Die Entstehung und Entwicklung der Sarasinschen Güter in Riehen

Am Nordrand des alten Riehens, begrenzt durch Basel- und Inzlingerstrasse, Rößligasse und Grundstücke an der Gartengasse, befindet sich eine der größten Liegenschaften des Dorfes. Seit 1928 im Besitz der Diakonissenanstalt, umfasst sie drei - ursprünglich getrennte - Landsitze Basler Bürger: das Legrandgut, Rößligasse 67 und 73, das Elbs-Birrsche Gut, Rößligasse 51-55, und das Werthemann-Staehelinsche Landgut, Baselstraße 88. Ihre gemeinsame Geschichte und damit auch eine das gesamte Areal umfassende Namensgebung beginnt erst vor rund 100 Jahren.

Sie verknüpft die Güter zunächst mit der Familie Bischoff, die im 19. Jh. vom Elbs-Birrschen Gut aus alle Nachbarliegenschaften aufkauft und den Komplex auf den heutigen Umfang bringt, dann mit den Sarasins, in deren Händen sie sich von 1875 bis 1927 befinden. Der Name «Sarasinsche Güter» hat den letzten Besitzwechsel überdauert, er sei daher für die überschrift gewählt. Was die einzelnen Landgüter betrifft, werden auch sie in der Vergangenheit nach ihren Bewohnern benannt. Eigennamen wie «Wenkenhof», «Glöcklihof» oder «Bäumlihof» fehlen.

Die in der Literatur häufig zitierte «Hofstatt am Wasen» (das Elbs-Birrsche Gut) ist kein Gegenbeispiel: in den Berainbücher heißt es «Hofstatt, am Wasen», der Zusatz ist reine Ortsangabe. Nur bei dem Anwesen Baselstraße 88 scheint eine Ausnahme vorzuliegen. «Hrn. Scherben Lnd. Guth» im Dorfplan von 1786 dürfte in Wirklichkeit «der Scherben» sein, eine respektlose Anspielung der Riehener auf seinen geringen Umfang. Auf jeden Fall gehört es damals Meister Benedict Stähelin, während wir einen Joh. Hch. Scherb lediglich als Hausbesitzer in der Schmiedgasse finden.

Durchgesetzt hat sich der Name ebensowenig wie die Bezeichnungen, die die Diakonissenanstalt den wichtigsten Baulichkeiten beilegte. Weder «Lindenhaus» für das Hauptgebäude des Legrandhofes noch «Duisberghäuschen» für das Werthmann-Staehelinsche Gut sind über einen beschränkten Kreis herausgedrungen. «Sarasinhaus» dagegen - für den Elbs-Birrschen Landsitz - ist besser bekannt, nicht zuletzt wegen der Tafel am Tor zur Rößligasse 51.

Der dort genannte Wilhelm SarasinIselin war indessen nie Eigentümer unserer Güter, die Verbindung seines Namens mit einem der alten Landsitze entspringt vielmehr einem Akt der Pietät gegenüber dem verdienten Präsidenten des Komitees der Diakonissenanstalt. Wenn wir die drei ursprünglichen Landgüter unter festen Namen führen, geschieht das also nicht unter dem Zwang der Tradition, sondern der besseren Verständlichkeit wegen.

Am einfachsten sind die Verhältnisse bei der Liegenschaft Rößligasse 67 und 73. Unser Vorschlag «Legrandgut» kann sich auf eine lange Reihe gleichlautender Erwähnungen stützen. Schwieriger wird es bei dem Nachbarn, Rößligasse 51-55; wir nennen ihn nach seinem Begründer, dessen Name uns auf einer Bauinschrift überliefert ist, «Elbs-Birrsche Gut», um eine Verwechslung mit der Bezeichnung zu vermeiden, die den gesamten Umschwung meint.

