Ein Schlag auf den Hinterkopf fördert das Denkvermögen - so der platte Spruch gewaltbereiter Mitmenschen. Jetzt fordert die British Medical Association (BMA) in einem neuen Bericht, dass nicht nur Amateur- und Profi-Boxen komplett verboten werden sollen, sondern auch die gemischten Kampfkünste, kurz MMA (mixed martial arts). Dabei sind Treten und Schlagen ebenso erlaubt wie Griffe und Würfe.
Die Gegner sind dabei durch nur wenige Regeln beschränkt. Das Ziel: Den Gegner zu besiegen, bis dieser aufgibt, ohnmächtig wird oder der Schiedsrichter den Kampf abbricht. Laut BMA verursacht Boxen schwere Hirnschäden, heftige Blutungen im Gehirn und den Augen, sowie Ohren- und Nasenverletzungen.
Eine Folge des Boxens seien aber nicht nur akute, sondern auch chronische Gehirnverletzungen, schreibt die BMA in ihrer Veröffentlichung. Stark geschädigt werden beim Boxen auch die Gehirnzellen. So stellten Forscher der Universität Göteborg fest, dass selbst bei Amateurboxern die Rückenmarksflüssigkeit in den Tagen nach einem Kampf erhöhte Werte bestimmter Stoffe enthält, die auf Verletzungen von Neuronen und anderen Hirnzellen hinweisen.
Diese Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler vergangenes Jahr im Fachmagazin "Archives of Neurology". Der Ruf nach einem Boxverbot kommt kurz vor Beginn eines Box-Events in London. Dort findet am kommenden Samstag ein Ultimate Fighting Event statt, eine Sportart die auch zu den MMA zählt. "Ultimate Fighting kann extrem brutal sein, und wird auch als `menschlicher Hahnenkampf` beschrieben", sagt Vivienne Nathanson, bei der BMA zuständig für Wissenschaft und Ethik.
Die Mixed Martial Art gilt als die gefährlichste Sportart der Welt. Doch Studien beweisen, dass Boxen ernstere Spätfolgen haben kann. Forscher der Universität Alberta haben Box-Verletzungen analysiert, die sicher seltener vorkommen und weniger schockierend sind, aber sehr ernste Schäden verursachen können wie z.B. Hirntrauma.
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Die Größe der Handschuhe ist einer der wichtigsten Faktoren, die für die Abweichung der Verletzungen sorgen. Die offenen Handgelenke bei der MMA ermöglichen eine leichtere Verletzung des Gegners, doch die Boxhandschuhe ermöglichen keine Griffe und es liegt alles in der Schlagkraft.
Was das Gehirn angeht eindeutig Boxen, da dort der Kopf die hauptsächliche Trefferfläche darstellt, man mit dicken Handschuhen mit voller Kraft zuschlagen kann ohne sich selbst zu verletzen und man durch die Niederschlagsregeln weniger schnell K.O geht. Hört sich paradox an, aber ein Profiboxer bekommt oft 12 Runden lang immer wieder harte Schläge zum Kopf was auf Dauer wesentlich schädlicher ist als ein mit dünnen Handschuhen geführter sauberer Schlag der einen kurz und schmerzlos schlafen schickt. Auch das Ground und Pound sieht beim MMA oft brutal aus, dabei werden aber nicht mal ansatzweise so starke Kräfte entfaltet wie bspw. ein Haken beim Boxen.
Boxen ist im Grunde auch ein Teil von MMA. Allerdings gibt es beim MMA auch viel mehr Wege den Sieg zu erringen. Und wenn im MMA bei einem Kämpfer die Lichter ausgehen, dann endet der Kampf. Da gibt es kein Anzählen. Ebenfalls wird der Kampf beendet wenn du nicht mehr genügend Gegenwehr leistest (intelligente Verteidigung). Dann gibt es den TKO.
Die vielen Kopftreffer bergen ein Risiko. Kritiker halten Free Fight oder Ultimate Fighting, wie MMA auch genannt wird, für eine brutale Schlägerei unter dem Deckmantel Sport. Jahrelang durfte das Fernsehen keine Käfigkämpfe zeigen. In Ostdeutschland glitten Kampf-Events in die rechte Ecke ab.
