Martin Langner und die rechte Kampfsportszene in Deutschland

Seit mehreren Jahren erfreuen sich sogenannte „Vollkontakt“-Kampfsportarten wie Muay Thai, Mixed Martial Arts (MMA) oder klassisches Boxen wachsender Beliebtheit.

Auch in der extremen Rechten ist seit längerem eine größere Professionalisierung von Kampfsport, Kampfsport-Events und eine damit einhergehende Vernetzung zu beobachten.

Der Bereich Kampfsport hat sich damit innerhalb weniger Jahre zu einem festen Bestandteil rechter Erlebnis- und Lebenswelten entwickelt. Aktive Rechtsextreme sehen darin eine Möglichkeit, gewaltaffine Milieus und Subkulturen fester an ihre Strukturen zu binden.

Die Rolle von Martin Langner

Kopf des Vereins „Barbaria“ ist Martin Langner. Er ist selbst Kampfsportler und kämpfte im Januar 2017 bei dem unpolitischen MMA-Eventausrichter „We Love MMA“.

Dieser Kampf machte Langner auch überregional bekannt. Dabei war er schon damals Neonazi und besuchte neonazistische Veranstaltungen mit seinen rechtsextremen Freunden.

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Im April 2018 stand Langner dann im Rahmen des neonazistischen Festivals „Schild und Schwert“ bei einer Kampfsporteinlage im Ring.

Am 2. November 2018 trat er mit einem „Barbaria Schmölln“-Team beim faschistischen Kampfsportevent „Kampf der Nibelungen“ (KdN) im sächsischen Ostritz an.

Immer wieder nimmt Langner an Demonstrationen der neofaschistischen Kleinstpartei „III. Weg“ teil.

„Martin Langner gehört zum festen Inventar der bundesdeutschen Neonazi-Szene“, erklärt Felix Steiner, Pressesprecher von mobit, der mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Thüringen.

Auch ein Blick auf Langners Social-Media-Profil lässt keine Fragen zur Ideologie des Kampfsportlers offen. Schon sein Profilbild zeigt Langner in Siegerpose auf einem KdN-Event. Im Hintergrund hängt ein großes Transparent der Rechtsrock-Band „Oidoxie“.

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Neben antisemitischen Verschwörungserzählungen, dass der jüdische Milliardär George Soros die Menschheit versklaven wolle, betitelt Langner Urlaubsbilder mit „Heil dir Germania“ oder teilt Beiträge zu NS-Verherrlichung.

2017 schrieb Langner: „Die Zeiten werden hart und sowie es zur Zeit aussieht nicht besser, jeder Deutsche sollte an seiner Wehrhaftigkeit arbeiten.

Barbaria Sportgemeinschaft e.V.

Bereits seit 2013 existiert der extrem rechte Kampfsport-Verein „Barbaria Sportgemeinschaft e.V.“ im Altenburger Land.

Die NS-Ideologie des Vereins ist bereits im Logo erkennbar: eine Lebensrune.

Die völkisch-nationalistische Ideologie hinter dem Verein wird auch auf einigen Shirts von Barbaria deutlich.

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Ein derart offenes neonazistisches Kampfsport-Gym scheint in Deutschland einzigartig.

Der Verein „Barbaria“ bietet in seinen Räumen Trainings im Bereich Kickboxen und Mixed Martial Arts (MMA) an und richtet seine Angebote explizit auch an Kinder.

Für die Trainings kann der Verein in Schmölln auf eigene Räumlichkeiten mit Boxring und verschiedenen Fitnessgeräten zugreifen.

Anfang 2019 kursierten in der Neonazi-Szene Flyer für den „Heureka“-Kongress in „Mitteldeutschland“.

Organisiert wurde die Veranstaltung von der Neonazi-Gruppe „Wardon 21“.

Hinter dem Namen versteckt sich eine Neonazi-Kampfsport-Gruppe, die sich als „Straight Edge“ inszeniert und ihre ideologische Ausrichtung als Kampf für die „Volksgesundheit“ versteht.

Dahinter steckt knallharte nationalsozialistische Ideologie. Am 11. Mai fand der Kongress mit rund 100 Teilnehmer*innen in der Gedächtnisstätte in Gutmannshausen statt.

Einmal mehr war Thüringen mit seinen zahlreichen Neonazi-Immobilien Ort für bundesweite Treffen der extrem rechten Szene.

Schon rund ein dreiviertel Jahr zuvor, im Oktober 2018, fand das Jahresabschlusstreffen der Organisatoren des „Kampf der Nibelungen“ (KDN) in der NPD-Geschäftsstelle in Eisenach statt.

Kampf der Nibelungen (KdN)

Beim KDN handelt es sich um das größte neonazistische Kampfsport-Event in Deutschland, welches durch seine internationale Vernetzung eine herausgehobene Stellung hat und mittlerweile mit mehreren hundert Besucher*innen stattfindet.

Thüringen ist in den letzten Monaten nicht nur Rückzugsraum für die Netzwerktreffen der Szene geworden, an den Kampfsportturnieren der letzten Jahre nahmen zahlreiche Neonazis aus dem Freistaat auch als Kämpfer und Besucher teil.

Als im Juni 2018 Neonazis zum Kampfsport-Event „TIWAZ“ nach Sachsen luden, kamen rund 250 Personen. Rund 30 der Kämpfer und Besucher*innen waren aus Thüringen angereist.

