Die Wrestling-Landschaft erlebt derzeit eine der größten Veränderungen seit Jahrzehnten. Im Mittelpunkt stehen dabei der Marktführer WWE (World Wrestling Entertainment) und der Herausforderer AEW (All Elite Wrestling).
WWE: Der unangefochtene Platzhirsch
Wrestling ist WWE, und WWE ist Wrestling. Keine andere Promotion kommt auch nur ansatzweise an die Popularität der WWE heran. Im letzten Jahr machte die WWE einen Umsatz von 930 Millionen Dollar. In diesem Jahr wird durch den neuen TV-Deal mit FOX vermutlich die Milliarde geknackt. Die WWE ist der eindeutige Platzhirsch.
Ein börsennotiertes Unternehmen mit 850 Mitarbeitern und einem über 200 Mann und Frau starken Roster für mittlerweile drei wöchentliche Hauptshows und mehr. Der Chef des Ganzen ist uns allen nur zu gut bekannt: Vincent Kennedy McMahon, die mit ziemlicher Sicherheit wichtigste Wrestlingfigur aller Zeiten. Wenn die WWE Wrestling ist, dann ist Vince McMahon die WWE.
Rückblick: Goldene Jahre und die Attitude Era
Vince McMahon hat die WWE durch goldene Jahre geführt. Er machte Wrestling zu einem landesweiten Phänomen in den USA. Hulk Hogan und der Undertaker verdanken ihren Erfolg Vince McMahon. Vince McMahon verdankt seinen milliardenbringenden Erfolg der Attitude Era und damit ziemlich direkt auch der WCW. Die enorme Konkurrenz der späten 90er, die frische Promotion mit großen Namen und talentierten Rookies zwang Vince zu Risiken.
Hinter der WCW steckte Ted Turner, ein weiterer Milliardär, der die nWo, Sting und die besten Cruiserweights der Welt auf dem eigenen Sender TNT präsentierte. Es folgten die besten fünf Jahre des Wrestlings. Über 80 Wochen lang schauten mehr Fans der WCW zu, was Vince McMahon zum Handeln zwang. DX wurde gegründet. Steve Austin und The Rock wurden zu Legenden. Die Attitude Era bleibt bis heute unerreicht.
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2001 scheiterte die WCW an der eigenen Politik, konnte die horrenden Gehälter nicht mehr zahlen. Vince siegte im „Monday Night War“ und was folgte, war ein klar erkennbarer Niveau-Rückgang. McMahon musste keine Risiken mehr eingehen, besann sich auf die immer gleichen Storylines und beließ die WWE in ruhigen Gewässern.
AEW: Der Herausforderer mit Visionen
Und genau jetzt kommt dieser Mann ins Spiel: Tony Khan, ein Mann mit Wrestling-Visionen. Tony Khan will nach eigener Aussage dabei helfen, „eine wahrhaft goldene Ära des Wrestlings einzuläuten, diese Zeit zur besten Zeit zu machen, um ein Wrestling-Fan zu sein“. Sein Vater Shahid Khan ist Milliardär, mehr als doppelt so reich wie Vince McMahon. Er ist der stille Investor im Hintergrund. Jetzt will Sohn Tony die Wrestling-Welt verändern und ist nach frühen Informationen bereit, hierfür bis zu 100 Millionen Dollar auf den Tisch zu legen.
Khan kommt einem vor wie ein Kind, das gerade zum ersten Mal im Disneyland ist. Er war schon immer großer Wrestlingfan und kann jetzt seine Träume aktiv gestalten. All Elite Wrestling startete im Januar und gilt laut Journalisten-Ikone Dave Meltzer schon nach einer Show als die „heißeste Nicht-WWE-Kraft, die das US-Wrestling-Business seit mehr als 20 Jahren gesehen hat“.
All Out hieß diese Show und zeigte uns, was wir von AEW erwarten können: Große Namen, talentierte Rookies und das verdammt gute Gefühl, dass hier frisch und unverbraucht eine alte Liebe neu entfacht wird. AEW verspricht uns die Leidenschaft, die im gleichgeschalteten WWE-Universum abhanden gekommen ist.
Wenn es in den letzten zehn Jahren vor allem darum gegangen ist, stets die aktuelle T-Shirt-Farbe von John Cena zu tragen, spüren wir jetzt so etwas wie Aufbruchstimmung. Direkt dafür verantwortlich sind die vier Co-Captains bei AEW, namentlich Cody Rhodes, die Young Bucks und Kenny Omega.
