Karate Andi legt den „Turbo“-Gang ein: Mit seinem zweiten Album setzt der Neuköllner Rapper zum großen Durchbruch an - auch wenn er’s selbst wahrscheinlich nie zugeben würde. Eine Selfmade-Story.
Herkunft und Anfänge
Karate Andi (* in Niedersachsen als Jan Salzmann) ist ein deutscher Rapper aus Göttingen. Geboren und aufgewachsen ist Karate Andi - dessen echter Name nicht publik ist - in Niedersachsen.
Noch weit von jedwedem Status entfernt, beginnt die Laufbahn des Knaben im beschaulichen Göttingen. Dort fängt er im losen Verbund mit Freunden an, unter dürftigen Bedingungen erste Raps aufzunehmen.
Unter dem Pseudonym Monty Burns wagte er in Göttingen in den 2000ern erste Schritte in der Rapszene mit der Crew HUMAN TRAFFIC, landete nach einigen Umzügen in einer Studenten-WG in Berlin-Neukölln und nahm ab 2012 als Karate Andi an dem Format "Rap am Mittwoch" teil, das Rap-Battles, die im Berliner Club "Bi Nuu" stattfanden, bei "YouTube" übertrug.
Anschließend zog er über Leipzig nach Berlin-Neukölln. Sie nennen sich Human Traffic, vertreiben mit der Musik ihre Langeweile und rauchen dazu jede Menge Gras. Die mehr oder minder ambitionierten Songs veröffentlichen sie jedoch nie.
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Der Durchbruch
Dabei waren sie leicht zu übersehen, die selbstgebrannten und handbekritzelten Vorabexemplare seines ersten Albums, die der noch weitestgehend Unbekannte Ende 2013 an einschlägige Hip-Hop-Medien verteilte. Als er im Frühjahr darauf dann aber offiziell debütierte, konnte man ihn beim besten Willen nicht mehr ignorieren.
Richtig ernst wird es für Karate Andi erst nach seinem Umzug nach Berlin. Der Legende nach soll sich dort folgendes zugetragen haben: Sternhagelvoll besucht Andi das Battlerap-Format "Rap am Mittwoch". Eigentlich will er nur zusehen, aber seine Kumpels schubsen ihn auf die Bühne - und er freestylt seinen Gegner mal eben in Grund und Boden.
A. stand - der Legende nach - betrunken auf der Bühne und begeisterte das Publikum durch sein Können als Freestyle-Rapper. Im Herbst 2012 tauchte er das erste Mal bei »Rap Am Mittwoch«, dem Berliner Battle-Rap-Event auf.
Im Januar 2013 stand Andi das erste Mal im Finale von »Rap Am Mittwoch«.
Pilsator Platin
Anfang 2014 veröffentlichte K. sein erstes Album mit dem Titel "Pilsator Platin" - der Name leitet sich von einer Biersorte ab. 2014 erschien sein Debütalbum Pilsator Platin, benannt nach der Biersorte Pilsator.
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„Pilsator Platin“ schaffte es aus dem stand auf Platz 24 der deutschen Charts - ohne Labelpush, Marketingbudget oder große Namen, allein dank Andis rauem Charme und seiner asozialen Rap-Persona.
Das Album wurde von 7inch produziert. Die Idee, ein gemeinsames Album aufzunehmen, entsteht bereits nach einigen Studiosessions.
Dieses soll wenig später den famosen Titel "Pilsator Platin" tragen und auf irrwitzige Art und Weise das Bild eines jungen Mannes zeichnen, der ausnahmsweise nicht seine fehlende Orientierung beklagt, sondern seiner Generation mit reichlich Sarkasmus und noch mehr Unverständnis gegenübersteht.
Karate Andis independent-Debüt - dessen überschaubare CD-Erstauflage heute nahezu vergriffen und als Sammlerstück begehrt ist - avancierte schnell zum nicht mehr ganz so geheimen Tipp unter auskennern, landete in zahlreichen Jahresbestenlisten - und brachte Andi einen Plattenvertrag mit der Düsseldorfer Deutschrap-Instanz Selfmade Records ein (die u.a. Kollegah oder Genetikk beheimatet).
„'Pilsator Platin' ist lustig, zynisch, unterhaltsam und hat ( … ) auch musikalisch einiges zu bieten."
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Stil und Einflüsse
Karate Andi macht harten Battlerap im Stile der alten M.O.R. oder Westberlin Maskulin sowie neueren Einflüssen wie Trailerpark. Die Texte sind vorwiegend provokant und asozial gehalten.
