KARAT: 50 Jahre Deutsch-Deutsche Musikgeschichte und Neubesetzung am Schlagzeug

Die Berliner Kultband KARAT feierte 2025 ihr 50-jähriges Jubiläum. Über 50 Jahre KARAT sind zuallererst die etlichen, großen Hits - inzwischen allesamt gestandene Klassiker. Aber sie passen wunderbar ins Hier und Jetzt, weil sie im eigentlichen Sinne zeitlos sind: Hier wird nicht die Asche des Feuers angebetet, sondern dessen Glut weitergetragen. KARAT sind fünf Dekaden deutsch-deutsche Musikgeschichte.

Gleich im ersten Jahrzehnt entstehen etliche Meilensteine, in der BRD ehrt man sie mit Goldenen Schallplatten, sie sind Gast bei „Wetten dass…“ und Peter Maffay feiert seinen bisher größten Hit mit dem Karat-Cover „Über sieben Brücken musst du gehn“ - das alles war nicht nur höchst erfreulich, sondern eine Sensation - für eine Band aus dem Osten.

Die zweite Dekade beginnt mit der Verleihung der Goldenen Europa (1986) und endet im längst wiedervereinten Deutschland mit dem bereits zehnten KARAT-Album „Die geschenkte Stunde“ (1995) - drei Jahre zuvor holen Gitarrist Bernd Römer und seine Kollegen den neuen Keyboarder Martin Becker in die Band. Das dritte Jahrzehnt vereint Highlights wie einen Auftritt beim „Rockpalast“ und eine Tournee mit dem Filmorchester Babelsberg, aber es endet tragisch: Herbert Dreilich erliegt 2004 seinem Krebsleiden.

Eine neue Ära beginnt mit der vierten Dekade, denn mit Claudius Dreilich, dem Sohn von Herbert Dreilich als neuem Sänger erleben KARAT den Glücksfall, dass die Band den schweren Abschied zur Chance für die Zukunft umgedeutet hat. Und sie bleiben erfolgreich: Neben vielen eigenen Tourneen sind sie Teil der „Ostrock Klassik“-Konzerte, holen sich für eine Weihnachtstour ein A cappella-Frauenquintett dazu, kollaborieren mit den Kieler Philharmonikern und freuen sich über die Interpretationen ihrer Songs von (u.a.) Helene Fischer, Chris de Burgh und Max Raabe. Nicht zuletzt gibt es mal wieder eine Goldene Schallplatte (2010 für „Vierzehn Karat“) und fünf Jahre später die Goldene Henne.

Auch in der bisher letzten Dekade befinden sich KARAT auf der Überholspur, so wird mit Universal Music ein neuer Vertriebspartner für die neuen Alben gefunden und selbst eine Pandemie kann diese Band nicht stoppen: KARAT melden sich mit Konzerten mit eingeschränkter Zuschauerzahl aus der Covid19-Versenkung zurück.

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Die Neubesetzung: Daniel Bätge und Heiko Jung

Die fünfte Dekade steht ebenso für einen weiteren Besetzungswechsel: Daniel Bätge sowie Heiko Jung sind die Neuzugänge an Bass beziehungsweise Schlagzeug. Man kennt die gestandenen Musiker beispielsweise aus ihrer Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg, Wolfgang Niedecken, Jan Josef Liefers oder Clueso. Nun sorgen sie mit Groove, Leidenschaft und musikalischem Können für ein neues Energielevel bei KARAT.

Nachdem bekannt wurde, dass Karat ab 2023 ohne Schlagzeuger Michael Schwandt und Bassist Christian Liebig weitermacht, wurde spekuliert, wer die beiden ersetzen könnte. Fest stand von Anfang an: Die Band sucht keine Gastmusiker, sondern vollwertige Mitglieder. Nun ist die Entscheidung gefallen: Am Bass übernimmt Daniel Bätge (47) am Schlagzeug sitzt Heiko Jung (51).

