Jiu Jitsu ist eine traditionelle japanische Kampfkunst, aus der andere Budo-Sportarten wie Judo oder Aikido entstanden sind. Jiu Jitsu wurde von Samurai praktiziert, um bei einem Verlust oder Verbot der Hauptwaffen (japanisches Schwert (Katana), Speer, Schwertlanze, Bogen) waffenlos oder mit Zweitwaffen weiterkämpfen zu können.
In verläßlichen Quellen taucht die eigentliche Kunst des Jiu-Jitsu erstmals im 17. Jahrhundert auf und wird namentlich erstmals in Büchern, die sich mit den Kampfkünsten beschäftigen, wie z.B. das „Bugei Shogen“ und das „Kempo Hisho“, genannt. Meister Jigoro Kano, der Begründer des Judo (eine Disziplin, die hauptsächlich - wenn nicht gar vollständig - auf dem oben genannten Prinzip beruht), verfolgte die Entstehung des Jiu-Jitsu unter diesem Namen bis in die Zeit zwischen 1600 und 1650 zurück.
Ältere waffenlose Kampfkünste gehen unter anderen Namen noch wesentlich weiter in die japanische Geschichte zurück und flossen später in die verschiedenen Schulen des Jiu-Jitsu ein. Hauptsächlich waren dies jene Stile, die die frühen Samurai neben ihren Waffenkünsten im Kampf unterstützten.
Die Bedeutung des Namens
Die Bezeichnung Jiu-Jitsu bedeutet wörtlich: Technik oder Kunst (Jitsu / Jutsu) der Geschmeidigkeit, Flexibilität, Biegsamkeit, Sanftheit, Milde (alles verschiedene Übersetzungen des Ideogramms Jiu / Ju). Zusammengesetzt bedeutet Jiu Jitsu also (im kampfkunstbezogenen Kontext) „flexible Kunst“, wobei gemeint ist, dass man seine Kampfstrategie abhängig vom Gegner fließend zu wechseln vermag. Vereinzelt findet sich auch die veraltete deutsche Schreibweise Dschiu Dschitsu.
Ursprünge und Entwicklung
Wie in vielen der asiatischen Kampfkünste ist die genaue Herkunft des Jiu Jitsu heute kaum mehr eindeutig feststellbar. Was den Ursprung von Jiu-Jitsu betrifft, so ist es ein Märchen, wenn gesagt wird, diese Kampfkunst werde seit 2500 Jahren in Japan praktiziert. In Wahrheit ist Jiu-Jitsu chinesischen Ursprungs. Es ist aber unbestreitbar ein Verdienst der Japaner, Jiu-Jitsu als Vorläufer des Judo populär gemacht zu haben.
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China vermittelte Japan als seinen Kulturnachbar den Wandel der Weltkultur aus Zentralasien und sogar aus Europa. Bis zum 8. Jahrhundert stand Japan unter dem Einfluß der indischen und chinesischen Hochkultur und war allem chinesischem zugänglich. 495 n.Chr. wurde in China das bekannte Shaolin-Kloster erbaut, in dem gymnastische Übungen zur Lockerung des Körpers nach langer Meditation entwickelt wurden.
Diese Gesundheitsübungen wurden unter dem Einfluß der indischen Kunst in Verteidigungsübungen umgewandelt, die den Wandermönchen auf ihren langen Reisen gegen allerlei Anfeindungen helfen sollten. Im 13. Jahrhundert tauchten in Japan erstmals die Samurai als bewaffnete Kämpfer auf. Gepflegt wurde das Jiu-Jitsu besonders von der japanischen Ritterkaste, den Samurai.
Der kostbarste Besitz der Samurai waren ihre Schwerter. Nur sie hatten das Recht, zwei Schwerter zu tragen. Ein kaiserliches Dekret verbot es den Samurai einige Zeit die Schwerter zu tragen. Sie übten sich daraufhin noch intensiver in der Kunst des Jiu-Jitsu und vervollkommnten es noch.
Mit dem Niedergang des Ritterordens der Samurai verlor Jiu-Jitsu seine Bedeutung. Es kam schließlich eine Zeit, in der nur noch wenige Japaner Kenntnis von Jiu-Jitsu hatten.
Das Prinzip des „Ju“
Im Bezug auf konkrete Kampfstrategien bedeutete das Prinzip des „Ju“: Angepaßt, flexibel und vernünftig auf strategische Manöver des Gegners zu reagieren und seine Manöver und die darin steckende Kraft zu nutzen, um ihn zu besiegen oder wenigstens seinen Angriff zu neutralisieren.
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In einem der Entstehungsmythen wird das Grundprinzip des Jiu Jitsu „Nachgeben, um zu siegen“ besonders deutlich. Darin heißt es, dass Akiyama Shirobei Yoshitoki (ein im 16. Jahrhundert in Nagasaki lebender Arzt) auf seiner Studienreise durch China in Klöstern neben medizinischem Wissen auch Unterricht im waffenlosen Nahkampf (chinesisch báida, jap. Dabei stellte er die körperliche Stärke als Voraussetzung zur Ausführung der Techniken fest.
