Karate ist ein Kampfsport, dessen Ursprünge bis etwa zum Jahr 500 n. Chr. zurückreichen. Chinesische Mönche, die keine Waffen tragen durften, entwickelten aus gymnastischen Übungen im Laufe der Zeit eine spezielle Kampfkunst zur Selbstverteidigung. Diese Kampfkunst galt auch als Weg der Selbstfindung und Selbsterfahrung.
Die Ursprünge in Okinawa
Die Ursprünge des Karate liegen auf Okinawa, einer japanischen Präfektur im Ostchinesischen Meer, 500 Kilometer südlich von den Japanischen Hauptinseln. Im 15. Jahrhundert durfte die einfache Bevölkerung dort keine Waffen tragen - das war den Shogunen und ihren Kriegern vorbehalten. Um sich dennoch verteidigen zu können, entwickelten die Bewohner eine waffenlose Kampfkunst, das Okinawa-Te.
Daraus entwickelte sich im Lauf der Zeit Karate, und das fand Anfang des 20. Jahrhunderts statt.
Im 21. Jahrhundert ist auch im Karate die moderne Technik angekommen.
Die Philosophie des Karate
Auch heute noch spiegelt sich im Karate-Do die fernöstliche Philosophie wider. Übersetzt bedeutet "Karate-Do" so viel wie "der Weg der leeren Hand". Im wörtlichen Sinne heißt das: Der Karateka (Karatekämpfer) ist waffenlos, seine Hand ist leer.
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Das "Kara" (leer) ist aber auch ein ethischer Anspruch. Danach soll der Karateka sein Inneres von negativen Gedanken und Gefühlen befreien, um bei allem, was ihm begegnet, angemessen handeln zu können.
Im Training und im Wettkampf wird dieser hohe ethische Anspruch konkret: Nicht Sieg oder Niederlage sind das eigentliche Ziel, sondern die Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit durch Selbstbeherrschung und äußerste Konzentration. Die Achtung vor dem Gegner steht an oberster Stelle.
Im Training und Wettkampf werden Fuß- und Fauststöße vor dem Auftreten abgestoppt. Voraussetzung dafür ist Selbstdisziplin, Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Partner und natürlich eine gute Körperbeherrschung, die im Kihon (Grundschule) systematisch aufgebaut wird.
Karate als Sport und seine Vielseitigkeit
Als Sport ist Karate relativ jung: Erst Anfang des vergangenen Jahrhunderts entstand in Japan aus der traditionellen Kampfkunst ein Kampfsport mit eigenem Regelwerk.
Aufgrund seiner vielseitigen Anforderungen an Körper und Geist ist Karate ideal als Ausgleich zu den Anforderungen des Alltags: Der Karateka trainiert Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit.
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Das macht fit! Mit Entspannungstechniken, Atemübungen und Meditation steigert er seine Konzentrationsfähigkeit und schult die eigene Körperwahrnehmung.
Viele Karateka üben ihren Sport aus, um sich im Notfall selbst verteidigen zu können. Und tatsächlich ist Karate eine wirksame und praktikable Verteidigungsart. Kraft und körperliche Statur spielen in der Karate-Selbstverteidigung nur eine untergeordnete Rolle.
Wichtiger sind Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Gelassenheit. Nur wer bei einem Angriff nicht in Panik gerät, kann sich sinnvoll verteidigen. Deshalb vermitteln spezielle Lehrgänge neben technischen Fertigkeiten auch die psychologischen Komponenten der Selbstbehauptung und Selbstverteidigung.
Diese Aspekte machen Karate-Selbstverteidigung insbesondere für Frauen und Mädchen interessant.
Ob Ausgleichssport, allgemeine Fitness oder Selbstverteidigung: Karate eröffnet allen Altersgruppen und Interessenlagen ein breites sportliches Betätigungsfeld. Karate ist nicht nur interessant für Jung und Alt.
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Durch die Vielseitigkeit fördert Karate Gesundheit und Wohlbefinden. Auch deshalb haben sich viele junge und ältere Menschen für diesen Sport entschieden. In den meisten Vereinen gibt es Anfängerkurse, die den Einstieg leicht machen: Stufe um Stufe wachsen Geschicklichkeit und Leistungsvermögen.
Die farbigen Gürtel der Budo-Sportarten sind dabei Hilfe und Ansporn.
Wettkampf-Disziplinen im Karate
Im Karate werden grundsätzlich zwei Wettkampf-Disziplinen unterschieden: Beim "Kumite" (Freikampf) stehen sich zwei Karateka auf einer Kampffläche gegenüber und versuchen, Stoß-, Schlag- und Tritt-Techniken anzubringen.
Die Kriterien sind so gehalten, dass Verletzungen der Kampf-Partner ausgeschlossen sind: Wer sich nicht daranhält, wird disqualifiziert!
Die Disziplin "Kata" ist eine Abfolge genau festgelegter Angriffs- und Abwehrtechniken gegen mehrere imaginäre Gegner, die sich aus verschiedenen Richtungen nähern. Man unterscheidet rund 50 verschiedene Katas, deren Ästhetik im Einklang von Kampfgeist, Dynamik und Rhythmik liegt.
