Ist WWE Wrestling echt oder inszeniert? Eine Analyse des Phänomens

Die Frage, ob WWE Wrestling echt oder inszeniert ist, beschäftigt viele. Akrobatische Keilereien und endlose Seifenoper-Fehden zwischen Gut und Böse sind nichts für jeden Geschmack. Doch als Lehrmaterial, um die USA zu verstehen, ist Wrestling unbezahlbar.

Im Prinzip ist Wrestling Theater und die WWE die grösste Theatergesellschaft der Welt. Eine schnelle YouTube-Suche allerdings zeigt, dass man das Wort «gespielt» nicht leichtfertig einsetzen sollte. Da sind brutale Stacheldraht-Matches zu sehen, knochenberstende Ring-Unfälle oder Kamikaze-Akteure wie Mick Foley, der einst in einem Münchner Ring seines Ohrs verlustig ging. Den hohen Preis der Akrobatik erkennt man auch an der langen Liste von versehrten, verlebten oder zu früh verstorbenen Ex-Wrestlern.

Aus dieser Perspektive lässt sich die Resonanz der WWE durchaus mit der amerikanischen Vorliebe für den ebenfalls gladiatorenhaften American Football und seine Profiliga NFL vergleichen. Doch Wrestling lebt vor allem von den Seifenoper-Handlungen, die Kämpfe einleiten und eine Geschichte vom Kampf der Guten («Babyfaces») gegen die Bösen («Heels») erzählen.

Kayfabe: Die Doppelbödigkeit des Wrestling

Genau hier erhält Wrestling die Doppelbödigkeit, die inzwischen Parallelen in der politischen Debatte hat: «Kayfabe» heisst der unübersetzbare Begriff, der die Übereinkunft beschreibt, im Ring und auf dem Bildschirm todernst Rivalitäten zu verkörpern, während Akteure und Publikum Bescheid wissen. Einst reisten Bösewichte und Helden sogar in getrennten Autos, um die Ring-Rivalität nicht zu entmythisieren.

Heute dagegen würde sich niemand wundern, wenn Roman Reigns (Typ: Game-of-Thrones-Krieger) und sein Rivale Brock Lesnar (Typ: arroganter Mixed-Martial-Arts-Stiernacken) sich bis in die Publikumsränge prügeln, aber später am Abend gemeinsam in einer Bar gesichtet werden.

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Dennoch diskutieren viele Wrestling-Fans leidenschaftlich, warum etwas gerade passiert: Erhält die filigrane Wrestlerin Sasha Banks eine Titelchance, weil die WWE in einem Monat in ihrer Heimatstadt in Kalifornien zu Gast ist und die Ticketverkäufe ankurbeln möchte? Wird der «bulgarische Rohling» Rusev vom Bösewicht zum Helden gemacht, weil ihm die Fans sowieso schon zujubeln und seine T-Shirts kaufen? Die WWE entscheidet tatsächlich nach solchen Kriterien, wenn sie die Handlungsstränge für ihre Kämpfer festlegt.

Wrestling und Populismus

Natürlich ist US-Präsident Donald Trump eine Schöpfung jenes Reality-TV-Zeitalters, das auch die WWE in neue Umsatzregionen katapultiert hat. Seine fiesen Demütigungen wären in einem Ring gut aufgehoben, wo er sich bereits häufiger selbst spielen durfte. «Wrestling war schon immer eine Form von Populismus», sagt der Theaterwissenschaftler Eero Laine, der über das Genre forscht. «Es ist eine Live-Veranstaltung vor Tausenden Zuschauern, Wrestler und Wrestling-Veranstalter haben immer darauf gehört, wie die Menschen reagieren.

Damit ist er ein Kind des Wrestling-Zeitgeistes: In den Achtzigern und frühen Neunzigern dominierten comichafte Figuren wie Hulk Hogan, dessen Ring-Charakter ausser einem schlechten Geschmack in der Auswahl seiner Elasthanhosen keinen negativen Zug aufwies. Als das amerikanische Fernsehen sich modernisierte und zum wichtigsten Medium in der US-Gesellschaft wurde, präsentierte die WWE Helden wie den biertrinkenden Texas-Proleten Steve Austin, der auch schon einmal andere Publikumslieblinge vermöbelte, oder den frechen wie arroganten «The Rock» Dwayne Johnson, der seine Gegner verbal demütigte wie kein anderer.

