Als Kind fühlt sich wenig mehr besonders an, als heimlich länger aufzubleiben, um fernzuschauen. Auf dem Sender Eurosport hat in so einer Nacht dann einmal ein schwitzender Mann den blutenden Kopf eines anderen in Reißnägel getreten. So ist, zumindest bei mir, die Faszination Wrestling entstanden. Jedes Kind weiß, dass Wrestling nicht echt ist. Es geht nicht darum, wer gewinnt - nicht einmal darum, dass die gestellten Kämpfe besonders realistisch aussehen.
Wrestling: Mehr als nur Sport
In Ihrer bruchstückhaften Fragestellung erwähnten Sie die Kampftechnik, daher nehme ich an, Sie vergleichen Wrestling 1zu1 mit Sport. Dies ist die falsche Erwartungshaltung, eine Frage an Sie: Wenn Sie einen Film der Rocky-Reihe ansehen, suchen Sie dann Rocky Balboa in den Ranglisten von WBO etc. oder kritisieren Sie an Sylvester Stallones/Dolph Lundgrens Boxtechnik herum? Ich hoffe nein, wobei Sie damit garantiert die Lachnummer in jeder Filmdiskussion wären. Worauf ich hinauswill: Wrestling ist Grenzgänger zwischen Sport und Unterhaltung und somit eigenständig in der Welt des Entertainment.
Sie wollen bestimmt alles gerne vereinfacht haben und alles in eine Schublade stecken, jedoch liegen Sie, egal bei welcher Schublade, hier daneben. Ich glaube, Sportfilme wie Rocky, Karate Kid oder ähnliche kommen dem Wrestling selbst zumindest am Nähesten. Stellen Sie sich vor, Sie sehen, wenn Sie Wrestling gucken wollen, eine TV-Serie, in dem es um eine Wrestlingliga und die dort auftretenden Wrestler geht. In diesem "Entertainment-Kosmos" wenn man so will entwickeln sich die Charaktere der Wrestler von Woche zu Woche weiter, es gibt Differenzen untereinander, die am Ende im Ring gelöst werden. Es gibt Allianzen untereinander, verschiedenste Arten von Charakteren, die quasi alle Film-Genres bedienen etc..
Während jedoch das Ende eines Films oder einer Serienstaffel einen Abschluss darstellt (die Rollen haben ihre Geschichte erzählt --> Ende) müssen beim Wrestling die Charaktere nach Abschluss einer mehrwöchigen/mehrmonatigen Handlung weiterhin sinnbringend eingesetzt werden. Hier kommen die Titelgürtel ins Spiel, alle Wrestler befinden sich quasi in einer Rangliste (wie beim Boxen), Ziel aller ist es über kurz oder lang, sich einen Titel zu holen. Und diese Rangliste verändert sich stetig. Das ist der Reiz der Handlungen, denn Charaktere wachsen, verändern sich, kämpfen für ihre Ziele über Jahre. So funktioniert Unterhaltung, deshalb schauen wir auch Filme und Serien, weil diese genau so funktionieren.
Sie werden jetzt bestimmt sagen: "Aber wieso ist Wrestling Sport?" Weil sich Sport eben nicht rein aus sportlichen Wettkampf definiert. Der Sport im Wrestling definiert sich über Athletik, Kraft und Akrobatik. Alle Wrestler sind trainiert, denn ein trainierter Körper beugt am Besten Verletzungen vor, jeder falsch berechnete Sturz oder Fehler kann theoretisch den Rollstuhl oder schlimmer bedeuten. Googeln Sie z. B. nach Darren Drozdov oder Mitsuharu Misawa wenn Sie mir nicht glauben.
