Nikita Miller: Vom Kampfsportler zum Comedian – Eine Reise zwischen Kulturen und Karrieren

Nikita Miller, geboren 1987 in Temirtau im heutigen Kasachstan, hat sich im Laufe der Jahre immer wieder neu erfunden. Er verbrachte seine Jugend in der Ukraine und im Schwabenländle. Heute ist der Comedian regelmäßig im Fernsehen zu sehen, hat Millionen an Klicks auf Youtube gesammelt und füllt mit seinen Live-Solo-Shows die Hallen.

Zwischen einer Vielzahl von Jobs studierte er Medieninformatik, Philosophie und Rhetorik. Seit 2016 tritt er als Comedian auf, unter anderem bei NightWash, dem Quatsch Comedy Club und dem Haus der Springmaus in Bonn. „Im Westen viel Neues“ ist sein drittes Soloprogramm. Miller lebt mit seiner Frau in Köln.

Seine Karriere begann nach seinem ersten Studium im Bereich Informatik. „Das macht mir keinen Spaß, ich kann’s eh nicht.“, sprach er und machte sich auf den Weg ein Mann zu werden. Besser gesagt: auf den Weg seine Bestimmung zu finden. Er begab sich auf Umwege, schnupperte in den Arbeitsalltag eines Telemarketers, Umzughelfers, Türstehers und Bandarbeiters, erzielte Erfolge als Kampfsportler, verkaufte Schmuck aus dem Kofferraum, absolvierte ein zweites Studium in den Bereichen Philosophie und Rhetorik. Doch irgendwie war`s das auch nicht.

Eines Tages hat sich sein Leben schlagartig verändert. Es war der Tag, an dem er seine erste Comedy Show sah. Die Begeisterung über die Wortgewalt, den Witz, den Humor und die Bühnenpräsenz beeindruckten ihn so sehr, ja man könnte meinen, er habe alle weiteren Geschehnisse förmlich angezogen. Und nur zwei Wochen später stand er auf der Bühne.

"Im Westen viel Neues": Nikita Miller über Humor, Klischees und Identität

Am Donnerstag, 16. Mai, tritt Nikita Miller in der Stadthalle in Baunatal auf. Im Interview spricht der Künstler über Humor, die Bedeutung von Klischees, die eigene Identität - und vieles mehr. Nikita Miller legt Wert darauf, geduzt zu werden.

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In „Im Westen viel Neues“ geht es im Allgemeinen um die Unterschiede zwischen der post-sowjetischen und der deutschen Erziehung. Darum, mit welchen Fähigkeiten und Handicaps du in dieses Land kommst. Wo gelingt Integration und wo sind ihre Grenzen? Das fängt bei so Kleinigkeiten an, wie wenn ich meinen Eltern sage, ich finde keinen Job, der mir Spaß macht. Das war für die total irritierend. Spaß bei der Arbeit? Das war für meinen Vater nicht greifbar.

Humor ist für Miller eine Form von Therapie. Wenn er bei seinen Shows Geschichten über familiäre Probleme erzählt und die Leute lachen, merkt er durch die Augen der Zuschauer, wie bescheuert das Ganze ist, was er durchgemacht hat. Aber es ist auch eine Therapie für den Zuschauer. Auf einfache, humoristische Weise: In dem Moment, in dem ich über Gewalt im Elternhaus spreche, lachst du. In erster Linie über den Witz, aber es steckt eine Erkenntnis darin. Eine Art Entlarven der Wahrheit. Mit Humor sickert diese durch. Gegen Humor kann man sich nur sehr schwer wehren.

Humor ist ein Ventil für Erkenntnisse, für Therapien, für Entladungen. Gerade in Zeiten von Social Media, wo alles schneller und hektischer wird und der Druck immer größer wird, ist ein Verzicht auf Humor nahezu unmöglich.

Er erzählt Geschichten, über die er schon drüber hinweg ist. Wenn du in einem Thema emotional zu tief drin bist, ist es sehr schwer, eine Nummer daraus zu machen. Es ist manchmal ein schmaler Grat zwischen Humor- und Schmerzebene. Es besteht auch die Gefahr, zu sehr ins Lächerliche abzurutschen, dann wird es abstrus. Ich rate jedem Comedian davon ab, über den Schmerz zu reden, über den er selbst noch nicht hinweggekommen ist. Als Comedian betreibe ich weder Seelsorge noch eine Selbsthilfegruppe. Ich unterhalte das Publikum - und rege es dabei manchmal zum Nachdenken an.

