In der Goldschmiedekunst ist Filigran (F.) ein faszinierendes Handwerk mit einer reichen Geschichte. In der Literatur wird die Bezeichnung F. unterschiedlich definiert und das Wort F. uneinheitlich gebraucht. Ursachen dafür sind die verallgemeinernde Übertragung eines Einzelbefundes auf das F. insgesamt, die Übernahme von ihrerseits zeitgebundenen historischen Definitionen von F.
Ursprung und Definitionen
Das Wort Filigran ist italienischen Ursprungs und kam frühestens im 3. Drittel des 16. Jahrhunderts auf. Wendet man es auf italienische zeitgleiche Goldschmiedearbeiten an, ist die einzig mögliche Bedeutung die von „gekörntem“, d.h. körnig strukturiertem Draht (z. B. Perldraht, Kordeldraht). Diese Interpretation findet sich ansatzweise bei Leuchs 1821, der, von Kordeldraht redend, ausdrücklich auf das „Korn des Drahts“ verwies.
Albert Ilg unterschied 1886 zwischen Filigran und Granulation, definierte ersteres nach seiner optischen Wirkung zu Recht als „aufgesetzte Fäden“, die „dem Auge aus aneinander gereihten Körnern zusammengesetzt erscheinen“.
Im 20. Jh. setzte man mehrfach F. mit gekörntem Draht gleich, doch ist damit die Sachbezeichnung F. Der gleiche Einwand ist gegen die verbreitete „etymologische Übersetzung“ von F. mit „granulierter Draht“ zu machen: sie trifft nur auf eine der Arten von F. Diese „Übersetzung“ findet sich von der 2. Hälfte des 18. Jh. an.
Halle erklärte 1761, F. trage diese Bezeichnung, „weil sich zwischen diesen zarten und blumigen Dratfäden Körnerchen mit einmischen“; Drähte, die „quelquefois revêtus de petits grains ronds ou applatis“ sind, beschrieben Diderot-d’Alembert; Drähte und Granulat neben glatten Drähten allein erwähnten ferner diverse Quellen.
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Eine weitere Einengung bedeutet die Definition von F. Diese Definition wird seit 1835 in der Literatur vertreten („durchbrochene, gleichsam gitterartige Verzierungen“). Nach K. Karmarsch 1837 übernahmen u.a. J. C. Leuchs 1843, R. Frhr. von Kulmer 1872 und E. Eichler 1887 diese Ansicht. In die neuere Literatur hat die Gleichsetzung, die wohl mit der einseitigen Orientierung an süddeutschem volkstümlichen Schmuck zusammenhängt, gelegentlich Eingang gefunden.
Metaphorische Verwendung des Wortes F. ist vom späten 17. Jh. an bekannt: bei Abraham a Sancta Clara sind die Hosen des Erzschelms Judas „durchbrochen mit Philagran-Arbeit“, auch sein Kleid ist „wie Filagranarbeit durchbrochen“.
Umgekehrt ist in moderne Literatur manchmal als F. nur das F. mit einem Rezipienten aufgenommen, nicht aber durchbrochenes F., also F. ohne Rezipienten. Vereinzelte Versuche, zwischen F. mit einem Rezipienten als „Drahtarbeit“ und F. ohne einen solchen als „F.“ zu unterscheiden.
Zu weit gefasst ist die Definition von F. Sie geht auf H. Arbman zurück: „Der Begriff F. ... umfaßt sämtliche mit Draht ausgeführten Arbeiten... In verschiedener Weise behandelte Drähte werden neben einander auf demselben Gegenstand verwendet und die Kontrastwirkung wird dadurch größer. In solchen Fällen zwischen F. und anderer Drahtarbeit zu unterscheiden würde nur die Begriffe verwirren“.
