KARAT: 50 Jahre Bandgeschichte und das neue Album "Hohe Himmel"

Am 22. Februar 1975 gab die legendäre ostdeutsche Band KARAT ihr erstes Konzert in Heidenau und feiert nun 50 Jahre Bandgeschichte. Trotz ihrer jahrzehntelangen Erfolge und unzähligen Hits wie „Über sieben Brücken musst du gehen“ oder „Der blaue Planet“ bleibt die Band immer noch ein kreativer Motor. Anlässlich des Jubiläums veröffentlicht KARAT ein neues Album, „Hohe Himmel“, das ausschließlich neue Songs enthält und die Band nicht als Oldie-Gruppe, sondern als dynamische, immer wieder frische Kraft in der Musikszene zeigt.

Das neue KARAT-Album „Hohe Himmel“ überrascht mit verschiedenen musikalischen Facetten und tiefgründigen Texten, die von den Band-Mitgliedern sowie bekannten Gastautoren stammen.

Das Jubiläumsalbum "Hohe Himmel"

Mit drei Zeilen, verpackt in ein sehr rockiges gitarrenlastiges Gewand, starten sie ihr Album 2025: Leadsänger CLAUDIUS DREILICH singt „Wir waren gestern da. Wir sind heute da. Wir sind immer noch da!“. Und WIE sie noch da sind.

Der Titelsong des Albums, „Hohe Himmel“, nimmt uns - im Samba-Rhythmus produziert - mit auf eine mitreißende musikalische Reise, die produktionstechnisch nahtlos an „Ausgeträumt“ anknüpft und sie mit aufregenden weltmusikalischen Einflüssen bereichert. Man spürt förmlich die gesangliche Leidenschaft von Sänger CLAUDIUS DREILICH und seine Entschlossenheit, diesen Song mit außergewöhnlicher Intensität zum Leben zu erwecken. Von Anfang bis Ende hinterlässt CLAUDIUS DREILICHs markante Stimme einen bleibenden Eindruck und verleiht dem Song, aber auch dem Album eine unverkennbare Note.

Eine von Streichern begleitete Liebesballade zeigt eine weitere Facette von KARAT: Mit „All das schenk ich dir“ beschreiben sie eine tief empfundene Liebe, die als großes Glück empfunden wird. Die unerschütterliche Verbindung zwischen zwei Menschen, die sich ohne Worte verstehen und gemeinsam durch jede Herausforderung gehen, ist hier Thema: Die Liebe wird als bedingungslos und stark dargestellt - bereit für alles, was die Zukunft bringt.

Lesen Sie auch: "Gewitterregen": Liedanalyse

Der Song „Nicht egal“ wurde bereits 2023 in der BEATRICE-EGLI-Show vorgestellt. Es geht im Text um eine gemeinsame Reise voller Herausforderungen, um Hoffnung und Entschlossenheit. Die Band blickt zurück auf eine Zeit, in der Mut und Stärke das Leben bestimmten - eine Phase voller Energie und Unerschrockenheit. Die Realität hat sich dann aber verändert, die Zeiten sind härter geworden und manche Wärme ist verschwunden. Trotz dieser Schwierigkeiten richten die Jungs von KARAT den Blick nach vorne - verbunden mit der Hoffnung, dass alles wieder gut werden kann.

Mit poetischer Leichtigkeit und emotionaler Tiefe entführt uns der Song „Schlafendes Herz“ in eine Welt voller sanfter Klänge. Berührende Zeilen wie „Der Wind weht. Der Fluss fließt“ sind wunderbare Metaphern für die Beständigkeit des Lebens und der Gefühle. Die Lyrik entfaltet sich mit einer zeitlosen Eleganz, die an große Songwriter erinnert, die Melodie schmiegt sich wie eine Umarmung um die Worte. Der Song erzählt von einer tiefen Sehnsucht nach einer verlorenen Liebe und dem schmerzhaften Prozess des Vergessens. Die Naturbilder - der Wind, der Fluss, die vergehende Zeit - symbolisieren den unaufhaltsamen Lauf des Lebens, während der Schmerz des Verlusts langsam verblasst.

