Bundestrainer Judo Frauen Deutschland: Claudiu Pusa und die Herausforderungen im DJB

Die deutsche Judoka wurde von Bundestrainer Pusa vor den Augen der Zuschauer extrem grob eingestimmt. Im Nachgang war sie um Aufklärung bemüht.

Das Ritual vor dem Kampf: Aufsehen um Martyna Trajdos und Claudiu Pusa

Strammen Schrittes marschieren die beiden zur Tat. Martyna Trajdos vorneweg, hinter ihr der deutsche Judo-Bundestrainer Claudiu Pusa. Er trägt eine Tasche. Als sie am Aufgang zu den Matten zum Stehen kommen, stellt Pusa die Tasche ab. Er muss die Hände freihaben für das Schauspiel, was er jetzt im legendären Nippon Budokan inszenieren wird.

Was nun kommt, wirkt wie ein einstudiertes Ritual vor einem wichtigen Auftritt. Wenngleich ein recht brutales. Pusa schnappt sich den Kragen von Trajdos‘ weißem Judoanzug. Er schüttelt sie durch. Einmal, zweimal, dreimal. Die 32 Jahre alte Trajdos muss standhaft sein als Judoka. Doch in diesem Moment wirkt sie wie eine Dummy-Puppe mit Haaren: Ihr Kopf schlenkert wild vor und zurück. Ihr wippender Dutt verstärkt den Eindruck noch, dass sich hier etwas Ungewöhnliches abspielt, zumindest für die Zuschauer. Sie selbst hingegen wirkt keineswegs irritiert.

Selbst dann nicht, als der 54-Jährige kurz von ihrem Kragen ablässt, bevor er im nächsten Moment seine grobe Kampfvorbereitung fortsetzt. Pusa gibt ihr zwei Ohrfeigen. Schelle links, Schelle rechts, das Klatschen ist in der Halle zu hören. Doch auch danach erweckt Trajdos den Eindruck, als hätte sie gerade ein paar mit warmen Worten garnierte Streicheleinheiten bekommen. Sie nickt, geht unbeirrt auf die Stufen zur Matte hoch. Die Wangen zwar rot, die Konzentration aber um keinen Deut gestört. Ihr Tunnelblick verrät es.

Trajdos' Rechtfertigung und die Reaktion des Weltverbandes

Tatsächlich ist das, wovon die Zuschauer gerade Zeuge geworden sind, anscheinend für sie das Normalste der Welt vor einem Kampf. So berichtet sie es zumindest via Instagram. „Sieht so aus, als war es nicht hart genug! Ich wünschte, ich hätte heute eine andere Schlagzeile machen können. Wie ich schon sagte, ist es das Ritual, das ich vor dem Wettkampf gewählt habe! Mein Trainer tut nur das, was ich von ihm möchte, um mich anzufeuern!“, schrieb die Hamburgerin und bat um Nachsicht für Pusa: „Bitte macht ihm keine Vorwürfe! Ich brauche das vor meinen Kämpfen, um wach zu sein.“

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Hilfreich war das allerdings in diesem Fall nicht. Trajdos verlor ihren ersten Kampf. Sie unterlag in der Gewichtsklasse bis 63 Kilogramm der Ungarin Szofi Ozbas im Golden Score mit Waza-ari.

Zudem sprach der Judo-Weltverband IJF am Mittwoch eine Warnung gegen einen deutschen Trainer aus, ohne dabei explizit Trajdos, Pusa oder die Szene von den Wettkämpfen am Dienstag zu nennen.

Nach dem speziellen Ohrfeigen-Aufwärmprogramm von Judo-Bundestrainer Claudiu Pusa für seine Kämpferin Martyna Trajdos hat der Weltverband IJF reagiert und eine "ernste Verwarnung" wegen "schlechten Verhaltens während des Wettkampfes" ausgesprochen. Pusa hatte die 32 Jahre alte Trajdos am Dienstag vor ihrem ersten Kampf mit beiden Händen am Kragen gepackt und ihr zwei schallende Ohrfeigen verpasst, Trajdos nickte zufrieden und stieg zum Kampf auf die Matte.

Claudiu Pusa: Werdegang und Erfolge

Claudiu Pusa ist einst in seiner Heimatstadt Arad in Rumänien durch seinen Vater zum Judo gekommen. Der ehrgeizige Sportler wurde an der Sportschule Gloria Arad schnell erfolgreich, war zwei Mal rumänischer Meister, gewann als Mitglied der Nationalmannschaft Gold bei den Balkan-Spielen und war Olympia-Ersatzkader 1988 für Seoul.