Diese Definition schließt reine Drahtbiegearbeiten und Drahtflechtarbeiten mit ein, die sich vom F. durch das Fehlen der Lötung unterscheiden, vielmehr ihren Halt aus der inneren Spannung nicht ausgeglühter dicker Drähte oder vielfacher Drahtüberlagerungen gewinnen (was bei F. Verwechslung oder Vermengung von F. mit Drahtgeflechten (deren Charakteristikum besteht in der Überlagerung von Drähten; für F. Vgl. Jos. Kehrein, Fremdwb., Stg. 1876 (Ndr. Wiesb. 1969), S. 189, und Daniel Sanders, Wb. der dt. Sprache, Bd. 1, Lpz. 21976, die beide F. als „gitterartiges Geflecht aus Gold und Silberdraht“ definierten; s. ferner H. Schulz ; Ruth Klappenbach und Wolfg. Steinitz (Hgg.), Wb. der dt. Gegenwartssprache, Bd. 2, Bln. 1967, S. 1281 („feines Geflecht aus dünnem Gold- oder Silberdraht“); Duden. Das große Wb. der dt. Sprache, Bd. 2, Mannheim, Wien und Zh. 1977, S.
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Etymologie und Sprachliche Entwicklung
Das Wort F. ist gebildet aus dem ital. „filo“ und „grana“; die häufig behauptete Ableitung aus dem Lateinischen ist irrig. Der Zeitpunkt des Aufkommens ist unklar; wahrscheinlich liegt er - da Cellini das Wort 1568 noch nicht verwendete- im 3. Drittel des 16. Jh.
Im Laufe des 17. Jh. wurde das Wort in unterschiedlicher, oft entstellter Schreibweise in andere europäische Sprachen übernommen. In Spanien läßt sich um Mitte des 17. Jh. die Bezeichnung „filigranero“ für den F.arbeiter nachweisen. In Frankreich ist zuerst die Form „filagramme“ belegt (1664), die, bei schwankender Schreibweise, bis ins 19. Jh. dominierte; daneben verwendete man das im 19. Jh. vorherrschende „filigrane“ (1677 belegt).
In England gebrauchte man 1666 „philigrania“, manchmal „philigrin“ (1668); die auch heute noch vorkommende Bezeichnung „filigree work“ ist seit 1771 nachzuweisen. Im dt. Sprachgebiet finden sich Belege für die Übernahme des ital. „filigrana“ seit dem 4. Viertel des 17. Im Münchner Ratsprotokoll vom 21. Okt. 1678 ist ein „filigränarbeither“ erwähnt, 1695 waren in Schwäbisch Gmünd „Viligran-Arbeiter“ tätig; weitere Schreibweisen bei verschiedenen Quellen. Die moderne Schreibweise Filigran ist seit 1753 nachgewiesen und seit Ende des 18. Jh. gebräuchlich; vereinzelt blieb die Schreibweise „filagraine“, belegt 1828.
Frühere Bezeichnungen für Filigran
Die vor dem Aufkommen des Wortes F. gebräuchlichen Bezeichnungen lassen sich zu drei Gruppen ordnen. Bei der ältesten Gruppe ist das Wort „Draht“ oder eines seiner Äquivalente gebraucht (1.), bei der zweiten Gruppe dienen charakteristische Merkmale des F.
Das althochdeutsche und mittelhochdeutsche Wort für Draht: „wiera“, „wiere“ - angelsächsisch „vîr“, altenglisch „wîr“ - meint Draht aus Gold oder Silber, vielleicht auch aus anderem Metall, und aus solchem Draht gefertigte Goldschmiedearbeiten. „Opus fili“ kennt man als mittellateinische Bezeichnung seit Ende des 13. Jh. Vom 16. Jh. an sind in den Quellen die z.T. noch heute gebräuchlichen und nationalsprachlichen Bezeichnungen für F.
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Im dt. Sprachgebiet heißt es „Drahtwerk“ (bayerisch, 1629; Krempermarsch, 1765), und dementsprechend wird ein F.arbeiter als „Drahtwerker“ bezeichnet (Hanauer „Goldt- und Silberschmid-Ordnung“ 1610). Seine Werke sind „Dra(h)tarbeit“ (Hanau, 1616; Nürnberg 1708) oder „Drahtfädenarbeit“ (1761), speziell „Drahtgürtel“ (bayerisch, 1603) und „Draht-Knöpfe“ (Krempermarsch, 1765). - Im Italienischen heißt es „lavoro di filo“ (Cellini S. 22 und 25; vgl. ebd. S. 19: „il lavorar di filo“), im Französischen war es 1529 Arbeit „de fil d’argent“, 1558 „de fil d’or traici“, 1599 „de fil tiré“, im England des 17. Jh. „wyer work“.