Eingeläutet mit tollen Piano-Riffs, folgt ein Song, der bereits im Herbst 2023 vorgestellt wurde. „Was soll der Geiz“ beschäftigt sich mit dem Druck, der auf Menschen lastet, wenn sie ihre Meinung äußern - oder wenn sie schweigen. Er thematisiert, dass Aussagen Konsequenzen haben können („kostet es dich Kopf und Kragen“), aber auch, dass Nichtstun oder Schweigen ebenfalls riskant sein kann. Gerade als Band mit DDR-Geschichte ist Meinungsfreiheit für KARAT offensichtlich ein hohes Gut. Der Text spielt mit der Vorstellung, dass Gedanken eigentlich frei sein sollten, aber in der Realität oft eingeschränkt werden - sei es durch äußeren Druck oder gesellschaftliche Erwartungen. Anscheinend hat der Song auch eine politische Komponente: Man ist es leid, leere Versprechen oder falsche Beteuerungen anderer zu hören und dies anzuprangern, wenn sie nicht der Wahrheit entsprechen („muss verdammen, wenn sie es versauen“).

Musikalisch von der Produktion stark an DAVID BOWIEs 80er-Songs erinnernd, vermittelt der Text „Vor ein paar Jahren“ eine Mischung aus Nostalgie, Akzeptanz und einer sanften Melancholie über eine Liebe, die geblieben ist - auch wenn sich die Wege getrennt haben. Trotz der Trennung bleiben die Gefühle tief im Herzen verankert - auch nach Jahren sind die Erinnerungen lebendig. Sehnsucht und Emotionen bleiben spürbar. Das Leben geht manchmal eigene Wege - trotz eines Versprechens, sich niemals zu verlieren, geht das Leben bisweilen weiter.

Fünfzig Jahre KARAT - das ist natürlich eine Geschichte mit vielen Höhen, aber auch mit Tiefen, wenn man zum Beispiel an die Millennium-Zeit denkt. Und so beschreibt der Song „Unbesiegbar“ die Höhen und Tiefen des Lebens und vermittelt eine Botschaft des Durchhaltens. Dabei beginnt KARAT mit einer kritischen Betrachtung: Oft leben Menschen, als könnten sie die Welt einfach nach ihren Vorstellungen gestalten - ganz ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Irgendwann stößt man an Grenzen - Probleme tauchen auf, nichts scheint mehr so klar und einfach wie zuvor.

Lesen Sie auch: Gewitterregen im Kontext von Karat

Mit „Trau dich“ gibt es dann eine Ballade auf die Ohren, die stilistisch etwas an RIO REISER erinnert. Der Text beschreibt eine tiefe emotionale Verbindung zwischen zwei Menschen, die räumlich getrennt sind, sich aber dennoch nah bleiben. Das Lied dient als symbolischer Begleiter für die geliebte Person - eine Art musikalische Umarmung, die Trost und Nähe spendet. Der Song vermittelt: „Auch wenn ich nicht da bin, bin ich bei dir.“ Die Melodie soll für die geliebte angesprochene Person ein Zuhause sein, ein vertrauter Ort, der Geborgenheit schenkt, wenn die Sehnsucht schmerzt.

Melancholisch mit Reggae-Rhythmus kommt der „Winterschlaf“ daher - ein Titel, der zwischen Resignation und Hoffnung schwankt. Der Text beschreibt eine Welt, die erschöpft ist und eine Pause braucht - ein Bild der Erholung nach schweren Zeiten, was aktuell zum Zeitgeist passt. Poseidon, der Gott des Meeres, wird gebeten, Ruhe zu bewahren, damit die Welt in einen „Winterschlaf“ fallen kann, um sich von den Strapazen des vergangenen Jahres zu erholen - eine Vorstellung, die nachdenkenswert ist. Trotz der Müdigkeit gibt es Hoffnung: Licht durchbricht den Schatten, genau wie Hoffnung auch in schwierigen Momenten nicht verschwindet. Das Leben stellt hohe Anforderungen und fordert sogar unsere Träume heraus, doch der Text vermittelt eine Botschaft der Verbundenheit - „Wir sind nicht allein“. Gleichzeitig klingt eine Warnung mit: Wenn wir nicht achtsam sind, könnte das Leid, das uns heute umgibt, bald zu spät sein, um noch ein Wunder zu erwarten.

Als Vorab-Single hat KARAT den Song „Wir“ veröffentlicht. Mit diesem Song positioniert sich die Band gegen die Verrohung der Gesellschaft und ruft zu mehr Zusammenhalt auf.