„Noch nie in der Geschichte der Band haben wir gleichzeitig zwei neue Kollegen integriert“, sagt Gitarrist Bernd Römer. „Ein echter Meilenstein!“

Heiko Jung hatte Karat bereits 2007 kennengelernt - im Rahmen der „Ostrock in Klassik“-Tour. „Und dann haben wir uns durch Zufall auf der ‚Goldenen Henne‘ im letzten Jahr wiedergesehen“, lacht Bernd Römer. Heiko spielte in der Band, die dort auf der Party für Stimmung sorgte. „Das war wie ein Wink mit dem Zaunpfahl: Wir haben uns so übereinander gefreut“, sagt Bernd. „Und wenn das nach zwei, drei Jahren, in denen man sich nicht gesehen hat, so ist, dann weiß man: Das könnte zwischen uns auch langfristig passen!“ Als der Ausstieg von Micha Schwandt dann feststand, rief Bernd bei Heiko an, um ihn zu fragen, ob er Interesse habe, die Trommeln zu übernehmen. „Ich dachte, das ist ein Scherz“, erzählt Heiko. „Aber als mir klar wurde, dass die Jungs das ernst meinen, wusste ich: Dazu kann ich nicht Nein sagen!“

Daniel Bätge kannte die Band vorher gar nicht. Doch nach der Empfehlung durch Ronny Dehn rief Claudius bei Daniel an. „Ich stand im Supermarkt zwischen Butter und Toast“, lacht der Bassist. „Ich dachte erst, Claudius hat sich verwählt!“ Auch er besuchte die Band auf Tour. „Das Konzert im Leipziger Gewandhaus war mein allererstes Karat-Konzert“, erinnert sich Daniel. „Natürlich kenne ich ihre Musik und bin damit aufgewachsen. Aber erst, als ich mich intensiver mit dem Material der Band auseinandergesetzt habe, habe ich festgestellt, wie komplex und grandios die Musik tatsächlich ist! Allein der Titel ‚Narrenschiff‘: Da geht die Modulation einmal durch den Quintenzirkel! Beeindruckend!“

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Fest stand für Karat, dass sie nicht nur Gastmusiker für die nächste Tour wollten, erzählt Bernd. „Wir suchten zwei vollwertige Bandmitglieder. Und die beiden haben sich sofort mit Herzblut mit unserer Musik identifiziert!“ Schließlich wolle man gemeinsam in die Zukunft gehen und Neues schaffen, bestätigt Claudius. „Wir freuen uns, wenn von den beiden auch neue Impulse kommen! Wir sind natürlich traurig, dass Micha und Christian nicht mehr dabei sind. Die Band hofft sehr, dass auch die Fans sich auf die Neuen freuen werden.“

Die Band hofft sehr, dass auch die Fans sich auf die Neuen freuen werden. „Natürlich sind wir nach einer so langen und intensiven Zeit traurig, dass Micha und Christian nicht mehr dabei sind“, sagt Claudius. „Aber die Zeiten ändern sich. Wir sind keine Maschinen, wir machen Kunst und leben von unseren Emotionen. Deshalb sind Veränderungen manchmal unausweichlich. Wir sehen das als Chance: Wir ziehen schon jetzt so viele Inspirationen aus der Arbeit mit Heiko und Daniel.

Ein Blick zurück

Schon zum 10. Karat bestand ursprünglich aus Sänger Hans-Joachim "Neumi" Neumann, den Gitarristen Herbert Dreilich und Ulrich Pexa, dem Bassisten Henning Protzmann, Konrad Burkert am Schlagzeug und dem Keyboarder Ulrich "Ed" Swillms. Nach ihrem ersten Konzert in Heidenau gewann die Gruppe schnell an Bekanntheit und produzierte ein gutes Dutzend Aufnahmen. Pexa und Burkert verließen die Band im Sommer 1976. Es folgten Auszeichnungen und Preise, ein Vertrag beim DDR-Label Amiga und auch Auftritte in West-Berlin. 1979 veröffentlichte die Hamburger Plattenfirma "Teldec" das zweite Album der Band auch außerhalb der DDR und begründete so den Erfolg von Karat in der Bundesrepublik. Songs wie "Albatros", "Der blaue Planet" oder "Jede Stunde" erfreuten sich in Ost und West großer Beliebtheit.

Herbert Dreilichs Tod war nicht der einzige Tiefschlag für die Band nach der Wiedervereinigung: Mitte der Nullerjahre entbrannte ein Markenrechtsstreit um den Bandnamen. Fast zwei Jahre zog sich die juristische Auseinandersetzung hin. "Das war wirklich eine schwere Zeit", erinnert sich Claudius Dreilich. Mit dem Namen sei zumindest zeitweise auch ein Stück Identität verloren gegangen, schildert sein Bandkollege Bernd Römer.