Das Gütchen an der Baselstraße schließlich soll «Werthemann-Staehelinsches Landgut» heißen, nach den beiden Familien, die es zu eigen hatten. Die meisten Quellen geben neben den Namen der Landgüter ihre Lage an. Uns interessieren dabei vor allem die Ortsangaben vergangener Jahrhunderte, «Bischoffsgasse», «Seidenmannsgasse» und «Widerlinsgasse» für unsere Rößligasse, «Mühlinsgäßlin» für die untere Inzlingerstraße, «Lörracherstraß» für die Baselstraße.

Neben diesen leicht verständlichen Straßennamen bedürfen die Lagebezeichnungen «im Byfang» für Legrandgut und Werthemann-Staehelinsches Landgut und «am Wasen» für das Elbs-Birrsche Gut einer Deutung. Wir entnehmen sie gerne der Iselinschen Dorfgeschichte, wonach der Bifang «ein besonderer, vom allgemeinen Weidland durch einen Grünhag oder dergleichen abgegrenzter und .eingefangener' Bezirk gewesen» ist, der Wasen dagegen mit Rasen oder mit Schindanger in Zusammenhang gebracht werden kann.

«Das ganze an das alte Dorf nordwärts unmittelbar angrenzende Gebiet nämlich bis zur Mühle, das heute von den» Sarasinschen Gütern und dem ,La-Roche-Gut' «besetzt ist, hieß seit alters ,im Bifang',... wahrscheinlich wie die Mühle einst dem Kloster von St. Blasien zugehörig... Die den Bifang heute direkt durchschneidende Landstraße bestand einst gar nicht, sondern nur das sogenannte Mühlegäßlein, das vom Ausgang der Oberdorf Straße ziemlich direkt zur Mühle führte.

Erst als dann die der jetzigen» Baselstraße, etwa ab Rößligasse, «und der Lörracherstraße entsprechende ,Straß, so zum viesenthal gadt' (1591) hergestellt war, konnte das alte Mühlegäßchen aufgegeben resp. um den Bifang herumgeführt werden», wo es uns heute als der obere Teil der Rößligasse bzw. als unterer Teil der Inzlingerstraße begegnet.

Anfang und Ausbau

Unter den Basler Landgütern in Riehen sind die Sarasinschen Güter ausgesprochene Spätlinge. Legrandgut und Elbs-Birrsches Gut entstehen Ende des 17. Jhs., das Werthemann-Staehelinsche Landgut gar erst Mitte des 18. Jhs. Das vordringliche Problem der angehenden Landgutbesitzer in Riehen hieß, ein ausreichendes Grundstück zu erwerben; der Kern des Dorfes bot nur wenig Möglichkeiten, an seinem Rand bestanden noch die besten Aussichten.

Freilich darf man nicht übersehen, daß selbst der Bifang keinen einheitlich genutzten Bezirk in einer Hand bildet. Bereits 1664 können wir die vielen Parzellen als Hofstatt, Acker oder Garten nachweisen, fast alle in bäuerlicher Hand. Für einen Abraham Legrand bedurfte es schon besonderer Anstrengungen und sicher einigen Glücks, bis zum Jahre 1702 den gesamten Komplex des Legrandgutes zusammenzubringen.

Uns sind nur vier seiner Kaufverträge erhalten; zwei davon - aus den Jahren 1687/88 - beziehen sich auf bäuerliche Anwesen in der oberen Rößligasse, d. h. also auf das Areal des heutigen Legrandhauses und seiner Nebengebäude, ein weiterer von 1702 auf «IV2 Jucharten Ackher in einem Bey fang zu Riehen, einseits neben der Lörracher Landstrahs ... gelegen, ob sich auf die Mühlingassen stoßend», d. h. auf die Eckparzelle.