Doch MMA boomt. In den USA macht die Ultimate Fighting Championship (UFC) Kämpfer zu Millionären. Nach Deutschland tourt der Veranstalter „We love MMA“ jetzt auch durch Basel und Wien. Das Event in Berlin zieht erstmals vom Tempodrom in die Großarena um.
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Etwas mehr Anerkennung in Deutschland würde Häcker sich aber schon wünschen für seinen Sport, den viele als Schlägerei abtun. „Optisch ist der Anblick für die Leute gewöhnungsbedürftig, es gibt keine Kampfsportkultur wie in Osteuropa oder Amerika“, klagt er. Viele Zuschauer fasziniert aber gerade die rohe Gewalt an MMA. Trainer Behrendt stört sich an Voyeurismus.
Wenn Handykameras blutende Kämpfer filmen, stellt er sich in den Weg. „Wer Blut sehen will, der soll ins Schlachthaus gehen“, sagt er. Natürlich fließe beim Kampfsport oft mal Blut. Aber die häufigsten Verletzungen seien Platzwunden oder Nasenbeinbrüche, also nur oberflächlich. Beim Fußball oder Skifahren gehe es dagegen an Knochen und Bänder.
Behrendt zitiert Studien, die belegten, dass MMA für die Gesundheit nicht gefährlicher sei als Boxen. Dennoch hatte Behrendt seinem Schützling Häcker geraten, sein Abitur zu machen und dafür eine MMA-Pause einzulegen. Profi werden sei eher unrealistisch.
Was bedeutet MMA?
Mixed Martial Arts steht dafür, dass möglichst viele Kampfstile in einer Vollkontaktsportart vereint werden und dabei wenig Beschränkungen in Bezug auf Regeln gelten. Dazu zählen das Schlagen, Treten, Werfen, Clinchen, sogar Kopfstöße und der Bodenkampf. Bei Letzterem darf zudem auch geschlagen und getreten werden, was das Hauptunterscheidungsmerkmal zu anderen Vollkontaktsportarten darstellt.
Die Schlag- und Tritttechniken entstammen dabei hauptsächlich dem Taekwondo, Muay Thai, Boxen, Kickboxen und Karate. Generell entwickelten sich über die Jahrhunderte hinweg die verschiedensten Kampfstile wie Judo, Karate, Jiu-Jitsu und viele andere. Bei sogenannten Vale-Tudo-Kampfsportveranstaltungen Ende des 20. Jahrhunderts sollte ermittelt werden, welche Kampfsportart die beste ist.
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Nach zahlreichen solcher Vergleichskämpfe, meist zwischen Ringern und Boxern, entwickelte sich das „Shooto“ in Japan. Davon inspiriert wurde 1993 die Ultimate Fighting Championship (UFC) in den USA gegründet. Diese ist bis heute die größte Veranstaltungsreihe im MMA und prägte die Sportart maßgeblich. In Deutschland kam der Vollkontaktsport ein Jahr später an, als der neu gegründete MMA-Verband Free Fight Association (FFA) die ersten Veranstaltungen initiierte.
Auch wenn der Sport seitdem an Popularität gewonnen hat und es auch bekannte deutsche Größen wie Nick Hein (34) gibt, gilt MMA in Europa noch als relativ junge Sportart.
Wie sind die Regeln?
Die Kämpfer werden bei der UFC in zehn verschiedene Gewichtsklassen eingeteilt. Die Frauen kämpfen vom Strohgewicht bis zum Federgewicht, während die Männer vom Fliegengewicht bis zum Schwergewicht aktiv sind. Ein Kampf besteht aus drei Runden, die jeweils fünf Minuten dauern. Zwischen jeder Runde gibt es zudem eine Pause von einer Minute. Titelkämpfe werden in fünf Runden ausgetragen.
Ziel ist es, seinen Gegner zum Aufgeben zu zwingen, ihn k.o. zu schlagen oder so in die Mangel zu nehmen, dass sich der Schiedsrichter gezwungen sieht, den Kampf abzubrechen. Ein Sieg nach Punkten ist ebenso möglich wie ein Unentschieden.
Dass bei einem MMA-Kampf alles erlaubt sei, ist ein Vorurteil. So ist es beispielsweise verboten, den Gegner im Genitalbereich zu attackieren, zu beißen, an Nase und Ohr zu reißen oder in die Augen zu stechen. Insgesamt gibt es 31 Fouls, die zur Strafe oder dem Punktabzug bis hin zur Disqualifikation führen können.
