MMA vs. Boxen: Eine vergleichende Betrachtung der Gefahren

Die Debatte um die Sicherheit und die potenziellen Gefahren von Kampfsportarten wie Mixed Martial Arts (MMA) und Boxen ist ein viel diskutiertes Thema. Ulitmate Fighting erreicht Deutschland. Am Samstag lässt das amerikanische Unternehmen UFC in der Kölner Lanxess-Arena sein erstes großes kontinentaleuropäisches MMA-Event steigen.

Was ist MMA?

Man kann "Mixed Martial Arts" (MMA) ruhig als eine aus verschiedenen Sportarten zusammengesetzte Kampfkunst übersetzen. Die Kämpfer benutzen Techniken des Boxens, des Kickboxens, des Ringens, des Jiu-Jitsu, des Judo und aller anderen denkbaren Kampfsportarten.

Regelwerk im MMA

Dabei stimmt nichts davon: Das Regelwerk der UFC wie auch der deutschen Free Fight Association (FFA) sieht strenge Schutzbestimmungen und den Einsatz von Ringärzten vor. Was nicht geht: Kopfstöße, Stiche in die Augen, Beißen, An-den-Haaren-Ziehen, Tiefschläge, Schläge auf Wirbelsäule oder Hinterkopf, Fersentritte in die Nieren, abwärtsgerichtete Schläge mit der Ellbogenspitze, Schläge auf den Hals, Tritte auf den Kopf eines liegenden Gegners, das Werfen des Gegners auf Kopf oder Nacken.

Die UFC

Die Ultimate Fighting Championship ist die lukrativste Veranstaltungsserie der MMA. Die Kämpfe werden auf einem mit Maschendrahtzaun abgegrenzten Achteck ausgetragen. Die großen Kämpfe gehen über fünf Runden à 5 Minuten. Die meisten enden jedoch vorzeitig.

Kritik und Kontroversen

Prompt, beinah pawlowsch, gibt es Verbotsforderungen. Was die Kritiker eint, ist die Behauptung, durch MMA käme es zu einer Brutalisierung der Gesellschaft. Die Binsenweisheit, dass soziale Phänomene wie MMA nur unter bestimmten sozialen Bedingungen groß werden, unter Hartz IV und Wirschaftskrise, unter Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst, wird hierzulande nicht akzeptiert. Entsprechend kenntnislos sind die Gerüchte, die über MMA kolportiert werden: Ohne Regeln ginge es da zu, Nazis und Deppen prügelten sich die Köppe ein.

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Ethische Bedenken

Dennoch beruht das Geschäftsmodell der UFC auf dem Vorführen hemmungsloser, dumpfer und sinnloser Gewalt. Das Entsetzen über die Veranstaltung, das Politiker aller Parteien in Köln zum Ausdruck gebracht haben, es ist nur allzu verständlich, vielleicht ist es sogar ehrlich. Die Entscheidung des Jugendamtes, nur erwachsene Zuschauer zum Käfigkampf in Köln zuzulassen, ist richtig. Mixed Martial Arts ist ein Sport, den es zu ächten gilt. Verbieten? Warum nicht. Es gibt noch durchaus mehr Sportarten, die auf den Prüfstand gehören.

Vergleich mit dem Boxen

Es ist zwar wahr daß noch nie ein Legenden Boxer beim MMA mitgemacht hat, aber wenn man sich alle Vergleiche anschaut, die es bisher zwischen Boxern bzw. Strikern und Grapplern/Bodenkämpfer gab (meist Brazilian Jiu Jitsu), haben die Striker stets eher schlecht ausgesehen. Bei den ersten UFC Events schlug der 73 kg leichte Royce Gracie Gegner jeden Gewichtes, egal ob diese Karate, Boxen, Muay Thai oder sonst was machten. Ok, in ner Straßenklopperei kann alles passieren.

Historischer Kontext des Boxens

Boxwettkämpfe wurden 688 vor Christus zu einer olympischen Disziplin. Die Athleten kämpften ohne Pause, bis ein Kontrahent nicht mehr imstande war, sich zu verteidigen. Während die griechischen Kämpfer die Fäuste nur mit Lederriemen umwickelten, wurden im römischen Reich seit etwa 150 vor Christus Handschuhe mit Eisen und Blei verstärkt. Der britische Boxer Jack Broughton führte für Trainings- und Schaukämpfe den Gebrauch von gedämpften Boxhandschuhen ein (mufflers), nachdem er einen Gegner totgeschlagen hatte. Broughton schlug 1742 die nach ihm benannten Regeln vor: Kampfpause nach einem Niederschlag, keine Schläge unter die Gürtellinie.

