Einbruch MMA-Kämpfer Magdeburg: Neonazis, Kampfsport und die Rolle im Rechtsextremismus

Die Rolle des Kampfsports für die radikale Rechte und die martialische Vorbereitung auf den "Tag X" sind eng mit dem Fitnessboom verbunden. Robert Claus beschreibt in seinem Buch "Ihr Kampf" sowohl die internationale Vernetzung der Szene als auch ihr Einsickern in die Mitte der Gesellschaft.

Der "Kampf der Nibelungen" und seine Bedeutung

Ende September enterten über 100 Polizeibeamte das Gelände des Bikerclubs "Division 39" in Magdeburg, wo gerade die Aufnahmen für den "Kampf der Nibelungen" gemacht wurden, ein Boxring wurde beschlagnahmt. Der "Kampf der Nibelungen" ist von 2013 bis 2018 rasant gewachsen - zum größten Kampfsportevent der militanten rechten Szene in Westeuropa.

Robert Claus erklärt, welch immens wichtige Rolle der Kampfsport für die radikale Rechte spielt. Man kann von einem der schwersten staatlichen Schläge gegen eine Struktur militanter Neonazis in diesem Jahr reden.

Es handelt sich nicht um eine reine Sportveranstaltung. Damit einher gehen Kongresse, Straßenkampf-Seminare, internationale Trainingsreisen zu Hooligan-Guppen. Neonazis trainieren und professionalisieren hier ihre Gewalt. Wer sich die Verlautbarungen vom "Kampf der Nibelungen" und dem Netzwerk dahinter anschaut - da wird das Phantasma beschworen, die weiße christliche Identität sei durch die Migration bedroht. Diese Leute wollen sich "wehrhaft" machen für den rassistischen Straßenkampf.

Der "Kampf der Nibelungen" hat eine wichtige Funktion für die Finanzierung und die Vernetzung der Szene, europaweit.

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Die Entwicklung auf den Straßen

Im September 2018 hat sich alles verdichtet. In Chemnitz marschierte das ganze rechte Spektrum von AfD über Identitäre bis zu militanten Neonazis gemeinsam. Kurze Zeit später wird die Gruppe Revolution Chemnitz hochgenommen, die für den 3. Oktober einen Staatsumsturz geplant hatte. Am 13. Oktober wiederum feierte der "Kampf der Nibelungen" einen Zuschauerrekord. Diese Ereignisse hängen zusammen, es geht jeweils um rechte Umsturzfantasien und militanten Rassismus. Der Mörder von Walter Lübcke hat sich laut eigener Aussage von Chemnitz motiviert gefühlt. Die Behörden sehen knapp 13.000 gewaltorientierte Rechtsextremisten in Deutschland, viele davon trainieren Kampfsport. Die Grenzen in den Rechtsterrorismus sind fließend.

Das neue Gesicht der Rechten

Viele Menschen denken bei Nazis an Springerstiefel, tätowierte Glatzen, dicke Bäuche und flache Parolen. Claus porträtiert in "Ihr Kampf" eine ganz andere Szene: Durchtrainiert, abstinent, ideologisiert. Diese Leute gerieren sich als Elite. Da geht es um ein gewalttätiges Ideal von Männlichkeit, die inszenieren sich wie eine moderne Straßen-SA. In den sozialen Medien, in den Werbevideos, taucht immer wieder ein Appell auf: sich fit zu machen für den Straßenkampf.

Es gibt sogar Gruppen, die verzichten auf Drogen, Alkohol und Fleisch, die propagieren ein NS-Reinheitsideal. Das lässt sich mit dem bierseligen Publikum, wie wir es von Rechtsrockkonzerten kennen, schwer vereinbaren. Da verläuft eine Konfliktlinie in der Szene. Gekittet wird sie durch das Geschäft mit der Gewalt.

Das Einsickern in die Gesellschaft

Die Szene taucht immer wieder auch quasi in der Mitte der Gesellschaft auf. In Regionen wie der Brandenburger Lausitz wird es schwer, Firmen zu finden, in denen keine Neonazis arbeiten. Teile der Branche sind für diese Leute eine Jobbörse geworden. Einerseits keine Überraschung, weil körperliches Durchsetzungsvermögen die zentrale Fähigkeit ist. Andererseits braucht es da viel mehr Regularien und einen Selbstreinigungsprozess in der Branche.

Auch bei der German MMA Championship gab es Vorfälle - und diese Serie gehört zu ProSiebenSat1. Immer wieder gibt es Proteste, und Kämpfer fliegen aus dem Programm, aber die lange Liste an Vorfällen zeigt: Bislang ist der Lerneffekt gering.