Er spielt bei seinen Auftritten gerne mit Klischees. Irgendwo kommen die Klischees ja her. Ein Beispiel: Das Klischee, Russen würden viel saufen, stammt noch aus Zeiten extremer Armut in Russland, sowohl im Zarenreich als auch unter Stalin. Um die Umstände zu ertragen, konnten viele oft nicht anders, als den eigenen Frust in Alkohol zu ertränken. Aber einige Statistiken zeigen, dass der Alkoholkonsum pro Kopf in Russland in den vergangenen Jahren niedriger war als in Deutschland - zumindest vor dem Krieg in der Ukraine. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Deutsche in Touristengebieten heute oftmals unbeliebter sind als Russen - oder ähnlich unbeliebt.

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Stereotypen sind eine Art Messwert, eine Orientierung: Wir wollen Dinge vereinfachen und zusammenfassen, um uns in der Welt zurechtzufinden. In den Shows spiele ich gerne damit, versuche aber auch, Vorurteile zu entlarven.

Früher war ich für die meisten Menschen hier einfach der Russe, dort der Deutsche. Vorbehalte, Vorurteile und Rassismus gab es immer und überall. Mit dem Krieg haben sich die Dinge dann geändert, man spürt eine große Spaltung. Noch immer sind viele Russen und Deutschrussen bei meinen Auftritten im Publikum aber einige haben angefangen mich zu boykottieren, Tickets zu stornieren.

Die einen sagen, er ist Russe, die anderen sagen, nein, er ist gar kein echter Russe. Die nächsten sagen, eigentlich ist er Ukrainer. Ich habe damit meinen Frieden geschlossen. Soll doch jeder in mir sehen, was er will. Letztlich sind das alles nur Projektionen.

Er definiert seine Identität in erster Linie auch nicht über Herkunft. Ich lebe jetzt hier in Deutschland und ihr könnt mich alle sehen, wie ihr wollt.

Er glaubt, es gibt kaum eine Frage, die ihm zum Thema Ukrainekrieg noch nicht gestellt wurde.

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Bei aktuell über 100 Auftritten im Jahr kann er sich an einzelne Städte oft kaum erinnern. Aber ich war mehrmals in Kassel und die Stimmung und das Publikum waren bei meinen Auftritten in der Region immer super. Die Leute wurden schnell warm mit mir, wir hatten Spaß zusammen und es waren tolle Abende.

Er rät jedem, mit sich selbst ins Reine zu kommen, dann brauchst du die Öffentlichkeit nicht zu fürchten. Sieh zu, dass deine Ansichten und Ideologien moralisch vertretbar sind, dann musst du auch nicht heucheln oder dich verstellen. Wenn du hinter deinem Auftreten und deinen Überzeugungen stehen kannst, brauchst du auch nicht ständig zu differenzieren; was kann ich sagen, was nicht?

Angriff in Bremen und die Folgen

Comedian Nikita Miller ist am Hauptbahnhof in Bremen angegriffen und verletzt worden. Der Vorfall ereignete sich bereits vor einer Woche. Im Anschluss ging der Mann mit einer Stichwaffe auf ihn los. Die 15 Zentimeter lange Wunde am Kopf musste mit zwölf Stichen genäht werden, berichtet Miller. Auch die Verletzung an der Schulter musste den Angaben nach im Krankenhaus genäht werden.

"Insgesamt hatte ich verflucht großes Glück", schreibt Miller zu seinem Post. Das habe er unter anderem dem Kampfsport und seiner Erfahrung als Türsteher zu verdanken. Zudem sei die Polizei sehr schnell vor Ort gewesen und habe sich gut um ihn gekümmert.