Karate als Gesundheitssport
Schon seit 2003 wird Karate als solcher von der Weltgesundheitsorganisation WHO anerkannt.
"Wir arbeiten ja sozusagen nicht mit der Idee ‚Jetzt stärke ich mein Gleichgewicht‘, sondern wir sagen: Ich mache einen Fußtritt nach vorne. Ich habe festgestellt, wenn ich einem Patienten sage ‚Jetzt steht doch mal auf einem Bein‘, dann kommt zuerst ‚Nee, kann ich nicht‘. Wenn ich sage: Jetzt mach mal einen Fußtritt nach vorne, dann funktioniert das. Das Bewusstsein ist ein anderes.
Sie arbeitet am Institut für Psychologie der Universität Regensburg und ist selbst Karateka. Sie leitet eine Trainingsgruppe von Parkinson Patienten, die mit Karate gegen die Folgen der Krankheit ankämpfen.
Und das mit Erfolg: Ihre Studie im Jahr 2017 zeigte, dass sich Kondition, Koordination und kognitive Fähigkeiten der Teilnehmer in der Gruppe verbessert hatten.
"Die Erfahrung lehrt uns: Es gibt Dinge die können noch so gut und sinnvoll sein. Wenn es mir überhaupt keinen Spaß macht oder mich sogar noch belastet, dann lasse ich es irgendwann mal. Als ich im Januar 2020 bei einem Training dabei bin, sehe ich einen Teilnehmer, der sich nach ein paar Techniken hinsetzen und pausieren muss.
Jedes Mal steht er kurz danach auf und stellt sich wieder in die Reihe - und macht weiter.
"Wir haben im Training zum Beispiel Techniken, die ein Vorgehen mit dem rechten Bein und einen gleichzeitigen Fauststoß mit dem linken Arm beinhalten", sagt Dahmen Zimmer. "Dabei sind beide Gehirnhälften gefordert. Das Kopftraining ist wichtig: Eine bessere Koordination und Konzentration helfen natürlich auch im Alltag.
Das ist auch sehr wichtig im Jukuren, dem Training für ältere Einsteiger.
"Also Gleichgewicht ist ja ganz wichtig und wer hinfällt, der fällt ja oft deswegen hin, weil er stolpert und sich dann eventuell eben schnell abfangen müsste.
"Karate ist Meditation in Bewegung. Es macht den Kopf leer und das Herz frei. Und in wirklich guten Momenten finden Körper, Geist und Seele zu sich", sagt mir Christian Christen, Karate-Trainer in Berlin.
Andreas Sparmann hat deshalb mehrere Versuche unternommen, Karate für Ältere einzuführen. "Das Besondere daran ist ja, dass das Menschen waren, die vorher noch nie etwas mit Karate zu tun hatten und eben erst im Alter so ab 60, 70 eingestiegen sind. Und das ist schon ein großer Schritt. Wer von Kindesbeinen an Karate macht und damit 70 geworden ist, für den ist das gar nichts.
Klaus Jänicke ist vor 15 Jahren als 60-Jähriger in den "Karate 50+" Kurs eingestiegen. Der aktive Rentner fährt Motorrad, pflegt seinen Garten und verreist gern mit dem Wohnmobil. "Es ist wie bei allen Dingen. Also wenn ich andere Sportarten betreibe, muss ich mich auch erst einmal überwinden. Also erstmal ist man begeistert, dann kommt eine Phase, dass man es anstrengend findet und dann muss man einfach dranbleiben. Verbesserung der körperlichen Situation heißt mehr Gleichgewicht: Da geht es auch um Sturzprophylaxe.
Und dieses Sicherheitsgefühl wird noch von einem anderen Aspekt im Karate verstärkt: der Selbstverteidigung.
"Dass man ja in der Tat ein bisschen was an Selbstverteidigung lernt und Abwehr-Techniken. Das ist elementar für alle Karateka. Es kommt aber noch ein anderer bedeutender Aspekt dazu: die sozialen Kontakte. Die Gemeinschaft hält bei Laune und bei der Stange. Die Teilnehmer unterstützen sich gegenseitig, und das gibt nicht nur ein gutes Gefühl. Therapeutisches Karate kann dabei helfen, Depressionen zu vermeiden.
"Die Teilnehmer lernen wirklich schwierige Techniken. Das ist so. Sie müssen sich anstrengen und sie sehen, dass ihre Anstrengung Erfolg bringt, und dieser Erfolg ist ihnen selber zuzuschreiben und nicht einem Arzt und nicht einem Medikament, sondern ihren eigenen Anstrengungen. Gemeinschaft ist die große Stärke des Karate. Im Training habe ich keinen Gegner, sondern einen Partner.
