Judo ist seit 1972 fester Bestandteil des olympischen Programms und war 1964 in Tokio mit vier Männer-Wettbewerben erstmals bei Olympia vertreten. Seit Tokio 2021 gehört im Judo ein Mixed-Wettbewerb zum Olympia-Programm. Sanfter oder flexibler Weg heißt es, wenn man Judo wörtlich aus dem japanischen ins Deutsche übersetzen würde. Doch ganz so sanft sieht die Sportart für Außenstehende nicht aus, wenn die Athletinnen und Athleten ihre Gegner mit einem lauten Knall auf die Matte werfen.
Wie ist Judo entstanden?
Kanō Jigorō gilt als Erfinder des Judo. Nachdem der Japaner an verschiedenen Schulen Jiu Jitsu lernte, gründete er 1882 seine eigene Kampfschule.
Die Judo-Wettkämpfe in Paris 2024
Die Judo-Wettkämpfe werden in der Champ-de-Mars-Arena ausgetragen. Die provisorische Arena diente in den vergangenen Jahren als Ersatz für das Grand Palais, das umgebaut wird.
Regeln und Wertung im Judo
Gekämpft wird beim Judo auf einer achtmal acht Meter großen Matte. Im Judo treten die Sportler in Duellen gegeneinander an. Ziel ist es, den Gegner mit dem Rücken auf die Matte zu werfen. Das wird Ippon genannt.
Dies muss jedoch mit Kraft, Geschwindigkeit und Kontrolle geschehen. Gelingt dies, ist der Kampf sofort vorbei. Ebenso, wenn der andere Sportler 20 Sekunden lang am Boden festgehalten wird. Als Waza-Ari wird ein Wurf genannt, bei dem der Gegner zwar auf der Matte landet, jedoch nicht mit dem Rücken. Auch das Festsetzen von mehr als zehn Sekunden und weniger als 20 Sekunden wird als Waza-Ari bezeichnet. Schafft ein Athlet zwei Waza-Ari, werden sie wie ein Ippon gewertet.
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Ein Duell dauert bis zu vier Minuten. Das Wertungssystem wurde mehrfach überarbeitet. Ein Ippon - ein ganzer Punkt - bedeutet den sofortigen Sieg. Die Wertung wird vergeben, wenn der Gegner kontrolliert auf den Rücken geworfen wird. Ein Waza-ari steht für 70 Prozent von einem Punkt. Er wird beispielsweise vergeben, wenn der Rücken des Gegners nach einem Wurf nur teilweise die Matte berührt oder der Kontrahent mindestens 15 Sekunden gehalten wird. Gelingt ein zweiter Waza-ari, ergeben beide einen Ippon.
Der Mixed-Team-Wettbewerb im Judo
Der Teamwettbewerb findet am Tag nach Abschluss der Einzel-Wettbewerbe statt, für die pro Land und Gewichtsklasse jeweils nur ein Athlet startberechtigt ist. Für das Mixed werden 16 Teams zugelassen. Dabei treten Männer und Frauen abwechselnd in insgesamt sechs Gewichtsklassen gegeneinander an. Es werden nicht zwangsläufig die jeweils schwersten Judoka auf die Matte geschickt. Jeder gewonnene Kampf bringt einen Punkt. Ziel ist es, so schnell wie möglich vier Punkte einzusammeln, damit ist die Runde gewonnen.
Bei Olympia geht es nach einer Vorrunde mit Achtelfinale und Viertelfinale weiter. Neben den Halbfinals gibt es auch eine Hoffnungsrunde, deren Sieger gegen die beiden Halbfinal-Verlierer die Kämpfe um Bronze bestreiten. Endet ein Mixed nach den sechs vorgesehenen Kämpfen 3:3 unentschieden, wird ein Entscheidungskampf durchgeführt. Welche Gewichtsklasse noch einmal ran muss, wird jeweils per Los ermittelt.
Genau wie im Einzel wird im Mixed jeweils maximal vier Minuten gekämpft. Ist bis dahin keine Entscheidung gefallen, geht es in den sogenannten Golden Score, in dem die nächste Wertung den Sieg bringt.
Deutsche Erfolge und Hoffnungen in Paris 2024
Für den Deutschen Judo-Bund (DJB) erwies sich das Mittelgewicht damit erneut als Medaillenbank, seit Olympia 2004 bejubelt der DJB nun bereits die vierte Medaille in der Gewichtsklasse bis 70 kg: Vor 20 Jahren in Athen holte Annett Böhm Bronze, Kerstin Thiele 2012 in London Silber und Laura Vargas-Koch 2016 in Rio Bronze.
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Größte DJB-Hoffnungsträgerin in Paris ist die deutsche Fahnenträgerin Anna-Maria Wagner. Die Weltmeisterin in der Klasse bis 78 kg ist am Donnerstag an der Reihe. Wagner ist bereits für das Achtelfinale gesetzt.