Mit dem letzteren Grundstück hat das Gut bereits den endgültigen Umfang erreicht. Er ist das schöne Ergebnis einer rund 15jährigen zielstrebigen Grundstückpolitik. Wir wagen trotzdem zu behaupten, daß ihr der volle Erfolg versagt blieb; an der Rößligasse gelang es nicht, das Gut auf den gleichen Umfang zu bringen wie an der Baselstraße.

Vier Bauern weigerten sich, ihre Höfe an den Basler Herrn zu verkaufen, und neben ihnen hatte sich spätestens seit 1695, der Gründer des zweiten Landgutes niedergelassen, Daniel Elbs-Birr. Weniger glücklich als Legrand gelingt ihm nur der Erwerb von zwei Parzellen, von denen er noch eine mit dem Vorbesitzer teilen muß. Erst in der Mitte des 18. Jhs., der Besitzer heißt nun Samuel Heusler-Burckhardt, dehnt sich das Gut auf die Nachbarliegenschaften aus; 1762 erreicht es die Baselstraße, gerade rechtzeitig, um dem letzten unserer Landgüter, dem Werthemann-Staehelinschen, jedes Wachstum unmöglich zu machen.

Von einem vordem viel größeren Grundstück, das 1754 «drei Häußlenen, Kraut- und Baumgärten» umfaßte und zwei Bauern sowie Pfarrer Schönauer und Schnabelwirt Linder gehörte, hatten sich der o. a. Samuel Heusler und Benedict Stähelin bis 1763 je eine Hälfte gesichert. Durch Abtausch schuf sich dann Meister Stähelin das Gütchen, dem der Volksmund wohl mit Recht den Namen «Scherben» gab. Eingezwängt zwischen den beiden gewichtigeren Nachbarn hat es doch ein volles Jahrhundert überdauert und geht erst 1869, als letzter Zuwachs in dem Gesamtgut auf.

Viel früher verliert das große Legrandgut seine Selbständigkeit; 1812 kauft es der damalige Besitzer des Elbs-Birrschen Gutes, Benedict Bischoff-Frey; sein Sohn Hieronimus Bischoff-Respinger arrondiert das Ganze in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Die Eigentümer

Wie wir im vorigen Kapitel zeigen konnten, war den Sarasinschen Gütern kein gleichmäßiges Wachsen beschieden. Perioden rascher Ausdehnung, etwa in der Mitte des 18. und 19. Jhs., wechselten mit solchen der Stagnation ab. Wir gehen wohl kaum fehl, wenn wir die Ursachen dieser sprunghaften Entwicklung nicht nur in äußeren Umständen oder gar im Zufall suchen, so wichtig er bei Grundstücksgeschäften auch sein mag, sondern mehr in der Person der jeweiligen Eigentümer.

Ihnen seien deshalb die folgenden Ausführungen gewidmet. Eine tabellenartige übersicht soll der raschen Orientierung über ihre Lebensdaten dienen. Vor den Namen wird die Dauer des Besitzes angegeben. Wo Testament oder Kaufurkunde eine genaue Fixierung ermöglichen, ist die betreffende Zahl herausgehoben. In allen anderen Fällen wurde der Tod des Besitzers als Zeitpunkt des überganges an die Erben angenommen. Ehepartner sind als Einheit aufgefaßt worden. Wir beginnen mit den Eigentümern des Legrandgutes und lassen ihnen die des Elbs-Birrschen und des Werthemann-Staehelinschen Landgutes folgen. Um Wiederholungen zu vermeiden, werden im ersteren und letzteren Fall nur die Zeit ihrer Selbständigkeit berücksichtigt.

