Es gibt schon kuriose Zufälle. Einer ist Karat am 9. November ´89 widerfahren. Ausgerechnet am Tag, an dem die Mauer fiel, spielten sie im Plattenstudio ein Lied ein, das die Zusammengehörigkeit von Ost und West demonstrieren sollte: die Duett-Version von "Über sieben Brücken musst du gehn" mit Peter Maffay.
Karat nahmen ihren Teil in Ostberlin auf - 150 Meter entfernt von der Mauer. An jenem 9. November hatten sie ein paar Streicher dazugeholt. Als sie fertig waren und sich die ganze Truppe auf den Heimweg machte, kam sie an einem Imbiss mit einem kleinen Fernseher vorbei. Dort lief gerade die Schabowski-Pressekonferenz. "Alles blieb stehen", erinnert sich Karat-Gitarrist Bernd Römer. "Keiner hat richtig verstanden, was gesagt wurde. Aber jeder hat gespürt, hier passiert etwas Besonderes."
Dieser Tag schenkte den Musikern der DDR die künstlerische Freiheit. Zuvor waren jahrzehntelang unzählige Textzeilen der Zensur zum Opfer gefallen. Bei Karat traf es zum Beispiel den "Blauen Planeten".
Darin hieß eine Zeile ursprünglich: "Liegt unser Glück nur im Spiel der Dämonen." Aus den "Dämonen" machte das Lektorat "Neutronen". So verwandelte es global gerichtete Kritik in eine am Westen. Denn die Amerikaner entwickelten gerade eine Neutronenbombe.
"Allgemein konnten wir aber mit der Zensur ganz gut umgehen, weil wir genau wussten, worauf die gucken", sagt Römer. "Außerdem hatten wir einen klugen Texter, der Themen fast fabelmäßig transportierte." Zum Beispiel beim "Albatros". Da sang die Band vom Drang der Sklaven nach Freiheit.
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"Hier wird ganz klar die Situation in der DDR geschildert. Aber das Ding wurde zugelassen, weil es in Ursprung und Wortwahl Parallelen gab zu Pablo Neruda, der eine Gallionsfigur des chilenischen Freiheitskampfes war." Dagegen konnte das Lektorat nichts sagen. "Oder es wollte nicht. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es mehr durchlassen wollte, als ihr Auftrag war."
Zudem setzten viele Musiker im Osten auf eine Taktik, die Silly-Frontfrau Tamara Danz auf den Namen "Weißer Elefant" taufte: Sie bauten Reizworte in ihre Texte ein, damit das Lektorat etwas zu streichen hatte und den Rest durchwinkte.
Karat konnten in puncto Westauftritte nicht klagen. Fast jedes Jahr durften sie in der BRD Konzerte geben, sie waren sogar bei "Wetten, dass..?" Kritiker unterstellen der Band, das liege daran, dass sie staatsnah gewesen sei. Römer wehrt sich dagegen: "Wir haben das durch unsere Musik erreicht", sagt er. "Viele Bands meinten, wenn sie auch in den Westen dürften, würden sie dort abräumen. Aber ihre Musik wurde drüben nicht angenommen. Ich schwöre, dass wir nicht staatsnah waren, sonst hätten wir andere Texte geschrieben."
Er glaubt, das DDR-Regime sah die eigenen Vorteile: "Das Einzige, was den Staat bewogen hat, uns im Westen spielen zu lassen, waren Devisen. Wir haben etwa 63 Prozent abgeführt. 40 Prozent waren 1:1-Pflichtumtausch; der Rest ging an die Künstleragentur, obwohl sie nichts gemacht hat."
Anderen Musikern erging es deutlich schlechter als Karat. Sie kassierten wegen ihrer kritischen Texte immer wieder Auftrittsverbote, wurden schließlich sogar gänzlich verboten.
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Als die Wende kam, hatte Karat erst einmal zu kämpfen. Denn der Osten war hungrig auf das, was er nie hören durfte. "Drei Jahre lang war zu 100 Prozent Ruhe in den Ostregionen", sagt Römer.
Karat sind weiter hauptberuflich unterwegs. Also muss es sich wohl noch lohnen.
Am 10. Oktober 1981 demonstrierten in Bonn 300.000 Menschen bei der bis dato größten Friedensdemonstration in der Geschichte der Bundesrepublik.
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