Wenn das Thema MMA angesprochen wird, fallen oft Wörter wie brutal, unmenschlich oder gewaltverherrlichend. Der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maiziere betitelte den Sport einst als „abscheuliche Form der Menschendarstellung“.
Nicht zuletzt aufgrund von Negativschlagzeilen wurde 2010 ein Sendeverbot von Profikämpfen im deutschen Fernsehen verhängt. Dies wurde jedoch 2014 wieder aufgehoben, nachdem das Verwaltungsgericht München das Verbot für rechtswidrig erklärte.
Wegen all dieser Kritik gibt es daher zahlreiche Vorurteile gegenüber MMA. MMA-Fighter sind alle dumm? Keineswegs! In der Historie der UFC finden sich reichlich Athleten mit höherer Bildung, darunter u.a. Oft kommt das Argument auf, dass man auf wehrlos am Boden liegende Kämpfer einschlägt. Allerdings ist der Bodenkampf Teil des Sports.
Auch, dass das Boxen sicherer als MMA sein soll, kann man nicht verallgemeinern. Laut einer Studie der John Hopkins University School of Medicine ist die Wahrscheinlichkeit eines Knockouts beim MMA geringer, während die Belastung für den Kopf beim Boxkampf höher ist. Zudem ist auch die richtige Taktik entscheidend. Brutalität allein reicht nicht, den Gegner zu besiegen. In vielen Fällen sind MMA-Kämpfer Quereinsteiger. Sie bringen meist Vorerfahrungen aus anderen Kampfsportarten mit, beispielsweise Judo oder Kickboxen.
Viele Vereine bieten Kurse für Neueinsteiger an. Zu Beginn werden die Techniken und Grundwerte beigebracht. Als Regel Nummer eins gilt es, Respekt für den Gegner zu zeigen. Risikoreiche Griffe oder Schläge dürfen sind nicht erlaubt und wenn der Gegner aufgibt, muss man ihn sofort loslassen. Außerdem steht immer die Technik und nicht die Kraft im Vordergrund.
Verletzungsrisiken im Vergleich
Ein Interview mit einem Facharzt verdeutlicht die unterschiedlichen Perspektiven auf die Verletzungsrisiken im MMA und Boxen:
Dr.M.: Als Arzt hat man bei Boxkämpfen immer mehr zu tun als beim Kickboxen, da beim Boxen häufiger schwerere Verletzungen auftreten. Der Grund dafür ist, dass beim Boxen ausschließlich auf den Kopf geschlagen wird, während beim Kickboxen der Kämpfer einen großen Teil des Kampfes mit Fuß- und Armblocks beschäftigt ist.
Dr.M.: Beim Boxen wird dauernd auf den Kopf geschlagen, weil Körpertreffer weitgehend wirkungslos sind. Beim Kickboxen wird oft versucht mit einem Kick den Gegner KO zu schlagen. Der Kick ist aber in der Regel langsamer als der Faustschlag und kann dadurch effektiv abgewehrt werden. Wenn allerdings ein Kick einmal den Kopf trifft, dann führt dies meiner Erfahrung nach oft zum sofortigen KO.
Der Boxsport zeichnet sich dadurch aus, dass ein Kämpfer angezählt werden kann. In diesem Fall muss man davon ausgehen, dass der Boxer zu mindestens schon eine kleine Gehirnerschütterung erlitten hat. Oft sind sie danach für Minuten nicht mehr richtig Herr ihrer Sinne und zeigen unkoordinierte Bewegungen. Dennoch geht der Kampf direkt weiter - ohne eingehende medizinische Untersuchung.
Dr.M.: Nein, denn wenn man sieht, dass der Bodenkampf auch eine Möglichkeit ist sich zu verteidigen, dann hat das nichts damit zu tun, dass man auf einen „Wehrlosen einschlägt“.
Dr.M.: Ja, ich denke, wenn man vom Boxen kommt kann man sich das einfach nicht vorstellen. Aber wenn man es ein paar Mal selbst gesehen hat, dann ist das schon ein erheblicher Unterschied. Der unten Liegende ist ja nur scheinbar im Nachteil. Dies sehe ich jetzt auch anders als am Anfang, wo ich mich noch nicht richtig mit Mixed Martial Arts auseinandergesetzt hatte. Also ich hätte keine großen Bedenken, dass durch die Schläge auf den Kopf eines am Boden liegenden Kämpfers es zu einer gefährlichen Hirnschädigung kommt.
