um seine Kampfkunsterfahrungen zu vertiefen. Als er im Jahre 1915 nach Japan zurückkehrte demonstrierte er seine Kunst mit Meister Funakoshi, Go Kenki und Mabuni Kenwa in Osaka und Tōkyō. Schließlich kehrte er 1935 wieder zurück nach Okinawa und vertiefte dort seine Erfahrungen, die er auf seinen Sohn übertrug.
Matayoshi Shimpō (1921-1997)
Matayoshi Shimpō war ein okinawanischer Karate- und Kobudō-Experte, der unter seinem Vater Matayoshi Shinkō mit dem Studium der Kampfkunst begann. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1947 unterrichtete er zuerst in Japan. Später, 1960, kehrte er nach Okinawa zurück und lehrte zuerst im Dōjō von Higa Seikō, eröffnete jedoch im Jahre 1960 sein eigenes Dōjō, in dem er Matayoshi Kobudō im Gedenken und zu Ehren an seinen verstorbenen Vater unterrichtete. Zehn Jahre nach seiner Rückkehr nach Okinawa gründete er die Ryūkyū Kobudō Renmei. Diese Organisation wurde später in die Zen Okinawa Kobudō Renmei umgewandelt. Heute wird weltweit in vielen Schulen Matayoshi Kobudō unterrichtet.
Matsu Higa
Über das Geburtsdatum Matsu Higas sind die Historiker uneinig. Verschiedenen Quellen zu folge soll er um 1700, 1663-1738 aber auch 1790-1870 gelebt haben. Eine Geschichte erzählt von einer Begebenheit, in der Matsu Higa auf der Insel Bokuto, in der Nähe von Formosa gegen einen chinesischen Tonfa-Meister mit seinem bō kämpfte. Matsu Higas bō beeindruckte den Tonfa-Meister so sehr, dass er dem Okinawaner seinen Tonfa-Stil lehrte, der heute in der matsuhiga no tonfa überliefert ist. Diese Kata wird als der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Tonfa-Stile Okinawas angesehen.
Shimabukuro Tatsuo (1908-1975)
Shimabukuro Tatsuo wurde 1908 in Chan/Okinawa geboren. Auch er begann, wie viele okinawanische Meister, im frühen Alter von 8 Jahren mit dem Studium der Kampfkunst unter seinem Onkel Kamasu. Später, mit 23 Jahren, übte er unter Kyuan Chōtoku und danach unter Miyagi Chōjun. Das okinawanische Kobudō lernte er bei Yabuki Moden und unter Meister Taira Shinken. Im Jahre 1959 stellte er seine eigene Kampfkunstauffassung, das Isshin Ryū, der Öffentlichkeit vor. Dieser Stil ist heute weltweit verbreitet und lehrt bō, sai und tonfa.
Yara Chatan (1740-1812)
Yara Chatan wurde im Jahre 1760 in Chatan/Okinawa geboren. Im Alter von 12 Jahren reiste er für 20 Jahre nach China und studierte dort das chinesische quánfǎ und den Umgang mit dem bō bei Wong Chung Yoh. Über sein Leben als Kampfkunstmeister ist leider nicht viel bekannt. Als er nach Okinawa zurückkehrte, fand er sein Land im Chaos vor. Der Satsuma-Clan hatte Okinawa fest im Griff und so bildete auch Yara Schüler im Kobudō aus. Leider war sein Training hart und er überforderte seine Schüler.
