Seit einigen Jahren boomt der Selbstverteidigungs- und Kampfsportmarkt in Deutschland. Und das hat auch die Neonazi-Szene für sich erkannt: Besonders die im Kampfsport vermittelte Gewaltkompetenz ist für den politisch motivierten „Straßenkampf“ interessant.
Kampfsport als Erlebniswelt und Rekrutierungsfeld
Lange Jahre galten Rechtsrock-Konzerte als Schwerpunkt der rechten Erlebniswelt. Mittlerweile zählen auch Kampfsportveranstaltungen zum Repertoire der rechtsextremen Szene. Deutschlands größte dieser Art ist „Der Kampf der Nibelungen“ (KdN). Es wurde 2013 von den „Hammerskins“ als „Ring der Nibelungen“ ins Leben gerufen, alsbald stießen Dortmunder Neonazis zur Organisation. Zog das Event in den ersten Jahren zwischen 120 und 200 Zuschauer:innen, waren es 2017 im sauerländischen Kirchhundem um die 500, 2018 auf mehreren Events im sächsischen Ostritz wuchs es auf über 650 an.
Kampfsport hat mittlerweile seinen festen Platz im Angebot erlebnisorientierter Rechtsextremer: sowohl in Form von Events wie dem KdN, als auch als Unterhaltungsprogramm auf Rechtsrock-Festivals. Anstatt einer Parteischulung wird ihnen hier eine rechte Erlebniswelt aus Gewalt, politischem Hass und Zugehörigkeit geboten. Zusammen ergibt das ein finanziell und politisch erträgliches Festival.
Weil sie im Design eher unverfänglich daherkommen, sind diese Marken auch über die rechtsextreme Szene hinaus anschlussfähig. Führende Köpfe der Szene haben es sich zum Ziel gemacht, ihrer Klientel eine neonazistische Komplettausrüstung anzubieten: Kleidung, Turniere, Sportnahrung und Fitnessstudios - aus der Szene für die Szene.
Ideologische Bedeutung des Kampfsports
Kampfsport erfüllt im Rechtsextremismus verschiedene Funktionen:
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- Erstens ist es gerade heute wichtig, körperlich bereit zu sein, um beispielsweise für größere Gewalttaten gewappnet zu sein.
- Zweitens kommt Kampfsport eine identitätsstiftende Funktion zu.
- Drittens ist Kampfsport mit finanziellen Interessen verbunden.
Es geht auch um Charakterbildung. Disziplin. Tapferkeit. Ästhetik. Unsere Vorbilder sind jedoch andere! Es ist gerade heute wichtig, körperlich bereit zu sein. Unsere Vorbilder sind jedoch andere! Es geht auch um Charakterbildung. Disziplin. Ästhetik. Unsere Vorbilder sind jedoch andere!
Die rechtsextremistische Kleinpartei „Der III. Weg“ beschreibt die Abgrenzung von einer angeblich völlig verweichlichten Gesellschaft des sogenannten BRD-Systems. Gesellschaft bewege sich in hedonistischen Auswüchsen dem sicheren Untergang entgegen, so Rechtsextremisten.
„Der III. Weg“ propagiert: „Stähle deinen Körper! Geh schwimmen, Laufen, stemme Gewichte oder mache Kampfsport. Arbeite an dir selbst. züchtet schlaffe, unästhetische Kartoffelsäcke heran.“
„In Zeiten der propagierten Geschlechtsneutralität bzw. der der deutsche und westeuropäische Mann sich seiner Männlichkeit noch bewusst sein darf. bloßer Sport, sondern auch ein Lebensgefühl. erlangen. Daher ist es wenig verwunderlich, dass beim Kampfsport die Präsenz besonders von Männern stark dominiert wird.
Es geht auch um Charakterbildung. Disziplin. Tapferkeit. Ästhetik. Unsere Vorbilder sind jedoch andere!
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Vernetzung und Strukturen
Eine zentrale Rolle spielen hierbei Strukturen und Netzwerke im Kampfsport. Veranstaltungen wie der „Kampf der Nibelungen“ dienen als Knotenpunkte der militanten Neonaziszene in Deutschland und Westeuropa. In viel zu hohem Maße prägen Rechtsextreme darüber hinaus aber auch das Bild und die Atmosphäre zahlreicher kleinerer Kampfsport-Events und Gyms. Obwohl sie sich in der Kampfsportlandschaft insgesamt deutlich in der Minderheit befinden, gelingt es ihnen, hier beachtlichen Einfluss auszuüben. Und sie bringen im Kampfsport erworbene Fähigkeiten bei politischen Ausschreitungen zum Einsatz.