Queensberry-Regeln

Die 1867 vereinbarten Queensberry-Regeln fanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine weite Verbreitung. Sie umfassten:

  • das Tragen von Boxhandschuhen
  • eine dreiminütige Rundenzeit mit einminütiger Pause
  • das Anzählen bis zehn nach einem Niederschlag.

Schutzmaßnahmen im Amateurboxen

Während man heute im Profiboxen weltweit abweichende Regeln anwendet, werden im Amateurbereich seit 1946 die Maßnahmen zum Schutz der Boxer zunehmend vereinheitlicht (1, 2) (www.aiba.org). Dazu zählen unter anderem:

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  • das Tragen eines Kopfschutzes
  • stärker gepolsterte Handschuhe mit je 284 g (10 Unzen; im Profiboxen 8 Unzen)
  • eine verkürzte Rundendauer und -zahl (bei Männern 4 x 2 min, bei Frauen 3 x 2 min)
  • ein Abbruch nach der „outclassed rule“ bei einem zu großen Punkte-Unterschied (>20)
  • die Möglichkeit für den Boxer, den Kampf selbst abzubrechen
  • die Option für den Ringarzt, einzuschreiten (im Profiboxen nur für den Schiedsrichter möglich).

Amateurboxer werden regelmäßig einmal jährlich und vor den Kämpfen medizinisch untersucht (inklusive EKG, Augen- und Laboruntersuchungen). Profiboxkämpfe werden ohne diese weitgehenden Schutzmaßnahmen ausgetragen. Möglicherweise wird dadurch das Publikumsinteresse verstärkt, mit der Konsequenz, dass diese Kämpfe seit einigen Jahren zur besten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden.

Medizinische Aspekte und Verletzungsrisiken

Als Arzt hat man bei Boxkämpfen immer mehr zu tun als beim Kickboxen, da beim Boxen häufiger schwerere Verletzungen auftreten. Der Grund dafür ist, dass beim Boxen ausschließlich auf den Kopf geschlagen wird, während beim Kickboxen der Kämpfer einen großen Teil des Kampfes mit Fuß- und Armblocks beschäftigt ist.

Verletzungen im Boxen

Beim Boxen wird dauernd auf den Kopf geschlagen, weil Körpertreffer weitgehend wirkungslos sind. Der Boxsport zeichnet sich dadurch aus, dass ein Kämpfer angezählt werden kann. In diesem Fall muss man davon ausgehen, dass der Boxer zu mindestens schon eine kleine Gehirnerschütterung erlitten hat. Oft sind sie danach für Minuten nicht mehr richtig Herr ihrer Sinne und zeigen unkoordinierte Bewegungen. Dennoch geht der Kampf direkt weiter - ohne eingehende medizinische Untersuchung.

Verletzungen im MMA

In den 635 professionellen MMA-Kämpfen, die in der Studie der Johns Hopkins Universität untersucht wurden, ergab sich eine Verletzungsrate von 23,6 pro 100 Kampfteilnahmen und als häufigste Verletzungen wurden Riss-Quetsch-Wunden und Verletzungen der oberen Extremität festgestellt. Die Gehirnerschütterungsrate war erstaunlich niedrig, mit lediglich 3,3 Prozent. Es kamen keine Todesfälle in diesem Zeitraum vor, noch kam es zu schweren Sportverletzungen. Schwere Verletzungen sind z.B. bleibende Hirnschäden, Lähmungen, Extremitätenverlust oder dauerhafte Blindheit. Auch das Alter, Gewicht und die Kampferfahrungen führten statistisch gesehen nicht zu einer Erhöhung des Verletzungsrisikos.

Schädel-Hirn-Trauma

Also bei den kleineren Handschuhen im MMA-Sport wird wahrscheinlich schneller ein KO erzwungen. Während der Boxer durch die etwas schwereren Handschuhe oft Schläge gegen den Kopf bekommt, die ihn zwar schädigen aber nicht KO werden lassen. Diese permanenten Schläge sind meiner Meinung nach wie schon gesagt wesentlich gefährlicher für das Gehirn, als wenn sie einen Schlag bekommen und sofort KO gehen. Wenn sie beobachten, wie manche Boxer in der 5. oder 6. Runde gar nicht mehr wirklich wissen was sie tun sollen, wenn sie unterlegen sind und immer wieder klammern und immer wieder einen Treffer einstecken müssen, dann halte ich das für wesentlich gefährlicher. Im Übrigen sind die Boxhandschuhe ja auch nicht entwickelt worden um die Gegner zu schützen, sondern um die Hand des Schlagenden zu schützen.