Der letzte Song des Albums, „Der Mensch“, thematisiert auf eindrucksvolle Weise die drängenden Probleme unserer Zeit, insbesondere die Zerstörung der Erde und die Verantwortung des Menschen für seinen Planeten. Der Text beginnt mit einer ernsten Warnung: Die Welt braucht keinen neuen Gott, um zu beten, denn die Erde ist krank und in Gefahr. Es wird eine existenzielle Frage aufgeworfen: Haben wir noch die Möglichkeit, unser Leben und unseren Planeten zu retten, oder sind wir bereits zu spät dran? In diesen Zeilen steckt sowohl eine tiefgründige Besorgnis als auch eine angsterfüllte Erkenntnis über die drohende Zukunft. Dieser Song-Inhalt erinnert an den großen KARAT-Hit „Der blaue Planet“. CLAUDIUS DREILICH trägt somit die Botschaft seines Vaters weiter.

Die Musik selbst unterstreicht die Bedrohlichkeit der Situation, beginnend mit einem düsteren Piano, das sich zu einer kraftvollen Rockballade steigert.

Lesen Sie auch: Interpretation von Gewitterregen

"Gewitterregen": Ein Lied für die Ewigkeit

Schon im 1979er Song „Gewitterregen“ wurde die Vokabel „Ausgeträumt“ verwendet, im Jubiläumsalbum. Melancholisch und mit 80er-Synthie-Sounds produziert, geht es um eine „Reise ohne Plan“ und bei der man „nie ankommt“ - wehmütig blickt der Protagonist an bessere Zeiten zurück - ein Song wie er inhaltlich und produktionstechnisch in die Glanzzeiten von KARAT gepasst hätte.

Wenn es Musik gibt, die als Aushängeschild für die DDR hergenommen werden konnte, so war es die Musik von Karat. Von ihrer vielen Musik bliebt mir eins im Sinn. Der „Gewitterregen“ ist eins der ungewöhnlichsten Lieder, die ich jemals im Radio gehört habe. Und so blieb mir das in Erinnerung.

Und Erinnerung ist das richtige Stichwort. Denn genau darum geht es in dem Lied. Die Erinnerung an eine kurze Sommer-Romanze. Er erinnert sich an sie, wie sie ihm vor einem Jahr Ende Sommer gab, was er von ihr wollte. Die beiden waren so verliebt und verzaubert, dass sie den Regen gar nicht bemerkten. Der Regenguß schlug hart auf sie nieder. Und Wolken zogen Richtung Süden. Aber wenn ihn jemand fragt, was daraus geworden ist, dann sagt er ohne Scheu, dass er ausgeträumt hat. Er weiß nicht mal ihren Namen, den er in der Ekstase rief. Er fällt ihm nicht mehr ein. Es ist halt vorbei. Er sieht den Regen und die Wolken. Und es ist so, als ist da noch etwas ganz weit oben. Ja, so schnell kann es gehen. Das war eine wirklich kurze Romanze.

Aber so etwas soll es geben. Die Geschichte ist das Eine, die Musik ist das Andere. Wir bewegen uns hier von 7/8-Takt zu 3/4-Takt und zu 4/4-Takt. Das ist eine ganz feine Musik, die einen schwelgen und tanzen und mit dem Kopf nicken lässt. Für mich eins der schönsten Lieder, die es in der DDR gab. Dabei soll das Lied von der bulgarischen Folklore beeinflusst sein.

Der „Gewitterregen“ befindet sich auf der zweiten Seite der LP „Über sieben Brücken“ aus dem Jahr 1979. Damals hatten sich die Musiker noch etwas getraut. Und deren Plattenfirmen auch. Gut, in der DDR gab es eben nur die AMIGA. Aber allein schon diese aberwitzige Instrumentierung in dem Lied erfordert ziemlichen Mut. Leider ist das Lied aus dem Bewusstsein vieler verschwunden. Zu sehr wurde es mit dem „Blauen Planeten“ oder mit dem „Schwanenkönig“ oder mit „Über sieben Brücken musst du geh’n“ überdeckt.

Das Lied Gewitterregen von Karat erzählt von einer intensiven, aber flüchtigen Sommerliebe, die im Zeichen eines Gewitters steht. Zu Beginn beschreibt der Protagonist, wie er endlich das bekommen hat, was er sich in seinen Träumen gewünscht hat. Diese leidenschaftliche Beziehung findet in einer Sommernacht statt, die von einem Gewitter begleitet wird. Das Gewitter wirkt hier symbolisch, da es sowohl Leidenschaft als auch Unberechenbarkeit und flüchtige Momente im Leben darstellt. Der Protagonist beschreibt die Schönheit der Nacht und wie verliebt er und seine Partnerin waren. Er erwähnt, dass sie den starken Regen nicht einmal wahrgenommen haben, was darauf hindeutet, dass die Liebe die Herausforderungen des Lebens überwunden hat.