Damit zeigt sich auf vielen Ebenen, dass die extrem rechte Szene im Freistaat mittlerweile aktiv in die Netzwerke der bundesweiten und auch internationalen Kampfsportszene involviert ist.

Wie gut Langner aber tatsächlich in der Szene vernetzt ist, lässt sich wohl am eindrücklichsten am „Kampf der Nibelungen 2020“ nachzeichnen: Aufgrund der Infektionsschutzbestimmungen wegen der Corona-Pandemie konnte der KdN 2020 kein Live-Event veranstaltet.

Die Neonazis um KdN-Chef Alexander Deptolla entschieden sich für ein als Video gestreamtes Kampfevent.

Nachdem der erste Veranstaltungsort, an dem das Video aufgezeichnet werden sollte, in Magdeburg durch die Polizei untersagt wurde, wich das KdN-Team und seine Kämpfer in das Gym von „Barbaria“ aus.

Von hier wurden schließlich fünf Kämpfe ausgetragen.

Der "Dritte Weg"

Enge Anbindung an den „III. Weg“.

Im August 2021 und 2022 fanden im Zwickauer Stadtteil Neuplanitz nationalistische Fußball-Turniere statt, organisiert vom „III. Weg“-Stützpunkt Westsachsen.

Als eigene Teams traten beide Jahre die Sportgemeinschaft „Barbaria Schmölln“ mit einer augenscheinlich jungen Mannschaft an. Auch Langner war dabei. 2021 erlangte das „Barbaria“-Team den ersten Platz.

Langner selber scheint der neonazistischen Kleinstpartei „III. Weg“ sehr nah zu stehen.

Bilder zeigen ihn auf „III. Weg“-Veranstaltungen, in Parteiuniform. Im Mai 2022 fand in den neuen Räumlichkeiten des rechtsextremen Schmöllner Gyms ein Selbstverteidigungskurs für „III. Weg“-Aktivist*innen und junge Nachwuchs-Nazis statt.

Vonseiten der rechtsextremen Partei heißt es später dazu: „Gerade in Zeiten, in denen es zu immer mehr und immer brutaleren Angriffen auf Nationalisten kommt und es auf den Straßen immer rauer zu geht, ist es enorm wichtig, für den Ernstfall vorbereitet zu sein.

Die Gefahr der Radikalisierung

„Leute, die einfach nur Kampfsport machen wollen, könnten über Barbaria an die neonazistische Szene herangeführt werden“, warnt Felix Steiner von mobit.

Versuchte die neonazistische NPD noch, junge Menschen über Musik mithilfe einer „Schulhof CD“ zu ködern, versuchen Neonazis mittlerweile vielfach über Sport Jugendliche zu erreichen und zu rekrutieren.

Rechtsextreme versucht gezielt, über Sport die tödlichen Ideen des Rassismus und Faschismus in die Köpfe junger Menschen zu pflanzen.

Die demokratische Zivilgesellschaft aus Schmölln und Jugendsozialarbeiter*innen aus der Umgebung sind hingegen besorgt. „Barbaria“ sei eine große Gefahr für die Jugendkultur in der Region, berichten sie übereinstimmend.

Entwicklung der rechten Kampfsportszene

Während in den 1990er Jahren konspirativ organisierte RechtsRock-Konzerte als Schwerpunkt der rechten Erlebniswelt galten, zählen heute auch eigene Kampfsportveranstaltungen zum Repertoire der Szene.

Bereits Anfang der 2000er Jahre nahmen Neonazis größtenteils unkommentiert an unpolitischen bis rechts-offenen Kampfsport-Turnieren teil.

Seit über fünf Jahren entwickelt sich zusätzlich eine eigene, europaweit vernetzte, extrem rechte Kampfsport-Szene.

Vor allem zwei der damaligen Protagonisten dieses Netzwerks, Martin Muckwar und Markus Walzuck, waren ausschlaggebend für die Entwicklung der rechten Kampfsport-Szene in Brandenburg.

In diesem Zusammenhang traten spätestens ab 2012 auch Stefan Baer und Lucien Schönbach in Erscheinung. Neben ihrer Teilnahme an Seminaren und Camps offizieller Kampfsportvereine schufen sie sich parallel eine inoffizielle Kampfsport-Szene.

In Lübben im Spreewald entstand so die „Northsidecrew“, ein Zusammenhang von bis zu fünfzehn Neonazis, die sich nach außen als „Boxclub Lübben“ präsentieren und in der Stadt heute eigene Trainingsräume unterhalten.

Ideologische Unterfütterung

Neben den zahlreichen entstandenen neuen Szene-Veranstaltungen, Kleidungsmarken und Gruppen versucht die Szene dies auch mit Ideologie zu unterfüttern.

Dabei sind ideologische Ausprägungen festzustellen, die sich von der klassischen Neonazi-Szene bis hin zur „Neuen Rechten“ in weiten Teilen gleichen.

„Männer müssen kämpfen. Kampfsport ist in dieser Inszenierung einer der wenigen Orte, in dem extrem rechte Männer ihre Vorstellung von Männlichkeit stärken und ausbauen sowie ihrem vermeintlich angeborenen „Kämpfertrieb“ nachkommen können.