In Übereinstimmung mit diesem Prinzip können verschiedenartige Techniken angewendet werden, und tatsächlich hatte jede der alten japanischen der Schulen, deren Namen auch heute noch bekannt sind, dieses Prinzip in einer hochgradig individuellen und technisch unterschiedlichen Art und Weise umgesetzt.
Bedeutende Schulen des Jiu-Jitsu
Es gab unzählige Schulen, die durch die gekonnte Adaption des „Ju“-Prinzips für ihre Techniken sehr effektive Methoden des Kampfes entwickelten. Die folgenden dieser Schulen sind (neben vielen anderen) in Chroniken über die Kampfkünste als sehr beachtenswerte und bedeutende Schulen des Jiu-Jitsu erwähnt: der Tenjin-Shinyo-Ryu, der Takenouchi-Ryu, der Sosuishitsu-Ryu, der Kito-Ryu und der Sekiguchi-Ryu. Zusammen mit einigen anderen erfuhren diese Schulen eine modifizierende Synthese im von Meister Jigoro Kano im 19.
Tenjin-Shinyo-Schule
Besonders bekannt für ihre verschiedenen Techniken des Schlagens (Atemi-Waza), des Festlegens (Torae) und des Würgens (Jime) ist die Tenjin-Shinyo-Schule des Jiu-Jitsu.
Yoshin-Ryu
Viele glauben, der Begründer dieser Kunst sei ein Arzt aus Nagasaki gewesen, ein gewisser Akiyama Shirobei Yoshitoki, der im 17. Jahrhundert nach China ging, um seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Medizin zu vertiefen. Während er dort verschiedene Künste der Wiederbelebung studierte (Hassei-Ho; später die komplexe Kunst Kappo oder Kuatsu), kam er in Kontakt mit den chinesischen Kampfkünsten und deren grundlegenden Prinzipien.
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Zurück in Japan arbeitete er diese „Saat“ in völliger Isolation nahe eines Waldtempels weiter aus. Sein persönliches Trainingsprogramm beinhaltete sowohl Sportübungen als auch die Meditation. Mit der Zeit entwickelte er ungefähr 300 Kampftechniken, die alle auf dem „Ju“-Prinzip (Geschmeidigkeit) beruhten, wie es auch im Namen seines Stil zum Ausdruck kommt: „Yo“ bedeutet „Weide“ und „Shin“ bedeutet „Geist, Seele, Absicht“ oder „Herz“.
Shin-no-Shindo
Als Begründer der anderen Schule, des Shin-no-Shindo, wird ein gewisser Yamamoto Tamizaemon, ein Polizist aus Osaka, betrachtet. Dieser fügte andere Techniken, besonders jene zum Festlegen (Torae), zu dem bereits beeindruckenden Repertoire der Yoshin-Ryu hinzu. Beide Teile wurden letzten Endes durch die Bemühungen von Meister Yanagi Sekizai Minamoto Masatari (später auch als Meister Iso Mataemon) bekannt, dessen erstaunlicher Mut in der Kunst des unbewaffneten Kampfes, insbesondere im Gebrauch der Atemi-Waza, viele anschauliche Seiten in der Kampfsport-Literatur füllt, im späten 19.
Von ihm wird berichtet, dass er ein außergewöhnlicher Jiu-Jitsu-Meister war, der vollkommen in Theorie und Praxis des unbewaffneten Kampfes versiert war. Nachdem er die Techniken der Yoshin-Ryu und der Shin-no-Shindo unter Meister Hitotsuyanagi beziehungsweise Meister Homma studiert hatte, reiste er von Schule zu Schule, wo er die lokalen Champions herausforderte.
Takenouchi-Ryu
Die alte und faszinierende Schule des Takenouchi-Ryu ist, wie aus Berichten hervorgeht, auch heute noch in Japan aktiv. Sie wurde über 12 Generationen an den jeweiligen Erben weitergegeben. Es wird allgemein angenommen, dass sie von einem hochrangigen Krieger, nämlich Hisamori (1522-46), zu der Zeit als Kaiser Gonara den Thron inne hatte (1522-57), gegründet wurde.
Er betonte den Gebrauch der Festlegetechniken (Osea-Waza), die er systematisch in fünf „Schlüsseln“ oder Gruppen (Go-Kyo) organisierte, entsprechend bestimmter Prinzipien ihrer Ausführung, die auch heute noch in modernen Ableitungen alter Kampfkünste gefunden werden.
Sosuishitu-Ryu
Eine interessante Ableitung des Takenouchi-Ryu ist der Sosuishitu-Ryu, der angeblich von dem Samurai Fugatami Hannosuke 1650 gegründet wurde. Dieser Krieger entwickelte nach einer Zeit der Läuterung in den Yoshino-Bergen seine eigene Methode des Kampfes aus denen, die er erlernt hatte. Er benannte seine Kunst nach den „reinen, fließenden Wassern“ des Yoshino-Flusses und unterrichtete sie dann an Shitama Mataichi (die Mitglieder seiner Familie waren dann über Jahrhunderte Meister dieser Kunst).
