Karate ist mehr als nur eine Kampfkunst; es ist eine Lebensweise, die auf Respekt, Disziplin und ständiger Verbesserung basiert. Die Zeichen und Begriffe, die im Karate verwendet werden, tragen tiefe Bedeutungen, die oft mit der Geschichte und Philosophie dieser Kampfkunst verbunden sind.
Die Ursprünge des Karate
Das Karate, wie wir es heute kennen, entwickelte sich auf der Inselkette Ryūkyū, etwa 600 km südlich der japanischen Hauptinseln im südchinesischen Meer, hauptsächlich auf der Hauptinsel Okinawa.
Die Geschichte des Karate kann bis 500 n. Chr. zurückverfolgt werden: Der Legende nach entwickelte der indische Mönch Bodhidharma (Begründer des Chan-Buddhismus in japanisch Zen), die Grundlagen der Shaolin-Kampfkünste. Bodhidharma praktizierte Yoga und studierte intensiv die Bewegungsabläufe kämpfender Tiere. Aus all diesen Beobachtungen und seinem Wissen schuf er das Shi Pa Lo Han Sho - „18 Hände der Buddha-Schühler“. Diese 18 Formen sind der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Kampfkünste.
Durch Reisende gelangten so geheime Kampfkunstpraktiken nach Okinawa, einer südlich von Japan gelegenen Inselgruppe.
Die kleinen Inseln wurden von etlichen Königen regiert, bis eines Tages der Sieger alle Okinawaer entwaffnete. Diese unbewaffneten Kämpfer entwickelten aus dem Tode und dem chinesischen Boxen eine Kampfkunst, die die übermächtigen, gepanzerten Königsgardisten mit einem einzigen gezielten tödlichen Schlag ausser Gefecht setzten.
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Im 6. Jahrhundert nach Christus begannen buddhistische Mönche aus China in Japan zu missionieren. Sie verstanden es, die Begleiter nicht nur in religiösen Belangen zu unterrichten, sondern auch in den chinesischen Kampfkünsten.
1507 verbot der Herrscher Shō Shin erstmals den Privatbesitz von Waffen im Königreich Ryūkyū, was sicherlich zur wachsenden Beliebtheit des Waffenlosen Kampfsystems beitrug. Mit der Japanischen Invasion durch Shimazu Yoshihisa, Anführer des Satsuma Clans, 1609, wurde das Waffenverbot sogar noch verstärkt.
Aus Geheimhaltungsgründen und da die Kunst des Schreibens unter der Bevölkerung kaum verbreitet war, wurden keinerlei schriftliche Aufzeichnungen angefertigt, sondern man verliess sich auf die mündliche Überlieferung und die direkte Weitergabe. Zu diesem Zweck begann man die zu lehrenden Techniken in zusammenhängende Einheiten zu festgelegten Abläufen und Formen zu bündeln.
Gichin Funakoshi und der Shotokan-Stil
Gichin Funakoshi (* 1868; † 1957) ist der Begründer des modernen Karate-Do. Aufgewachsen in Okinawa, gründete er das heute bekannte Karate im Shotokan-Stil und brachte die bis dahin im Geheimen trainierte Kampfkunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts an die Öffentlichkeit.
Dabei betrachtete er Karate nicht nur als Selbstverteidigungsmittel, sondern vielmehr auch als Werkzeug, um Körper und Charakter zu vervollkommnen. Obwohl er sich entschloss, Karate zu seinem Lebensweg zu machen, blieb Funakoshi beruflich fast immer Hauptschullehrer. Zuerst verbreitete er Karate auf Okinawa, wo er es dann auch schaffte, Karate in den Sportunterricht an der Schule zu integrieren. Später brachte er Karate nach Japan.
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Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er in Tokio als Hausmeister, Karatelehrer, Gärtner und Putzmann. Erst nachdem er es geschafft hatte, Karate in Japan bekannter zu machen, konnte er sich von seiner Tätigkeit als Karatelehrer ernähren.
Der Stil wurde nach seinem Künstlernamen "Shoto", unter dem er Gedichte schrieb, und seinem ersten richtigem Dojo Shotokan (Kan = Halle) benannt. Zeit seines Lebens folgte Funakoshi einem strengen Ehrenkodex.
Nach seinem Tod entstanden zahlreiche Splitterorganisationen, die sich darauf berufen, den wahren Geist von Funakoshis Karate-Do verstanden zu haben, und von der JKA (Japan Karate Association) lossagten, um gegen deren "Versportlichung" oder Ähnliches zu protestieren. Fakt ist aber, das Funakoshi selbst einen einheitlichen Karatestil wünschte, wie man in seiner Autobiografie im Kapitel "Karate ist eins" nachlesen kann.
Was bedeutet Oss?
Das Grusswort „Oss" wird heutzutage in der ganzen Shotokan Karate-Welt verwendet. Es gilt als eine universelle Begrüssungsart. Im Budokunst-Kreisen wird es in der Regel als „Ich habe verstanden" oder „Dankeschön" interpretiert.
Somit zeigt man dem gegenüber Respekt, Vertrauen und Aufrichtigkeit bzw. Freundlichkeit. Im japanischen steht „Oss" unter anderem für Fortschritt und Ausdauer oder auch Festigkeit. Das erste Zeichen davon trägt die Bedeutung der Weitsichtigkeit und des Kampfgeistes. Das zweite Zeichen bedeutet, dass man mit Willenskraft alles erreichen kann. Selbst wenn man weiss, dass die Hindernisse sehr schwer zu überwinden sind.
