Karate in der DDR: Eine verbotene Kampfkunst

Wie trainiert man einen Sport, den es gar nicht gibt? Offiziell duldete die Staatsführung der DDR Karate nicht. Das machte sie durch Bespitzelung und Verfolgung der Aktiven auch unmissverständlich deutlich. Trotzdem haben bis zu 2000 Menschen in der DDR heimlich Karate praktiziert. Diesen Sport gab es in der ehemaligen DDR eigentlich nicht. Karate war unerwünscht.

Das Verbot und seine Gründe

Was hatte der Staat gegen diesen Sport? War er nur unerwünscht oder doch verboten? 30 Jahre danach gehen die Meinungen darüber auseinander. Vordergründig wollte der DTSB, der Deutsche Turn- und Sportbund der DDR, die olympischen Kampfsportarten schützen. Talente sollten zum Judo oder anderen Sportarten gehen. So die gängige Meinung. Karate war unerwünscht.

Der steinige Weg zum Training

Ohne Schulen und Trainer fing der Karateka in der DDR oft als Autodidakt an: mit einem Lehrbuch in der Hand. Das musste man erst mal haben, denn die Bücher kamen aus dem Westen und waren in der DDR nur in den Giftschränken der Bibliotheken vorhanden. Da hatte natürlich nicht jeder Zugang, es sei denn, man hatte Beziehungen und konnte die Bibliothekarin überreden, diesen Schrank einmal offen zu lassen und weg zu gucken. Also wurde die illegale Fachliteratur eingeschmuggelt.

Albrecht Pflüger, ein Karatepionier in der Bundesrepublik, hätte in der DDR eine weitere Auflage verkaufen können. Noch heute ist Shotokan Karate in Ostdeutschland sehr stark vertreten. Andere damals verbotene Kampfkünste wie Kung Fu oder Taekwondo hat man trainiert, wenn man zufällig Kontakt mit jemandem bekam, der das vorher im Ausland gelernt hatte. Auch der eine oder andere Karateka hatte das Glück, einen Trainer mit Erfahrung zu treffen. Die unerwünschte Sportart fand im ganzen Land statt, und Einzelpersonen fanden sich zu Gruppen zusammen.

Der Massensport in der DDR lief über die BSGs, die Betriebssportgruppen. Sie wurden kontrolliert. Eine Karate-Gruppe hätte da keine Chance gehabt. Naheliegend und daher oft verwendet waren auch Judo und Selbstverteidigung - das fiel allerdings früher oder später meistens auf, und die Sportler mussten die Halle verlassen.

Lesen Sie auch: Mehr über Karate

Das erste Karate-Dojo der DDR

Axel Dziersk hat das Raumproblem damals anders gelöst: er baute sich gleich einen eigenen Übungsraum, Anfang der 70er-Jahre. Das erste Karate-Dojo der DDR entstand aus einer alten Müllkutte, die zum Pferdestall umgebaut wurde. Dahinter wurde das Dojo versteckt - mit einer Fluchttür versehen. Das Pferd hatte er sich angeschafft, um als Stuntman (in der DDR hieß das Kaskadeur) arbeiten zu können, und dieses Pferd brauchte einen Stall, der ihm dann doppelt zur Tarnung diente.

Irgendwann kam er mit dem Lehrbuch allein vor dem Spiegel nicht mehr weiter, und Dziersk begann, Kontakte in die sozialistischen Bruderstaaten aufzunehmen, um dort Hilfe von erfahrenen Trainern zu bekommen. Denn das Karateverbot in der DDR war ein Sonderweg des kleinen Landes: in allen anderen Staaten des Ostblocks war Karate erlaubt.

Hilfe aus dem Westen

Wer mehr lernen und Prüfungen oder Wettkämpfe absolvieren wollte, brauchte Hilfe aus dem Ausland: Trainer, die das Risiko auf sich nahmen in die DDR zu kommen um dort aktiv zu werden. Oder er musste selbst reisen - nicht ganz einfach in der DDR, denn auch Besuche der sozialistischen Nachbarstaaten waren eingeschränkt.

Irgendwann hat es geklappt mit dem Kontakt zu Trainern aus West-Berlin. Peter Wirbeleit z.B. ist regelmäßig in den Osten gefahren, um dort unentgeltlich Training zu geben. Eigentlich sollte er in Sachen Fachliteratur helfen. Bis zur Wende hat Wirbeleit im Osten Training gegeben.