Auf den optischen Eindruck des verarbeiteten Drahtes spielt im Französischen „fil d’or de guypeure“ an (1463), auf die Verarbeitung selbst das deutsche „mit goldt durchzogen“ (z. B. Knöpfe; Siebenbürgen, 1607). - Der durch die zahlreichen Biegungen des Drahtes hervorgerufene krause Charakter des F. führte dazu, dieses Adjektiv zur Kennzeichnung von F.arbeit hinzuzusetzen: „gekrauster Schlangen Ring“ (Nachlaßinv. des Wilhelm von Freyberg, 1603), „krauster Maulkorbgürtel“ (1649), „krauste Knöpfe“ (1690), „grausse Dinge“ (1708), „krause und gezwirnte Dratfäden“ (1761), „der feine, flachkrause und gezogene Drath“ (1794). Dem „kraus“ entspricht im Französischen „d’or frisé“ (Inv. der Ste-Chapelle in Bourges, 1564).
Auf die dekorative Struktur des F.drahtes bezieht sich im Französischen ein hinzugesetztes „dentelée“ (gezähnt oder durchbrochen; belegt 1463), ebenso das dt. Wort „gekörnt“ (Siebenbürgen, 1607; das Wort kann nicht auf Granulation bezogen werden, da sie auf Siebenbürger Heftlein dieser Zeit nicht vorkommt). In der 2. Hälfte des 18. Jh. gebrauchte man mehrfach das Wort „Kornfaden“, das man als erläuternde Übersetzung dem Wort F. hinzusetzte.
Bezeichnungen, die das Aussehen des F. beschreiben, gebrauchte man vor allem im Hochmittelalter. So nannte Theophilus Ranken-F. aus Perldraht „flosculi“; Matthew Paris beschrieb einen im Kloster St. Albans verwahrten Kelch, der „intricatorum flosculorum opere delicato venustatum“ war. „Laubrig hefftlein“ nannte man 1607 in Siebenbürgen die in Schnittwerk hergestellten Spangen. - Mit „triphoire“ belegte der Verfasser des „Chronicon S. Dionysii“ im 13. Jh. einer Arkadenfolge gleichende Edelsteinfassungen mit F. („Arkaturen-F.“). - Auf die Feingliedrigkeit des F. zielt die Beschreibung eines Kleinods als „très bien ouvré de menue œuvre“ im Inv. Kg. Karls VI. von Frankreich, 1399. - Als „durchbrochene Arbeit“ ist durchbrochenes F. im Inv. der Münchner Silberkammer 1585 verzeichnet; im Französischen gibt es die Bezeichnungen „ouvrée à jour“ für F. und - von „menuiser“ (durchschneiden) abzuleiten - „menuisé“ (Inv.
Auf die Herkunft (oder Herstellung?) des F. aus (in) Venedig bezieht sich die Benennung eines „de opere Venetico ad filum“ gearbeiteten Kruges 1295 (ebd. weitere mittelalterliche Goldschmiedearbeiten „de opere Veniscie“, ”de l’ouvrage de Venise“ und „à la façon de Venise“ auf F.arbeiten bezogen). - Angenommene Herkunft des F. aus dem Orient, speziell aus Damaskus, führte dazu, spätmittelalterliche F.arbeiten „à ouvrages d’oultremer“, „faicte d’ouvrage de Damas“ oder „à façon de Damas“ zu bezeichnen. - Im Ungarn des 15. Jh. wurde das aus der seit 1362 ungarischen Stadt Ragusa (Dubrovnik) eingeführte F. „opus raguzanum“ genannt. Vom siebenbürgischen F. heißt es in anderen Ländern, es sei „modo transsilvano“ gefertigt.
In Deutschland führte das Vorbild der aus Paris eingeführten F.arbeiten zur Bezeichnung „Parißarbeiter“ für den F.arbeiter (Hanau, 1610; Frankenthal, 1614 „Pariser Drahtarbeiter“) und zur Benennung von F. als „Pariser Arbeit“ (Wasserburg a. I., 1612).
Materialien und Techniken
Draht mit glatter Oberfläche und gleichmäßigem Querschnitt über die gesamte Länge ist die einfachste der für F. verwendeten Arten. Runddraht (Abb. 1).