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Mit der Jugend kommt auch eine grosse physische und geistige Kraft, welche Hindernisse und Schwierigkeiten leicht bewältigen kann. Doch ohne tägliches Training ist diese Kraft kaum nutzbar. In Japan sagt man oft, ein unlackierter Diamant glänzt nicht. Ohne Fleiss und Anstrengung werden Fähigkeiten nicht gebildet und veredelt.
Ich hörte, dass man „Oss" erstmal in der japanischen Marine-Akademie verwendet hat. In Japan wurde diese Begrüssung in manchen Orten verboten, weil es zu Missverständnissen kam.
Das Wort „Oss" sollte nicht überall und immer angewendet werden. Ich erwarte von jedem, der die Begrüssung „Oss" verwendet, dass er sich um die richtige Betonung und Haltung mit Sorgfalt bemüht. Auch der Geist und die Seele sollten reif sein.
Mit einem angezogenen Kinn, gerade Oberkörper und einem leichten sich nach vorne Verbeugen, spricht man „Oss" aus dem Unterbauch aus.
Dojo-Regeln
Die Dojo-Regeln dienen dazu, eine respektvolle und disziplinierte Trainingsumgebung zu schaffen. Hier sind einige grundlegende Regeln, die in vielen Dojos gelten:
- Sei stark, selbstbeherrscht und selbstbewusst!
- Übe Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin und lasse es dir nicht anmerken, wenn du müde oder erschöpft bist.
- Sei immer pünktlich!
- Sei sauber!
- Sei rücksichtsvoll und höflich!
- Beachte die einzelnen Grußformen (z.B. Rei, Verbeugung ... ) deinen Karatekameraden gegenüber.
- Sei zurückhaltend!
- Bleib ruhig und konzentriert!
- Vermeide die Verletzungsgefahr!
- Denke und arbeite mit!
- Zeige Respekt!
- Beachte die Anweisungen des Trainers!
- Sei beständig!
- Verlasse Matte oder Trainingsraum nicht!
Nijukun - Die 20 Regeln von Gichin Funakoshi
Gichin Funakoshi ergänzte das «Dōjō-Kun» seines Lehrers Anko Azato durch zwanzig eigene Grundsätze, die er «Niju-Kun» (die 20 Regeln) nannte :
- Karate-dō wa rei ni hajimari, rei ni owaru koto o wasuruna! «Karate-dō beginnt und endet mit Respekt!»
- Karate ni sente nashi! «Karate kennt keinen Angriff!»
- Karate wa gi no tasuke! «Karate unterstützt die Gerechtigkeit!»
- Mazu jiko wo shire, shikoshite tao wa shire! «Erkenne zuerst dich selbst und erst dann andere!»
- Gijutsu yoi shinjutsu! «Intuition ist wichtiger als reine Technik!»
- Kokoro wa hanatan koto wo yosu! «Lass deinen Geist gehen, indem du ihn befreist!»
- Wazawai wa getai ni shozu! «Unglück geschieht stets aus Nachlässigkeit!»
- Dōjōs no mino karate to omou na! «Denke nicht, dass Karate nur im Dōjō stattfindet!»
- Karate no shugyo wa issho de aru! «Die Ausübung des Karate ist eine lebenslange Aufgabe!»
- Arai-yuru mono wo Karate-Ka seyo, soko ni myomi ari! «Alles, was du tust, tue mit maximaler Anstrengung!»
- Karate wa yu no goto shi taezu netsudo wo ataezareba moto no mizu ni kaeru! «Wahres Karate ist wie heisses Wasser, das abkühlt, wenn Du es nicht beständig wärmst!»
- Katsu kangae wa motsu na makenu kangae wa hitsuyo! «Denke nicht ans Gewinnen, doch denke darüber nach, wie Du nicht verlierst!»
- Tekki ni yotte tenka seyo! «Passe deine Verteidigung deinem Gegner an!»
- Tattakai wa kyo-jitsu no soju ikan ni ari! «Ein Kampf verläuft immer so, wie du Kyo (Körper und Geist ungeschützt) und Jitsu (Körper und Geist geschützt) einsetzt!»
- Hito no te ashi wo ken to omoe! «Stelle Dir vor, Deine Hände und Deine Füsse seien Waffen!»
- Danshi mon wo izureba hyakuman no tekki ari! «Wenn du dein Zuhause verlässt, machst du dir viele Feinde; ein solches Verhalten bringt dir Ärger ein!»
- Kamae wa shoshinsha ni ato wa shizentai! «Anfänger müssen alle Stellungen meistern bevor sie sie beurteilen; nur so können sie eins mit ihnen werden!»
- Kata wa tadashiku jissen wa betsu mono! «Kata muss korrekt und ohne Änderungen geübt werden, dies wirkt sich auch im Kampf aus!»
- Chikara no kyojaku; Karada no shinshuku; Waza no kankyo wo wasaruna! «Hart und weich, Spannung und Entspannung, langsam und schnell - alles verbunden mit der richtigen Atmung!»
- Tsune ni shinen kufu seyo!
