Karat im Leipziger Gewandhaus: Eine Geschichte voller Musik und Wandel

Die legendäre Ostrock-Band Karat spielte am Donnerstag im Gewandhaus in Leipzig. Schon zur Halbzeit des Konzerts gab es stehenden Beifall. Ob ein thüringisches Bergwerk oder der Circus Krone in München, ob das Gewandhaus Leipzig oder der Kaiserbädersaal an der Ostsee, ob die Alte Oper in Erfurt, der Berliner Admiralspalast oder die Meistersingerhalle in Nürnberg - die aktuelle Konzertsaison ist zweifelsohne ein KARAT-Jahr.

Nach der zwangsbedingten Corona-Pause meldet sich die Berliner Kultband zurück mit den großen Hits und neuen Liedern, mit Herzblut und Leidenschaft, mit musikalischem Können sowie stets auf Augenhöhe mit ihrem Publikum - und nicht zuletzt mit neuem Energielevel.

Ein Blick zurück: Anfänge und Erfolge

Die Band um Sänger Herbert Dreilich und Keyboarder Ed Swillms, aus dessen Feder die großen KARAT-Hits stammen, kam zusammen, die Nummer eins zu werden und schnell war klar, dass sie dazu in der Lage sind. KARAT waren bei ihrer Gründung im Jahr 1975 keine pickligen Teenager mehr, die ihre ersten wackeligen Schritte auf der Bühne unternahmen. Sie hatten ihre Meriten in bekannten Rockbands, vor allem „Panta Rhei“ und „Horst-Krüger-Band“, bereits gesammelt.

Das Besondere dabei: die Erfolge endeten nicht an der ehemaligen Zonengrenze. Zweifelsohne Balsam für die ostdeutschen Musikfans: Denen war immer schmerzlich bewusst, dass das meiste, was sie auf dem heimischen Markt live oder von legal erworbener Konserve konsumierten, eine Art Ersatz für die Großen der Rock- und Pop-Welt hinter der Mauer war. KARAT gaben das erste Mal das Gefühl, auch zu Hause oder in der eigenen Stadthalle etwas zu hören, das mehr war als popmusikalischer Mocca-Fix, also Ersatzprodukt.

Schon 1979 wurde das zweite KARAT-Album (im Osten: „Über sieben Brücken“) in der BRD unter dem Titel „Albatros“ herausgebracht - die schlauen Vermarkter hatten den „König der Welt“ zusätzlich drauf gepackt. Es verkaufte knapp unter Goldstatus. Den knackten KARAT dann im Gefolge von „Der blaue Planet“, eins der erfolgreichsten Alben der Ostrock-Geschichte, dass auch im Westen fast ein ganzes Jahr lang ununterbrochen in den Charts lag.

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Die Bedeutung von Karat für die deutsche Musik

KARAT waren nicht nur wegen ihrer Musik allein ungeheuer wichtig, sondern weil diese Musik eine gesamtdeutsche Sache war, die aus dem Osten kam. Berlin - Karat, „der Diamant unter den Popgruppen der DDR“, wie Moderator Elsner 1982 die Band beim ersten und einzigen Auftritt einer Ostgruppe in „Wetten, dass...?“ ankündigte, macht sich auf zu den Feierlichkeiten ihres 40.

Mit über 50 Konzertterminen machen KARAT deutlich, dass mit ihnen weiterhin zu rechnen ist, dass sie sich nie als Altherrenriege verstanden, die sich auf den großen Erfolgen vergangener Zeiten ausruht. Und sie steuern mit der aktuellen Tournee auf ein großes Bandjubiläum zu: KARAT werden 2025 50 Jahre jung. Fünf Dekaden, in denen KARAT zu einem veritablen Stück deutscher Rockkultur avancierten, den Lebenssoundtrack gleich mehrerer Generationen lieferten.

Das Besondere dabei: Die Karriere beschränkte sich nie nur auf den Osten Deutschlands, wo die Erfolgsgeschichte 1975 begann.