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Natürlich ist das Ende vorgegeben (jeder Fan weiß das), aber ich frage mich, weshalb Sie nicht sehen können/wollen was Wrestler leisten und riskieren müssen, um die Zuschauer zu unterhalten. Und zur Kampftechnik: Natürlich gibt es die. Aber jeder Teilnehmer eines Matches sollte herausragende Momente haben, deshalb gehen mehr Aktionen durch als beim Boxen o. ä. wo alles von der Deckung abgefangen wird. Das erfordert die Geschichte, die die Wrestler auch während eines Matches erzählen. Da spielt auch der Realismus diverser Aktionen im Vergleich zu einem realen Kampf keine Rolle, es ist eben Entertainment. (wer fühlte sich z. B. nicht von Bud Spencer & Terrence Hill unterhalten? Wieviel Realismus war denn da dabei?)
Der Stil selbst geht in immer spektakulärere Sphären, was ich auf gewisse Art und Weise schade finde, in den 70ern/80ern war mehr Realismus in den Matches, Wrestler hatten in einem 20-Minuten-Kampf 5 Stürze auf den Rücken und dennoch wurde das Match als gut bewertet. Mir gefällt der heutige Stil schon mit vielen High-Flying-Aktionen etc, finde jedoch die Mischung machts. Unterm Strich ist Wrestling eine grandiose Unterhaltung für Jung und Alt, ein Entertainmentkonzept, dass sich bewährt hat (WWE RAW ist die am längsten am Stück laufende wöchentliche TV-Sendung der Welt, seit 1993).
Andere schauen gerne Superheldenfilme, spielen irgendwelche Konsolenspiele, verfolgen Serien wie Walking Dead oder schauen Filme wie Tribute von Panem oder Herr der Ringe. Sind alles ausgedachte Geschichten, die auch noch in Fantasiewelten spielen. Wrestling ist eine Stuntshow, die in einem Ring vor Livepublikum performt wird... und: alle Wrestler machen ihre Stunts selbst. Man ist alles zusammen: Athlet, Stuntman, Entertainer, Schauspieler. Ihnen, lieber Peter, muss es ja nicht gefallen. Vielleicht glauben Sie mir auch garnicht wenn Sie diese Zeilen lesen.
Die Realität hinter den Kulissen
Dass ein Wrestlingmatch kein richtiger Kampf ist, ist ein offenes Geheimnis. Der Sieger steht im Vorwege fest, beide Wrestler kämpfen nach einem vorher mehr oder weniger festgelegten Drehbuch. Der Veranstalter eines Kampfes entscheidet, wer den Kampf gewinnt, während die Wrestler vorab oder im Ring das Geschehen bestimmen. Die Illusion, dass Wrestling echt ist, wird im Englischen „Kayfabe“ genannt und wurde Jahrzehnte lang von den Akteuren mit allen nötigen Mitteln gewahrt.
Trotzdem ist Wrestling bei weitem nicht ungefährlich. Die Landung nach einem Sprung vom obersten Ringseil tut weh, Drehbuch hin oder her. Handkantenschläge auf die Brust tun weh und klingen beeindruckend, sind aber weitestgehend gefahrlos. Dennoch riskieren Wrestler bei jedem Auftritt ihre Gesundheit, obwohl sie im Ring alles tun, um einander zu schützen. Wird einer auf den Ringboden befördert, erhält der vom Gegner meist einen Klaps oder Ähnliches als Signal, die Muskulatur anzuspannen. Das soll Verletzungen vorbeugen, ist aber trotzdem immer noch mit großem Risiko verbunden. Geht im Ring etwas schief, wirft der Ringrichter beide Arme als „X“ in die Höhe, das Zeichen, dass sich jemand ernsthaft verletzt hat.
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Die Tragödien der Von Erichs
Im Gegensatz zu den im amerikanischen Wrestling oftmals verwendeten Storyline-Familien waren die Von-Erich-Brüder wirklich miteinander verwandt, auch wenn ihr eigentlicher Nachnahme Adkisson lautet. Noch größer als der sportliche Erfolg waren die mit ihnen verbundenen Tragödien. So verstarb David Von Erich im Alter von 25 Jahren an einer verschleppten Gastroenteritis im Schlaf. Kerry Von Erich musste nach einem Motorradunfall ein Fuß amputiert werden, was ihn nicht davon abhielt, weiter im Ring aufzutreten. Nach dem Ende seiner Ehe und einer Verhaftung wegen Drogenbesitzes beging er mit 32 Jahren auf der Ranch seines Vaters Suizid. Mike Von Erich verstarb durch eine Medikamentenüberdosis, er wurde 33 Jahre alt.
