Karate für Pfandflaschensammler: Credibil über Authentizität und die Herausforderung der Massentauglichkeit

Credibil, ein technisch und lyrisch begnadeter und vielseitiger Rapper, dessen Debütalbum „Renæssance“ von Kritikern hochgelobt wurde, steht vor seiner ersten Tour, der „Ærste Tour“ in Frankfurt.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, wobei der Fokus hauptsächlich auf den Lyrics liegt. „Auch wenn man es nicht glaubt: Auch ich muss meine Texte auswendig lernen“, so Credibil. Die Textsicherheit ist die Basis des Ganzen.

Darüber hinaus macht man sich Gedanken darüber, wie man die einzelnen Lieder performen und welche Besonderheiten man in die Show integrieren kann. Die Leute sollen heimgehen und sagen: „Das war geil!“

Die Live-Show: Mehr als nur Club Banger

Credibil ist nicht der typische „Club Banger“-Künstler, der über fette Partys und Champagnerduschen rappt. Seine Musik ist eher tiefgründig. Er wird nur mit seinem DJ auftreten und keinen Backup-Rapper haben. „Mein DJ unterstützt mich an einigen Stellen, doch alles in allem stemme ich die gesamte Show alleine. Also ähnlich wie der Dichter, der auf der Bühne steht und seine Poesie vorträgt.“

Im November vergangenen Jahres kam die Tour nicht zustande, weil es kurz zuvor eine geschäftliche Trennung von einigen Leuten gab, mit denen er nicht hätte zusammenarbeiten können. Das Live-Segment ist dann komplett weggefallen.

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Dieses Mal sieht die Sache anders aus. Die Leute kommen ausschließlich wegen Credibil und zahlen dafür, ihn auf der Bühne zu sehen. Es ist seine Show und er wird immer 100 Prozent geben, ob nun eher wenig Publikum da sein wird oder das Haus bis zur Decke gefüllt ist. „Ich bin ein absoluter Perfektionist und möchte immer einen drauf setzen.“

Nach der Tour wird man Credibil dieses Jahr nicht auf Festivals sehen können, höchstens punktuell. Er möchte die Leute viel lieber auf seiner Tour sehen.

Authentizität und Realness im Rap

Credibil behandelt interessante und tiefgreifende Thematiken auf seinem Album, aber gleichzeitig wirkt nichts von seiner Musik aufgesetzt oder gekünstelt. Bei ihm sind echte Gefühle und zum Nachdenken anregende Gedanken im Spiel.

In Bezug auf die „Realness“-Debatte im Rap betont Credibil, dass es letztlich um die Musik geht. „Wenn du rappst, dann rappe mit Hingabe und Herz und steh dahinter. Fühl die Musik, die du machst. Ob du nun den authentischen Jungen vom Block, einen Alien oder Pfandflaschensammler MC darstellst.“

Die Kunstfigur Credibil muss zu 100 Prozent aus dem Jungen Erol entstehen. Erol ist ein Eckpfeiler von Credibil. Er kritisiert niemanden dafür, dass er eine Rolle spielt, wie Marten als Alien Marsimoto.

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Die Message erreichen: Massentauglichkeit als Herausforderung

Während es für viele Künstler wichtig ist, mit ihrer Musik die breite Masse zu unterhalten und zu berieseln, muss man sich mit Credibils Musik auseinandersetzen. „Renæssance“ nimmt einen beispielsweise mit auf eine lange, anspruchsvolle Reise.

Es wäre zu 100 Prozent eine Option für ihn, seinen Sound ein wenig an die Masse anzupassen, dabei aber die wahre Essenz, den Kern seiner Musik, die Message beibehalten oder sogar noch weiter ausbauen. Sein einziges Ziel ist es, die Menschen zu erreichen und zu berühren.

Er hat gesehen, dass das Album bei den Leuten gut ankommt, die Ahnung von der Materie haben. Doch eigentlich spricht er ja in den Songs darüber, dass er gerne den Kids helfen würde. Doch das Album ist so vielschichtig, dass nur ein Bruchteil der Kids da draußen es verstehen wird.