Personalwechsel und Neuanfang

Bald 50 Jahre KARAT stehen für eine wechselvolle Laufbahn mit einigen Aufs und Abs - auch in der Personalie, wie bei fast jeder der wenigen Bands, die ein so außergewöhnliches Jubiläum feiern kann. Karat starteten im Gründungsjahr gar mit zwei Sängern, Musiker wie Henning Protzmann, Thomas Kurzhals oder Michael Schwandt - um nur einige zu nennen - prägten die Band. Unvergessen bleiben die Jahre mit dem Keyboarder Ed Swillms, aus dessen Feder die meisten Karat-Hits stammen.

Seit bald 20 Jahren steht der Sänger Claudius Dreilich am Frontmikro. Der tragische Krebstod seines Vaters Herbert Dreilich, der viel mehr als nur der Sänger dieser Band war, sondern ihr Gesicht und ihre Seele verkörperte, schien im Jahr 2004 das Ende von KARAT zu markieren. Aber am Ende ermöglichte er der Band - mit seinem Sohn Claudius als neuem Frontmann - wie der berühmte Phönix aus der Asche zu steigen.

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Claudius Dreilich führt die bewährten Kontinuitätslinien nicht nur authentisch fort, er bereichert KARAT mit ganz eigenen Facetten. An seiner Seite die Urgesteine Bernd Römer (Gitarre, seit 1976 dabei) und Martin Becker (Keyboards, seit 1992) sowie erst seit diesem Jahr der Bassist Daniel Bätge und der Schlagzeuger Heiko Jung. Beide sind in der Szene keine Unbekannten - schon Udo Lindenberg, Wolfgang Niedecken, Jan Josef Liefers und Clueso profitierten von ihrem musikalischen Können.

Bei KARAT eröffnen sie den gestandenen Männern neue Perspektiven und pumpen frische Energie ins Unternehmen. Es scheint müßig, weil hinreichend bekannt, auf die großen Klassiker wie „Über sieben Brücken“, „König der Welt“, „Der blaue Planet“, „Schwanenkönig“, „Albatros“, „Jede Stunde“ oder „Mich zwingt keiner auf die Knie“ zu verweisen.

Auf die vielen KARAT-Coverversionen von Gregor Meyle, Heinz Rudolf Kunze, Peter Maffay, Helene Fischer, Chris de Burgh und Max Raabe, um nur einige zu nennen. Auf die ausverkaufte Waldbühne ganz ohne DDR-Publikum, auf den Umstand, als erste und einzige Band des Ostens bei „Wetten dass...“ gewesen zu sein. Und auf über zwölf Millionen verkaufte Tonträger und mehrere Goldene Schallplatten.

Die aktuelle Situation und Zukunftspläne

Der Name KARAT steht nach wie vor für die seltene Symbiose aus mehrheitstauglichem Pop und emotionalen Tiefgang. Noch immer meidet die Band kreativen Stillstand. Längst wird zwischen den vielen Konzertterminen an neuen Songs gearbeitet, die im Jubiläumsjahr auf einem neuen Album erscheinen sollen.

Im Jahr 34 nach dem Mauerfall ist es ganz sicher kein Geheimnis mehr und breitet sich gar zunehmend in westelbischen Rezeptionsräumen aus: die Rockmusik aus dem Osten Deutschlands hat eine sehr große Anzahl Künstler und Lieder zu bieten, die fester Bestandteil des gesamtdeutschen Kulturerbes waren, sind und bleiben werden.

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Das Jubiläumsjahr ist im Übrigen kein Abschiedsjahr für Karat.

Fest stand für Karat, dass sie nicht nur Gastmusiker für die nächste Tour wollten, erzählt Bernd. „Wir suchten zwei vollwertige Bandmitglieder. Und die beiden haben sich sofort mit Herzblut mit unserer Musik identifiziert!“ Schließlich wolle man gemeinsam in die Zukunft gehen und Neues schaffen, bestätigt Claudius. „Wir freuen uns, wenn von den beiden auch neue Impulse kommen!

„Natürlich sind wir nach einer so langen und intensiven Zeit traurig, dass Micha und Christian nicht mehr dabei sind“, sagt Claudius. „Aber die Zeiten ändern sich. Wir sind keine Maschinen, wir machen Kunst und leben von unseren Emotionen. Deshalb sind Veränderungen manchmal unausweichlich. Wir sehen das als Chance: Wir ziehen schon jetzt so viele Inspirationen aus der Arbeit mit Heiko und Daniel.

