Karat – Lass deinen Drachen steigen: Bedeutung und Kontext

Der DDR-Ostrock der 1970er war vom Sound her zwar vom Westen inspiriert, aber zugleich stark durch die Erfahrungen und Rahmenbedingungen der Musiker in ihrem Land geprägt. Auch andere Musiker erlebten ähnliche Situationen. Die Popularität der DDR-Musiker über die Grenzen der DDR hinaus spricht für die Qualität ihrer Arbeit.

Die Anpassung der Puhdys und anderer DDR-Bands

Die anfängliche Anpassung der Puhdys an die Vorgaben des Regimes war nicht einfach nur ein Akt der Unterordnung, wie es ihnen viele kritischere Intellektuelle und Künstler in der DDR vorwarfen. Ihr Entschluss, auf Deutsch zu singen, war entscheidend für ihren Aufstieg als prägende Band der DDR-Rockmusik. Auf fast kuriose Weise zwang der Druck kleinlicher Bürokraten sie dazu, kreativer zu werden und ihre eigene Stimme zu finden.

Musikalische Erfahrungen in der DDR

Ab ca. 1980 interessierte ich mich intensiver für Musik, und für mich war die DDR-Musik in weiten Teilen ungenießbar. Für mich war fast die ganze DDR-Rockmusik (Puhdys, Karat, Stern Meißen, Electra, Silly, Pankow, Rockhaus) totes Zeug. Auf den Klassen- und Schuldiscos 1980-1986 wurde bei uns - soweit ich mich richtig erinnere - keine Ost-Musik gespielt. Das war einfach total uncool.

In meiner Jugendzeit war Ostmusik spröde und langweilig. Ich habe mich redlich bemüht, Pankow und Silly gut zu finden. Es ist mir nicht gelungen. Silly und Pankow sind die einzigen Bands unter den oben genannten, von denen ich Platten habe. Wirklich schrecklich war so was wie Rockhaus (Ich liebe Dich) oder Inka (Spielverderber).

Ich war an einer Schule (EOS) mit Funktionärskindern und Kindern von Parteimitgliedern in einer Klasse. Einer mit Opa im ZK, ein anderer mit einer besonderen Telefonnummer. Wir haben uns getroffen und Musik überspielt. Kraftwerk habe ich von einem aus der Parallelklasse bekommen. Beatles, Pink Floyd, The Doors, Zappa, Beefheart von Klassenkameraden.

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Ich kann mich noch erinnern, wie wir The Final Cut mit Hand ausgesteuert haben, weil der Geracord die hohe Dynamik gekillt hätte. Mein Freund immer kurz vor den entscheidenden Stellen: „Runter! Runter!“ Ein anderer Freund war für Hardrock und Heavy Metal zuständig. Tom Waits, Dire Straits bekam ich von einem Klassenkamerad, dessen Schwester nach Westberlin geheiratet hatte.

Eine Kassette kostete 20 Mark (= mehr als 20 Brote), war also sehr teuer. Auf die Ost-Kassetten gingen 60 Minuten (2*30 min), das war für das Überspielen von Langspielplatten ungünstig, weil die meistens 45 Minuten lang waren. Dafür brauchte man eigentlich 90er Kassetten, die es im Osten nicht gab. Ich habe viel Geld in Musik angelegt. Eigentlich alles, was ich hatte.

Der Kassettenrecorder kostete 1100 Brote, war aber Mist, so dass ich mir ein Stereoradio (Rema Andante) und den Geracord gekauft habe. Bei Amiga gab es Platten von Bruce Springsteen, Tina Turner, Tomita, Tangerine Dream usw. Das war Bückware, die Auflage betrug nur jeweils 10.000, die Bedürfnisse konnten nie vollständig befriedigt werden. Aber man konnte die Platten dann von Glücklicheren überspielen.

Neubau-Komplexe hatten meistens einen Dienstleistungskomplex mit Friseur, Jugendclub und Bibliothek. Die Amiga-Platten gab es auch in den Bibliotheken. Ich erinnere mich an Pink Floyd The Dark Side of the Moon und eine Elvis-Platte. In die Pink-Floyd-Platte habe ich leider einen Kratzer reingemacht.

Auf dem Jugendsender DT64 gab es eine Sendung Duett: Musik für den Recorder, bei der Schallplatten zum Mitschneiden komplett gespielt wurden. Im RIAS Treffpunkt gab es am Sonnabend immer Wunschtitel zum Mitschneiden. Diese wurden ausgespielt. Es gab meist einen Titel von Udo Lindenberg. Es gab Tarnadressen, an die Ostdeutsche ihre Musikwünsche schicken konnten. Die Adressen änderten sich ständig und wurden jeweils in den Radiosendungen durchgesagt. Ich fand das merkwürdig, weil die Stasi ja auch Radio hören konnte.

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Schlager der Woche war eine Hitparade im RIAS, die der liebenswerte Chaot Lord Knud jede Woche veranstaltete. Es war keine Schlagersendung, sondern irgendwie so eine Hitparade, bei der die Hörerinnen sich etwas wählen konnten. Die Beatles-Alben wurden auch komplett im Rundfunk gespielt. Weiß nicht mehr, ob es SFB oder RIAS war. Es war jedenfalls im Lutherjahr 1983.

In Kulturzentren der verschiedenen Ostblockländer konnte man Platten kaufen. In Ungarn und in der ČSSR konnte man Schallplatten kaufen, die es in der DDR nicht unbedingt gab. Die Beträge, die man umtauschen konnte waren begrenzt. Wenn man Omas oder Kumpels mit Omas hatte, die einem ZollErklärungen aus dem Westen mitbrachten, dann konnte man in Ungarn noch mehr Geld umtauschen. Das musste man aber irgendwie ins Land bekommen. Die Plattenläden hatten Visitenkarten, die sich die Ungarnbesucher weitergaben. Die mit den Omas und Opas haben diese Platten mitbringen lassen, entweder für sich selbst oder für den Weiterverkauf auf dem Schwarzmarkt.