Jedoch ändert sich der Ton des Liedes, als der Protagonist sich an das Vergangene erinnert. Er reflektiert über den Verlust der Liebe und stellt fest, dass von dem intensiven Erlebnis kaum etwas geblieben ist. Auf die Frage, wo sie hingegangen ist, antwortet er, dass er nur „ausgeträumt“ habe, was seine inneren Konflikte und die Vergänglichkeit der Erinnerung unterstreicht. Insgesamt steht der Regen für gemischte Emotionen - von Freude bis Trauer - während die Wolken das Gefühl von Enttäuschung und Verlust symbolisieren.

Die Bedeutung von Unplugged-Konzerten

Wenn man von einem Akustikkonzert spricht, bedeutet das Konzert ohne Strom. Unplugged bedeutet also, den Stecker aus der Steckdose ziehen. Von den meisten Hallenkonzerten kann davon jedoch keine Rede sein. Claudius Dreilich von der Band Karat hat am Freitag, dem 11. Dezember 2015 im Geraer KUK das versucht. Ohne Strom, nur begleitet von Gitarre und Percussion, erklingt in der sogenannten Unplugged-Version "Der Schwanenkönig". Das geht unter die Haut. Ungewohnt sei es, ruhig auf der Bühne zu sitzen, so der Frontmann, und die anderen nicken ihm zustimmend zu. "Entschuldigt, wenn es mich manchmal nicht auf dem Stuhl hält", bittet Claudius Dreilich das Publikum. Selbstverständlich bekommt er dafür Beifall.

„Magisches Licht“, „Gewitterregen“ und „Blumen Aus Eis“ klingen etwas anders, aber werden sofort von den Zuhörern erkannt und mit Klatschen begleitet. Anders verhält es sich mit "Jede Stunde", hier spannen die Musiker die Zuhörer etwas auf die Folter, denn ungewohnte Klänge, an Blues und Country erinnernd, leiten die akustische Fassung ein. Claudius Dreilich geht zum Publikum und bittet den 9-jährigen Ole, der mit Omi und Opi zum Konzert gekommen ist, mit auf die Bühne.

Im 40. Jahr der Band erinnert Claudius an das 25-jährige Jubiläum von Karat. Damals sollten die Kinder der Bandmitglieder musikalisch auf der Bühne gratulieren. "Das war übrigens der erste gemeinsame Auftritt mit Karat auf der Bühne", erinnert er sich mit dem Lied "Abendstimmung". Lieder des aktuellen Albums "Seelenschiffe" dürfen an diesem Abend nicht fehlen.

Das 40. Jubiläumsjahr ist für Karat einmalig, erzählt der Frontmann stellvertretend für alle Bandleute. Vor 11 Jahren hat es sich Claudius nach dem Ableben seines Vaters Herbert nicht leicht gemacht, die Nachfolge anzutreten. "Er ist bei jedem Konzert hier, mein Papa ist hier". Gänsehautstimmung kommt mit der Erinnerung an Herbert Dreilich auf. "Mich zwingt keiner auf die Knie" erzeugt auch an dieser Abend Beifallschöre."Der Albatros … kennt keine Grenzen" folgt auf dem Fuße. Claudius begeistert als Frontmann, Teamplayer und Moderator gleichermaßen. Es macht Freude, ihm zuzuhören.

"Ich will nicht mehr dein Narrenkönig sein", heißt es im Lied "In Deiner Galerie", das im Jahre 1986 mit dem Album "Fünfte Jahreszeit" erschien. Viele Karatklassiker erklingen an diesem Abend im neuen Gewand, und das auch mit eingestecktem Stecker. Kein Hit der Band wird ausgelassen. "Das Original von 'Über sieben Brücken musst du geh 'n' ist bei uns", freut sich Claudius und übt den Refrain mit dem Publikum. Das Lied bildet den Abschluss der Show. "König Der Welt" und ein umjubeltes emotionales Solo des Songs "Sieben Leben" von Claudius Dreilich beschließen den Karat-Abend. "Ich komm wieder", heißt es im Song - ein Versprechen, das die Band sicher einhalten wird. Es ist übrigens das Abschlusskonzert im 40.