Im Deutschrap-Kosmos lässt er sich wahrscheinlich irgendwo zwischen dem derben Humor von K.I.Z. und dem Selbstverständnis vom Retrogott verorten.
Er erzählt darauf Geschichten über Späti-Bier zum Frühstück mit Neuköllns Urgesteinen im Wifebeater-Unterhemd oder über Analverkehr mit irgendwelchen Müttern auf Speed. Dabei geht es mehr um Punchlines und Technik als um Inhalt.
Die Sache mit den Vorbildern
Der Kollegin von 16Bars.de erklärte Karate Andi, wie sein Rap zustande komme: Man nehme MF Doom und mixe ihn mit Charles Bukowskis »Kaputt In Hollywood« und heraus käme dann Karate Andi.
Der Weg zu Selfmade Records und "Turbo"
Dort ließ man alsbald verlauten, man habe keineswegs vor, dem Nachwuchsstar reinzureden: „Karate Andi, wie man ihn liebt, aber mit neuen, besseren Produktionen“ solle man vom zweiten Album erwarten.
Um das zu verhindern und Andis Punchlines mit dem richtigen Bums zu inszenieren, wurden mit Die Achse alias Farhot und Bazzazian zwei der aktuell gefragtesten Produzenten verpflichtet, die die Deutschrapszene vorzuweisen hat.
2014 erfolgt ein großer Sprung auf der Karriereleiter: Spekulationen, er ziehe demnächst ins Trailerpark-Camp ein, zeigt Andi gekonnt den Mittelfinger. Der realtighte Breakdance-MC unterschreibt beim Düsseldorfer Erfolgslabel Selfmade Records, wo 2016 sein zweiter Longplayer "Turbo" erscheint. Der Aufstieg des Karate Andi scheint so unaufhaltsam wie deine fette Mutter, wenn sie wütend ist.
Das neue Album: Handelsgold Tape
Mehr als zwei Jahre sind vergangen, seit er mit „ASAP KOTTI“ seinem natürlichen Habitat im Zentrum der Hauptstadt ein musikalisches Denkmal setzte. Aber Neuköllner Nächte sind lang und Andi wieder in Sektlaune.
Deshalb veröffentlichte der Rapper mit dem „Handelsgold Tape“ sein neues Album - und der Name ist Programm. Denn der Hermannplatz-Proll mit einem Faible für kleine Zigarren und große Pilsbiere zelebriert seine schlechte Laune gerne auf Tracklänge.
Das Ergebnis heißt „Turbo“ und ist Karate Andi 2.0 - größer, besser, asozialer.
Mit abgesägter Schrotflinte in der Linken, einem lauwarmen Schawarma in der Rechten und einer guten Portion Kautabak in der Backentasche. Eben noch last man standing in der brandenburgischen Dorfdiscothek, ist Andi im nächsten Moment schon wieder mit 200 Sachen und ohne Anschnallgurt in der Spielstraße unterwegs.
Perfekte Voraussetzungen, um ohne Rücksicht auf Verluste über die Produktionen von Voddi 257 zu brettern und alles in Grund und Boden zu pöbeln, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist.
„One Way Ticket“ ist der bouncende Freifahrtschein für den Vollrausch in der Mittagspause, während „Zeit“ einen mit smoothen Jazz-Samples anschließend wieder runterholt und im Sofa versinken lässt.
„Geldtanz“ bringt Chipmunk-Soul mit Westside-Bounce zusammen und fungiert als Soundtrack für den nächsten Amsterdam-Ausflug mit jeder Menge Alprazolam in der Reiseapotheke. Für „Der kleine Prinz“ mixt Karate Andi einen Wodka-Maracuja im Mischverhältnis 80:20 und verteilt im Anschluss saftige Backpfeifen als wäre schon wieder Oscarverleihung.
Karate Andi: Mehr als nur ein Rapper
Im hiesigen Rapgeschäft aus der breiten Masse herauszustechen, gleicht einem schier hoffnungslosen Unterfangen. Ein witziger Künstlername kann da durchaus den Grundstein legen.
Das weiß auch Karate Andi. Der wurde laut seinem Management übrigens in Brooklyn geboren und in einem Wolfsrudel aufgezogen. Das kann man zwar als hirnverbrannten Nonsens abtun, spiegelt aber den Humor des Bosses vom Hinterhof bestens wider.
Sein Markenzeichen: ironisch-verballerter Battlerap, der sich explizit gegen deine Mutter richtet und ausschließlich mit der nötigen Dosis Billigbier intus vorgetragen wird. Karate Andi würde man landläufig wahrscheinlich als Kneipenlegende bezeichnen.
