Michel Ruge: Vom Kampfsportler zum Chronisten des Kiezes

Michel Ruge, geboren 1969 und aufgewachsen auf St. Pauli, widmet sich seit seinem dreizehnten Lebensjahr intensiv dem Kampfsport. Er selbst zog in den Neunzigern in das pulsierende Berlin der Nachwendezeit.

Für ihn erweist sich Berlin als heißes Pflaster. Michel Ruge wird Türsteher in den angesagtesten Clubs in Berlin-Mitte. Dort bekommt er es unter anderem mit Bandenbossen zu tun. Erst als das exzessive Treiben in seinem engsten Bekanntenkreis Opfer fordert, zieht Michel Ruge die Reißleine. Er suchte unter anderem den Glauben.

Kindheit und Jugend auf St. Pauli

In „Bordsteinkönig. Meine wilde Jugend auf St. Pauli“ erzählt Michel Ruge davon, wie er in den 70er- und 80er-Jahren im Kiez groß wurde. Er erzählt von seinem ersten Sex mit einer Prostituierten, von den Gewaltexzessen seiner Kindergang, von der Angst und dem Abgestumpftsein, aber auch von der grenzenlosen Bewunderung, die er einst für die Luden hegte.

Als kleiner Junge wünschte sich Ruge nichts sehnlicher, als ein Zuhälter mit weißen Boxerstiefeln, fetter Rolex und Ferrari zu werden. Die Luden, das waren die Gewinner, schreibt Ruge in seiner Biografie. Der Kindheitstraum ist nicht wahr geworden. Ruge sieht nicht aus wie ein Zuhälter.

Michel Ruge trifft sich zum Interview im bürgerlichen „Molinari & Ko“ in Berlin-Kreuzberg in der Nähe der Bergmannstraße. Ruge hat auch mal geschauspielert. Der 43-Jährige macht den Gesprächsanfang seinem Gegenüber erstaunlich leicht. Ruge lacht: „Ach, das sagt man zu den Jungs, die da die Bordsteine langbutschern auf St. Pauli.

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Es gibt unendlich viele Enthüllungsbücher. Menschen, die eine gewalttätige Szene oder eine brutale Welt hinter sich gelassen haben, haben viel mitzuteilen. Die Bücher verkaufen sich gut. Ruges „Bordsteinkönig“ bricht mit dieser Tradition. Es ist mehr ein Roman als ein Erfahrungsbericht. Und St. Pauli erscheint nicht als etwas, das man hinter sich lässt, sondern als etwas, das man in sich trägt. Ruge hat liebevolle kleine Porträts geschaffen von der Gegend und den Menschen, die seine Jugend geprägt haben.

Von Läden wie „Betten Voss“ oder dem „Top Ten“. Von Kiezgrößen, zu denen „Karate-Tommy“ und auch seine Oma gehört. So kann der Leser miterleben, wie es geschehen kann, dass ein Mensch dem Leben verloren geht. So wie Claudia, die erste große Liebe, die die Drogen nicht überlebt. Dazwischen gibt es immer wieder Momente des Innehaltens.

Die Biografie erzählt auch, wie man es schafft, wie man sich langsam lösen kann von den Gesetzen, mit denen man aufwächst. Als das erste Mädchen für ihn „laufen“ will, ist er abgestoßen. Als ersten Schritt weg aus der Welt von Koks und Zuhältern ändert er schließlich seinen Kleidungsstil. Ein Hemd und eine Karottenjeans. Aus was für einer Welt er gekommen ist, davon zeugen heute noch Ruges breite Schultern.

Die hat er vom Kampfsport beziehungsweise dem Selbstverteidigungstraining, das er schon als kleiner Junge auf St. Pauli mit Leidenschaft betrieben hat. Später setzte er sein Können ein als Türsteher vom „Cookies“ und als Personenschützer. So kam er auch zum „Bordsteinkönig“.

Das Ruge-Prinzip

2010 hat er sein erstes Buch veröffentlicht. Darin zeigt er, wie Gewalt entsteht, warum Jugendliche gewalttätig werden, ob es typische Verhaltensweisen gibt, die einen zum Opfer oder Täter machen.

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Im „Ruge-Prinzip“ hat Michel Ruge Fallbeispiele aus seiner eigenen Geschichte verwendet, um zu illustrieren, wie man mit seiner Angst umgeht, wie Körpersprache funktioniert, wie man Übergriffe abwenden kann. Ruge hat viel durch seine Leidenschaft für Sport gelernt. Später hat er jahrelang mit Jugendlichen Selbstverteidigungstraining gemacht.

„Kinder können sich gar nicht mehr selbst entdecken, sie werden viel zu sehr behütet“, sagt Ruge. Gewalt, das ist ein wichtiger Aspekt in der Jugend auf St. Pauli. Aber es ist eine andere Gewalt als die, über die man heute in den Zeitungen liest, wenn Jugendliche Rentner auf den U-Bahnhöfen totschlagen. „Diese Geschichten schockieren mich“, sagt Ruge.