Für seine Gegner freilich ist Donald Trump ein Bösewicht, wie er im Buche steht. Doch solche polarisierenden Figuren funktionieren eben am besten: Wrestling-Kenner Laine zieht die Parallele zu John Cena und Roman Reigns, deren Auftritte das Publikum zu einem Teil mit Jubel, zum anderen mit Buhrufen begleitet. «Sie sind polarisierend, aber die WWE verdient gerade dadurch wahnsinnig viel Geld an ihnen.» Denn egal, ob ein Zuschauer jubelnd aufspringt oder sich die Seele aus dem Hals buht - das Eintrittsgeld hat er bereits gezahlt. Die «Hitze» (Heat), also die emotionale Reaktion des Publikums, bestimmt den Marktwert eines Wrestlers - egal, ob sie aus Liebe oder Hass besteht. Für Donald Trump ist das alles nichts Neues.

WWE: Die konservative Firmen-Utopie

«Für fiskalpolitisch Konservative verkörpert die WWE die utopische Vision eines Unternehmens», sagt der Theaterwissenschaftler und Wrestling-Forscher Eero Laine. Die Wrestler arbeiten offiziell als Freiberufler, müssen sich in der Regel selbst versichern, für ihre Rente vorsorgen und in den meisten Fällen auch Reisen und Hotelaufenthalte bezahlen. «Es gilt das völlige Leistungsprinzip, wer weniger Publikumsreaktionen hervorruft, wird weniger gebucht», sagt Laine.

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Für Freimarkt-Verfechter gilt die WWE als ein Musterbeispiel für Branchen, die praktisch unreguliert sind. In den Achtzigern lizenzierten und überwachten noch die regionalen Sportkommissionen die Wrestling-Verbände. Es war natürlich WWE-Eigentümer McMahon, der in den Achtzigern erfolgreich Lobbyarbeit dafür machte, Wrestling als Unterhaltung zu klassifizieren. Dass er dabei als erster Wrestling-Promoter zugab, dass die Kämpfe abgesprochen sind, galt in der Szene als Tabubruch, entband die Branche allerdings von lästiger Aufsicht.

Inzwischen hat das Familienunternehmen einen Börsenwert von mehr als 2,6 Milliarden Dollar. Nennenswerte einheimische Konkurrenz existiert nicht mehr, erst langsam, dann ziemlich schnell drängte die WWE Konkurrenzligen aus dem Markt oder schluckte sie. Dies symbolisiert die Extremform des gegenwärtigen US-Kapitalismus: Die viel gepriesene Wahlmöglichkeit des amerikanischen Konsumenten beschränkt sich in vielen Feldern - von der Hotel- bis zur Supermarkt-Kette - auf die wenigen Marken, die genügend Marktmacht gesammelt haben, um omnipräsent zu sein.

Für die WWE bedeutet dies eine komfortable Position - nicht nur gegenüber den verbliebenen Konkurrenten, sondern auch gegenüber den freiberuflichen Wrestlern: Die Gründung einer Gewerkschaft, die sich für die Belange der Kämpfer einsetzen könnte, wäre für jeden Beteiligten karrieregefährdend.

Die WWE als Wertespiegel

In den Achtzigern war es leicht, ein Bösewicht zu sein: Der iranischstämmige Amerikaner Iron Sheik brauchte in den Achtzigern nur die Flagge der islamischen Republik zu schwenken und schon brüllten ihm Tausende Zuschauer wütend «U-S-A, U-S-A» entgegen.

Xenophobie, verdeckte Homophobie oder auch Charaktere wie der «böse, aber etwas dümmliche Afrikaner» sind Teil des WWE-Erbes. Inzwischen greift die Firma nicht mehr auf solche Mittel zurück, um Zuschauer aufzuwiegeln. So wie sich die Figuren von Alltags-Archetypen wie dem Steuerbeamten (natürlich Bösewicht) und Müllmann (natürlich ein Guter) der Achtziger und Neunziger überlebt haben, hat die WWE nicht nur die Fremdenfeindlichkeit aufgegeben, sondern auch die später gängigen sexuellen Anspielungen, Kraftausdrücke oder das Blut im Ring.

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Dies hängt einerseits damit zusammen, dass die Liga das Familienpublikum als kaufkräftige Zielgruppe erkannt hat; andererseits spiegelt es auch die gesellschaftlichen Fortschritte, die in den USA gemacht wurden - und das WWE-Publikum kommt aus allen politischen, ethnischen und sozialen Ecken des Landes.