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Kampfsport als Lifestyle und die Rolle des Fitnessbooms

Neonazis versuchen, sich in diesem Boom einzunisten. Der Slogan des "Kampf der Nibelungen" lautet nicht "Weiße Rasse kämpft um Raum" oder so, sondern "Wille, Disziplin und Fleiß". Das sind im Grunde die zentralen Werte des neoliberalen Fitnessmarktes.

Auch Nazis reisen regelmäßig nach Thailand, um ihre Gewalt zu trainieren. Innerhalb dieser Szene vertreiben Neonazis Klamotten und betreiben auch selber Gyms.

Was kann man dagegen tun?

Die Zahlen erfassen, damit wir einen Überblick gewinnen und über die Größenordnung reden können. Dann könnte man mit den Verbänden arbeiten: Was machen wir bei Veranstaltungen, was im Alltag der Gyms?

Veranstalter dürfen keine Neonazis einladen und einschlägige Tattoos und Kleidung nicht zulassen. Die Verbände müssen die Trainer sensibilisieren. Und im Gym-Betrieb geht es vielfach um die Frage: Was tun die Leute mit ihren Fähigkeiten außerhalb des Rings?

MMA-Kämpfer im Visier der Justiz

Es gibt auch Fälle, in denen MMA-Kämpfer selbst in Konflikt mit dem Gesetz geraten. So ermittelt die Polizei gegen den MMA-Kämpfer Christian Eckerlin wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung. Die Akte des Hells-Angels-Mitglieds im Polizei-System trägt die Warnhinweise „gewalttätig“ und „bewaffnet“.

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Selbstverteidigung oder Überschreitung der Notwehr?

Im US-Bundesstaat New Mexico tötete ein professioneller Mixed-Martial-Arts-Kämpfer einen Einbrecher und verletzte einen weiteren schwer. Ob Torrez, der bei dem Kampf selbst nur leichte Blessuren davontrug, in Selbstverteidigung gehandelt hat, muss noch geklärt werden.

Kampfsportler vor Gericht in Magdeburg

Das Schöffengericht hat im Prozess gegen einen bekannten Magdeburger Kampfsportler, der wegen vorsätzlicher beziehungsweise gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit räuberischer Erpressung angeklagt war, das Urteil gesprochen. Die vorsitzende Richterin Martina Köneke und ihre zwei Laien-Richterinnen verurteilten den 40-Jährigen mit dem Kampfnamen "The Hitman" zu einer Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten, die wie bereits seine Strafe wegen des Verwendens verfassungsfeindlicher Kennzeichen und Volksverhetzung vor zwei Jahren zur Bewährung ausgestzt wurde.

Hendrik O. räumte beide Taten ein, entschuldigte sich dafür und nannte als Grund für seine Ausraster seine damaligen "persönlichen Verhältnisse". Das Schöffengericht hielt O. zugute, dass er die Taten eingeräumt hatte, zeigte Verständnis für die persönliche Situation des Angeklagten und die Tatsache, dass er Kontakt zu seinen Opfern gesucht hatte, um "Rechtsfrieden" zu schaffen.

Erfolge und Niederlagen in der MMA-Szene

Der Lokalmatador Christian Jungwirth hat der MMA-Veranstaltung Oktagon 55 in Stuttgart seinen Stempel aufgedrückt. Der 37-Jährige siegte im Hauptkampf gegen Robert Pukač souverän nach fünf Runden durch Punktentscheid (50-45, 49-46, 50-45). Der Deutsche zeigte dabei vor 15.000 Zuschauern in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle sein ganzes Können.

Niklas Stolze verlor den Kampf durch Submission gegen Máté Kertész. Jamie Cordeiro fuhr einen ungefährdeten Punktsieg gegen Dominic Schober ein. Sebastian Herzberg siegte nach Aufgabe seines Gegners Ruben Wolf. Arijan Topallaj knockte Karol Ryšavý aus. Jorick Montagnac siegte nach Punkten gegen Sebastian Heil. Michael Dega-Scheck knockte Nikolaos "Spider-Man" Zerbesis aus.

Tabelle: Ergebnisse ausgewählter Kämpfe bei Oktagon 55

Kämpfer 1 Kämpfer 2 Ergebnis
Christian Jungwirth Robert Pukač Sieg Jungwirth (Punktentscheid)
Niklas Stolze Máté Kertész Sieg Kertész (Submission)
Jamie Cordeiro Dominic Schober Sieg Cordeiro (Punktentscheid)
Ruben Wolf Sebastian Herzberg Sieg Herzberg (Aufgabe)
Arijan Topallaj Karol Ryšavý Sieg Topallaj (Knockout)
Sebastian Heil Jorick Montagnac Sieg Montagnac (Punktentscheid)
Michael Dega-Scheck Nikolaos Zerbesis Sieg Dega-Scheck (Knockout)