Nach seiner leistungssportlichen Karriere suchte er nach Möglichkeiten, sich gut weiterzuentwickeln. „Ich wollte in mich investieren und etwas erreichen und fand das Angebot, im Beueler Judo Club hauptamtlicher Trainer zu werden“ sagt er über seine Motivation, nach Deutschland zu kommen. Der Diplom-Sportlehrer und Master in Sportpädagogik und Sportmanagement durchlief dann auch die komplette Trainerausbildung in Deutschland und profitierte dabei von vielen Mentoren und Trainerkollegen, denen er noch immer sehr dankbar ist. Er wechselte später zum JC Hennef und war zudem Bundesliga-Trainer von Herta Wahlheim. Sein nächster Schritt war Landestrainer U18/U21 in Nordrhein-Westfalen.

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Als 2009 Michael Bazynski Bundestrainer der Frauen wurde, bat man ihn, die Aufgabe als Bundestrainer der Frauen U21 zu übernehmen. Damit verbunden war ein Umzug nach Leipzig, da die Stelle dort angebunden war. Er nahm die Aufgabe an. Es war auch eine sehr erfolgreiche Zeit für ihn. In den acht Jahren haben seine Sportlerinnen 15 WM-Medaillen erkämpft und wurden 2016 in Malaga Team-Europameister. Auf diesen Titel hat er übrigens mit seinen jungen Frauen ein ganzes Jahr lang hingearbeitet. „Wir hatten uns den Titel ein Jahr vorher vorgenommen und ich habe dieses Ziel in jeder Maßnahme in das Team hineingepflanzt, sodass das Team an das gleiche Ziel wie ich geglaubt hat“, sagt er mit Stolz und Freude, diesen Erfolg mit seiner Mannschaft gemeinsam organisiert zu haben.

2016 erhielt er dann das Angebot, die Frauen als Bundestrainer zu übernehmen. Auch hier ging es erfolgreich weiter. Medaillen zu jeder EM, unzählige Erfolge auf der IJF-Tour und dann auch WM-Platzierungen. „Nach der Bronzemedaille von Martyna Trajdos 2019 in Tokio war der Durchbruch natürlich die WM in diesem Jahr mit dem WM-Titel von Anna-Maria Wagner, Bronze für Theresa Stoll sowie Platz 5 und 7 für Miriam Butkereit und Luise Malzahn. Damit war für mich klar, wir sind auf dem richtigen Weg.“

Auch als Bundestrainer versucht er immer wieder, diesen Teamspirit in die Mannschaft zu bringen. „Judo ist Team, eine andere Art von Familie. Der Zusammenhalt und das Vertrauen müssen da sein, auch wenn es mal nicht so rund läuft.“ Dabei ist das Team nicht nur auf seine Sportlerinnen begrenzt. Für ihn muss auch das Trainerteam zusammenarbeiten und an die gleichen Visionen glauben. Dafür setzt er sich tagtäglich ein.

Strukturprobleme und Personalentscheidungen im DJB

Mit drei Olympia-Medaillengewinnern starten die deutschen Judoka in die Europameisterschaften im bulgarischen Sofia. Bei den Männern ruhen die Medaillenhoffnungen besonders auf Igor Wandtke in der Klasse bis 73 Kilo sowie den Brüdern Karl-Richard (bis 100 kg) und Johannes Frey (über 100 kg). Das Trio gewann bei den Sommerspielen 2021 in Tokio Bronze mit der Mannschaft. Bei den Frauen finden sich keine Olympiateilnehmerinnen im DJB-Kader. Die größten Medaillenchancen rechnet sich die erfahrene Luise Malzahn aus, die bei ihrer zehnten EM-Teilnahme den ersten Titel in der Klasse bis 78 Kilo anpeilt.

Schon jetzt ist der Olympiabronze-Gewinner von 1992 und 1996 von allen Aufgaben freigestellt. Trotz der Erfolge bei den Olympischen Spielen in Tokio - Trautmanns Schützling Eduard Trippel holte Silber, hinzu kam Bronze im Mixed-Wettbewerb - ist am Jahresende Schluss.