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Zunächst war es Matt Jackson von den Bucks, der mit seiner Frau und Tony Khan über seine Visionen sprach. Wrestling ohne Zwänge. Für die Fans. Frauen bekommen die gleichen Gehälter wie Männer, jeder kriegt seine Krankenversicherung. Die AEW ist so ein bisschen die heile Wrestling-Welt, während bei der WWE Dikator Vince regiert.
Der Kampf um Marktanteile
Viel wurde darüber geschrieben, dass jetzt der „Wednesday Night War“ losgeht, wenn AEW am 2. Oktober auf TNT mit seiner wöchentlichen Show startet. Die Parallelen zur WCW sind offensichtlich. Beide Seiten wollen aber von einer echten Konkurrenz nichts wissen.
Der Kommentar von WWEs Roman Reigns klingt dabei fast schon arrogant: „Konkurrenz? Nein, es gibt keine Konkurrenz. Wir, WWE, wissen genau, was wir tun. Wir haben die besten Talente der Welt. Das ist kein Vergleich, und das sage ich aus voller Überzeugung, von oben bis unten: Wir sind komplett Weltklasse.“
Für die Gegenseite gibt sich Jim Ross unterwürfig: „Es gibt keine Vendetta. Wie kann es denn bitteschön auch nur eine Rivalität sein? Wenn ihr euch die WWE anschaut und wieviel Geld die machen […], dann verbringt ihr ganz schön viel Zeit mit denen und keine mit uns.“
Beides sind natürlich Sticheleien, die umso mehr zeigen, dass die Schlacht längst eröffnet ist. Die WWE verlängert seit Monaten auslaufende Verträge um viele Jahre, AEW sendet regional Werbung für das eigene Produkt während WWE-Übertragungen.
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Stärken und Schwächen im Vergleich
Aber was soll das überhaupt für ein Kampf sein? Die WWE ist praktisch unverwundbar. Hier muss niemand fürchten, dass dem Investor die Lust vergeht. Hier kann jederzeit mit einem Wrestlemania-Main-Event gelockt werden.
Werden die Storylines wieder überragend, bleibt AEW im Schatten des Riesen. Mit Fyter Fest und Fight for the Fallen lieferte AEW schon nicht mehr die Paradeleistung von All Out ab. Der Megahype ist aber auch von der WWE nicht wegzudiskutieren.
In diesem Kampf geht es am Ende nicht um entweder oder. Anders als früher können wir beides schauen. Laut Darwin geht es nicht um das Recht des Stärkeren, sondern es gewinnt der, der sich die beste Nische gesucht hat. Und hier unterscheiden sich WWE und AEW deutlich.
Auch wenn der mittlere Wrestlingfan derzeit über 50 Jahre alt ist, sind je nach Quelle bis zu 20 % der WWE-Zuschauer minderjährig. AEW spricht hauptsächlich die 18- bis 35-Jährigen an, die Spotfight verfolgen und für die es cool ist, Shirts ihrer Indy-Wrestler zu tragen.
Und dann wäre da noch die Sache mit dem Sports Entertainment. Schon zu Ted Turner sagte Vince McMahon damals, dass sich die beiden nie über den Weg laufen werden, weil Turner sportliches Pro Wrestling anbietet, Vince aber wrestlerisches Sports Entertainment.
Nein, es ist kein wirklicher Kampf WWE vs. AEW. Es ist eine neue Alternative zum alten Bewährten. Wir haben jetzt eine Wahl und schalten ab, wenn uns etwas nicht gefällt. Wir sind die Fans. Wir zwingen beide Seiten zu Höchstleistungen.
Wir hoffen auf eine neue, eine geile Wrestling-Ära. Die Konkurrenz ist endlich wieder da und davon profitiert am Ende jeder Wrestlingbegeisterte. Davon profitiert auch die WWE.
Aktuelle Entwicklungen und Zuschauerzahlen
Die jüngsten Quotenentwicklungen zeigen jedoch ein gemischtes Bild. Während WWE RAW einen klaren Aufwärtstrend verzeichnet, kämpft AEW Dynamite mit sinkenden Zuschauerzahlen. Dies könnte auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein, darunter die Wahl kleinerer Veranstaltungsorte durch AEW zur Kosteneinsparung und die wachsende Popularität von WWE durch den Netflix-Deal.
Ein „katastrophaler“ Hieb für AEW: Die wöchentliche TV-Show Dynamite hat am vergangenen Mittwoch die schlechteste Einschaltquote der Ligageschichte geerntet: Nur 502.000 Zuschauer saßen in den USA am Bildschirm, in der zentralen Zielgruppe der 18- bis 49-Jährigen sank das Rating auf 0,16 - so tief wie nie, auch nicht im Vergleich zu Shows, die auf einen anderen Sendeplatz ausweichen mussten.