Es gab Mittel und Wege, an West-Musik zu kommen. Die Puhdys hat niemand von uns gehört.

Die Bedeutung der Einstufung für DDR-Musiker

Was man wissen muss über die Ostmusik, ist: Man konnte nicht einfach so auftreten. Während das im Westen der Markt regelte, regelte das im Osten der Staat. Man brauchte eine Einstufung. Das bedeutete, dass nur Menschen, die ihre Instrumente beherrschten, auftreten konnten. Und dass nur Menschen, die irgendwie zensurkonforme Texte hatten, eine Einstufung bekommen haben bzw. behalten haben. Ohne Einstufung blieben nur Konzerte in Kirchenräumen. Die Kirchen waren in diesem Bereich autonom, in ihren Räumen durften sie machen, was sie wollten.

Die Stasi war zwar immer überall dabei bzw. Gegen Ende der DDR gab es die anderen Bands. Die wurden sogar im Jugendradio DT64 gespielt. Im Parocktikum von Lutz Schramm (auf dem schlechtesten Sendeplatz). So was wie Sandow, Die Art, Feeling B, Die Vision, Die Skeptiker, Herbst in Peking, Ich-Funktion, Die Firma, Freygang, Dekadance, Hard Pop, Steve Binetti, Rosengarten (Bessere Zeiten), Freunde der Italienischen Oper, Dritte Wahl. Die hatten eine Einstufung und konnten in Jugendklubs, Kreiskulturhäusern oder im Palast der Republik bei Veranstaltungen von Lutz Schramm auftreten.

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AG Geige gehörte auch dazu. Das war echt, das tat weh und ab und zu wurde mal eine von den Bands verboten oder hatte irgendwie Schwierigkeiten. Dekadance hatte Probleme mit der Zensur, weil die den Song Twenty Zigarillos nicht verstanden haben. Der Text bestand nur aus der Zeile „Twenty Zigarillos“.

Herbst in Peking hatten 1989 eine Schweigeminute für die Opfer des Massakers am Tian’anmen-Platz gemacht und wurden verboten. Es gab in der DDR eine ziemlich aktive Tape-Szene. Auf Konzerten wurden Kassetten der jeweiligen Bands verkauft. Von meinem Klassenkamerad mit ZK-Opa habe ich auch Tapes von Gefahrenzone bekommen. Gefahrenzone hatte nie eine Einstufung und ist nur in kirchlichen Kontexten aufgetreten. Sie sangen über Perestroika und Glasnost. Ich habe das Band zu einem Zeitpunkt überspielt, als die Stasi schon Zersetzungsmaßnahmen gegen die Band laufen hatte. Aber davon wussten wir nichts.

"Die Legende von Paul und Paula" und die Puhdys

Die Puhdys-Songs im Film Paul und Paula sind auf jeden Fall legendär. Bis zum Ende der DDR sahen weit mehr als zwei Millionen Zuschauer „Die Legende von Paul und Paula“, und als der Progress Film-Verleih 1992 eine gesamtdeutsche Wiederaufführung des Films wagte, stieg diese Zahl noch einmal an.

Plenzdorf und Carow erzählten von der Liebe einer ledigen Verkäuferin und eines verheirateten Staatsangestellten. „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen“ singen dazu die Puhdys, eine damals noch unbekannte DDR-Rockband. Paula, mit zwei Kindern allein, kämpft um ihr Glück. Als sie Paul kennenlernt, der gegenüber ihrer Mietskaserne in einem Neubau lebt, brechen Verkrustungen auf - was der Film in burlesken Szenen sichtbar macht: Plötzlich bedient Paula ihre Kunden nicht mehr mürrisch, sondern mit jener natürlichen Freundlichkeit, die unter einer Abwehrschale verborgen war. In einer anderen Szene zieht sie Paul, mit Blumen im Haar und auf dem Bett, die Uniform aus: Er hatte sich unerlaubt von der Übung seiner Betriebskampfgruppe entfernt, um zu ihr zu kommen: Make love, not war.

Diese Sequenz, in der der prüde „reale Sozialismus“ auf Insignien der Hippie-Bewegung stößt und von ihnen überrumpelt wird, wurde auf Anweisung von „ganz oben“ nach der Premiere von Verleihmitarbeitern geschnitten.

Mit Paul (Winfried Glatzeder) schufen Carow und Plenzdorf das filmische Bild eines subalternen Parteifunktionärs, der sich aus dem Räderwerk seines Ministeriums löst. Er schwänzt die Arbeit, schläft im Treppenflur vor der Wohnung der Geliebten, rasiert sich nicht, zertrümmert mit der Axt die Tür zu Paulas Behausung. Ein Befreiungsschlag, der als Symbol einer allgemeinen Befreiung aus Dogmen, Verboten und Statusängsten gelesen werden konnte.

Fazit

Die Musik der DDR, insbesondere der Ostrock, war ein Spiegelbild der gesellschaftlichen und politischen Bedingungen. Bands wie Karat und die Puhdys schufen Werke, die trotz staatlicher Kontrolle und Zensur eine große Popularität erlangten und bis heute relevant sind. "Lass deinen Drachen steigen" ist ein Beispiel für die kreative Kraft, die aus den Einschränkungen und Herausforderungen der DDR-Zeit entstanden ist.