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Wie Trautmann muss auch der U18Bundestrainer männlich, Bruno Tsafack, Ende des Jahres gehen. Auch er beklagt, dass ihm keine Gründe dafür mitgeteilt wurden. "Man wirft mir nichts vor", sagt er, "aber nach einer Analyse meiner Arbeit sei man zu der Entscheidung gekommen." Die Punkte der Analyse kenne er nicht. Was ihn besonders getroffen habe: Nach drei Wochen erschien auf der Homepage des DJB die Meldung, dass man sich von ihm getrennt hat. "Und das war das einzige, was man nach acht Jahren über mich schreiben konnte?", fragt er hörbar enttäuscht. Auch die Trennung von Trautmann war mit herzlichem Dank, aber in dürren Zeilen verkündet worden.

Auf dem Papier verantwortlich für die Entscheidungen ist Hartmut Paulat, Vorstand Leistungssport im DJB, was gleichbedeutend mit dem Job des Sportdirektors ist. Über die Gründe für die Entlassungen machen weder er noch Verbandspräsident Daniel Keller konkrete Angaben, aus arbeitsrechtlichen Gründen, wie sie schreiben, "und dieses gebietet auch unser Anspruch zum ordentlichen Umgang mit Arbeitnehmern". Man werde "aus vertraulichen Gesprächen nicht berichten", habe aber sowohl Trautmann als auch Tsafack die Gründe in persönlichen Gesprächen mitgeteilt. Beide bestreiten das.

"Die Gesamtsituation ist einfach nicht schön", sagt ein DJB-Mitarbeiter, es mangele an Respekt, Wertschätzung und Ehrlichkeit

Paulat und Trautmann kennen sich lange, "ein großer Fan war ich von diesem Mann nie", sagt der geschasste Bundestrainer. Paulat wurde vor einem Jahr zunächst als kommissarischer Sportdirektor berufen, nachdem Vorgänger Ruben Göbel den Posten räumen musste. Das war laut Trautmann der Moment, in dem sich im Verband Dinge änderten: "Die Trainer hatten das Gefühl, dass die Führungspersonen des Verbands nicht mehr uneingeschränkt hinter uns stehen."

Seitdem ist Daniel Keller Präsident des DJB. Ex-Sportdirektor Göbel habe man 2020 von heute auf morgen entlassen, sagt Trautmann, der mit anderen Trainerkollegen beim Präsidium anschließend um eine Erklärung bat. "Wenn einer, mit dem man gut zusammengearbeitet hat, über Nacht entlassen wird, fragt man sich natürlich: Was passiert mit uns selbst?" Keller habe sie zu einer Sitzung einberufen, "in der er uns klar gemacht hat, wie die neuen Machtverhältnisse sind". Zwar habe der Präsident den Trainern versichert, dass sie sich keine Sorgen machen müssten, zumal für Personalentscheidungen der Sportdirektor zuständig sei. Allerdings, so behauptet es Trautmann, habe Keller in Paulats Beisein angefügt: "Aber natürlich ist es schon so, wenn das Präsidium zu der Auffassung kommt, dass der Vorstand die falschen Personen als Trainer ausgewählt hat", zitiert Trautmann den Präsidenten, "dann muss man sich natürlich die Frage stellen, ob das der richtige Vorstand ist." Soll heißen: Wenn das Präsidium den Trainer loswerden möchte, sollte der Vorstand entsprechend handeln - oder muss selbst die Koffer packen.

Dazu passt die Aussage eines DJB-Mitarbeiters, Paulat sei "eine Marionette des Präsidiums". Keller hat sich auf Nachfrage nicht zu dieser Schilderung geäußert, gegenüber der SZ hat ein weiterer Teilnehmer der Sitzung den Wortlaut der Aussage aber bestätigt. Mit dem unguten Gefühl, nur noch Trainer auf Abruf zu sein, sei Trautmann damals nach Hause gefahren.

Im Vorstellungsgespräch für den Job sei klar geworden, dass es zwischen Präsidium und Trautmann unterschiedliche Vorstellungen gibt. Er kritisierte etwa, dass das Präsidium für die strategische Ausrichtung verantwortlich ist und nicht Sportdirektoren und Trainer. "Ich halte es für sinnvoll, dass über Leistungssport nicht Leute entscheiden, die selbst nie Leistungssport gemacht haben", sagt er, "sondern Leute, die in dem Job seit vielen Jahren arbeiten." Trautmann forderte mehr Mitspracherecht. Außerdem eckte er mit dem Wunsch an, alle männlichen Kaderathleten an einem Standort zu versammeln und nicht länger über sechs Stützpunkte in ganz Deutschland zu verteilen.

