Die Einzelkämpferausbildung der Bundeswehr gilt als eine der härtesten Ausbildungen. Abseilen, Nahkampf, weite Strecken marschieren, Schlafmangel, Erschöpfung - oft über die eigenen Grenzen hinaus, stehen an der Tagesordnung.
Herausforderungen und Anforderungen
Die Einzelkämpfervorausbildung gehört zu den Ausbildungszügen des Studierendenbereichs der Universität. Studierende Soldatinnen und Soldaten haben hier die Möglichkeit, sich auf freiwilliger Basis für einen der physisch und psychisch anspruchsvollsten Lehrgänge der Bundeswehr zu trainieren. Körperliche Fitness bildet die Voraussetzung für die wöchentliche Ausbildung am Donnerstagnachmittag.
Im Einzelkämpferlehrgang I geht es darum, eine auf sich gestellte Gruppe hinter feindlichen Linien zu führen und wieder zur eigenen Truppe zurückzubringen. Dabei gilt es, dem Feind möglichst auszuweichen und irgendwie und vor allem unentdeckt zu überleben. Für den einzelnen Soldaten bedeutet dies lange Marschstrecken, viel Gepäck, Überwinden von Hindernissen, wenig Essen und noch weniger Schlaf sowie eine ständige Bedrohungssituation und Alarmbereitschaft.
Im Laufe der Wochen nehmen die psychischen und physischen Herausforderungen zu: Orientierungsmärsche, Gepäckläufe, militärischer Nahkampf und ständige Stresssituationen bestimmen den Alltag auf dem Lehrgang. In der dritten Woche kommt Nahrungsentzug hinzu. Wo bekomme ich Essen her, wenn ich komplett auf mich allein gestellt bin? Die vierte und letzte Lehrgangswoche verlangt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die bis hierher durchgehalten haben, alles ab: In der Abschlussübung müssen sie zeigen, dass sie die erlernten Fähigkeiten auch unter Stress und enormer körperlicher Belastung abrufen können und zudem in der Lage sind, unter diesen Bedingungen eine Gruppe zu führen.
Ausbildungsinhalte
Die Bandbreite der Ausbildungsinhalte reicht von „Knoten und Bunde“ über Orientierungsmärsche und Nahkampf bis zu Überleben im Dschungel.
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Zur Erfüllung all dieser Aufgaben ist ein gutes Zurechtfinden im Gelände oberstes Gebot. „Für einen Einzelkämpfer darf es einfach kein schwieriges Gelände geben. Mit einfachsten Mitteln muss er mit Geländehindernissen fertig werden“, erklärt Hauptmann Herrmann. Besonderer Wert wird dabei auf das Abseilen von Steilhängen, Brücken und Gebäuden sowie das behelfsmäßige Überqueren von Schluchten und Flüssen gelegt.
Viel sehen, ohne selbst gesehen und gehört zu werden, das muss der oberste Leitsatz eines jeden Einzelkämpfers sein, wenn er sich in Feindesgebiet befindet. Sein gefechtsmäßiges Verhalten zeigt sich dann darin, dass er nur nachts marschiert, und dann noch wenn möglich das schwierigste Gelände, um dem Feind ja aus dem Wege zu gehen, und dass er sich tagsüber im dichtesten Unterholz verborgen hält.
Um diese beiden Gebote erfüllen zu können, muss der Einzel-kämpfer wissen, wie man Verstecke, und feldmäßige Unterkünfte anlegt, wie man Feuerstellen möglichst unsichtbar macht und trotzdem ein gutes Feuer unterhält, wie man sich Trinkwasser verschafft und es aufbereitet, wie man behelfsmäßig Truppenverpflegung zubereitet, Nahrungsmittel aus der Natur verwendet, Angelgeräte und Wildfallen baut.
Egal ob bei Tag oder Nacht und egal bei welchem Wetter muss sich ein Einzelkämpfer in jedem Gelände zurechtfinden, er muss Karten und Zeichen richtig erkennen können und das „Tarnen und Täuschen“ aus dem Effeff beherrschen.