Überwachung und Repression

Vorsichtig waren die Karateka in vieler Hinsicht: neue Leute kamen nur auf Zuruf in die Gruppen, und die wurden möglichst klein gehalten. Die Sportler haben sich natürlich auch wohlweislich gehütet, ihr Können mal auf der Straße oder in der Disco anzuwenden. Trotzdem befasste sich die Hauptabteilung XXII, die Terrorabwehr, mit dem unerwünschten Sport.

Lesen Sie auch: Rapserdflöhe bekämpfen mit Karate Zeon

Angeblich waren Mitte der 80er-Jahre die illegalen Karategruppen aufgelöst. In Wirklichkeit ging es da für viele erst richtig los. Es fanden große Lehrgänge statt, und das sogar in jährlicher Folge. So zum Beispiel in Ahlbeck, Anklam und Bad Schandau. Dabei waren teilweise über hundert Menschen versammelt, die gemeinsam das Karate-Verbot ignorierten. Außerdem formierte sich der "Karateverband der DDR", mit Vorsitzenden in allen 15 DDR-Bezirken.

Bernd Hartmann, der heute als Personal Trainer arbeitet, erzählt von elf Verhaftungen, die er erlebt hat, bevor er ausreisen konnte. Aber es ging auch anders: Mathias Gäbel, heute Musiker und Trainer, ging selbst in die Offensive. Er hat einfach allen erzählt, dass die Stasi ihn anwerben wollte. Das hat funktioniert.

Die Stasi und das Karate

Die Stasi zeigt Präsenz und macht unmissverständlich klar, dass ihr nichts entgeht. Wie groß war die Macht der Stasi wirklich? Zumindest in den Akten der Karateka ist viel Datenmüll angehäuft, der wenig Informationswert hat. Trotz der 44 Inoffiziellen Mitarbeiter, die auf Dziersk angesetzt sind, ist er mit seiner Samurai-Show ein beliebter Gast im DDR-Fernsehen und macht zwei Dan-Prüfungen in der DDR.

Andreas Förster war Sportoffizier und Ausbilder bei einer Elite- und Vorzeigeeinheit. Das Fallschirmjägerbatallion 40 wollte Karate nutzen, um aus den Rekruten schneller und effizienter Kämpfer zu machen. Wie das genau gehen könnte, wurde in Diplomarbeiten und einem Ausbildungshandbuch akribisch erarbeitet.

Die Stasi glaubte, alles über ihn zu wissen und ihn damit unter Kontrolle zu haben. Spitzel haben bewusst kooperiert um des Karate-Trainings willen. Wer hat da wen infiltriert? Und dann wurde der eine oder andere heimlich privat trainierende Sportler ja auch mal Rekrut, z.B. Der Ausbilder einer Eliteeinheit hat von den Zivilisten profitiert, und ebenso die Stasi. Die hatte auch eigene Gruppen, in denen sie nach Dienstschluss extra Karate trainierte. Für die Zivilisten jedenfalls war es hilfreich, jemanden vom Personenschutz oder einen hochrangigen Polizisten in der Gruppe zu haben.

Lesen Sie auch: Die Lehre im Karate Dojo

Die Anerkennung und das Erbe

Jedenfalls hat der Staat eingelenkt - Karate wurde zum Mai des Jahres 1989 zugelassen.

Karate kam wohl Ende der 1960iger oder Anfang der 1970iger Jahre in die DDR. Es waren unter anderem Gastarbeiter oder junge Leute aus dem Ausland, die in die DDR kamen, um zu studieren, welche Karate mitbrachten. Da es am Anfang kaum bekannt war, wurde es auch von den staatlichen Organen noch nicht wirklich wahrgenommen. Offizielle Kampfsportarten in der DDR waren Boxen, Ringen und natürlich Jūdō, alles selbstverständlich olympische Disziplinen. Mit der Zeit wurde natürlich auch der Staat auf Karate aufmerksam und fing an Karate für die Ausbildung am Ministerium für Staatssicherheit einzusetzen.