"Gefährten des Sturmwinds": Ein weiteres Meisterwerk

Das Lied „Gefährten des Sturmwinds“ ist eins der beeindruckendsten Lieder von Karat, den Idolen der Rockmusik der DDR. Mystisch, verspielt, ein sagenhafter Text und mit einer Brachialität, wie man sie nicht erwartet hatte. Karat hatten mit dem Album „Blauer Planet“ Maßstäbe gesetzt, die das Lied absolut bestätigte.

Für mich ist „Gefährten des Sturmwinds“ so ziemlich das beste Stück der DDR-Musikgeschichte. Es war nie Single oder so etwas. Herbert Dreilich erzählt in diesem Lied die mystische Geschichte des Sturms. Man soll mit ihm gehen, und er klopft auch bei ihm an der Tür. Er erzählt weiter, dass er immer auf der Suche war. Er verspürte den Hunger nach Freiheit, und hat niemandem von seinen Träumen erzählt. Er bleibt still und treibt dahin. Und er träumt immer wieder von den Fluten. Er geht durch den Sturm, denn der wartet auf ihn.

„Die Gefährten des Sturmwinds“ fangen recht leise an. Die gesamte Rhythmik ist nicht der typische 4/4-Takt. Hier haben wir es mit einem Rumba-ähnlichen 6/4-Takt zu tun. Beeindruckt hatten mich als Kind immer die mystischen Stimmen. Die ganze Band findet sich hier zum Satzgesang zusammen, der aber kolossal verfremdet ist. Es hört sich an, als ob das Gesungene rückwärts abgespielt wird. Das Lied baut sich immer weiter auf und gipfelt nach dem zweiten Refrain in einem grollenden Break. Es ist das Thema, dass man vom Fremden und Unbekannten überrollt wird und das in allen Facetten spüren möchte. Es ist auch die Geschichte vom Fernweh, das nie gestillt wird.

Im Kontext des Antikriegsalbums „Der blaue Planet“ und dem Wissen darum, dass eine explodierte Atombombe eine gewaltige Druckwelle erzeugt, bekommt das Lied aber auch eine weitere Bedeutung. Man muss sich dem Kriegsgeheul entgegen stellen, muss weitermachen. Und nur zu Zeiten des Friedens ist man am Ende frei. So mystisch das Lied klingt, so mystisch ist auch sein Inhalt. Ich denke, jeder kann sich selbst einen Reim darauf machen.

Der Sturmvogel Albatros mit seinen mächtigen Schwingen hat schon viele Künstler inspiriert. Im Pop entstanden zwei ganz besondere Songs: 1968 schrieb Gitarrist Peter Green für Fleetwood Mac sein unsterbliches, schwebendes Instrumental. Elf Jahre später ließ die Berliner Band Karat auf dem Album „Über sieben Brücken“ ihren Albatross steigen.

Keyboarder Ulrich Swillms, der „Ed“ genannt wurde, fand eine eigenartige Tonfolge auf dem Synthesizer, spielte Streicher dazu, sang beim Komponieren eine Melodie, bevor er noch ein mächtiges zweistimmiges Gitarrenthema im Mittelteil einwob. Dazu ließ der Text aufhorchen. Denn Herbert Dreilich besang hier einen Vogel, der mit seinem Freiheitswillen alle Schlösser und Riegel, alle Fesseln und Ketten sprengt - „Gefangenschaft heißt für ihn Tod“.

Laut Karat-Gitarrist Bernd Römer ging der Text von Norbert Kaiser bei den DDR-Kulturbehörden nur durch, weil er als Anklang an Pablo Nerudas Ode vom „Gemordeten Albatros“ gehört werden konnte; Solidarität mit den Sozialisten in Chile war damals ein großes Thema im DDR-Rock. Der Song hat bis heute nichts von seiner Kraft verloren, passte mit seinen mehr als acht Minuten Spieldauer aber nicht ins Radio, anders als Titel wie „König der Welt“, „Über sieben Brücken“, „Gewitterregen“, „Schwanenkönig“, „Der Blaue Planet“ oder „Jede Stunde“ - allesamt Karat-Hits jener Jahre, alle komponiert von Ed Swillms.