Die Band hofft sehr, dass auch die Fans sich auf die Neuen freuen werden.

Dass sich die Fünf auch menschlich verstehen werden, daran zweifelt keiner. „Ich bin 100 Prozent überzeugt, dass wir eine tolle Zeit vor uns haben“, sagt Claudius, „dass wir auch nach den Konzerten gern mal noch ein Bier oder zwei miteinander trinken werden. Wir haben Lust, uns nach und nach besser kennenzulernen und zusammenzuwachsen.

Das Konzert im Gewandhaus Leipzig

Am 10. Oktober 2021 feierte die Berliner Kultband im Gewandhaus mit den Fans ein ganz besonderes Jubiläum: KARAT 45 +1.

Stets überzeugen sie live - rockig, sinfonisch, balladesk, in Kollaborationen mit Orchestern oder befreundeten Musikern sowie unplugged. Dass KARAT 2021 die Tour zu ihrem 45. Geburtstag spielen werden, hat auch und vor allem mit der Personalie des Frontmannes zu tun.: Der tragische Krebstod von Herbert Dreilich, der viel mehr als nur der Sänger dieser Band war, schien im Jahr 2004 das Ende von KARAT zu markieren.

Aber am Ende ermöglichte er der Band - mit seinem Sohn Claudius als neuem Frontmann, die bewährten Kontinuitätslinien fortzuführen.

Im Berliner Haus von Universal Music präsentierten die Musiker ihr neues Album „Seelenschiffe“, das am 27. März bei Electrola/Universal Music erscheint, sowie den Fahrplan für die am 10. April in Erfurt beginnende Jubiläumstour, deren herausragende Station das Konzert am 20. Juni in der Berliner Waldbühne (Veranstalter: Semmel Concerts) sein wird.

Heiner Peschmann, Promotionleiter bei Electrola, zeigte sich vom Ergebnis der Studioarbeit beeindruckt: „Es ist ein sehr schönes Album geworden. Tatsächlich gehören Karat mit zwölf Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten deutschen Bands, wobei sie insbesondere in den Achtzigerjahren gleichermaßen in der DDR und der Bundesrepublik abräumten. „Der Blaue Planet“, „Jede Stunde“ und natürlich „Über sieben Brücken musst du gehen“ waren gesamtdeutsche Hits.

Personell zeigt sich das u.a. in einem Gesangsduett mit Gregor Meyle. Der wird auch zu den Gästen beim großen Jubiläumskonzert in der Berliner Waldbühne zählen, neben Ute Freudenberg und Matthias Reim sowie höchstwahrscheinlich Ed Swillms, dessen Name als Komponist hinter all den großen Karat-Hits steht.

Es ist eine Weltpremiere: Karat hat zur ersten Probe mit den neuen Musikern gebeten, die an die Stelle der langjährigen Bandmitglieder Michael Schwandt und Christian Liebig treten. „Noch nie in der Geschichte der Band haben wir gleichzeitig zwei neue Kollegen integriert“, sagt Bernd Römer.

„Ich habe festgestellt, wie komplex und grandios die Musik von Karat tatsächlich ist. Daniel Bätge kannte die Band vorher gar nicht. Doch nach der Empfehlung durch Ronny Dehn rief Claudius bei Daniel an. „Ich stand im Supermarkt zwischen Butter und Toast“, lacht der Bassist. „Ich dachte erst, Claudius hat sich verwählt!“

Auch er besuchte die Band auf Tour. „Das Konzert im Leipziger Gewandhaus war mein allererstes Karat-Konzert“, erinnert sich Daniel. „Natürlich kenne ich ihre Musik und bin damit aufgewachsen. Aber erst, als ich mich intensiver mit dem Material der Band auseinandergesetzt habe, habe ich festgestellt, wie komplex und grandios die Musik tatsächlich ist! Allein der Titel ‚Narrenschiff‘: Da geht die Modulation einmal durch den Quintenzirkel! Beeindruckend!