Gleichwohl wurde allerdings die Ausübung von Karate bei Privatpersonen ungern gesehen und mit argwöhnischen Augen betrachtet. Karate galt als ein sehr gefährlicher Kampfsport und der Staat wollte natürlich seinen Bürgern immer einen Schritt voraus sein. Aus diesem Grund wurde Karate zum größten Teil geduldet, aber nicht gefördert. Teilweise wurde sogar mit allen möglichen Mitteln versucht, das Karatetraining von Privatpersonen zu sabotieren. Das zweite Problem war, dass es natürlich auch keine offiziell bekannten Karatelehrer gab. Es blieb also dem Großteil der Karateka nichts anderes übrig, als Karate aus Büchern zu erlernen. Diese besorgte man sich entweder auf dem Schwarzmarkt oder wer Verwandte im kapitalistischen Nachbarland hatte, lies sich Karateliteratur via Westpaket zukommen.

Mitte der 1980iger Jahre wurde Karate zeitweilig sogar für illegal erklärt und die Ausübung unter Strafe gestellt. Aus diesem Grund trainierten die halbwegs organisierten Gruppen inkognito als Jūdō- , Kraftsport- oder sonstige Gruppen. Später wurden sogar, trotz Verbot, relativ große Lehrgänge abgehalten, ebenfalls als Jūdōlehrgänge oder ähnliches getarnt. Auch die Karategruppen wurden von Inoffiziellen Mitarbeitern der StaSi unterwandert. Dies passierte immer dann, wenn Gruppen zu groß wurden.

Später wurden sogar, trotz Verbot, relativ große Lehrgänge abgehalten, ebenfalls als Jūdōlehrgänge oder ähnliches getarnt. Auch die Karategruppen wurden von Inoffiziellen Mitarbeitern der StaSi unterwandert. Dies passierte immer dann, wenn Gruppen zu groß wurden. Zum Training konnte man nicht einfach hingehen, so wie das heute der Fall ist.

Wie oben schon erwähnt, erkannte auch die Staatssicherheit das Potential des Karate und nutzte es zu Ausbildungszwecken.

Karate ist die Kampfkunst der "leeren Hände". Im Fernen Osten ist sie ein fester Bestandteil der Kultur. In der DDR war Karate dagegen verpönt. Aber in Judo-Sportvereinen wurde dennoch Karate geübt. Und zwar heimlich. Etwa 2.000 Karate-Kämpfer gab es in der DDR, mutmaßt Axel Dziersk. Als Trainer fungierten zum Beispiel Seefahrer, die Karate im Ausland gelernt hatten, oder Fallschirmjäger der NVA, die natürlich Karate konnten. Lehrübungen und Bewegungsabläufe wurden aus Fachbüchern kopiert, die von Hand zu Hand gingen. Dziersks Mutter, die als Rentnerin in den Westen reisen durfte, schmuggelte die begehrte Literatur für ihren karatebegeisterten Sohn nach Ostberlin.

Axel Dziersk wurde 1950 in Berlin geboren. Mit Anfang Zwanzig entdeckte er Karate für sich. In einem ausgedienten Pferdestall bei Berlin richtete er sich Mitte der 70er-Jahre seine private Trainingsarena ein, seinen Dojo, wie es in der Karate-Kunst heißt. Hier übte der Autodidakt in jeder freien Minute.

Axel Dziersk wollte seinen geliebten Sport keineswegs nur im Verborgenen betreiben. Das Problem löste er elegant: Er machte 1972 Karate einfach zu seinem Beruf: Ich habe in jungen Jahren begonnen, als Kaskadeur bei Film und Fernsehen zu arbeiten. Und habe vom Komitee für Unterhaltungskunst eine Einstufung als Artist bekommen.

Mit seiner Samurai-Show reiste Axel Dziersk ab 1974 als freiberuflicher Artist kreuz und quer durch die sozialistische Republik. In den 1980er-Jahren avancierte Karate-Kämpfer Dziersk gar zu einer kleinen Berühmtheit - er trat in Fernsehfilmen auf und sogar in den großen Samstagabend-Shows des DDR-Fernsehens, etwa in "Ein Kessel Buntes".

1989 wurde Karate in der DDR schließlich als offizielle Sportart anerkannt. In Leipzig wurden die ersten und zugleich auch letzten Karate-Meisterschaften der DDR ausgetragen. Axel Dziersk ist heute immer noch Karate-Kämpfer. Ansonsten gibt er als Trainer seine Erfahrungen weiter.