„Der III. Weg“ verfügt der im März 2022 gegründete „Stützpunkt Württemberg“ des „III. Weg“ Ende 2022 über eine „AG Körper und Geist“, die vor allem Trainingseinheiten im Kampfsport anbietet, „zur Steigerung der Wehrhaftigkeit unserer Aktivisten beitragen“ und der „prügelnden Antifa-Chaoten“ entgegenzustellen. Bei der IB in Baden-Württemberg nimmt Kampfsport eine immer größere Rolle ein.
In Baden-Württemberg fallen aktuell „Der III. Weg“-Mitglieder auf, die am Rande einer Grünfläche Kampfsport trainieren.
Die große Gefahr dabei ist, dass die Gewalt nicht nur im Ring stattfindet, sondern auch auf die Straße getragen wird. Bei der IB in Baden-Württemberg nimmt Kampfsport eine immer größere Rolle ein.
„Active Clubs“: Eine neue Organisationsform
In Deutschland breiten sich „Active Clubs“ aus - rechtsextrem und kampfsporterfahren. Laut einer im Juni veröffentlichten Antwort auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Martina Renner (Die Linke) identifiziert das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) derzeit etwa ein Dutzend Active Clubs in Deutschland, die sich in verschiedenen Regionen gegründet haben.
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Das Konzept der Active Clubs ist auf Robert Rundo zurückzuführen, einen US-amerikanischen Neonazi. Rundo sieht die Chance auf Rekrutierungserfolge einer neonazistischen Bewegung nicht im Politischen, sondern im Sportlichen. Die Idee: Junge Männer werden über gemeinsame sportliche Freizeitaktivitäten an die Ideologie herangeführt. Die Clubs sollen Teil einer „White Supremacy 3.0“ Strategie sein, die weniger explizit neonazistisch auftritt und stärker an eine Jugendkultur erinnert.
Die Clubs präsentieren sich insbesondere über Soziale Medien, allen voran Telegram. Die Videos zeigen vor allem junge Männer - beim Kampfsport, in der Natur, beim Kleben rechtsextremer Sticker. Unterlegt sind sie meist mit schneller, elektronischer Musik, die Gesichter der Männer vermummt.
Eine Schlüsselfigur der Struktur ist Patrick Schröder. Schröder ist seit Jahrzehnten ein in Deutschland aktiver, bekannter Rechtsextremist. Mit seinem Online-TV und Radio-Format „FSN. The Revolution“, kurz für „Frei, Sozial, National“, betreibt er seit Jahren rechtsextreme Propaganda.
Im Juni 2023 übernimmt Lukas Suttner, der Kampfsportler vom ‚Team Spartan Weiden‘, die Geschäftsführung der „Nemesis Production GmbH“, zu dem neben „White Rex“ und „Ansgar Aryan“ auch die Shops „Patriotic Store“ und „Wikingerversand“ vertrieben werden. Das Sortiment: Rassistische und neonazistische Kleidung, von „White Lives Matter“ bis zu Hitler-Referenzen.
Die dezentrale Organisierung über Telegram ermöglicht es den Gruppen, schnell zu wachsen und sich schnell zu verbreiten. Zum Vergleich: In den USA wuchs die Anzahl der Gruppen 2023 laut einer Studie des Counter Extremism Project (CEP) innerhalb von vier Monaten um 50%.
Gegenstrategien und Präventionsmaßnahmen
Doch wie können wir auf diesen rechtsextremen Kampfsport-Boom und die dort vermittelte Gewaltkompetenz reagieren? Antworten darauf liefert das von der Amadeu Antonio Stiftung geförderte Modellprojekt „VOLLKONTAKT - Demokratie und Kampfsport“. Das Projekt strebt sowohl die Entwicklung dringend erforderlicher Präventionsmaßnahmen als auch die Verankerung politischer Leitplanken zum Thema Demokratie im Kampfsportsektor an. Der Fokus liegt hier auf „Extrem-Kampfsportarten“, wie beispielsweise dem (Thai) Kickboxen oder Mixed Martial Arts (MMA). Die Mitarbeiter:innen von VOLLKONTAKT arbeiten mit Polizei-Behörden, kommunalen Verwaltungen, anderen Sportverbänden und Kampfsport-Organisationen zusammen.
Besonders nicht-rechte Kampfsport-Veranstalter:innen müssen für das Problem sensibilisiert werden. „Teile der Kampfsportwelt haben ein massives Problem rechts außen“, so Robert Claus von VOLLKONTAKT.
Präventionsmaßnahmen, auf allen gesellschaftlich relevanten Ebenen sind also dringend erforderlich.
Welche Potenziale hat Kampfsport in der pädagogischen Arbeit gegen Rechtsextremismus? Wie kann die Kampfsportlandschaft mittels sinnvoller Präventionsmaß nahmen gestärkt und gegen extrem rechte Einflussnahme geschützt werden? Was sind sinnvolle Ansatzpunkte für den Umgang mit rechtsextremen Kämpfer*innen und für eine klare Positionierung von Gyms und Verbänden? Welche sport- und innenpolitischen Antworten braucht es darüber hinaus?
