Auch fast 30 Jahre nach dem Ende ihrer aktiven Zeit erinnert sich Silvia Schnabel, die unter ihrem Mädchennamen Wiegärtner in den 80ern zur erfolgreichsten Karate-Sportlerin Deutschlands avancierte, besonders gerne an die internationalen Auftritte zurück. "Das war schon sehr emotional, wenn du auf dem Podest standest und die Nationalhymne gehört hast", erklärte die Forchheimerin dereinst.
Im Heimatverein lebt sie den Spitzentalenten als Übungsleiterin noch immer vor, was es benötigt, um sich auf ambitioniertem Niveau durchzusetzen. Im Betreuerstab des Deutschen Karateverband begleitete Schnabel die Junioren-Nationalmannschaft im vergangenen Herbst zur WM nach Chile und brachte sich so ins Gespräch für die Besetzung des Funktionsteams bei den Olympischen Spielen in Tokio, die erstmals überhaupt Karate im Programm gehabt hätten.
Nachdem die Forchheimerin zwar nicht ins Aufgebot des Verbands berufen worden wäre, trifft sie die am Dienstag verkündete Absage dennoch persönlich. "Ich wollte unbedingt als Fan dabei sein und hatte die Reise mit meinem Mann längst gebucht." Mehr als die eigenen Befindlichkeiten habe sie in den vergangenen Tagen jedoch die trübe Stimmung im Umfeld der Nationalmannschaft gekümmert.
Bei allem Verständnis für die wirtschaftlichen Interessen der olympischen Organisation sei die Entscheidung "notwendig hoch drei" gewesen, die Hinhalte-Taktik von IOC-Präsident Thomas Bach "fand ich unmöglich". Vor dem Hintergrund der jüngsten Corona-Pandemie "wäre ich selbst niemals nach Japan geflogen. Geld ist nicht alles", betont Schnabel, die ihre Praxis zu Hause in Forchheim bereits schließen musste.
Neben dem gesundheitlichen Aspekt gebe es ja auch die gravierenden sportlichen Argumente. Nicht nur, dass manche Qualifikationswettkämpfe noch ausstünden sowie sämtliche Lehrgänge ausfallen, so könne im Kampfsport eben derzeit kaum alleine ohne Kontakt trainiert werden und die sonst penibel austarierte Steuerung des Körpergewichts sei ebenfalls beeinträchtigt.
Lesen Sie auch: Nehammer abseits der Politik: Seine Leidenschaft für den Kampfsport
"Auch wenn Einzelne um ihren Karriere-Traum fürchten", sagt Schnabel, stehe die Karate-Familie mehrheitlich hinter einer Verschiebung auf 2021. Während die Topkräfte heute wohl weiter auf ihre Sportförderung zählen können, betrieb sie damals den Aufwand komplett auf eigene Rechnung.
Der SPD-Politiker Karl Lauterbach ist Gesundheitsexperte und macht seit Jahren Kampfsport. Peer Steinbrück hat ihn in sein Kompetenzteam geholt. Abgesehen davon, dass man sich mit Wing Tsun im Ernstfall eher als mit Karate oder Judo in einer Kneipenschlägerei durchsetzen kann, beruht es auf Prinzipien, die auch in der Politik brauchbar sind: Nutze die Kraft deines Gegners. Füge deine eigene Kraft hinzu.
Der Mediziner hat sich lange auf den Job vorbereitet, er hat trainiert, hat nachgegeben und ist vorgestoßen. Nun könnten die Prinzipien des Wing Tsun zur Anwendung kommen: Ist der Gegner zu stark, gib nach. Zieht er sich zurück, folge ihm.
Lauterbach bewirft die Zuhörer nicht mit Statistiken und gedrechselten Expertensätzen. Er sagt: "Manche Rabatte der Pharmaindustrie an die Apotheken sind eine Form indirekter Bestechung." Oder: "Viele Ärzte hierzulande haben kein Einkommensproblem, sondern ein Qualitätsproblem."
An Lauterbach arbeiten sich alle ab. Die einen sehen in ihm den Kämpfer gegen die Gesundheitslobby. Die anderen den terrible simplificateur, der sich die Fakten nach dem Weltbild zurechtlegt. Selbst Wohlmeinende wundern sich über seine kühnen Thesen und sagen: "Bei ihm gehen Rechnungen immer auf."
Lesen Sie auch: Die Bedeutung von Sportvereinen
Kritik stört Lauterbach nicht. Er genießt sie wie das Scheinwerferlicht. Und er hat Einfluss. Kungelt mit Kassen und Gewerkschaften, besitzt einen Draht zu SPD-Parteichef Franz Müntefering, saß im Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen, was er nun aufgegeben hat, war Mitglied in der Rürup-Kommission. Dort lieferte er sich mit dem anderen SPD-Professor, dem Sozialexperten Bert Rürup, einen Schlagabtausch um Gesundheitsreformen.
Lauterbach hat auf diese Frage gewartet. Er zieht seine Jacke aus, nippt am Mineralwasser und erzählt. Von seiner Zeit in den USA, wo es üblich ist, dass Wissenschaftler in die Politik wechseln, weshalb ihm seine früheren Dozenten kürzlich zum Wechsel rieten. Davon, dass er keine Lust mehr hatte, Folien aufzulegen, sondern Politik machen wollte.
Dann waren da die politikfernen Wähler in einigen Vierteln, die sich eher für Kampfhunde und Karate interessieren als für Kirchhof. Mit ihnen redete der ausgebildete Mediziner über Bluthochdruck und zwickende Knie ("Krankheiten sind ein guter Eisbrecher für jedes Gespräch") und war bald bei seinem Lieblingsthema Bürgerversicherung. SPD-Prominente wie Peer Steinbrück, Ulla Schmidt, Hans-Jochen Vogel, Andrea Nahles oder Sigmar Gabriel marschierten auf, mit denen er Bürger-Fragerunden auf der Straße veranstaltete.
In der ersten Fraktionssitzung, als sich alle neuen Abgeordneten vorgestellt hatten, sagte er mit Blick auf Kirchhof nur, er möchte nicht als "der Herr Professor aus Köln" bezeichnet werden.
Lesen Sie auch: Eine MMA-Karriere: Karl Nickel