Karat sei heute "eine gesamtdeutsche Band", sagt Claudius Dreilich dem MDR. Dreilich ist seit 20 Jahren die Stimme der Band. Schon als Kind wohnte er Konzerten der Rockband bei.

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Dreilich hatte sich 1997 die Markenrechte am Namen schützen lassen. Die Band erfuhr davon aber erst 2002. Aufgrund des Streits um die Namensrechte musste die Band von 2006 bis Juni 2007 als „K...!“ auftreten.

In den Annalen der Rock- und Popgeschichte taucht das sympathische Städtchen mit seinen rund 17.000 Einwohnern nicht weiter auf, sollte es aber. Denn hier fand am 22. Februar 1975 das allererste KARAT-Konzert statt. Nun, 50 Jahre später, sind KARAT immer noch da. Sie blicken zurück auf etwa 5.000 Konzerte, fünfzehn Studio- und fünf Livealben sowie unzählige Kopplungen.

Das neue Album "Hohe Himmel"

Jetzt zum großen Jubiläum hätten es sich Gitarrist Bernd Römer, Sänger Claudius Dreilich, Keyboarder Martin Becker, Bassgitarrist Daniel Bätge und Schlagzeuger Heiko Jung in der Komfortzone gemütlich machen und auf die großen Hits mit einer weiteren Best Of verweisen können. Viele hätten das vermutlich auch gut gefunden, aber es wäre nicht KARAT gewesen. Denn die Band blickt nicht nur zurück, sondern vor allem nach vorn. Auch wenn nach dem großen Jubiläumsjahr die musikalische Reise weitergeht, KARAT werden auch in Zukunft nicht zur Oldieband mutieren. So veröffentlichen sie genau an dem Februartag, als das erste Konzert stattfand, ein neues Album. „Hohe Himmel“ heißt es und vereint ausschließlich neue Lieder. Dennoch haben KARAT damit alte Bandtraditionen im Blick: die Tracks wurden im Studio live eingespielt, das Ergebnis gibt es nicht nur digital, sondern auf wunderbarem Vinyl.

Ein ganzes Dutzend neuer Songs aus der Edelsteinschleiferei namens KARAT finden sich darauf. „Hohe Himmel“ ist eine Bestandsaufnahme, mit der die Band vor dem Hintergrund erneuter instrumentaler Rotationen einmal mehr unter Beweis stellt, dass die Konstante in diesem Künstlerkollektiv die stetige Veränderung ist und genau dieser Ansatz den Garanten für immer neue Offenheit und Frische darstellt.

Die Wahrheit springt beim ersten Durchhören sofort ins Ohr: Im Karat-Kosmos hat alles seinen Platz, am Ende gibt die perfekte Mischung die richtige Würze. Man kann die verschiedenen musikalischen Facetten, die dieses Album so reich machen, durchaus nachverfolgen: Da ist zunächst Claudius Dreilich, der sich etliche Stücke selbst auf die Seelenzustände und Stimmbänder geschrieben hat. Hier geht es meist um die Verletzlichkeiten im Rahmen persönlicher Beziehungen. Da gibt es keine Angst vor tiefen Gefühlen („Vor ein paar Jahren“), da dürfen auch mal die Streicher schwelgen („All das schenk ich dir“). Der langjährige Keyboarder Martin Becker bedient eine andere Seite der Erwartungen. Seine Texte scheuen sich ebenso wenig vor Gefühlen („Trau dich“), aber hier wird gelegentlich auch mal ein gehöriges Stück Coolness ausgepackt, etwa bei „Was soll der Geiz?“ oder „Ausgeträumt“. Gerade an diesen Stellen ist immer wieder Platz für die KARAT-typischen Kabinettstückchen. Die tollen Gitarrenfiguren von Bernd Römer, die kleinen rhythmischen Frickeleien, Beckers melodiös-einprägsame Synth-Schleifen, die die entscheidenden Sahnehäubchen setzen. Während Daniel Bätge und Heiko Jung an Bass und Drums für ein erdiges, groovendes Fundament sorgen.

Und dann überrascht dieses Album mit einer Bereicherung, die wohl kaum jemand auf dem Schirm hatte: Ausgemachte Kenner der Szene wissen, dass Martin Becker und der in der DDR bis zu seinem Weggang kulthaft verehrte Gitarrist und Songschreiber Hansi Biebl in den 1990ern etliche Songs zusammengeschrieben haben. Die beiden kennen sich bestens und wissen, was sie aneinander haben. Hier hört man das zum ersten Mal auf einer KARAT-LP. Und noch einmal interessanter wird es, wenn eine dritte bekannte Persönlichkeit mit großer Rock-Vergangenheit ins Spiel kommt: Werner Karma hat auf diesem Album drei Texte beigesteuert.

