MMA oder Boxen: Was ist gefährlicher?

Die umstrittene Kampfsportart Mixed Martial Arts hat einen tragischen Todesfall zu beklagen. Der portugiesische MMA-Kämpfer João Carvalho ist im Alter von 28 Jahren am Montag an den Folgen einer in einem Kampf erlittenen Verletzung gestorben. Carvalho war zwei Tage zuvor während eines Kampfabends in Dublin in einem Fight gegen den Iren Charlie Ward technisch k. o. gegangen.

Carvalho war nach dem Kampf bei Bewusstsein, 20 Minuten nach dem Abbruch verschlechterte sich sein Zustand aber drastisch. "Carvalho wurde sofort medizinisch betreut und ins Krankenhaus eingeliefert, wo er sich einer Notoperation des Gehirns unterzog", heißt es in einer Mitteilung seines Vitor-Nóbrega-Teams. Nach der OP habe er sich in einem kritischen Zustand befunden, ehe er am Montag um 21.35 Uhr Ortszeit starb.

Was ist MMA?

Mixed Martial Arts (gemischte Kampfkünste) ist ein Vollkontakt-Kampfsport bei dem Techniken aus zahlreichen Kampfsportarten wie Boxen, Taekwondo, Muay Thai und Karate erlaubt sind. Dabei bestehen wenige Regelbeschränkungen. Erlaubt sind Schlag- und Tritttechniken sowie Knie- und Ellbogenstöße.

Die Kämpfer, die in unterschiedliche Gewichtsklassen eingeteilt sind, befinden sich in einem achteckigen Käfig, dem Oktagon. Ein Sieg kann durch Aufgabe, K. o., Abbruch des Schiedsrichters oder Punkte errungen werden.

Wie gefährlich ist MMA?

Da Gegner auch am Boden attackiert werden dürfen, steht der Sport häufig in der öffentlichen Kritik. Neben Bandagen und Handschuhen sind Mund- und Tiefschutz die einzigen Protektoren der Kämpfer. Seit 2007 gibt es laut der irischen Zeitung Mirror 13 bekannte Todesfälle bei Mixed-Martial-Arts-Kämpfen. In Zusammenhang mit Boxkämpfen kam es zu deutlich mehr tödlichen Zwischenfällen.

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Die Manuel Velazquez Collection, ein Datenarchiv für Todesfälle im Boxen, listet 103 tote Sportler allein zwischen 2000 und 2010 auf. Wissenschaftler in den USA beobachteten, dass die Verletzungsrate beim MMA in etwa auf dem Niveau anderer Kampfsportarten liege, die Gefahr einer Hirnschädigung beim Boxen wahrscheinlich sogar höher sei.

In den USA ist Mixed Martial Arts längst beliebter als Boxen, weil die Zuschauer die Sportart wegen der verschiedenen Kampfstile und der wenigen Beschränkungen spektakulärer finden. Die 196. Auflage der amerikanischen Ultimate Fighting Championship (UFC), der bekanntesten MMA-Organisation, verfolgten weltweit mehr als 100 Millionen Zuschauer. Die Sportart wird auch in vielen Ländern Europas immer beliebter und lockt zum Teil Zehntausende Zuschauer in die Hallen.

In Deutschland fristet MMA hingegen immer noch ein Nischendasein. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien setzte das Verbot 2010 durch. Mittlerweile wurde dieses durch das Verwaltungsgericht München jedoch wieder aufgehoben. Die UFC-Veranstaltung im Juni 2015 in Berlin verfolgten 8000 Zuschauer vor Ort. Der bekannteste Deutsche Kämpfer ist Nick Hein.

Einblicke von Dr. Dr. Moser zu Verletzungsrisiken im MMA

Ein Facharzt äußerte sich über die Verletzungsrisiken beim MMA: "Als Arzt hat man bei Boxkämpfen immer mehr zu tun als beim Kickboxen, da beim Boxen häufiger schwerere Verletzungen auftreten. Der Grund dafür ist, dass beim Boxen ausschließlich auf den Kopf geschlagen wird, während beim Kickboxen der Kämpfer einen großen Teil des Kampfes mit Fuß- und Armblocks beschäftigt ist."

Er fügte hinzu: "Wenn sie beobachten, wie manche Boxer in der 5. oder 6. Runde gar nicht mehr wirklich wissen was sie tun sollen, wenn sie unterlegen sind und immer wieder klammern und immer wieder einen Treffer einstecken müssen, dann halte ich das für wesentlich gefährlicher."

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Dr. Moser erklärte auch: "Selbst die Gehirnerschütterungsrate liegt im professionellen Boxsport bei 11,5% und bei den geregelten MMA-Kämpfen lediglich bei 3,3%, was der Gehirnerschütterungsrate von internationalen Taekwondokämpfen unter Männern entspricht. Solange man andere Profisportarten erlaubt, die teilweise ein höheres oder zumindest ein vergleichbares Todes- bzw. Verletzungsrisiko beinhalten, gibt es keinen medizinischen Grund MMA-Kämpfe zu verbieten."

Dr. Moser: Ich glaube medizinisch ist das klar. Es gibt keinen medizinischen Grund MMA-Kämpfe zu verbieten. Da muss man nicht viel diskutieren, da liegen die Fakten auf dem Tisch.