Dr.M.: Das war wie gesagt 1998 und da waren diese Veranstaltungen ja noch ungeregelt und heute sind es ja geregelte Kämpfe und ich kann mir auch einfach vorstellen, dass in der Ukraine ein anderes medizinisches Niveau herrscht als hier. Bei den Vorkehrungsmaßnahmen, die die UFC hier in Köln getroffen hat, es sind an dem Abend fünf Ärzte am Ring, wovon zwei Anästhesisten sind, die jahrelang leitende Oberärzte an der Uni-Klinik waren und jahrelange Intensiverfahrung haben. Wenn der verletzte Kämpfer eine Überlebenschance hat, wird er gerettet werden. Da müsste es schon wirklich mit dem Teufel zu gehen, wenn er auf dem Weg ins Krankenhaus verstirbt. Und dann steht noch ein komplettes Neurochirurgenteam bereit das nur für die UFC reserviert ist.
Dr.M.: Das ist schon extrem gut! Durch diese fünf Ringärzte ist sichergestellt, dass wenn in einem Kampf etwas vorfallen sollte, immer noch genügend Ärzte da sind, um die weiteren Kämpfe zu betreuen. Normalerweise gibt es ja immer das Problem, dass sie am Ring nur einen Ringarzt haben und wenn da was passiert, dann steht der Ringarzt für den nächsten Kampf nicht mehr zur Verfügung. Hier in Köln könnten sie rein theoretisch drei Schwerverletzte hintereinander haben und selbst dann hätten sie immer noch genügend Ärzte am Ring, die die folgenden Kämpfe beaufsichtigen könnten. Fünf Ärzte, ein Notarzt vor Ort und ein komplettes Rettungsteam - also mehr können sie nicht tun.
Dr.M.: Die UFC behauptet ja, dass der Käfig die Kämpfer schützt. Ein Vorteil des Käfigs ist es sicher, dass der Kämpfer nicht aus dem Ring fallen kann. Während ich das beim Boxen eigentlich noch nie erlebt habe, kann ich mir das im MMA-Sport schon vorstellen. Jetzt wo ich mehrere MMA-Kämpfe gesehen habe, halte ich es schon für sinnvoll und sicherer, dass sie in einem Käfig stattfinden.
Dr.M.: Ja, in den 635 professionellen MMA-Kämpfen, die in der Studie der Johns Hopkins Universität untersucht wurden, ergab sich eine Verletzungsrate von 23,6 pro 100 Kampfteilnahmen und als häufigste Verletzungen wurden Riss-Quetsch-Wunden und Verletzungen der oberen Extremität festgestellt. Die Gehirnerschütterungsrate war erstaunlich niedrig, mit lediglich 3,3 Prozent. Es kamen keine Todesfälle in diesem Zeitraum vor, noch kam es zu schweren Sportverletzungen. Schwere Verletzungen sind z.B. bleibende Hirnschäden, Lähmungen, Extremitätenverlust oder dauerhafte Blindheit. Auch das Alter, Gewicht und die Kampferfahrungen führten statistisch gesehen nicht zu einer Erhöhung des Verletzungsrisikos.
Dr.M.: Nein, wissenschaftlich könnte man eher noch das Gegenteil belegen. Bedenkt man hierbei noch einmal, dass es im MMA-Sport im besagten Zeitraum keine Todesfälle oder Schwerstverletzungen gab, dann gibt es aus medizinischer Sicht keinen sachlichen Grund, der ein Verbot rechtfertigen könnte. Selbst die Gehirnerschütterungsrate liegt im professionellen Boxsport bei 11,5% und bei den geregelten MMA-Kämpfen lediglich bei 3,3%, was der Gehirnerschütterungsrate von internationalen Taekwondokämpfen unter Männern entspricht.
Dr.M.: Ich sag es mal so, wenn man die Sportler sieht, welche Risiken sie eingehen, wenn sie z. B. mit 300 km/h über die Straße fahren im Motorradrennen oder bei der Formel 1, das könnte man auch als ein Spektakel bezeichnen. Die Sportler sterben vielleicht nicht immer durch Fremdeinwirkung wie bei Boxkämpfen, aber dann indem sie irgendwo fallen oder gegen fahren. Auch andere Sportarten wie z.B. Fußball, Reiten und Skifahren müssten dann verboten werden, weil sie ein erhöhtes Verletzungsrisiko beinhalten. Wenn man diese Menschen schützen will dann müsste man also den kompletten Profisport verbieten.
