Karat im Gewandhaus zu Leipzig am 10. Dezember

Die aktuelle Konzertsaison ist zweifelsohne ein KARAT-Jahr. Ob ein thüringisches Bergwerk oder der Circus Krone in München, ob das Gewandhaus Leipzig oder der Kaiserbädersaal an der Ostsee, ob die Alte Oper in Erfurt, der Berliner Admiralspalast oder die Meistersingerhalle in Nürnberg - mit über 50 Konzertterminen machen KARAT deutlich, dass mit ihnen weiterhin zu rechnen ist, dass sie sich nie als Altherrenriege verstanden, die sich auf den großen Erfolgen vergangener Zeiten ausruht.

Und sie steuern mit der aktuellen Tournee auf ein großes Bandjubiläum zu: KARAT werden 2025 50 Jahre jung.

Ein Rückblick auf die Geschichte von Karat

Karat starteten im Gründungsjahr gar mit zwei Sängern, Musiker wie Henning Protzmann, Thomas Kurzhals oder Michael Schwandt - um nur einige zu nennen - prägten die Band. Unvergessen bleiben die Jahre mit dem Keyboarder Ed Swillms, aus dessen Feder die meisten Karat-Hits stammen.

Die Karriere beschränkte sich nie nur auf den Osten Deutschlands, wo die Erfolgsgeschichte 1975 begann, sondern avancierten, den Lebenssoundtrack gleich mehrerer Generationen lieferten.

Der tragische Verlust von Herbert Dreilich

Der tragische Krebstod seines Vaters Herbert Dreilich, der viel mehr als nur der Sänger dieser Band war, sondern ihr Gesicht und ihre Seele verkörperte, schien im Jahr 2004 das Ende von KARAT zu markieren. Aber am Ende ermöglichte er der Band - mit seinem Sohn Claudius als neuem Frontmann - wie der berühmte Phönix aus der Asche zu steigen.

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Seit bald 20 Jahren steht der Sänger Claudius Dreilich am Frontmikro. Claudius Dreilich führt die bewährten Kontinuitätslinien nicht nur authentisch fort, er bereichert KARAT mit ganz eigenen Facetten.

An seiner Seite die Urgesteine Bernd Römer (Gitarre, seit 1976 dabei) und Martin Becker (Keyboards, seit 1992) sowie erst seit diesem Jahr der Bassist Daniel Bätge und der Schlagzeuger Heiko Jung.

Karat Heute: Zwischen Tradition und Neubeginn

Der Name KARAT steht nach wie vor für die seltene Symbiose aus mehrheitstauglichem Pop und emotionalen Tiefgang. Noch immer meidet die Band kreativen Stillstand. Längst wird zwischen den vielen Konzertterminen an neuen Songs gearbeitet, die im Jubiläumsjahr auf einem neuen Album erscheinen sollen.

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich großer Fan von Herbert Dreilich war und noch immer bin. Völlig egal, was man ihm nach seinem Tod so alles nachgesagt hat und der noch im Hinterkopf befindliche Namensstreit um "Karat" und "K…!" für Dellen in seinem Ruf hinterlassen hat. Wegen ihm wurde ich Fan dieser Band, wegen ihm liebe ich noch heute die Lieder.

Herbert war die Stimme und die Seele dieser Gruppe, und all die großartigen Lieder wurden für ihn geschrieben bzw. hat er sich selbst auf den Leib geschneidert. Das live und in Farbe erlebt zu haben und die Bilder, die man davon noch im Kopf hat, kann einem niemand mehr nehmen.

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Ebenso wenig die Momente abseits der Bühnen, die man mit ihm zusammen erleben durfte. Ich denke noch immer an seine herzliche Art, seine klugen Sprüche und sein inneres Feuer, die Musik und seine Berufung betreffend. Das hat sich tief in meine Erinnerungen und mein Herz gegraben.

Meine letzte Mugge mit ihm war 2003 in Osterholz-Scharmbeck bei Bremen. Danach wurde er krank. Als er 2004 dann starb, war es mir lange Zeit nicht möglich, auch nur eine KARAT-Platte in die Hand zu nehmen, geschweige denn sie anzuhören.

Als das verbliebene Ensemble dann mit seinem Sohn ziemlich schnell einen neuen Sänger hervor zauberte, war ich gedanklich noch ganz woanders. Erst langsam konnte ich mich mit dem Gedanken vertraut machen, dass dort nun jemand anderes steht und unter dem Namen KARAT die Lieder von Herbie singt.

Mit Claudius als Frontmann habe ich inzwischen auch schon so einige Konzerte erlebt, zuletzt das Jubiläumskonzert in der Berliner Waldbühne im Sommer 2015 und das Konzert bei mir "umme Ecke" in Rheine im Herbst 2016. Das waren extrem geile Muggen, das kann man gar nicht anders sagen. Nicht so genial wie die mit Herbert, aber auch gut.