MMA-Regeln und Sicherheit

Die Annahme, zwei Kämpfer oder Kämpferinnen werden in einem Käfig komplett ohne Regeln aufeinander losgelassen, ist falsch. In MMA gibt es sogar sehr viele Regeln. Das Regelwerk greift bereits bei den Voraussetzungen für einen Kampf. Das betrifft Gewichtsklasse, Tiefschutz, Mundschutz und Handschuhe mit einem Gewicht zwischen vier und sechs Unzen (1 Oz = ca. 28 Gramm).

Schlagen, Treten, Knie- und Ellbogenstöße sind erlaubt, aber auch hier gibt es einen Rahmen. "Es gibt ein Regelwerk, das darauf abzielt, gesundheitliche Schäden zu vermeiden", erklärt der Berliner MMA-Fighter Niko Samsonidse im Gespräch mit ntv/RTL. "Deswegen sind zum Beispiel Schläge auf den Hinterkopf verboten, weil das langwierige Folgen haben kann." Der Hinterkopf soll durch eine 5 Zentimeter breite verbotene Trefferzone geschützt werden, die sich über den Scheitel entlang der Wirbelsäule zieht.

Zudem sind auch keine Kopfstöße, Tiefschläge, Schläge auf die Kehle und Stiche ins Auge des Gegners erlaubt. Kratzen, Beißen, Kneifen, die Finger- oder Zehgelenke zu attackieren, ist ebenfalls verboten. Ist bei einer solchen Aktion Absicht zu erkennen, kann das zum Punktabzug oder zur Disqualifikation führen.

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Verlagert sich der Kampf auf den Boden, verschärfen sich die Regeln unter anderem bei Kniestößen. Ist ein Kämpfer in der Drei-Punkt-Haltung, also drei der vier Gliedmaßen berühren den Boden, darf nicht mit Kniestößen zum Kopf angegriffen werden. Ein Griff in die Handschuhe des Gegners - verboten. Der Griff in den Käfigzaun - bspw. um sich aufzurichten - verboten!

Samsonidse, der beim historischen MMA-Event in Frankfurt gegen Daniel Torres antreten wird, erklärt, dass sogar die Etikette im Käfig eine Rolle spielt. "Laut Regelwerk sind Beleidigungen und respektloses Verhalten nicht erlaubt und auch das wird verwarnt oder sanktioniert."

Verletzungen im MMA und Boxen

Dass Blut fließt, ist in MMA-Kämpfen nicht untypisch, auch Verletzungen passieren. Es handelt sich schließlich um Kampfsport wie Boxen, Ringen, Judo oder Jiu-Jitsu auch. "Langwierige, schlimme Verletzungen sind eher eine Seltenheit", sagt Samsonidse. "Und klar gibt es mal ein blaues Auge oder einen Cut. Aber das sind dann eher oberflächliche Verletzungen."

Der Ringrichter soll die Kämpfer vor schweren Verletzungen schützen. Er beobachtet die Körpersprache und auch die Augen eines Kämpfers. Macht einer der Fighter Anzeichen, sich nicht mehr intelligent verteidigen zu können, ist der Kampf vorbei. Der Referee stemmt und wirft sich teilweise zwischen die Kontrahenten und beendet damit den Kampf.

Intelligente Verteidigung bedeutet: Ein angeschlagener Kämpfer schützt sich vor den Attacken des Gegners, wehrt sich und versucht, aus der Position, in der er sich gerade befindet, herauszukommen. Letztlich ist MMA auch weniger gefährlich als Boxen, wo der Athlet nach einem Niederschlag zehn Sekunden angezählt wird. Egal wie benommen ein Boxer ist, ob er eine Gehirnerschütterung hat, er bekommt die Möglichkeit weiterzukämpfen, sofern er die Deckung hochnehmen kann. Zudem gehen viele Schläge zum Kopf, während in MMA der ganze Körper - ausgenommen der bereits genannten verbotenen Zonen - zum Ziel wird.

Es gibt auch einen Ringarzt, der in bestimmten Situationen ebenfalls die Kämpfer unter die Lupe nimmt. Auf Ansage des Ringrichters oder in der Pause überprüft der Arzt beispielsweise, welche Auswirkungen ein Cut hat. Ist der zu tief oder sehr nah am Auge, dann kann auch hier der Kampf abgebrochen werden.

Forscher der Universität Alberta haben Box-Verletzungen analysiert, die sicher seltener vorkommen und weniger schockierend sind, aber sehr ernste Schäden verursachen können wie z.B. Hirntrauma. Die Größe der Handschuhe ist einer der wichtigsten Faktoren, die für die Abweichung der Verletzungen sorgen.

Die offenen Handgelenke bei der MMA ermöglichen eine leichtere Verletzung des Gegners, doch die Boxhandschuhe ermöglichen keine Griffe und es liegt alles in der Schlagkraft.

Tabelle: Vergleich von MMA und Boxen

Merkmal MMA Boxen
Erlaubte Techniken Schlagen, Treten, Knie- und Ellbogenstöße, Bodenkampf Ausschließlich Schläge
Schutz Bandagen, Handschuhe, Mund- und Tiefschutz Bandagen, Handschuhe
Häufigkeit von Todesfällen Geringer als beim Boxen Höher als beim MMA
Gehirnerschütterungsrate (professionell) 3,3% 11,5%