Kito-Ryu
Die Kito-Ryu verdient wegen ihrer esoterischen Elemente einen besonderen Platz in der Lehre der waffenlosen Kampfkünste. Einige der vorhandenen Aufzeichnungen sehen den Ursprung dieser Schule in einer chinesischen Kampfkunst, die ebenfalls auf dem „Ju“-Prinzip basiert und von Ch-En Yuan-Pen (in japanischen Aufzeichnungen „Tsin Gempin“ genannt) ausgewählten Kriegern des 17. Jahrhunderts erklärt und veranschaulicht wurde.
Von Gempin wird behauptet, dass er drei herrenlose Samurai (Ronin) in einer Kunst „des Ergreifens / Festhaltens“ unterrichtete, die er in China geübt hatte. Andere Interpretationen des vorhandenen Materials zu diesem Thema sagen, dass der Gründer des Kito-Ryu ein gewisser Terada, ein Samurai im Dienste Kyogokus, einem Daimyo, der eng mit den Tokugawa verbunden war, gewesen sei.
Sekiguchi-Ryu
Die mächtige Sekiguchi-Ryu verfolgte ihre Wurzeln bis in das 17. Jahrhundert und den Namen auf Sekiguchi Jushin zurück, ein Meister von dem behauptet wird, dass er sich in den Kampfkünsten durch Ehrlichkeit und Objektivität auszeichnete, Eigenschaften , die er zusammen mit den Techniken seiner Schule scheinbar erfolgreich an seine Söhne weitergab.
Jiu Jitsu in der Moderne
Mit der Meiji-Herrschaft (ab 1868) begann die "moderne Ära", die durchgreifende Reformen mit sich brachte. Bis 1882 wurde das Jiu-Jitsu als rein technische Form ohne geistigen Hintergrund ausgeführt. Dies änderte sich durch Jigoro Kano, der ein eigenes System entwickelte und in Tokyo den Kodokan gründete.
Jigoro Kano ergänzte die Kunst durch Grundprinzipien, die den heutigen geistigen Hintergrund begründeten. In den Folgejahren entwickelte er es zu einer sich weltweit verbreitenden Kampfsportart. Heute bietet Judo ein großes Repertoire an Kampftechniken, die in fünf Hauptgruppen unterteilt werden.
Die Kunst verbreitete sich über die ganze Welt und wurde als Wettkampfsport Teil der olympischen Spiele. Die Wahrnehmung seiner Vortrefflichkeit in Theorie und Praxis des waffenlosen Kampfes durch die Öffentlichkeit half, viele der anderen Schulen und Methoden vor der weit verbreiteten Ablehnung und schließlich dem Vergessen zu retten.
Im Jahr 1905 wirbt Dr. Erich Bälz nach seiner Rückkehr aus Japan für Jiu-Jitsu. 1906 gründete Erich Rahn die erste Jiu-Jitsu Schule in Berlin, die noch heute besteht. 1910 unterrichtet Erich Rahn in der BRD die Berliner Kriminalpolizei.
Nach dem 2. Weltkrieg 1945 wurde JIU-JITSU und JUDO als vormilitärische Ausbildung durch Kontrollratsbeschluß von den Besatzungsmächten verboten. Zu Gunsten des JUDO und des KARATE verbreitete es sich nicht so stark. Dies hat sich allerdings in den letzten Jahren stark geändert.
Ende der 60-er Jahre hat sich das JU-JUTSU etabliert. Dieses wurde aus bestimmten Techniken des JUDO, KARATE und AIKIDO zusammengesetzt. Abgesehen vom Aufbau des Prüfungsprogrammes ist es durch aus in vielen mit dem JIU-JITSU identisch.
Jiu Jitsu versucht hingegen die Kraft des Gegners umzuleiten, ins Leere laufen zu lassen oder durch Ausnutzung von Hebelgesetzen und Schwung gegen ihn selber zu richten. Jiu Jitsu versteht sich dabei als Selbstverteidigung. In der typischen Trainingssituation simulieren wir einen Angriff auf uns durch einen oder mehrere Angreifer.
Jiu Jitsu enthält daher viele Techniken, die dazu dienen, den Gegner zu kontrollieren. Es ist nicht notwendig jeden Angreifer sofort krankenhausreif zu prügeln. Ein Hebel, der ihn am Boden fesselt, reicht häufig aus. Jeder körperlich nicht beeinträchtigte kann Jiu Jitsu ausüben.
Wir benutzen nicht nur traditionelle Techniken sondern haben auch Techniken aus anderen Systemen reimportiert. Dies ist kein Bruch der Tradition. Jiu Jitsu war auch in Japan nie ein geschlossenes System. Es gab dort immer unterschiedliche Stile und Schulen.