Nicht genug damit gehört auch eine Pionierausbildung zum Einzelkämpfer-Lehrgang. Dabei zeigen die Ausbilder den jungen Soldaten, wie man Sprengladungen herstellt und an Übungsprojekten von militärischem Interesse anbringt.
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Ferner soIlen die Lehrgangsteilnehmer ihre Kenntnisse in der Fernmeldeausbildung vertiefen. So lernen sie zum Beispiel, sich in ein feindliches Fernmeldenetz einzuschalten und auch größere Entfernungen über Funk zu überbrücken. Ein weiterer Kernpunkt ist darüber hinaus die Sanitätsausbildung. Das Bergen von Verwundeten und ihr Transport unter feldmäßigen Bedingungen will gelernt sein.
Die Rolle der Infanterieschule Hammelburg
Die Infanterieschule ist die zentrale Ausbildungsstätte der Infanterie des Deutschen Heeres. Der Schule sind die Gebirgs- und Winterkampfschule in Mittenwald und die Luftlande-/Lufttransportschule in Altenstadt unterstellt. Es werden Offiziere und Unteroffiziere der Infanterie des Heeres und der Luftwaffensicherungstruppe sowie Marineschutzkräfte ausgebildet. Darüber hinaus werden Schießlehrer für Handwaffen, Einzelkämpfer, Führer von Jagdkommandos, Scharfschützen und militärische Nahkämpfer für die gesamte Bundeswehr ausgebildet.
Der Ausbildungsschwerpunkt liegt auf der Führerausbildung der Infanterie. Das Ziel ist es, angehende Soldaten zu militärischen Führern, Ausbildern und Erziehern zu formen. Dabei liegt ein besonderes Augenmerk auf der Orientierung an Einsatzerfordernissen und Erfahrungen sowie der Befähigung zum Kampf. Die Ausbildung erfolgt hauptsächlich als praktischer Gefechtsdienst.
Vorfälle und Sicherheitsmaßnahmen
Die Bundeswehr hatte medizinische Vorkehrungen gegen Überlastung in früheren Jahren verstärkt, nachdem im Jahr 2017 mehrere Soldaten kollabiert und einer der Männer gestorben war. Erst im vergangenen Jahr hatte sich ein weiterer Vorfall ereignet. Im November war ein 33 Jahre alter Offizier aus dem Saarland bei einem Lehrgang "bei körperlicher Anstrengung" zusammengebrochen und am Tag darauf im Krankenhaus gestorben. Eine Obduktion kam eine Woche darauf zu dem Ergebnis, dass der Soldat an einem Herzinfarkt starb.
Im Jahr 2023 kollabierten drei Soldaten an der Infanterieschule in Hammelburg und mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die Zusammenbrüche traten bei einem Marsch auf, dem Eingangstest der Ausbildung. Dabei ist am ersten Tag ein sogenannter Eilmarsch über sieben Kilometer mit 20 Kilogramm Gepäck in maximal 52 Minuten zu absolvieren.
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Bedeutung und Anpassungen der Ausbildung
Seit 2019 ist die Einzelkämpfer-Ausbildung für alle Offiziers- und Feldwebelanwärter verpflichtend. Jährlich nehmen zwischen 600 und 700 Soldaten daran teil.
"Das Ziel des Lehrgangs besteht darin, die Führer des Heeres darin zu befähigen, eine auf sich gestellte Gruppe, das heißt also abgeschnitten von eigenen Kräften, in feindbesetztem Gebiet zu eigenen Kräften zurückführen zu können", legt Andreas Wiechert, Kommandeur einer Lehrgruppe, in einem Video der Bundeswehr dar.
Die Bundeswehr beabsichtigt die Sonderabzeichen für das erfolgreiche Bestehen der Einzelkämpferlehrgänge 1 und 2 zu ändern. Das Abzeichen ist im Aussehen identisch zum derzeitigen Abzeichen „Führer eines Jagdkommandos“.
Dem Vernehmen nach wird ab 2022 die Qualifikation „Einzelkämpfer“ bei personellen Auswahlverfahren und Entscheidungen über den Einsatz der Offiziere im Truppendienst wieder Bedarfsträgerforderung. Bei den Dienstposten bezieht sich das vor allem auf die Bereiche Zug- und Einheitsführer.