Das Legrandgut

  1. 1687/92-1727 Abraham Legrand (1643-1710), h. 1670 Margarete Eglinger (1649-1727), Sohn von Daniel Legrand. Handelsmann, «seydenkrämer».
  2. 1727-41 Johann Friedrich Legrand (1672-1739), h. 1707 Sara Leisler (16821741), 2. Sohn von Abraham Legrand-Eglinger. Handelsmann (Textilien).
  3. 1741-75 Abraham Legrand (1710-73), ledig. ältester Sohn von Johann Friedrich Legrand-Leisler. Handelsmann (Textilien, Eisen, Waffen).
  4. 1773-1808 Emanuel Legrand (1746-1808), h. 1774 Salome Christ (1750-76). Neffe von Abraham Legrand. Handelsmann.
  5. 1808-12 Johann Christoph Markt (1758-1829), ledig. Halbbruder von Emanuel Legrand-Christ.

Das Elbs-Birrsche Landgut

  1. 1694/95-1721 Daniel Elbs (1633-1721), h. 1679 Maria Birr (1640-1703), Wwe. v. Daniel Iselin (1638-78). Sohn des Leonhard Elbs. Handelsmann, «specierer».
  2. 1721-57 Hans Jacob Iselin (1675-1734), h. 1697 Maria Elbs (1682-1751). Sohn von Johann Christoph Iselin. Handelsmann, Bandfabrikant.
  3. 1751-52 Maria Iselin-Elbs Erben, u. a. Isaac Iselin.
  4. 1752-91 Samuel Heusler (1713-70), h. 1732 Dorothea Burckhardt (1711-91). Sohn von Samuel Heusler. «handelsmann».
  5. 1791-1806 Jacob Christoph Frey (1741-1806), h. 1763 Margarethe Burckhardt aus dem Kirschgarten (1747-64), h. 1768 Ursula Heusler v. Schönen Eck (1749-70), h. 1772 Dorothea Heusler zum Geist (1743-1805). Sohn von Hans Jakob Frey, Schwiegersohn in 3. Ehe von Samuel Heusler-Burckhardt, Handelsmann und Seidenbandfabrikant.
  6. 1806-36 (ev. 29) Benedikt Bischoff (1769-1836), h. 1792 Dorothea Frey (17741834). 2. Sohn von Bendict Bischoff, Schwiegersohn von Jacob Christ. Frey und Dorothea Heusler. Tuchhändler, Bandfabrikant, Handelsmann, Bankier.
  7. 1836 (ev. 29)-75 Hieronimus Bischoff (1795-1871), h. 1819 Dorothea Respinger (1798-1875). 2. Sohn von Benedikt Bischoff-Frey. Bankier, Kaufmann, Bildungs- und Geschäftsreisen in der Französischen Schweiz, nach Le Havre und England.
  8. 1875-1927 Theodor Sarasin (1838-1909), h. 1864 Johanna Maria Magdalena Bischoff (1841-1927) (adoptiert, vorher Hanna Riis). Sohn von Adolf Sarasin. Schwiegersohn von Hieronimus Bischoff-Respinger. Kaufmann, Redaktor, ab 1875 Tätigkeit in der Basler Mission, Redaktion des Christlichen Volksboten.
  9. 1927128 Theodor Sarasin-Bischoff Erben: seine Töchter Hanna Sarasin und Esther Refardt-Sarasin.
  10. seit 1928 Diakonissenanstalt.

Werthemann-Staehelinsches Landgut

  1. 1763-98 Benedikt Staehelin (1708-87), h. 1736 Anna Margareta Sarasin (1719-43), h. Susanna Merian (1716-98), Wwe. v. Christ. Merian (1712-43). Sohn von Balthasar Staehelin. Kaufmann, Eisenhändler.
  2. 1798-1821 Andreas Werthemann (1754-1821), h. 1778 Maria Charlotte Staehelin (1755-1820). 4. Sohn von Andreas Werthemann. Schwiegersohn von Benedikt Staehelin-Merian. Farbwarenhändler, Bankier.
  3. 1821-69 Andreas Werthemann-Staehelin sei. Erben: Benedikt, Maria Charlo...

Die Tabelle fasst die Eigentümer der drei Landgüter zusammen und gibt einen Überblick über ihre Lebensdaten und Beziehungen.