Die WWE und ihre Angestellten
Zurzeit beschäftigt die WWE 705 Angestellte auf Vollzeit und hat neben Gesundheitsleistungen zusammengerechnet $82.15 Millionen an Gehältern gezahlt ($106,000 im Durchschnitt). Ingesamt hat die WWE außerdem 156 Wrestler und Darsteller unter Vertrag, davon 88 im Main Roster und 68 im Entwicklungssystem. Diesen Sportlern und Akteuren zahlte man insgesamt $39 Millionen an Gehältern ($250.000 der Durchschnitt) und dabei soll kein Wrestler, der den vollen Dienstplan hinter sich gebracht hat, weniger als $100.000 verdient haben. Damit gehen insgesamt 8.06% des gesamten Einkommens an die Darsteller und Sportler.
Verglichen mit NFL, NBA oder NHL Spielern ausgesprochen wenig, bei diesen Ligen erhalten die Sportler fast 50% des Gesamteinkommens. Zwar fehlen bei den angegebenen Gehältern wahrscheinlich Stars wie Dwayne Johnson, die im Jahr sicher ein paar Milliönchen machen, aber selbst mit diesen Riesengehältern klettert die Prozentzahl kaum auf 10%. Selbstverständlich hinkt dieser Vergleich, erklärt aber unter anderem wieso die WWE gegenüber anderen Sportarten soviel Profit abwirft.
Der Schlüssel ist der Mindestlohn den die WWE den Wrestlern zahlt. Dieser Lohn ist wesentlich geringer als der Lohn eines Sportlers in einem Sport wie Baseball oder Football, obwohl diese Sportler nicht ansatzweise so viel Geld reinholen wie WWE Superstars. Was die Wrestler außerhalb dieses Mindestlohnes verdienen errechnet sich aus PPV-Verkäufen, Merchandise-Artikeln, House Show Auftritten und Videos & Videospiele, in denen der entsprechende Wrestler auftaucht. Weiter bekommen Wrestler keinen Anteil an TV-Honoraren, was, sofern man die WWE als Sport ansieht, der Einnahmezweig ist, der das meiste Potential für Wachstum mit sich bringt.
Die deutsche Wrestling-Szene
Seit längerer Zeit empfinde ich, dass Wrestling in Deutschland kaum noch jemanden interessiert. Als ich selbst noch zur Grundschule ging, kannte ich Wrestling nicht. Ich wusste aber, dass meine Klassenkameraden jeden Move kannten und sich selbst Championshipgürtel bastelten. Ich hörte zwar einige Namen, wie z.B. Lex Luger, Hulk Hogan etc., konnte aber selbst nicht mitreden. Es vergingen einige Jahre, ich interessierte mich weiterhin nicht für Wrestling. Ab und zu lief mal ein Kampf auf Eurosport oder DSF. Ich selbst fing dann ziemlich spät (erst im Jahr 2000 glaube ich) an WWF zu schauen. Auf TM3 (heute Tele5) lief Raw und Smackdown in voller Länge. Jede Woche konnte ich mich für The Rock, Stone Cold etc. begeistern. Es war großartig.
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Viele meiner Kollegen, die früher Wrestling geguckt haben, hatten mittlerweile erwachsenere Hobbies. Hat mich aber nicht weiter gestört. TM3 hat aufgehört Wrestling auszustrahlen. Es gab erstmal kein Wrestling mehr. Für Jahre. Als Jugendlicher ohne Geld und ohne Premiere (heute SKY) war für mich damals das Thema Wrestling beendet. Das Produkt war bekannt und beliebt. Demnach müssten Merchandiseverkäufe anständig gewesen sein. Man konnte mit Wrestling Werbung machen, Geld verdienen und es gab Zeitschriften. Plötzlich verschwindet Wrestling völlig. Für Jahre. Die Fans warten natürlich nicht ewig auf die Wiederkehr. Das Leben geht auch ohne WWF weiter.