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Todesfälle

In Aufzeichnungen seit dem Jahr 1890 über Boxkämpfe nach unterschiedlichen Regeln wurden etwa 10 Todesfälle pro Jahr dokumentiert. Dabei ergibt sich aus einem Vergleich, dass keine der Statistiken vollständig ist (10) (Boxing Fatality Collection, www.ejmas.com; www.boxrec.com). Die absoluten Zahlen müssen also höher liegen.

Eine Auswertung ergab, dass sich nur 4 % der Todesfälle bei Meisterschaftskämpfen ereigneten (www.ejmas.com). Zu zwei Dritteln waren Profi-Boxer betroffen; drei Viertel der Boxer starben unmittelbar im Ring.

Ursachen waren:

  • kardiale Komplikationen
  • Risse von Leber oder Milz
  • Kopf- und Nackenverletzungen (über 80 %) wie
    • Zerreißungen oder Thrombosen größerer Hirngefäße
    • Epiduralblutungen
    • Subduralhämatome
    • andere Verletzungen.

Subakute Folgen

Eine Befragung von 632 japanischen Profiboxern (11) ergab, dass fast die Hälfte der Athleten am Tag nach einem K. o. unter fortbestehenden Symptomen litt wie zum Beispiel:

  • Kopfschmerzen
  • Tinnitus
  • Vergesslichkeit
  • Hörstörungen
  • Schwindel
  • Übelkeit
  • Gangstörungen.

Chronische Folgen

Zehn bis 20 % der Profiboxer leiden unter anhaltenden neuropsychiatrischen Folgeerkrankungen. Die schwerwiegendsten Konsequenzen eines chronisch rezidivierenden Schädel-Hirn-Traumas bei professionellen Boxern mit langer Karriere sind (19, 21)

bezüglich Motorik: Tremor, Dysarthrie, Parkinson-Symptomatik, Ataxie, Spastik

bezüglich Kognition: Verlangsamung, Gedächtnisstörung, Demenz

bezüglich Erleben und Verhalten: Depression, Reizbarkeit, Aggressivität, Kriminalität, Sucht.

Sicherheitsmaßnahmen und medizinische Betreuung

Die UFC behauptet ja, dass der Käfig die Kämpfer schützt. Ein Vorteil des Käfigs ist es sicher, dass der Kämpfer nicht aus dem Ring fallen kann. Während ich das beim Boxen eigentlich noch nie erlebt habe, kann ich mir das im MMA-Sport schon vorstellen. Jetzt wo ich mehrere MMA-Kämpfe gesehen habe, halte ich es schon für sinnvoll und sicherer, dass sie in einem Käfig stattfinden.

Bei den Vorkehrungsmaßnahmen, die die UFC hier in Köln getroffen hat, es sind an dem Abend fünf Ärzte am Ring, wovon zwei Anästhesisten sind, die jahrelang leitende Oberärzte an der Uni-Klinik waren und jahrelange Intensiverfahrung haben. Wenn der verletzte Kämpfer eine Überlebenschance hat, wird er gerettet werden. Da müsste es schon wirklich mit dem Teufel zu gehen, wenn er auf dem Weg ins Krankenhaus verstirbt. Und dann steht noch ein komplettes Neurochirurgenteam bereit das nur für die UFC reserviert ist.

Gesellschaftliche Wahrnehmung und Akzeptanz

MMA ist kein schöner Sport, das wird auch niemand behaupten. Aber es ist ein Sport. Und zum Programm der Olympischen Spiele gehörte er übrigens auch schon einmal: bis zum 6.

Die Männer, die dafür trainieren, einen Gegner derart niederzukämpfen, dass er sich nicht mehr rühren kann, wollen, dass die Gesellschaft normal findet, was sie machen. Sie wollen, dass die Zuschauer, die sich jetzt noch angewidert abwenden, wenn eine Niere mit Faust oder Füßen malträtiert wird, irgendwann so richtig Spaß haben. Wer sich darüber aufregt, den bezeichnen die Apologeten der gemischten Kampfkünste gern als ahnungslosen Sportbanausen.

Fazit

Sowohl MMA als auch Boxen bergen Risiken, die von akuten Verletzungen bis hin zu langfristigen neurologischen Schäden reichen können. Während das Boxen aufgrund seiner langen Geschichte und der Fokussierung auf Schläge gegen den Kopf spezifische Gefahren birgt, zeichnet sich MMA durch eine Vielfalt an Techniken und damit potenziell unterschiedliche Verletzungsmuster aus. Eine umfassende medizinische Betreuung, strenge Regelwerke und eine fortlaufende Anpassung der Sicherheitsmaßnahmen sind entscheidend, um die Risiken in beiden Sportarten zu minimieren.