AEW litt derweil zuletzt unter dem Verlust an Starpower durch die Abgänge von Rhodes und Punk oder die Langzeitausfälle von MJF, Cole und Kenny Omega - den neue Top-Verpflichtungen wie Adam Copeland (Edge), Japan-Star Kazuchika Okada oder Mercedes Moné (Sasha Banks) bis jetzt nur teilweise aufgefangen haben.
Direkter Vergleich: WWE NXT vs. AEW Dynamite
Erstmals seit einem Jahr sind WWE und AEW am Dienstag im US-Kabelfernsehen auf Kollisionskurs gegangen. Und dieses Mal ging es im direkten Quotenvergleich zugunsten des Marktführers aus. So kam WWE NXT am 10. Oktober zur regulären Sendezeit im Schnitt auf 921.000 Zuschauer (18-49: 396.000; Rating: 0,30).
AEW Dynamite musste in dieser Woche wegen einer Baseball-Übertragung vom regulären Mittwoch auf den Dienstag ausweichen und lief damit Kopf an Kopf mit NXT. Die bittere Realität für die #2-Promotion: Dynamite hatte in diesem Jahr keine Chance gegen NXT. So kam AEW Dynamite mit „Title Tuesday“ am 10. Oktober auf 609.000 Zuschauer (18-49: 346.000; Rating: 0,26).
WWE dominierte den kompletten Abend beim Gesamtpublikum. Jedes 15-Minuten-Segment erreichte mehr Zuschauer als AEW Dynamite. Nur in der werberelevanten Zielgruppe zwischen 18 und 49 gab es eine Viertelstunde (20:30 Uhr bis 21:30 Uhr: 400.000 Zuschauer vs. 360.000 Zuschauer), in der Dynamite vor NXT lag.
Ticketverkäufe: Ein weiteres Indiz für die Entwicklung
Wrestlenomics hat in Zusammenarbeit mit WrestleTix eine ausführliche Analyse der Ticketverkäufe von WWE und AEW veröffentlicht. Dabei beziehen sie sich auf die Verkäufe seit dem ersten Quartal 2022. Um einen bestmöglichen Vergleich aufzustellen, unterliegen die Vergleiche der „gleicher Markt-gleiches Event-Regel“.
WWE hatte im Februar neun Shows, die in diesen Vergleich aufgenommen werden konnten. Diese beinhalten den Royal Rumble sowie jeweils vier Ausgaben von „Monday Night RAW“ und „Friday Night SmackDown“. Der Vergleichszeitraum bezog sich in diesen Fällen aus Shows aus 2023 und 2024. Bei fünf der acht Weeklys gab es einen Zuwachs an Zuschauern vor Ort, während es bei drei Shows einen Rückgang gab.
AEW hatte im Februar lediglich zwei Shows, die in diesen Vergleich aufgenommen werden konnten. Dabei handelt es sich um zwei Ausgaben von „AEW Dynamite“. Diese beiden Ausgaben erfuhren einen Rückgang um 13 % und 44 %. Bei AEW gehen die Ticketverkäufe seit Jahren zurück.
Zusammenfassung der Zuschauerzahlen und Ticketverkäufe
Die folgende Tabelle fasst die Zuschauerzahlen und Ticketverkäufe von WWE und AEW zusammen:
| Promotion | Show | Durchschnittliche Zuschauerzahl (Q1 2025) | Ticketverkäufe Trend |
|---|---|---|---|
| WWE | RAW | 13.600 | Aufwärtstrend |
| WWE | SmackDown | 11.400 | Leichter Aufwärtstrend |
| AEW | Dynamite | 2.700 | Abwärtstrend |
| AEW | Collision | 3.500 | Leichter Aufwärtstrend (reicht nicht aus, um den Negativtrend auszugleichen) |
Internationale Expansion
WWE bereitet derzeit eine neue Reihe von internationalen Live-Events vor, bei denen Mexiko künftig eine zentrale Rolle einnehmen soll. Einem neuen Bericht zufolge arbeitet das Unternehmen aktiv an einer mehrteiligen Veranstaltungsserie, die in eine große SuperShow Mexiko münden wird.
Mit dieser globalen Ausrichtung verfolgt das Unternehmen das Ziel, seine Marke noch stärker als weltweit operierende Entertainment-Macht zu positionieren. Die anstehende SuperShow Mexiko könnte somit nicht nur ein Meilenstein für WWE in Lateinamerika werden, sondern auch ein weiteres Element in einer Reihe internationaler Großveranstaltungen darstellen, die über das Jahr hinweg verteilt stattfinden.