Wenn man die Boxer oder die MMA-Sportler ganz neutral als Angestellte einer Sportindustrie sehen würde, dann müsste man auch deren Verletzungsrisiko und Todesrisiko mit denen von anderen Angestellten wie zum Beispiel von Bauarbeitern und Farmarbeitern vergleichen. Wissenschaftlich rechnet man das immer auf eine Millionen Teilnehmer hoch, um ein vergleichbares Ergebnis zu erhalten. Dann hat zum Beispiel ein Profiboxer in Nevada ein Todesfallrisiko von 220 zu 1.000.000, ein Bauarbeiter 251 zu 1.000.000 und ein Farmarbeiter 356 zu 1.000.000, d.h. das Risiko bei der Ausübung seines Berufes zu sterben ist beim Profiboxer geringer als beim Bauarbeiter oder beim Farmarbeiter. Meines Erachtens wird da einfach falsch argumentiert, man muss das in der Perspektive sehen, dass beide Angestellte sind und dann könnte man auch sagen der eine steigt lieber in den Ring, weil er dann statistisch eine höhere Überlebenschance hat, als wenn er auf dem Bau arbeiten würde oder auf einer Farm.
Dr.M.: Im letzten MMA-Kampf den ich gesehen habe, hat es mich sehr beeindruckt, dass ein Kämpfer der im Boxen eindeutig unterlegen war den anderen festgehalten und auf den Boden gezwungen hat. Also er hat versucht, mit einer anderen Technik aus seiner aussichtslosen Situation zu entkommen. Das finde ich schon sehr spannend. So eine Möglichkeit das Blatt zu wenden hat z. B. ein unterlegener Boxer nicht. Der kann nur weiter die Schläge einstecken und versuchen sich über die Runden zu retten. Der Übergang zum Bodenkampf ist für das deutsche Publikum wohl auch noch neu. Das Publikum geht dann wohl fälschlicherweise eher davon aus, dass es ein Boxkampf ist und wenn einer auf den Boden liegt ist dieser wehrlos und wird dann nach Strich und Faden vermöbelt.
Dr.M.: Ich denke, dass ich das als Sportmediziner beurteilen kann. Auf mich wirken die MMA-Kämpfer extrem durchtrainiert. Da ist kein Gramm Fett am Körper, sondern nur reine Muskelmasse. Von der Physis war ich schon sehr beeindruckt. In der Sendung wurde gesagt, die Kämpfer könnten keine Technik richtig korrekt ausführen. Ich denke aus Boxersicht mag das vielleicht nicht alles hundertprozentig gut sein. Aber dieser Kampfsport erfordert natürlich auch andere Techniken, weil man ja so viele verschiedene Möglichkeiten hat zu kontern. Meines Erachtens kann man da Boxen und MMA, mit ihren Techniken und all ihren Regeln, überhaupt nicht miteinander vergleichen. Es gibt ja auch Sportler im MMA, die aus anderen Disziplinen wie z.B. dem Karate kommen und dann selbstverständlich eine andere Schlagtechnik verwenden.
Dr.M.: Ja sehen Sie, die Kritik rührt meistens von einer unüberlegten und eingeschränkten Sichtweise auf diesen neuen Sport, der von vielen offensichtlich noch nicht richtig verstanden wird. Bei manchen ist es vielleicht auch eine „moralische Frage“, die ich hier nicht beantworten möchte.
Dr.M.: Also bei den kleineren Handschuhen im MMA-Sport wird wahrscheinlich schneller ein KO erzwungen. Während der Boxer durch die etwas schwereren Handschuhe oft Schläge gegen den Kopf bekommt, die ihn zwar schädigen aber nicht KO werden lassen. Diese permanenten Schläge sind meiner Meinung nach wie schon gesagt wesentlich gefährlicher für das Gehirn, als wenn sie einen Schlag bekommen und sofort KO gehen. Wenn sie beobachten, wie manche Boxer in der 5. oder 6. Runde gar nicht mehr wirklich wissen was sie tun sollen, wenn sie unterlegen sind und immer wieder klammern und immer wieder einen Treffer einstecken müssen, dann halte ich das für wesentlich gefährlicher. Im Übrigen sind die Boxhandschuhe ja auch nicht entwickelt worden um die Gegner zu schützen, sondern um die Hand des Schlagenden zu schützen.