Jetzt hatte ich mit dem Abstand von einigen Jahren die Gelegenheit zu schauen, was bei KARAT in dieser Zeit passiert ist und wie sich die Band weiterentwickelt hat.

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Die gegenwärtige Situation

Seit nunmehr 17 Jahren steht Herberts Sohn Claudius an dessen Stelle am Mikrofon und die Kapelle hat seit 17 Jahren auch extreme Probleme mit der Schwerkraft. Jedweder Versuch, mit neuen Songs und Alben einen bleibenden Eindruck beim Publikum zu hinterlassen, ist dem Quintett mächtig auf die Füße gefallen.

"Weitergeh'n", "Seelenschiffe" und "Labyrinth" heißen die drei Alben, die mit dem "Einwechselspieler", der für Herbert kam, produziert wurden und KEINS (!) davon hat bei mir mehr als nur eine Runde im CD-Player gedreht.

Über die Qualität dieser Alben sagen auch die Chart-Platzierungen eine Menge aus, denn sie stiegen zwar allesamt in die Top 100 der Album-Charts ein (das gelingt durch eine in den letzten Jahren geänderte Wertung und das Einbeziehen von Streaming aber inzwischen gefühlt jeder Dorf-Kapelle), platzierten sich aber nur irgendwo unter ferner liefen und verschwanden von dort schon nach einer, maximal zwei Wochen wieder relativ geräuschlos.

Es tut schon mächtig weh, dass diese Band mit dieser unglaublich großen Vergangenheit musikalisch so in Belanglosigkeit abgedriftet ist und die Haltbarkeit ihrer neuen Lieder identisch mit der eines Becher Joghurts ist. Dazu kommt, dass speziell beim letzten Album nur eine "Delegation" der Band im Studio das Material eingespielt hat, während der Rest durch andere Musiker ersetzt wurde.

Aber zumindest live konnten die Herren Römer, Schwandt, Liebig, Becker und Dreilich immer noch überzeugen und das war dann auch meine Hoffnung für das Konzert am Donnerstag in Leipzig.

Das Konzert im Gewandhaus Leipzig

Es ist tatsächlich schon sechs Jahre her, dass ich zum letzten Mal ein KARAT-Konzert besucht habe. Heute befindet sich KARAT auch zwei Jahre nach dem 45. Band-Geburtstag noch im Jubiläumsjahr, das bekanntermaßen durch den Befall der Welt durch einen Virus um satte zwei Jahre verlegt werden musste.

Konzerte aus 2020 werden immer noch nachgeholt, und darum heißt es vielerorts in diesem Jahr auch "45 +2". So lange gibt es die Kapelle inzwischen schon, auch wenn keiner der dort auf der Bühne operierenden Herren zur Gründungsbesetzung gehört. Das haben sie z.B. mit den Kollegen von SMOKIE gemein, die auch in Sachen neuer Musik die gleichen "Erfolge" verbuchen können.

Egal, gefeiert werden kann ja doch, und auch deshalb sind wir ins "Gewandhaus" gekommen. Mit zwei der Gesichter dieser Formation verbinde ich noch die großen Zeiten in den 70ern und 80ern, als die "Sieben Brücken" und "Der blaue Planet" Grenzen überwinden und überall im Land Herzen erobern konnten. Bernd Römer und Micha Schwandt waren damals schon dabei, sind die dienstältesten Mitglieder und hatten handwerklich maßgeblichen Anteil an den Erfolgen von damals.

Um 20:00 Uhr ertönte dieser in Form eines Intros, das schon andeutete, mit welchem Stück man loslegen würde. Dabei nahm die Belegschaft an ihren Arbeitsplätzen die Positionen ein. Sofort fiel allerdings eine personelle Veränderung auf. Die "45 + 2" feiern wir hier in Leipzig schon mal nicht mit dem etatmäßigen Schlagzeuger Michael Schwandt. Der ist nicht etwa krank, sondern verweilt - so wird mir von einem "Szenekenner" verraten - bereits im Winterurlaub.

Für ihn wird bei dieser und den anderen Muggen bis zum Ende des Jahres Ronny Dehn an den Trommeln und Becken sein Können zeigen. Ich mag Ronny, hat er mir bei Jürgen Kerth und natürlich bei SILLY schon oft genug ´ne Menge Spaß gemacht.

Dafür ist der Rest der Belegschaft das erwartete Personal: Bernd Römer an der Gitarre, Christian Liebig am Bass, Martin Becker an den Tasten und der schon erwähnte Dreilich-Sohn Claudius am Mikro.