All das würde schon zu einer dicken Empfehlung für ein wunderbares Album reichen. Doch dann setzen KARAT mit den letzten drei Songs musikalisch und poetisch wunderbare Schlusssteine von besonderer Qualität. Sie scheuen sich nicht davor, noch einmal das große Ganze in den Blick zu nehmen, thematisieren Verzweiflung und Hoffen innerhalb eines Weltganzen, das ins Nichts zu taumeln scheint. Im letzten Stück „Der Mensch“ (Komposition und Text: Claudius Dreilich) schließt sich auf wunderbar magische Weise ein Kreis: Hatte sein Vater 1982 eines der eindringlichsten Stücke ihres Meisteralbums „Der blaue Planet“ mit der unvergesslichen Schlüsselzeile „Uns hilft kein Gott, unsere Welt zu erhalten“ gesungen, so singt sein Sohn heute: „Diese Welt braucht keinen neuen Gott zum Beten. / Denn diese Erde, sie ist krank.“ Das alles in einem komplexen musikalischen Ansatz, eingeleitet von einem getragenen Piano vor unheimlich bedrohlicher Gewitterstimmung und sich allmählich steigernd zu einer wuchtigen Rockballade mit deutlicher Botschaft: Der blaue Planet ist gefährdet wie nie.

Die Zukunft von Karat

Heute sind die schweren Zeiten vorbei: "Es hat sich immer nur in eine Richtung entwickelt und das ist die, die wir wollen: Nämlich nach vorne", sagt Claudius Dreilich, der seit mittlerweile 20 Jahren Teil von Karat ist. Trotzdem blicken Dreilich und Römer nicht ohne Sorge in die Zukunft. Karat sei keine parteipolitische Band, aber politisch sei man immer, sagt Dreilich dem MDR. "Was hier passiert, in unserem Land, macht uns fassungslos." Die politischen Entwicklungen auf der Welt, aber auch in Deutschland gehen nicht spurlos an den Rockern vorbei, gibt Bernd Römer zu: "Wir sollten uns immer daran erinnern, dass wir Menschen sind.

Claudius Dreilich: „Nach über 35 Jahren Mauerfall und 50-jähriger Bandgeschichte schauen ‚Karat‛ mit ihrem aktuellen Album ‚Hohe Himmel‛ voller Zuversicht in die Zukunft“, so Claudius Dreilich. „Wir haben noch viel zu sagen und freuen uns auf die vor uns liegende Zeit.“

Schließlich wolle man gemeinsam in die Zukunft gehen und Neues schaffen, bestätigt Claudius. „Wir freuen uns, wenn von den beiden auch neue Impulse kommen!

Konzert zum 50-jährigen Bestehen

„Natürlich feiern wir auf der Bühne unsere 50 Jahre mit den bekannten Songs“, so Claudius Dreilich. „Zugleich werden wir auch neue Songs in das Konzert mit einbauen.“

Zu hören werden die großen „Karat“-Hits wie „Über sieben Brücken musst du geh’n“ und „Der blaue Planet“ sowie „Schwanenkönig“ sein, die längst Kultsongs sind.

Nur knapp drei Wochen hat die Band Zeit, gemeinsam zu proben: Am 21. April fiel in Stendal der Startschuss zur Toursaison. Die Termine stehen bis Ende des Jahres - und auch schon für 2024. Dass sich die Fünf auch menschlich verstehen werden, daran zweifelt keiner. „Ich bin 100 Prozent überzeugt, dass wir eine tolle Zeit vor uns haben“, sagt Claudius, „dass wir auch nach den Konzerten gern mal noch ein Bier oder zwei miteinander trinken werden. Wir haben Lust, uns nach und nach besser kennenzulernen und zusammenzuwachsen.

Ticketpreise an den Vorverkaufsstellen: 1. PK: 67,35 €; 2. PK: 61,85 €, 3. PK: 53,05 €; Rollstuhlfahrer:innen inkl.

Position Name
Gesang Claudius Dreilich
Gitarre Bernd Römer
Keyboard Martin Becker
Bass Daniel Bätge
Schlagzeug Heiko Jung