Er habe auf jeden Fall noch mehr Ehrfurcht vor dem Leben bekommen. Das Niveau auf der Straße hat sich verändert. Er war lange Türsteher und klar haben wir Leute durchsucht und ab und zu auch Waffen gefunden, aber persönlich habe ich nie eine Messerstecherei erlebt. Jetzt herrscht mehr Gewalt, Leute bewaffnen sich, Hemmschwellen sinken. Hätte ich das vor dem Angriff schon realisiert, hätte ich vermutlich einen eleganteren Weg aus der Situation heraus gefunden, die ich unterschätzt habe. Heute bewege ich mich in Menschenmassen vorsichtiger, bei manchen Auftritten mit Security-Personal.

Er verlässt sich mehr auf seine Instinkte. Fühle ich mich bedrängt, entziehe ich mich der Situation schneller. Aber ganz auf Distanz gehen oder mich dem Niveau der Straße anpassen will ich nicht. Dafür müsste ich Seelenanteile in mir boykottieren und das kann ich nicht.

Nikita Miller: Kampfsportliche Erfolge und Bühnenpräsenz

Nikita Miller betrieb von 2005 bis 2014 diverse Kampfsportarten wie Kickboxen, Freefight und Teakwondo. Diese Erfahrung trug dazu bei, dass er einen Angriff in Bremen vergleichsweise glimpflich überstand.

Nikita Miller, der erstmals in drei Disziplinen startete, gewann den 3. Platz im Softstyle und Waffen ohne Musik, in seinem Debüt im Waffen mit Musik kam er auf dem 4. Platz, was allerdings Unverständnis bei den Zuschauern und beim Team auslöste.

Der Weg zur Comedy und die Einzigartigkeit

Seit Ende 2016 erzählt Nikita. Er macht kein Stand-Up, allein schon deswegen nicht, weil er während seiner Performance sitzt. Er ist mit seinen Geschichten neu und einzigartig , und gleichzeitig taucht er in eine Welt ab, in der sich jeder wiedererkennen kann. Seine Erzählungen porträtieren Nikitas Jugend, gefärbt von russischen Einflüssen, zahlreichen unfassbaren Erlebnissen und der einen wichtigen Frage: Was bedeutet es denn, ein richtiger Mann zu sein? Nikitas Reise ist noch längst nicht zu Ende. Sie fängt gerade erst so richtig an.

Mit seinem neuen Programm Freizeitgangster gibt es nicht, erzählt Nikita Miller aus seinem Leben, und zwar dieses Mal davon, wie er einen (nicht immer legalen) Job nach dem anderen ausprobierte. Immer mit der Frage im Hinterkopf: "Was möchte ich eigentlich machen?" Das der Weg auch mit Prügeleien, Gesprächen mit Gangstern und der Familie gepflastert war, lasst ihr euch besser von Nikita selbst erzählen.

Er war Kellner… (Warum? Die Intelligente Person weiß von Anfang an, was sie will, setzt ihren Fokus auf ihr Ziel und geht ihren Weg. Manche brauchen länger, bei manchen geht es schneller. Hängt ab von deinen Fähigkeiten und deiner Persönlichkeit. Glaube ich. Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Die weniger intelligente Person weiß überhaupt nicht mit sich anzufangen, hat keine Ziele und weiß nicht, wohin mit sich. Was machen diese Leute? Sie machen alles Mögliche. Sie gehen alle möglichen Wege. Wozu? Am Ende wissen sie, was sie alles nicht werden wollen. Dadurch wird das Spektrum von Wahlmöglichkeiten immer kleiner und am Ende blieb auch mir nichts anderes übrig als Comedian zu werden. Es stand einfach nichts mehr zur Auswahl. Macht aber Spaß. Mein Erkenntnis: Verlasst Euch nicht allein auf Euer Talent. Immer in Bewegung bleiben, das ist das Gebot. Auch wenn es nicht der richtige Weg ist. Man kommt auf Ideen oder man trifft auf diesem Weg Leute, die einen auf eine Idee bringen und folglich schlägt man einen neuen Weg ein. Solange bis der richtige gefunden ist. Meine Meinung? Fleiß ist stärker als Talent. Es ist nicht schlimm, wenn du langsam vorankommst. Was noch? Freut euch auf eine ganze Menge neuer Stories im nächsten Jahr und in denen, die folgen! Ich freu mich sehr drauf!