Nach einiger Zeit tauchte dann Smackdown aus der Versenkung wieder auf. Das war aber bei Leibe kein Grund zur Freude. Mittlerweile hat sich nämlich etwas getan. Smackdown und Raw sind jetzt 2 Unterschiedliche Roster, die beliebteren und "besseren" Wrestler sind alle bei Raw. Ich fühlte mich betrogen. Außerdem kamen mir die Sendungen so kurz vor und es machte nicht mehr so viel Spaß WWE zu verfolgen. Woran das lag? Ich fand das schrecklich. Ich blieb auch weiterhin für Jahre weg vom Wrestling, zumal mein Lieblingswrestler von damals nicht mehr da war (ich war The Rock Jünger).
Denken wir hier ökologisch, dann hat man die komplette zahlende Fanbasis vergrault. Die Fans von damals mussten zwangsweise entwöhnt werden und sind vermutlich für Smackdown nicht zur WWE zurückgekehrt. In der Zwischenzeit (heute auch noch) hat sich das Produkt in Deutschland fast ausschließlich ins Pay-TV verlagert. In den 90'er Jahren haben 30% der Haushalte in Amerika einen Pay-TV Anschluss gehabt. Und Deutschland? Ich will gar nicht wissen wie Sky dastehen würde ohne die Bundesliga. Der deutsche Markt funktioniert anders als der amerikanische. Und das hat die WWE in fataler weise verkannt.
Die WWE hat sich aus dem Free-TV (hohe Bekanntheit, gutes Merchandise, gute Abverkäufe von Tickets bei Live Shows, dafür wenige bis keine PPVs) ins Pay-TV Segment verlagert (wenig Bekanntheit, leere Hallen, dafür höhere Linzenzgebühren von Sky). Ich kann nicht sagen, ob die WWE durch die Lizenzvergabe an Sky vielleicht sogar mehr einnimmt, als früher. So recht glauben daran kann ich nicht. Ich muss also die Frage, ob Abstieg oder nicht, für mich mit "Ja" beantworten. Vielleicht finden einige hier meine Argumente schlüssig und stimmen mir zu. Andere sind eventuell komplett anderer Meinung, was durchaus sein kann, weil nicht alles Recherche ist, sondern manches auch Anekdotenwissen.
Westside Xtreme Wrestling (wXw)
Die größte Wrestling-Promotion in Deutschland ist Westside Xtreme Wrestling (wXw). Die wXw ist im Vergleich zum Marktführer dennoch recht klein. Das US-amerikanische World Wrestling Entertainment (WWE) hat zum Beispiel erst unlängst in den USA Fernsehverträge über zwei Milliarden Dollar unterzeichnet und steht unangefochten an der Spitze der Wrestlingwelt. WWE-Shows sind stark von Soap-Opera-Elementen geprägt, auch viele andere Promotions haben ihren eigenen Stil. In den mexikanischen Ligen wie CMLL oder AAA steht eine schnelle Kampfart mit vielen Flugmanövern im Vordergrund, genannt Lucha Libre. In Japan zeichnet sich New Japan Pro Wrestling durch harte Schläge aus, bekannt als Strong Style.
Als eine der größten Promotion in Europa hat die wXw großen Anteil am Karriereweg einiger der aktuell gefragtesten Wrestler. Die WWE-Stars Seth Rollins (früher Tyler Black), Daniel Bryan (Bryan Danielson) oder Aleister Black (Tommy End) hielten den höchsten Preis der wXw, die wXw-Championship. Auch die Deutschen Stars Alexander Wolfe (Axel Tischer) und Marcel Barthel (Axel Dieter Jr.) haben ihre ersten großen Karriereschritte bei der wXw gemacht.
