Karat Band: Bedeutung unter dem Wind

Karat, eine bekannte deutsche Rockband aus dem Osten, feierte ihr 40-jähriges Bestehen mit einem Jubiläumskonzert in der Waldbühne und in 22 weiteren deutschen Städten. Dafür haben die fünf hochkarätigen Musikanten achtzehn Monate lang an einem neuen Album gefeilt.

Das Cover-Foto zeigt ganz in Schwarz gewandte Herren, die wie die glorreichen Fünf ziemlich lässig, aber kampfeslustig in einer leeren Fabrikhalle unter einem Glasdach verharren, ohne Instrumente und anderen Schnickschnack. Nur sie, auf die es ankommt, wenn die „Seelenschiffe“ auf große oder kleine Fahrt gehen - von den zwölf Titeln bekommen die Journalisten und eine Armada von Fotografen einen kleinen Ausschnitt vorgespielt: Da ist er wieder, der typische, leicht getragene, balladeske Karat-Sound mit exzellenten Musikern und philosophisch angehauchten Texten.

In einer „Albumbio“ erklärt uns die Plattenfirma das Album: „Ein Sammelsurium großartiger Songideen, es strotzt vor Energie und ist ein klares Statement, dass Karat alles andere als eine Altherrentruppe ist, die ihre Daseinsberechtigung auf ihre frühen Hits beschränkt“. Nein: „Dichte, vielschichtige Kompositionen, bis ins Detail durchdachte Arrangements, Songs, die eher sanft, aber nie kraftlos daherkommen“. Dabei würden „mit ganz großen Themen enorme Bedeutungstiefen erreicht“. Seelenschiffe im Ozean der Gefühle.

Dies ist das 20. musikalische Karat-Buch, zwölf Millionen Tonträger wurden bislang verkauft, in dunkler Erinnerung ist die Präsentation der ersten Scheibe, 1976 muss das in einem kleinen Weinlokal im Nikolai-Viertel gewesen sein, die fünf jungen Musiker waren ganz aufgeregt, ganz im Gegensatz zu heute: Abgeklärt und für jeden Spaß zu haben sitzen sie auf dem Podium, müssten jetzt um die Sechzig sein, bis auf Claudius Dreilich, den Sänger, haben Bernd Römer, Michael Schwandt (der vom ersten Tage an auf die Trommel haut) , Christian Liebig und Martin Becker schulterlange Haare, auch von Anfang an.

Damit gab es manchmal zu DDR-Zeiten Ärger: Bei Fernsehauftritten sollten sie als „Vorbilder unserer jungen Generation“ mit gutem Beispiel und kurzen Haaren beim Sieg des Sozialismus voranschreiten, „da haben wir uns die Haare hochgebunden und eine Mütze aufgesetzt“, sagt Micha, der Drummer. Überhaupt, die Mode: Jeans waren im DDR-TV so verpönt wie lange Haare, ein Film zeigt Ausschnitte von Auftritten auf dem Alex: Karat mit blauen Sakkos und gelben Hosen.

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„Und jetzt kommt der Diamant unter den Rockgruppen der DDR“ kündigte 1982 Frank Elstner das Debüt bei „Wetten dass...“ an, wie die Puhdys durften Karat in den Westen reisen. Gitarrist Bernd Römer erinnert sich an die Waldbühne: „Wenn dann plötzlich all die Feuerzeuge aufleuchten - einfach Wahnsinn!“ Wie damals werden sie im Juni ihre „Stehaufmännchen-Message Über sieben Brücken“ zum Vortrag bringen, und alle singen mit, wie beim „Blauen Planet“ „Albatros“ oder den Schwanenkönig. Peter Maffay, Matthias Reim, Helene Fischer und Jan Josef Liefers haben karatige Songs in ihrem Repertoire.

Dabei hatte die Gruppe manchen Rückschlag zu verkraften, den schlimmsten mit dem Tod des Komponisten und Sängers Herbert Dreilich im Jahr 2004. Die Truppe besann sich des schon fast zur Familie gehörenden Dreilich-Sohns Claudius, der Vaters Stimme und Aussehen geerbt hat. „Ich hab das nicht als Last empfunden, sondern als Herausforderung“, sagt der Frontmann. Wie singt er in einem Lied auf dem neuen Album? „Wir sind der Wind, in der Asche die Glut“...

Karat feiern 40-jähriges Bestehen, die Puhdys sind sogar noch eine Handvoll Jahre älter. In den fünf Dekaden ihres Bestehens schuf Karat etliche zeitlose Songs, von denen viele auch heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Die 1975 in (Ost-)Berlin gegründete Formation zählt zu den erfolgreichsten deutschen Rockbands, ausgezeichnet mit zahlreichen Musikpreisen sowie Goldenen Schallplatten.

Bereits vor dem Mauerfall erfreute sich die Band großer Beliebtheit in Ost-, aber auch Westdeutschland. Trotz großer Herausforderungen, Höhen und Tiefen, der Wendezeit, dem frühen Tod des Sängers Herbert Dreilich und zeitweiliger Auftrittsverbote unter ihrem Namen, behauptet Karat - heute in der Besetzung mit Sänger Claudius Dreilich, Gitarrist Bernd Römer, Schlagzeuger Heiko Jung, Bassist Daniel Bätge und Keyboarder Martin Becker - bis heute eine herausragende Stellung in der (nun) gesamt-deutschen Musiklandschaft.

Claudius Dreilich mag Publikumsnähe und schritt in Salzwedel singend durch den ausverkauften Saal wie durch sein heimisches Wohnzimmer. Er sang zusammen mit seinen Fans über den blauen Planeten Erde und ging über sieben Brücken. Da wurde klar, dass Karat für viele eben nicht nur eine Band ist, sondern tatsächlich Freunde in ihrem Leben, Begleiter durch Zeiten, die irgendwie nie zu Ende gehen sollen.

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Zum Glück spielt Karat die Songs so, wie sie einmal waren und wie sie immer sein werden. Das bleibt. Schöner druckvoller Bass, sehr differenziert von Christian Liebl (Freygang, Hansi Biebl). Bernd Römer an der Mansongitarre in seinem Element und absolut souverän.

Eine Woche zuvor standen Madsen auf dieser Bühne und Sebastian Madsen sagte: „Man merkt es einer guten Band an, wenn das, was sie macht, nicht Hobby, sondern Berufung ist. Dass sie bereit ist, dafür alles zu geben.“ Und das war genau so bei Karat schon immer.

Karat hatte in Salzwedel perfekte Lichtunterstützung. Das findet man heute kaum noch. Der Mann am Pult war eine Granate. Er rückte vor allem viel Gestik und Mimik der Darsteller ins rechte Licht - wie bei einer Theaterinszenierung eben üblich.

Nach zwei ereignisreichen Stunden und das durchschreiten von 14 Karat-Alben war dann Schluss und die Band gab eine Autogrammstunde, die gut genutzt wurde, um den Idolen aus Jugendtagen ganz nah zu sein.

Mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 verbanden viele Menschen ein neues Gefühl von Freiheit, Hoffnung und Zusammengehörigkeit. Emotionen, die viele Musiker auch in ihren Liedern transportierten und die deshalb unvergesslich sind.

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Im Folgenden ist eine Tabelle mit einigen wichtigen Daten und Ereignissen in der Geschichte der Band Karat:

JahrEreignis
1975Gründung der Band Karat in Ost-Berlin
1976Präsentation der ersten Schallplatte
1982Auftritt bei "Wetten dass..." und Reisen in den Westen
2004Tod des Komponisten und Sängers Herbert Dreilich
201540-jähriges Jubiläum der Band