Erst jahrelang im Osten. Gerade zieht er von Kreuzberg nach Neukölln um. In Prenzlauer Berg und Mitte habe er das ganz anders erlebt. Zieht es ihn da noch hin? „Ach“, sagt Ruge, „St. Pauli ist heute überall. Es gibt doch überall Sex und Gewalt.“

Als Michel Ruge ein Mann wurde, da verdrängte HIV den Sex aus dem Kiez. Erst kamen die Spielhallen, dann die Clubs und mit ihnen die Bürgerlichen. „Die Hipster haben die Gegend für sich entdeckt. Sie machten sie zur Speerspitze der Gentrifizierung“, sagt Ruge.

Ruge ist außerdem erfolgreicher Kampfsportler, schult Polizei- und Sicherheitskräfte und hat mit dem Ruge-Prinzip einen psychologischen Ratgeber zum Thema Zivilcourage und den Umgang mit Gewalt im öffentlichen Raum geschrieben. Seit 2013 engagiert sich Ruge aktiv für den Milieuschutz und den Erhalt der kulturellen Vielfalt auf St.Pauli. Seiner Meinung nach hat nicht zuletzt das Rotlicht dafür gesorgt, die Reeperbahn zu einer der berühmtesten Straßen weltweit zu machen.

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Michel lädt seine Nachbarschaft gern zum Kaffee auf seine Treppe ein und damit auch zu einem kleinen Schnack. Das Besondere an den Treppengesprächen ist die Vertrautheit und Intimität, die zwischen Ruge und seinen Besuchern herrscht. Die meisten seiner Gäste sind Zeitzeugen der sogenannten goldenen Jahre von St.Pauli, von Anfang der 60-er bis Mitte der 80er Jahre. Die besonderen Momente zwischen Michel Ruge und seinen Gästen fängt Jasmin Taiebi mit dem I-Phone ein.

Ruge sagt doch klar , das es nur Sinn macht mit der Psyche zu spielen , und darauf läuft es doch hinaus , wenn man es wirklich beruflich oder sportlich (oder durch Umfeld.. meine Sicht ) braucht. Ehrlichkeit ist immer das Wichtigste und dazu gehört einfach, zu sagen, dass die körperliche Seite der SV sehr limitiert ist, bzw. mit viel Übungsaufwand einhergeht und stark davon abhängt, welche körperlichen Fähigkeiten man hat.

Er kennt St. Pauli wie ein Köter sein Revier. Jetzt dreht der Autor eine Kiez-Doku, in der alte Haudegen ihre letzten Geheimnisse verraten. Ruge: „Ich will Chronist der Geschichten sein. Mit den Urgesteinen sprechen, bevor sie ihre Erinnerungen an die Goldene Ära des Milieus mit ins Grab nehmen. Weil ich ein Kiez-Kind bin, habe ich einen anderen Zugang zu Menschen wie Bordell-Wirtschafter Fritz Forster oder frühere Gang-Mitglieder wie Stephan Hensan und Jörn Günther.“

Auf der Treppe vor seiner Haustür trifft er seit einem Jahr Anwohner und Legenden zum Talk, den er in seinem Blog veröffentlicht. Nun soll’s auch bewegte Bilder fürs TV geben. Wichtig, sagt Ruge, sei ihm, dass er nicht glorifizieren will. „Es war nicht alles toll. Aber trotzdem ist es ein Stück Hamburg.“

Für die Kiez-Dokumentation, die Ruge mit der erfahrenen TV-Journalistin und Produzentin Jasmin Taiebi (47) austüftelte und an den Start brachte, holten die Filme-Macher auch Michels Tante Erika vor die Kamera. Michel: „In dem Heizungskeller des Ladens lebte ich als Kind. Jetzt meine Tante zu interviewen, wie sie die Zeit empfand, war eine Reise in die Vergangenheit.“

Sein Wunsch: „Ich möchte zeigen, dass es früher mehr gab als Sex-Kinos, Olivia Jones, Kioske und den Mojo Club. Hier wurde Toleranz gelebt, lange bevor die Politik sie als Wahlpropaganda entdeckte.“ Schließlich sei das Viertel durch Menschen geprägt worden, die überall durchs Raster gefallen wären. „Auf St. Pauli konnten sie ihre Neigungen ausleben, durften sein, wie wollten. Wenn ein Lude in den 80er Jahren mit lila Lamborghini, Dauerwelle, Cowboystiefeln und Pelzmantel vorfuhr, erntete er bewundernde Blicke.

Ende der Neunziger ließ Ruge den Hamburger Kiez hinter sich und zog nach Berlin. Zwischendurch hat er einige Zeit in Los Angeles verbracht. Dort erhielten er und seine Ex-Frau jedoch Morddrohungen von der türkischen Mafia, weshalb er zeitweise untertauchen musste. Ein bewegtes Leben. Und ausreichend Stoff für den ein oder anderen autobiografisch geprägten Roman.

