Nils Stump, der Judoka aus Zürich, hat fast alles gewonnen, ausser olympisches Gold. Wird er bei den Spielen in Paris seine Gegner besiegen, oder bleibt der Traum unerfüllt? Sein Bruder Siro begleitet ihn als Sparringpartner und grösster Fan bis ins olympische Dorf.
Grand Slam Gold, WM-Gold und der erste Platz beim European Open: Es gibt nur wenige Turniere, die Judoka Nils Stump (27) in der Gewichtsklasse unter 73 Kilo noch nicht gewonnen hat. Olympia ist eines davon. Bei den letzten Spielen in Tokio musste Stump ein frühes Aus verkraften und beendete das Turnier auf dem 17. Platz.
Als der Zürcher in Dietikon ZH seine olympische Kleiderkollektion abholte, sprach er mit Blick über Hoffnungen, Ängste und seinen jüngeren Bruder, der immer mit dabei ist. Wird er in Paris seine Gegner so mühelos wie bei vielen anderen Wettkämpfen auf die Matte legen, oder bleibt olympisches Edelmetall für ihn unerreichbar?
Der Medaillentraum: Wird er Realität?
«Ich glaube, es ist normal im Sport, dass man etwas Nervosität verspürt. Es kann nun einmal schnell gehen, vor allem im Judo. Wenn du den ersten Kampf verlierst, bist du fertig», sagt Stump. Er erklärt jedoch auch, dass er sich von äusseren Erwartungen nicht zu sehr beeinflussen lassen will.
«Aber wenn es am Schluss für eine Medaille reicht, bin ich happy», fügt er schmunzelnd an. Bei diesem Vorhaben unterstützen werden ihn Freunde und Familie. Alle haben Tickets, um seinen Wettkampf live vor Ort mitverfolgen zu können. Einer jedoch hat sich mehr als nur einen Sitz auf der Tribüne gesichert.
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Siro Stump, Nils Stumps Bruder, hat sogar eine Akkreditierung fürs olympische Dorf - er ist offizielles Mitglied der Delegation. «Mein Bruder kommt mit als Sparringpartner», sagt Stump ganz beiläufig, als wäre es das Normalste auf der Welt. «In Tokio war er auch schon mit dabei. Das hilft extrem, wenn man so eine nahe Bezugsperson hat.» Sein Bruder wird hautnah dabei sein.
Siro Stump hat dem Spitzensport vor zweieinhalb Jahren, als er sein BWL-Studium begann, den Rücken gekehrt. Dennoch trainiert er noch zwei- bis dreimal in der Woche, um in Form zu bleiben. «Ich habe schon immer sehr gern mit Nils trainiert und finde es hervorragend, nun so nah an den Olympischen Spielen dran zu sein», meint der 25-jährige Bruder des Weltmeisters.
«Schlussendlich ist mein Ziel, ihn ein wenig zu pushen und ihm ein gutes Gefühl zu geben. Wir wissen, dass er alle seine Gegner schlagen kann, denn er hat sie alle schon einmal geschlagen», sagt Siro Stump und grinst dabei ein wenig. Eines ist sicher: Nils Stump hat seinen grössten Fan ganz nah bei sich.
Am 29. Juli steht für Nils Stump der grosse Tag an. Die Vorrunde im Judo. Die Chancen stehen gut für den Mann, der in den vergangenen Jahren so viele Turniere gewonnen hat.
Weitere Schweizer Judo-Hoffnungen in Paris
Für die Judo-Wettbewerbe hat Swiss Olympic Binta Ndiaye, Daniel Eich und Nils Stump selektioniert. Stump wird an seinen zweiten Olympischen Spielen teilnehmen, nach Tokio 2021, wo er in seinem ersten Kampf ausgeschieden war.
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Inzwischen hat der Zürcher an der WM 2023 Gold und an der WM 2024 Bronze in der Gewichtsklasse -73 kg gewonnen. Binta Ndiaye und Daniel Eich werden in Paris ihre olympische Premiere erleben. Die 19-jährige Waadtländerin ist derzeit Weltnummer 16 in der Kategorie -52 kg, der 24-jährige Aargauer Eich die Weltnummer 14 in der Kategorie -100 kg.
Historischer Turniersieg für Nils Stump
Es ist ein historischer Turniersieg für das Schweizer Judo! Nils Stump gewinnt bei der Weltmeisterschaft in Doha (QAT) sensationell die Goldmedaille. Der 26-jährige schafft das als erster Schweizer überhaupt.