Die traurige Wahrheit ist, dass Credibil sich selbst zur Aufgabe machen wird, um die Königsdisziplin zu meistern: Die Message so zu verpacken, dass sie jeder versteht. Etwas künstlerisch Anspruchsvolles massentauglich zu verpacken ist die große Herausforderung.

Die Zukunft: Ausbau des Fundaments

Seine Platte hat es zum Album des Jahres auf iTunes geschafft und alle Kritiker haben sich auf seine Seite gestellt. Wenn er jetzt noch mit seinen zukünftigen Alben die große Masse mitnehme, wird all das, was er bisher geschaffen hat, einen viel größeren Wert bekommen.

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„Renæssance“ war die Basis, der Betonboden seines Hauses. Jetzt entscheidet sich, wie er das nun ausbaue und wie erfolgreich er damit ist. Aber alles was nun kommt, wird „Renæssance“ als Kunstwerk im Nachhinein nur noch größer machen. Dadurch wird es erst zu dem Klassiker - so wie er es prophezeit hat.

Auf seinem ersten Album „Renæssance“ erhält er gleich im Intro Vorschusslorbeeren von Kool Savas, der sichtlich beeindruckt von seinem Talent spricht. Bei „Renæssance“ ging es thematisch darum, dass er von Savas, der ihn ruft, auf die Bühne seines Lebens gestellt werde.

Mit dem Album hat er ein Kammerspiel erschaffen, ein Kopfkino auf Albumlänge. Inhaltlich passiert alles auf vielen verschiedenen Ebenen und die vielen Metaphern, die er nutzt, sind bemerkenswert für sein Alter. Oliver Marquart schrieb bereits in seiner Kritik, dass sein Album bedrückend, ehrlich und tiefgründig ist und auch noch politisch, persönlich und philosophisch, aber ohne gleichzeitig aufdringlich oder selbstmitleidig zu sein.

Credibil über Verantwortung und die Bürde der Message

Credibil hat gesagt: "Stillstand bedeutet Tod. Man muss auf jeden Fall immer weitermachen. Dabei darf man sich nie mit dem Status quo zufriedengeben." Dieser Satz besitzt eine enorme Aussagekraft.

Credibil hat eine sehr schwere Aufgabe und Verantwortung. Er würde manchmal auf seinen Songs auch gerne mal nix sagen und keine tiefgreifende Message haben, aber das kann er nicht. Er würde auch gerne mal einen Song über etwas Belangloses machen, über das Chillen und Abhängen im Alltag, aber dass kann er nicht mit Credibil machen.

Credibil habe ich von Anfang an diese Bürde mitgegeben, dass er das ist, was er ist: Der Junge von der Straße, der von seinen Jungs erzählen muss. Er hat ihm die Verantwortung gegeben. „Toter Winkel“ erzählt von Erol und Erol ist die Person hinter Credibil.

„Ich schreibe weil ich muss, nur selten weil ich will.“ heißt für ihn, dass diese Verantwortung, die Credibil hat, nicht immer so leicht ist. Es macht ihm keinen Spaß, darüber zu schreiben und zu realisieren, wie schlecht es uns geht.

Er musste eine Geschichte erfinden, damit er im Zweifelsfall immer sagen kann, dass eine bestimmte Geschichte gelogen ist und nicht der Wahrheit entspricht.

Viel lieber würde er Credibil auf die nächste Stufe heben. Er würde dem Baby, welches er eh schon kreiert hat, weiter Struktur verleihen, indem er mehr wegnehme als dazuklatsche.

Frankfurt als Heimat

Er kann sich nicht vorstellen, aus Frankfurt wegzuziehen. Die Stadt hat ihn aufgenommen, als es ihm nicht gut ging. Seit er 14 ist, lebt er hier und er hat so viel Schönes hier erlebt. Die einzige Möglichkeit, hier weg zu ziehen wäre, wenn seine Familie mitkommt.

Das Beispiel 50 Cent

50 Cent war der Bruder, der neun Mal angeschossen wurde und sich selbst davon nicht hat unterkriegen lassen. Er blieb am Ball und verkörperte sowohl Humor als auch Hoffnung, Stärke und Street Credibility.