Erst im Mai fand die Judo-WM in Abu Dhabi statt. Die Ergebnisse können als Leistungstest für Olympia gewertet werden, auch wenn manche Top-Athletinnen und -Athleten nicht teilgenommen haben.
Miriam Butkereit
Miriam Butkereit hat beim olympischen Judoturnier in der Gewichtsklasse bis 70 kg das Finale erreicht und damit mindestens die Silbermedaille sicher. Die 30-Jährige vom SV Halle bezwang die österreichische Fahnenträgerin Michaela Polleres im Halbfinale und bekommt es im Finale am Nachmittag nun mit Europameisterin Barbara Matic aus Kroatien oder der Niederländerin Sanne van Dijke zu tun.
Polleres wurde im Golden Score wegen Inaktivität disqualifiziert. Zuvor war Butkereit jeweils per Ippon gegen die Australierin Aoife Coughlan und Gabriella Willems aus Belgien in die Medaillenkämpfe eingezogen. Der Medaillengewinn ist für die gebürtige Hamburgerin der größte Erfolg ihrer Karriere.
Eduard Trippel
Eduard Trippel (Rüsselsheim) scheiterte hingegen in der Klasse bis 90 kg bereits zum Auftakt knapp gegen den Schweden Marcus Nyman. "Ich hab mich heute gut gefühlt, es passte alles", sagte Trippel: "Ich hatte gut Gewicht gemacht. Das Aufwärmen war gut. Schade, dass es nicht weitergeht."
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Der Mixed-Team-Wettbewerb in Paris 2024: Ergebnisse des deutschen Teams
| Runde | Gegner | Ergebnis |
|---|---|---|
| 1. Runde | Österreich | 4:1 |
| Viertelfinale | Brasilien | 3:3 (Sieg durch Stichkampf) |
| Halbfinale | Japan | 0:4 |
| Kleines Finale (um Bronze) | Korea | 3:3 (Niederlage durch Stichkampf) |
Eklat um Teddy Riner
2012 und 2016 gewann Judoka Teddy Riner olympisches Gold im Schwergewicht. Nachdem es 2021 in Tokio "nur" zu Bronze gereicht hatte, sollte in diesem Jahr vor heimischem Publikum in Paris noch einmal der große Wurf gelingen. Auf dem Weg zum historischen dritten Olympiasieg bekam der Franzose allerdings Stress mit dem Georgier Guram Tushishvili. Der Streit zwischen den beiden hat eine Vorgeschichte.
Der mit Spannung erwartete Viertelfinalkampf in der Klasse ab 100 kg zwischen Teddy Riner und Guram Tushishvili war schnell vorbei: Judo-Superstar und späterer Goldmedaillengewinner Riner entschied den Kampf durch Ippon.
Doch dann ging der Fight erst richtig los: Tushishvili drückte seine durchgestreckten Beine auf Riners Brust, wodurch dieser mit dem Rücken auf dem Boden landete.
Anschließend beugte sich Tushishvili mit erhobenem Zeigefinger über seinen Gegner, drückte ihm die flache Hand ins Gesicht und schubste Riner mit seinen Beinen buchstäblich vor sich her.
Als Riner, der im französischen Karibik-Archipel Guadeloupe geboren wurde, aufstehen wollte, hielt er Tushishvilis rechten Fuß fest, was dieser mit einem Stoß gegen dessen Hüfte beantwortete.
Das Publikum, das Riners Sieg frenetisch bejubelt hatte, quittierte die Aktion mit einem gellenden Pfeifkonzert.
Nachdem sich beide Kämpfer beruhigt hatten und Riner vom Schiedsrichter zum Sieger erklärt worden war, gab es immerhin einen "Handshake light".
Doch warum fuhr Tushishvili so aus der Haut? Riner hatte seinen Sieg aus Sicht des Georgiers überheblich gefeiert. In der Tat sieht man auf verschiedenen Fotos, wie Riner im Moment des Triumphs Tushishvili breit grinsend und mit ausgestreckter Zunge beide Fäuste entgegenstreckt.
Tushishvili deutete Riner nach dem Kampf an, dass er mit dessen Jubelgeste nicht einverstanden war. Riner sorgte 2022 für Tushishvilis Disqualifikation. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die beiden erfolgreichen Judoka - Tushishvili war Welt- und Europameister und gewann in Tokio Olympia-Silber - nicht grün sind. Im November 2022 hatte Riner bei einem Turnier in Georgien gegen Tushishvili verloren, anschließend jedoch seine Niederlage angefochten und bei der IJF, der internationalen Judo-Föderation, dessen Disqualifikation erwirkt.
Für Tushishvili hat sein Verhalten im olympischen Kampf derweil ein Nachspiel. Wie die IJF mitteilte, wurde er von den Spielen in Paris suspendiert und darf nicht am Mixed-Teamwettwewerb am Samstag (3. August) teilnehmen.