2010 erschien sein erstes Buch Das Ruge-Prinzip: Signale der Gewalt erkennen, Konflikte meistern. 2013 folgte dann Bordsteinkönig. Meine wilde Jugend auf St. Pauli. Das Buch wurde zum Besteller und stand auf der Shortlist für den Hamburger Buchpreis. Nur zwei Jahre später erschien Große Freiheit Mitte.

Ich bin quasi im Hotel aufgewachsen. Genauer gesagt in den Kellerräumen eines Hotels, in dem meine Großmutter damals gearbeitet hat. Da wir für die Erwachsenen keine Gefahr darstellten, standen wir unter Welpenschutz. Erst später, als wir unsere Adoleszenz ausgelebt haben, wurde es ein bisschen gewalttätiger und gefährlicher. Wenn du die Jungs auf St. Pauli nicht kanntest, hast du aufs Maul bekommen.

Meine Mutter ist in einem Auffanglager in unglaublich ärmlichen Verhältnissen groß geworden. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr hat sie sich noch eine Pritsche mit ihrer Mutter teilen müssen. Und trotzdem hat sie sehr viel Wert darauf gelegt, dass ich die deutsche Sprache vernünftig spreche statt Gangster-Slang. Dafür bin ich ihr bis heute dankbar. Denn Sprache öffnet Tür und Tor, egal wo du bist auf der Welt. Außerdem hat sie Wert auf Tischmanieren gelegt und hat mich immer gut angezogen.

Ich habe damals immer wieder Angebote von Frauen bekommen, für sie der Macker, also der Zuhälter zu sein. Ich hätte eher Dreck gefressen, als jemals eine Frau auf den Strich zu schicken, weil das mit meinen Moralvorstellungen und meiner Ganovenehre absolut nicht zusammengeht. Mein Stiefvater hat immer gesagt, dass Zuhälter zur untersten Kategorie von Gangstern gehören. Meine Mutter hat mich immer als „liebenswerten Chaot“ bezeichnet. Ich denke, dass ich ein scharfer Beobachter und ein melancholischer Träumer war.

Früher gab es auf St. Pauli viele starke Persönlichkeiten, die mich sehr beeindruckt haben, wie beispielsweise Karate Tommy und “Der schöne Claus”. Originale, die es heute gar nicht mehr gibt. Das waren intelligente Freidenker. Der Bockhorn zum Beispiel war ein super Typ oder so Leute wie Norbert Grupe und Wolli Köhler, beides mega Typen.

Du setzt dich ja stark für die kulturelle Landschaft auf St. Ja, und zwar deshalb, weil diese kulturelle Landschaft das Einzige ist, was St. Pauli überhaupt so wertvoll macht. Auch wertvoll für die Touristen. Auf St. Pauli haben immer Leute gewohnt, die nicht bürgerlich sein wollten, die keine Lust hatten, sich zu beugen. Das waren Anarchisten. Alkoholiker, Drogensüchtige, Künstler, Leute, die das Bürgertum verachtet haben. So, wie ich es heute auch immer noch tue.

Ich wurde mein Leben lang immer schon stark mit Gewalt konfrontiert, obwohl die Gewalt nie von mir ausging. Meine Devise lautet: ‘Es ist keine Kunst sich zu prügeln. Die Kunst ist es, zu wissen, wie man das Prügeln beendet.’ Ich habe als Türsteher und Personenschützer gearbeitet und unterrichte Kampfsport. Ich würde also behaupten, dass ich in Sachen Zivilcourage und Selbstverteidigung ein Experte in Deutschland bin. Was ich versuche, den Menschen beizubringen, ist, dass die Ausübung von Gewalt die Minderwertigkeitskomplexe bloß vergrößert.

Auf Wikipedia ist nachzulesen, dass du und deine erste Ehefrau „auf der Todesliste der türkischen Mafia“ standen und dass es dir nach zwölf Monaten gelang, „den Mordauftrag abzuwenden“. Ja, das war die tschechische Mafia. Durch einen Bekannten, der damals in diesen Mafiakreisen involviert war, habe ich mitbekommen, dass ein Mordauftrag gegen mich vorlag.

Männlichkeit bedeutet für mich Souveränität. Mich haben stets Menschen beeindruckt, die ihr eigenes Ding durchziehen. Das Paradoxe ist, dass es als sehr weiblich gilt, wenn eine Frau so lebt. Das empfinde ich als total unmännlich und natürlich auch unweiblich.

Wie kamst du eigentlich zum Schreiben? Ich habe früher gerne Reisetagebuch geschrieben und daraus vorgelesen. Die Leute fanden das immer sehr unterhaltsam und lustig. Und nachdem ich immer wieder um Tipps in Sachen Gewaltvermeidung gebeten wurde, habe ich einen psychologischen Ratgeber zum Thema Gewalt und Gewaltvermeidung verfasst.

Ein Buch wird durch seine Sprache stark. Es geht immer um die Sprache, um die Beobachtung und um die Atmosphäre, die du für den Leser kreierst. Mein Ziel war es immer, sehr persönlich zu schreiben. Ich habe ja Schauspiel studiert. Meine Sprache kommt eigentlich aus den Theaterstücken. Das ist eine sehr kräftige Sprache.