In den folgenden knapp zwei Stunden liefert uns die Band dann einen munteren Querschnitt aus ihrem Schaffen und legt mit dem 1983er Knaller "Die sieben Wunder der Welt" los. Das hatte uns das Intro ja schon gepetzt …

Es hat sich nicht viel bei KARAT verändert. Die Band reißt das Publikum immer noch mit, die Stimmung im Gewandhaus ist ausgesprochen gut. Die Leute im Saal sind aber auch leicht zu kriegen, das muss man schon sagen, denn sogar beim "Albatros" (!!!) wird mitgeklatscht. Man ist nach der Pandemie und der konzertlosen Zeit scheinbar richtig ausgehungert.

Im aufgeführten Programm selbst, in dem ich für mich nichts Neues entdecken konnte, trifft Altbekanntes auf Altbekanntes. Solide bringt die Gruppe ihre Hits auf die Bühne und wenn man den direkten Vergleich zu den Konzerten vorher hat stellt man fest, dass die Ansagen, die inzwischen teilweise sogar länger als so manches Lied ausfallen, und insbesondere Gesten von Claudius immer noch die gleichen wie vor ein paar Jahren sind.

Spaß bereitet einem nämlich nach wie vor ein Bernd Römer, der von seiner Erscheinung her ein Blickfang und mit dem Spiel auf der Gitarre ein Genuss für die Ohren ist. Er schafft es wie eh und je dieses bekannte und vertraute Gefühl in einem zu wecken, das man schon vor Jahrzehnten hatte, wenn man die Band bei einem ihrer Auftritte besucht hat. Für mein Empfinden ist er der Fixpunkt dieser Band, ohne den sie wohl auch nicht mehr funktionieren würde.

Einen ebenso bleibenden Eindruck hinterlässt die Rhythmus-Abteilung Dehn/Liebig, die nicht nur einfach die Schlagzahl vorgibt, sondern einen angenehmen Druck erzeugt, der sich in der Magengegend ausbreitet und einem charmant ans Tanzbein greift. Ronny ist eine ausgesprochen gute Vertretung für Micha, was er insbesondere im Schlussteil vom "Blauen Planeten" mit einem feinen Solo unter Beweis stellte. Und über Christians unauffälliges und doch so präzises Bassspiel muss man wirklich nicht mehr viele Worte verlieren. Er gibt dieser Band seit nunmehr 36 Jahren ihren Pulsschlag. Besonders bleiben Auge und Ohr in den Instrumental-Teilen vom "Albatros" und von "Narrenschiff" an ihm hängen. Da wühlt er mit tiefen Tönen und feinen Läufen tief in einem rum.

Im Verlauf des Konzerts kam ein Klassiker nach dem anderen über die Rampe. Kein Hit fehlte und mit ausgewählten Album-Tracks wie "Tanz mit mir", ".. und der Mond schien rot" oder "Marionetten" wurde die Setlist noch mit einer ordentlichen Würzmischung aufgepimpt.

Es fällt gar nicht weiter auf, dass nicht ein einziger Titel der Neuzeit im aktuellen Programm zu finden ist, man vermisst sie aber auch nicht. Gegen die großen Nummern von einst hätten sie eh keine Chance, sie passen einfach nicht ins Gesamtbild, und ins Gedächtnis der Leute hat sich von all den Liedern seit 2005 sowieso keins ins Ohr graben können.

Es scheint so, und ich persönlich empfinde es auch als solches, als sei KARAT inzwischen ihre eigene Coverband geworden. Aber das Spielen ihrer Hits macht KARAT bis auf wenige Ausnahmen ausgesprochen gut.

Die Leute im Gewandhaus waren schier aus dem Häuschen, sangen unter der Anleitung von Gotthilf Fischer … ähm Claudius Dreilich mit und ließen sich vom vorn agierenden Tanzorchester in eine regelrechte Hochstimmung versetzen. Das nahende Ende der Veranstaltung im Blick, gaben Publikum und Band nochmal alles, und die Leute ließen sich auch gern von der Band anstecken.

Ja, das kann sie … die KARAT-Band. Leute mit den live präsentierten Klassikern aus dem eigenen Backkatalog abholen und ihnen damit einheizen. Auch das hat sich nicht verändert. Die Kompositionen von Ed Swillms sind halt unkaputtbar und man kann sie immer wieder und wieder hören, ohne dass sie einem über werden.

Bekommt man bei KARAT live was Neues zu hören? Nein! Ist da irgendwo eine Entwicklung zu spüren? Auch nicht! Ist da noch Potential für die Zukunft? Ach was … Wofür denn auch? Die Leute, die zu KARAT kommen, kommen - anders wie vielleicht bei CITY oder SiLLY - nicht wegen neuer Lieder in die Konzerte. Sie wollen die Hits hören, die die Band groß gemacht haben.