Dr.M.: Ja, die Aufgabe im MMA-Sport hat keine negativen Konsequenzen für den Kämpfer, wohingegen es beim Boxen nicht der Wahrheit entspricht, dass sie nach einer Aufgabe als Boxer keine beruflichen Nachteile haben. Ein Boxer der aufgibt, kann eigentlich nie wieder wirklich boxen. Im Profibereich sind sie dann draußen. Also ich kenne da keinen dem es nicht richtig geschadet hätte. Das jüngste Beispiel ist ja Oscar de la Hoya, dem blieb nach seiner Aufgabe ja auch keine andere Alternative mehr, als mit dem Boxsport aufzuhören.
Dr.M.: Bei den Kämpfen, die ich gesehen habe, habe ich beobachtet, dass der Ringrichter direkt eingeschritten ist als er gesehen hatte, dass der untenliegende Kämpfer sich nicht mehr vernünftig verteidigen konnte. Und bei einigen Kämpfen gab es sogar sehr früh einen Kampfabbruch, was mich wiederum verwundert hat, da es beim Boxen definitiv weitergegangen wäre. Im Boxen hätte man den Kämpfer nochmal aufstehen lassen, hätte ihn angezählt und nach acht Sekunden wäre der Kampf weitergegangen. Nichtsdestotrotz wird ein Risiko bleiben. Null-Risiko gibt es in der Welt nicht. Eine Null-Risiko-Umwelt existiert in der Realität einfach nicht, auch wenn sie der Deutsche so gern hätte. Selbst wenn man davon ausgeht, dass alle Beteiligten während eines Kampfes Null Fehler machen, bleibt ein Restrisiko. Die Gesellschaft muss eine gewisse Menge an fatalen Ausgängen tolerieren, sowohl bei der Arbeit, als auch im Profisport. Jeder Einzelne muss überlegen, ob dies für ihn akzeptabel ist, wenn er sich in diese Situation bringt. Das ist dann die Entscheidung des Individuums - und dies nennen wir dann Freiheit.
Dr.M.: Ich glaube medizinisch ist das klar. Es gibt keinen medizinischen Grund MMA-Kämpfe zu verbieten. Da muss man nicht viel diskutieren, da liegen die Fakten auf dem Tisch.
Am Samstag lässt das amerikanische Unternehmen UFC in der Kölner Lanxess-Arena sein erstes großes kontinentaleuropäisches MMA-Event steigen. Prompt, beinah pawlowsch, gibt es Verbotsforderungen.
Was die Kritiker eint, ist die Behauptung, durch MMA käme es zu einer Brutalisierung der Gesellschaft. Oh, what a Befund! Schuld ist die Wirkung! Die Ursache kanns nicht sein, die hat nämlich ein Alibi - sie war zur Tatzeit mit uns zusammen!
Die Binsenweisheit, dass soziale Phänomene wie MMA nur unter bestimmten sozialen Bedingungen groß werden, unter Hartz IV und Wirschaftskrise, unter Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst, wird hierzulande nicht akzeptiert.
Entsprechend kenntnislos sind die Gerüchte, die über MMA kolportiert werden: Ohne Regeln ginge es da zu, Nazis und Deppen prügelten sich die Köppe ein. Dabei stimmt nichts davon: Das Regelwerk der UFC wie auch der deutschen Free Fight Association (FFA) sieht strenge Schutzbestimmungen und den Einsatz von Ringärzten vor.
MMA ist kein schöner Sport, das wird auch niemand behaupten. Aber es ist ein Sport. Und zum Programm der Olympischen Spiele gehörte er übrigens auch schon einmal: bis zum 6.
Sie wird gut besucht sein, die Kölnarena, an diesem Samstag. Nur wenige der 12.000 Plätze werden leer bleiben. Die Freunde der ungepflegten Männerrauferei werben seit Monaten in Internetforen für die erste Veranstaltung der UFC in Deutschlaschland. Sie wollen, dass ihre Sportart endlich rauskommt aus der Nische.