Daniel Eich verpasst knapp eine Olympia-Medaille
Viel dramatischer kann einem eine Medaille nicht aus den Händen gleiten - oder gerissen werden - als Daniel Eich am Schweizer Nationalfeiertag in Paris. Der Aargauer Judoka Daniel Eich verpasst die Olympiamedaille nur knapp. In der Klasse bis 100 kg unterliegt der 24-Jährige im Kampf um Bronze Peter Paltchik (ISR).
In der Champ de Mars Arena in Paris überschlugen sich am Ende des Kampfes um Bronze die Ereignisse. Fünf Sekunden vor Ablauf der veranschlagten 4 Minuten kassierte der in Führung liegende Israeli Peter Paltchik die zweite gelbe Karte wegen Passivität. Weil seine erste Strafe fälschlicherweise doppelt gewertet worden war, wurde eine Disqualifikation (drei gelbe Karten ergeben eine rote) angezeigt. Diese hätte dem Schweizer Daniel Eich die Bronzemedaille eingebracht.
Doch der Video-Schiedsrichter korrigierte den Entscheid. Paltchik jubelte, Eich zeigte sich als fairer Sportsmann und guter Verlierer. Eich, der EM-Dritte, hatte die Hoffnungen auf die erste Schweizer Judo-Medaille seit 2008 bis zum Schluss aufrechtgehalten. Der 24-jährige Aargauer wäre erst der vierte Schweizer Medaillengewinner an Olympischen Spielen im Judo nach Erich Hänni (Silber 1964), Jürg Röthlisberger (Gold 1980 und Bronze 1976) und Sergei Aschwanden (Bronze 2008) gewesen.
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Nach drei Siegen zum Auftakt hatte Eich im Halbfinal gegen Ilia Sulamanidse den Kürzeren gezogen. Gegen den georgischen Weltranglisten-Zweiten lag er bereits nach neun Sekunden auf dem Boden und unterlag mit Ippon. Sulamanidse unterlag später im Final Zelym Kotsoiev aus Aserbaidschan und musste sich mit Silber begnügen.
Nach dem lockeren Auftaktsieg gegen die Weltnummer 143 aus Syrien, den für das Flüchtlingsteam startenden Adnan Khankan, wartete mit dem Kanadier Shady Elnahas die Weltnummer 3 auf Eich. Nach ausgeglichenen 4 Minuten ohne Wertung gelang dem Aargauer gegen den amtierenden Vize-Weltmeister nach 34 Sekunden in der Verlängerung der «Golden Score» zum Sieg.
Im Viertelfinal ging es gegen den Spanier Nikoloz Sherazadishvili, einen gebürtigen Georgier und zweifachen Weltmeister. Genau in der Hälfte des Kampfes gelang Eich eine kleine Wertung. Die Weltnummer 8 konnte in der Folge nicht mehr punkten, der Schweizer stand im Halbfinal.
Sergei Aschwanden: Ein Vorbild für Schweizer Judoka
Unvergessen bleibt der 13. August 2008: Im dritten Anlauf klappt es endlich. Judoka Sergei Aschwanden holt nach den bitteren Erstrunden-Niederlagen in Sydney und Athen endlich olympisches Edelmetall. Danach beweist er sich als Partyhengst, obwohl er ohne Gold-Cancellara und Bronze-Thürig um die Häuser ziehen muss.
Ausgerechnet Judoka Aschwanden! Dreimal stand er bereits auf einem WM-Podest, zweimal wurde er Europameister, doch bei Olympischen Spielen war ihm das Glück nie hold. Zwei Mal war der Sohn eines Urners und einer Kenianerin vor Peking schon bei Olympia dabei, ohne Erfolg: In Sydney 2000 und Athen 2004 waren die Spiele für ihn bereits nach dem ersten Kampf schon wieder vorbei.
In Peking soll nun endlich die heiss ersehnte Medaille her. Aschwanden wagt dafür einen riskanten Schritt: Obwohl er nur gerade 1,81 Meter gross ist, wechselt er vom Halb-Mittelgewicht (bis 81 kg) ins Mittelgewicht (bis 90 kg). Seine Konkurrenten überragen ihn teils um einen Kopf, doch das ist dem Kraftpaket egal. «Jeder Kampf ist ein Final. Doch mein Ziel ist eine Medaille», gibt sich der Judoka selbstsicher.