Karate als olympische Disziplin
Karate hat einen langen Weg hinter sich, bevor es nun erstmals in der Heimat dieses Sports olympische Disziplin sein wird. Seit vielen Jahren hat der Sport dafür gekämpft. 2020 sollte es endlich soweit sein, und dann kam Corona. Bereits im März vergangenen Jahres war jedoch klar, dass es zunächst nur diese eine Teilnahme sein wird, denn Karate wird 2024 in Paris nicht mehr dabei sein.
"Also wir sind eigentlich einer der größten Weltverbände. Wir haben 200 Nationen und 50 Millionen Mitglieder" sagt Wolfgang Weigert.
Er ist Präsident des Deutschen Karate Verbandes und Vize-Präsident der World Karate Federation. Er weiß: Nicht alle dieser 50 Millionen Mitglieder messen sich auf Turnieren.
Viele verbinden Karate mit Actionfilmen und zergeschlagenen Ziegelsteinen. Aber der Kampfsport hat nichts mit Schlägereien zu tun, sondern viel mit Gleichgewichtssinn und innerer Ruhe. Inzwischen wird er sogar im Reha-Sport eingesetzt.
Kiyou Shimizu will bei den Olympischen Spielen in Tokio für Japan im Karate antreten. Sie sagt: "Wir sind die allerersten Karateka, die jetzt diesen neuen Weg beschreiten. Es gibt nichts und niemanden an dem wir uns orientieren können. Also bleibt uns nichts anderes, als uns so gut wie irgend möglich auf das Ereignis vorzubereiten.
Im Karate gibt es zwei Disziplinen, den Zweikampf, Kumite, und die sogenannten Formen, die Kata.
"Das Faszinierende an Kata ist, dass ich mich trotz einer festen Form wunderbar persönlich darin ausdrücken kann" sagt Kiyou Shimizu. "Anders als in anderen Sportarten ist die Kata ein historisches Erbe, das viele Jahre von Meister zu Meister weitergegeben wurde.
Kiyou Shimizu ist Kata-Spezialistin.
Die Voraussetzungen dafür sind schwierig: Pro Wettkampf können nur zehn Athleten und Athletinnen antreten, und eine Startposition ist jeweils für Japan reserviert. In diesem kleinen Startfeld kann jede Nation nur einen Sportler oder eine Sportlerin pro Disziplin entsenden. Obendrein gibt es nur drei statt wie sonst im Karate üblich fünf Gewichtsklassen.
"Das ist also dann entsprechend schon eine ziemlich große Range, die da zusammengefasst wird, und bei den Damen ist es minus 55, minus 61 und plus 61. Eva Mona Altmann ist Pressereferentin des Karate-Dachverbands-Nordrhein-Westfalen und international lizensierte Kampfrichterin. Von ihr erfahre ich, dass Jana Messerschmidt und Shara Hubrich normalerweise in unterschiedlichen Gewichtsklassen kämpfen.
"Und im Kumite, also das heißt im sportlichen Zweikampf, da wurde Senshu eingeführt. Das kann man übersetzen mit ‚Vorteil der ersten alleinigen Wertung‘. Damit soll der Kampf spannender für die Zuschauer werden. In dem Zusammenhang sind die Wettkampf-Regeln schon häufiger verändert worden. Im Formenwettkampf, der Kata, gab es zwischenzeitlich die Regelung, dass zwei Karateka gegeneinander antreten, und nur eine/r eine Runde weiterkommt.
"Also das ist so ein dynamischer Prozess. Nicht nur die Regeln ändern sich: Durch die Anpassung der alten Kampfkunst an sportliche Maßstäbe hat sich der Sport selbst verändert. Was sich nicht ändert, ist der grundlegende Respekt, mit dem Karateka einander begegnen.
"Also, wenn wir jetzt ein Training machen, bevor eine Übung beginnt, verbeugen sich beide zueinander, um sich den gegenseitigen Respekt zu bekunden.
Die Globalisierung des Karate
Patrick Rault ist Franzose, Träger des achten Dan, des achten Meistergrads im Karate, und Kulturbotschafter Okinawas. Er will das kulturelle Erbe erhalten und verbreiten. 2004 hat dann das örtliche Touristikzentrum einen Extraberater eingestellt: Der hilft Gästen aus aller Welt, das passende Training vor Ort zu finden. Das ist heute auch online möglich - auf der Homepage des Okinawa Karate Information Center kann ich vor der Reise meine Karate-Kurse buchen!
In Okinawa ist Karate entstanden und auch für den dortigen Tourismus wichtig. Damit ist Karate auf Okinawa heute auch ein Wirtschaftsfaktor.
"Es gibt viele Verbindungen zwischen Karate und der Kultur. Man kann Karate auch rein physisch trainieren. Aber irgendwann, um zu verstehen, den Geist der Kampfkunst, der Höflichkeit, der Freundlichkeit, der Großzügigkeit, des Mitgefühls, dann müssen Sie dazu lernen. Dazu gehört auch gemeinsames Essen und Trinken. Ein wichtiges Beispiel dafür ist die japanische Teezeremonie, die für viele Karateka dazu gehört, sich über das körperliche Training hinaus mit der Kampfkunst zu beschäftigen.