Paulat, der sich wie auch Keller nicht zu dem Vorwurf äußerte, wurde schließlich im Amt bestätigt. Zwei Tage später teilte er Trautmann mit, dass sein Vertrag nicht verlängert wird. "Personalentscheidungen sind immer herausfordernde Aufgaben", die Gemüter bewegten, schreibt Präsident Keller, der Vorstand genieße "dabei das volle Vertrauen des Präsidiums". Und: Man sei "dankbar für jegliche Kritik", denn diese helfe bei der Verbesserung des Verbands. Aus dem Verband heißt es, dass Trautmann gehen musste, "weil er unangenehm ist und seine Meinung sagt".

Um eine Sache muss sich der ehemalige Bundestrainer nun nicht mehr kümmern. Sein Nachfolger Pedro Guedes muss den Kader zum Ende des Jahres kräftig ausdünnen, Trautmann spricht von zehn bis 14 Athleten, die ihren Platz verlieren werden, unter anderem um Platz für junge Athleten zu machen. "Das ist eine undankbare Aufgabe, die mir auch keinen Spaß gemacht hätte", sagt Trautmann.

Olympia 2000 in Sydney: Ein Tiefpunkt für den DJB

Sydney - "Wir sind auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt", gestand der Präsident des Deutschen Judo-Bundes (DJB), Karl-Dieter Schuchmann. Zum Abschluss der Wettbewerbe konnten nach dem Desaster bei den Männern auch die Frauen kein Edelmetall mehr verbuchen. Der Deutsche Judo-Bund kehrt damit nur mit der von der Remscheiderin Anna-Maria Gradantein in der Klasse bis 48 Kilogramm gewonnenen Bronzemedaille aus Australien zurück und muss nach Olympia mit einer Kürzung der staatlichen Zuschüsse um etwa die Hälfte rechnen. Die deutschen Männer blieben zum ersten Mal überhaupt in der olympischen Judo-Geschichte ohne Medaille. Alle sechs eingesetzten Kämpfer scheiterten kläglich.

Die Pleite des deutschen Männerteams kam nicht überraschend: Bereits im Vorjahr war die Mannschaft bei der WM in Birmingham ohne Edelmetall abgereist. Die DJB-Verantwortlichen hielten dennoch an dem seit 1992 arbeitenden Bundestrainer fest. "Die Männer, die hier waren, sind unsere Besten", betonte der scheidende Trainer. "Aber sie haben nicht angegriffen, sondern gekämpft wie Favoriten, die etwas zu verlieren haben. Dabei waren sie doch die Außenseiter." Die angeblich vier besten deutschen Judoka marschierten schon nach ihrem ersten Vorrundenkampf friedlich vereint aus der Halle.

Die Frauen konnten die Erwartungen wenigstens halbwegs erfüllen: Drei der fünf Kämpferinnen standen im Halbfinale. Am Ende zeigten ein dritter, zwei fünfte und ein siebter Platz laut Bundestrainer Norbert Littkopf, "dass wir in der Weltspitze mitmischen. Auch wenn zwei Medaillen mehr drin waren." Littkopf würde weiter als Bundestrainer arbeiten, "wenn ich noch gebraucht werde." Schuchmann mochte diese Frage nicht beantworten.

Nachwuchsförderung im Fokus

Kurz vor Abfahrt erreichte Judo-Deutschland die Meldung, dass die Bundestrainerin der Fu17, Sandra Klinger, ihren Job beim DJB nicht weiterführen wird. Das brachte erneut Unruhe ins gebeutelte System. Davon wollte sich das „Team-Bayern“ nicht abschrecken lassen und machte sich auf den Weg, dem verbleibenden Bundestrainer zu zeigen, wie Bayern sich in den vergangenen schwierigen Jahren entwickelt hat. Die jungen Sportlerinnen und Sportler zeigten, dass sie mit allen Aufgaben und Situationen schon gearbeitet hatten und konnten sich im nationalen Vergleich mit den anderen Landesverbänden stark präsentieren.

Es bleibt also weiterhin spannend im Nachwuchs. Bayern ist immer unterstützend mit von der Partie, wenn es um die Judo-Nachwuchsförderung im DJB geht. In der Leistungssportwüste Deutschland, können wir nur gemeinsam konkurrenzfähig bleiben - Bayerns größte Chance ist also eine gute und zielgerichtete Zusammenarbeit mit dem DJB.