Aschwanden setzt auf seinen Instinkt und die Erfahrung, er demonstriert Willensstärke und zeigt eine imponierende Ausdauer. Mit fünf Siegen bei nur einer Viertelfinal-Niederlage erkämpft sich die Frohnatur gegen zumeist grössere Gegner den wertvollsten Erfolg seiner Karriere. Aschwanden wirkt geduldig und jeder Wettkampfsituation gewachsen. Mit Kraft und Beharrlichkeit.
Den Olympia-Fluch bricht er in der 1. Runde mit einem Sieg gegen den Deutschen Michael Pinske. In der 2. Runde schlägt Aschwanden dann erstmals seinen Angstgegner, den Sydney-Olympiasieger Mark Huizinga aus Holland. Nach einer frühen Waza-Ari-Führung (mittlere Wertung im Judo) holt sich der Schweizer nach rund vier Minuten Kampfzeit den Sieg mit einem Hüftwurf.
Nach dem knapp verlorenen Viertelfinal gegen Afrika-Meister Amir Benikhlef muss Aschwanden in die Hoffnungsrunde. Dort kommt es im Final gegen den explosiven Brasilianer Eduardo Santos zu einem 10-minütigen Abnützungskampf (reguläre Kampfzeit + Verlängerung), den der Schweizer dank eines Kampfrichter-Entscheids schliesslich knapp gewinnt.
Im Kampf um Bronze setzt sich Aschwanden gegen den Russen Iwan Perschin nach einem Rückstand von zwei Yukos knapp zwei Minuten vor Kampfende im Stile eines grossen Champions durch. Er nutzt ein leichtes Nachlassen des ungestüm attackierenden Russen zu einem Ippon, der ihm im Alter von 32 Jahren doch noch olympisches Edelmetall beschert.
«Sergei hat gelernt, dass er nicht perfekt ist», analysiert der Schweizer Nationaltrainer Leo Held. «Früher wollte er oft zu schön gewinnen. Jetzt konnte er die Situationen geduldig zu seinen Gunsten nutzen.»
Aschwanden muss alleine Party machen
Aschwanden selbst hat keine Lust auf Analysen, er will nur noch feiern. Mit der Schweizer Flagge stürmt er zunächst durch die Judo-Halle, im House of Switzerland soll die Partie danach weitergehen. Zusammen mit Cancellara und Thürig will der Judoka auf den Putz hauen. Doch die Veloprofis sind keine Feierbiester: Cancellara feiert nur kurz mit der eigenen Entourage und Thürig macht sich nach den offiziellen Ehrungen und einer Ovi im olympischen Dorf früh aus dem Staub.
Aschwanden ist's egal, ohne Cancellara und Thürig macht er die Nacht zum Tag. Ins Bett schafft er es nicht. «Ich werde wohl einige Tage brauchen, bis ich vom Adrenalin herunterkomme», sagt er am nächsten Morgen. «An Schlaf war überhaupt nicht zu denken. Ich wollte auch nicht schlafen und habe die ganze Nacht durchgefeiert.» Noch immer hat er die Schweizer Fahne dabei, trägt daselbe T-Shirt. So schön und so lange hat sich noch selten ein Schweizer Olympia-Held gefreut.
Drei Monate nach seinem Bronze-Coup tritt Aschwanden vom Profisport zurück. Er widmet sich seinem Sport- und Wirtschaftsstudium und der Familie. Mit seiner Frau Sonja hat er vier Kinder. 2015 zieht es den Leiter des Sportzentrums von Villars-sur-Ollon VD dann in die Politik. Für die FDP des Kantons Waadt kandidiert er dreimal für den Nationalrat - allerdings ohne Erfolg. Dafür wurde er 2017 in den Grossen Rat von Waadt gewählt. Abschreiben sollte man das Stehaufmännchen aber auch im Parlament dennoch nicht. Gut möglich, dass Aschwanden nochmals antreten wird.
Zusammenfassung der Schweizer Judo-Erfolge
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Erfolge der Schweizer Judoka bei den Olympischen Spielen zusammen:
| Athlet | Disziplin | Olympische Spiele | Medaille |
|---|---|---|---|
| Erich Hänni | Judo | 1964 | Silber |
| Jürg Röthlisberger | Judo | 1976 | Bronze |
| Jürg Röthlisberger | Judo | 1980 | Gold |
| Sergei Aschwanden | Judo | 2008 | Bronze |