Der Musiker, 1947 in Berlin geboren, hatte schon ab 1962 die Spezialklasse der Hochschule für Musik besucht, studierte Cello und Klavier. Doch kurz vor dem Abschluss packte ihn der Pop. Swillms spielte in den Semesterferien am Klavier Soulmusik in Bars. Er stieg bei der Band Die Alexanders ein. Eine frühe, nur im Fernseharchiv erhaltene Aufnahme zeigt schon 1970, wohin seine musikalische Reise gehen würde: Im Instrumentalstück „Kloster Chorin“ spielte er Cembalo und Orgel; Herbert Dreilich steuerte ein jazziges Gitarrensolo bei. Beide Musiker spielten bei der Jazzrock-Gruppe Panta Rhei weiter zusammen. Von Swillms stammt das programmatische „Alles fließt“ - eine soulige Progrock-Nummer, die auch von Colosseum oder King Crimson hätte stammen können.

Als der Zuspruch zu vertrackten Klängen nachließ, fanden sich Dreilich und Swillms ab 1975 bei Karat wieder zusammen. Die elegisch-schwärmerischen Keyboard-Klänge von Swillms, die weiche Stimme von Herbert Dreilich und die metaphernreichen Texte von Norbert Kaiser ergaben einen Dreiklang, der Karat zur erfolgreichsten DDR-Band jener Jahre machte. Ihre erfolgreichste Nummer, „Über sieben Brücken musst du geh'n“, war als Begleitung eines gleichnamigen Fernsehfilms entstanden und von Helmut Richter getextet worden. Karat hatten das Stück frühmorgens in einem Übertragungswagen des DDR-Rundfunks aufgenommen. Das Cover von Peter Maffay baute ihnen die Brücken gen Westen - Karat verkauften Millionen Alben, spielten in der Waldbühne und gastierten bei „Wetten, dass ..?“. Ihre Alben spielten der DDR so viele Devisen ein, dass sich der Druck auf die Band erhöhte. Karat sollten möglichst alle zwei Jahre ein neues Album abliefern.

Nach 1986 gab es keine Komposition mehr von Ed Swillms zu hören. Der klassisch geschulte Ed Swillms, der sehr penibel arbeitete und ausgefeilte Partituren seiner Stücke schrieb, konnte und wollte keine Einfälle erzwingen. Er zeigte sich zudem genervt vom Tourstress mit den gefühlt endlosen Autofahrten und den billigen Hotelzimmern. Damit er in Ruhe komponieren konnte, stieg er live immer öfter aus. Karat engagierte zusätzliche Keyboarder - und zwar Hochkaräter wie Thomas Natschinski und Thomas Kurzhals, die auch Eigenes beisteuerten. Bis zum fünften Studioalbum „Die sieben Wunder der Welt“ 1984 aber stammten fast alle Kompositionen von Swillms - darunter alle wesentlichen Stücke, von denen die Band bis heute zehrt. Seit 1987 galt er aber nicht mehr als Mitglied von Karat - ohnehin hatte die Band damals stark an Bedeutung verloren. Denn schwelgerische Lieder über sterbende Schwäne passten kaum noch in die Zeit - Pankow, Silly oder City hatten da Schärferes zu bieten.

Warum es nach 1986 keine Komposition dieses hochbegabten Mannes mehr zu hören gab, gehört zu den Rätseln des ostdeutschen Pop. Swillms selbst erklärte in den raren Interviews, er wolle lieber zu englischen Texten komponieren und interessiere sich mehr für Blues und Soul. Doch angedachte Kooperationen, etwa mit der Soulsängerin Coco Fletcher, kamen nie zustande.

Live war er gelegentlich zu erleben, etwa mit der Jonathan Blues Band, ab 2005 auch als Gast bei Karat - stets umjubelt, denn die Fans wussten genau, wem sie all die Hits zu verdanken hatten.

Aus den Konflikten der Band hielt er sich heraus. Dass sich Karat Anfang des Jahres von zwei altgedienten Mitstreitern trennte, nämlich von Schlagzeuger Michael Schwandt und Bassist Christian Liebig, mit denen Ed Swillms noch gemeinsam gespielt hatte, nannte er leichtsinnig und verantwortungslos. Die letzten drei Studioalben von Karat, die in Richtung Schlager tendierten, hatte er sich nicht mal angehört. Der zurückhaltende, introvertiert wirkende Musiker ging so unauffällig, wie er auf der Bühne agiert hatte. Erst nach der Beerdigung am Montag, den 7. August, im engsten Kreise, wurde nun öffentlich, dass Ed Swillms schon am 27.

KARAT bleibt eine Band, die mit ihrer Musik Generationen verbindet und deren Lieder auch nach 50 Jahren noch immer berühren.