Wir schreiben das Jahr 2019 - 30 Jahre ist es also nun schon her, seit die Menschen in der ehemaligen DDR die Mauer zum Fallen brachten.
Die Wiederentdeckung der Ost-Musik
Die Bands aus dem Osten, mit denen man groß geworden war, interessierten niemanden mehr, das mussten diese schmerzlich erfahren, sie waren nicht mehr angesagt.
Aber irgendwann ist man entweder übersättigt oder man wird nostalgisch.
Oder man erinnert sich wieder daran zurück, dass auch der Osten gute Musik(er) hatte.
Jedenfalls gewannen City, Renft, Karat, die Puhdys, Silly oder Engerling (die übrigens seit 1994 Mitch Ryder auf seinen Tourneen durch Deutschland begleiten) und viele andere, immer mehr an musikalischem (Ost)Boden zurück und wurden auch im Westteil Deutschlands populär.
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Man denke dabei nur an Karats "Über sieben Brücken musst du gehen", welches von Peter Maffay gecovert wurde oder an Citys "Am Fenster".
Dieser Song belegt in der SWR Hitparade grundsätzlich vordere Plätze und ist sozusagen das "Stairway To Heaven" der Mannen um Toni Krahl.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass "Am Fenster" auch die "100 besten Ostsongs" anführt.
Eine Werkschau über Ost-Musik
Am 14. Juli 2019, also knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall, lief auf radioeins in Berlin eine Art Werkschau über Ost-Musik.
Von Pop über Liedermacher, Rock, Blues und Punk gab es die ganze musikalische Bandbreite zu hören.
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Ausgewählt wurden die Songs von einer Branchen-Jury aus Ost und West.
Diese wurden an besagtem Sonntag von 9.00 Uhr früh bis 19.00 Uhr abends den Zuhörern, beginnend mit Position 100 und endend mit der Nummer eins, vorgestellt.
AMIGA griff - in Kooperation mit radioeins - diese Idee auf und präsentiert uns nun dieses großartige 6-CD Box-Set, welches von einem 64-seitigen, reich bebilderten Booklet begleitet wird.
Enthalten darin sind Originalzitate und kleine persönliche Geschichten der Juroren zu deren Songauswahl.
Eine Vielzahl von Künstlern, unvergesslichen Hymnen, aber auch hörenswerten Außenseitern bieten die sechs CDs dem Käufer.
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Vielfalt der Ost-Musik
Weitere große Namen sind auf den sechs Scheiben zu finden, wie u.a. Wir hören Silly mit der unvergessenen Frontfrau Tamara Danz, die gleich mit drei Songs unter den ersten zehn Plätzen zu finden sind: "Battailon D’Amour" (Platz 5), "Mont Klamott" (Platz 7) und "Verlorene Kinder (Platz 9).
Bluesige Klänge gibt es mit Engerling, Jürgen Kerth oder der Monokel Blues Band und rocken können wir mit der Klaus Renft Combo/Renft oder Pankow (die Stimme ihres Sängers André Herzberg erinnert mich ab und zu an Falco).
Sanfte Balladen hören wir von Lift und Panta Rhei mit Frontfrau Veronika Fischer, die sich auch mit ihren Solo-Werken gute Plätze erobern konnte.
Zu den ganz großen Überraschungen gehört für mich auf Platz 16 der polnische Sänger Czeslaw Niemen, der mit dem 7:35 minütigem "Jednego Serca" eine kleine Hymne geschaffen hat.
Ergänzt wurde die Horst Krüger Band extra für dieses Stück durch eine Bläsersektion und Backgroundsängerinnen (u.a. Tamara Danz), um diesen herrlich komplexen Breitwandsound zu schaffen.
Natürlich sind auch noch viele tolle, von mir ungenannte Bands und Künstler auf den sechs Scheiben vertreten.
Ob nun Punk, Rock, Blues, Liedermacher, Pop oder Ungewöhnliches, ich denke, es ist für jeden Musikgeschmack was dabei.
Letztendlich ist es die gesunde Mischung, welche eine interessante Hitparade ausmacht.
Alles in allem bleibt folgendes festzuhalten: Für alle Ostrockfans und solche, die es noch werden wollen, ein schöner Querschnitt durch die ostdeutsche Musikgeschichte, wie ich meine.
Karat: Mehr als nur eine Band
Der Einfluss von Herbert Dreilich
Der damals 60-Jährige gehörte 1975 als Leadsänger zu den Mitgründern von Karat, jener Band, die mit ihren Songs wie „Über sieben Brücken“, „Albatros“ oder „König der Welt“ zur populärsten DDR-Rockgruppe wurde, die bereits in den 80er-Jahren auch in der Bundesrepublik große Erfolge hatte.
Mit Liedern, die von der Sehnsucht nach Freiheit handelten oder wie in „Der blaue Planet“ von der Gefahr eines Atomkriegs warnten, hatten Karat die Menschen in beiden Teilen des damals noch geteilten Deutschlands angesprochen.
Als Herbert Dreilich wegen seiner Krankheit das Bett nicht mehr verlassen konnte, ermutigte er seinen skeptischen Sohn, der keine Banderfahrung besaß, den Part von ihm zu übernehmen.
Er wollte, dass die Band auch ohne ihn weitermacht.
„Das war eine schwere Entscheidung, auch wenn mein Vater meinte, ich sei eine Rampensau und könne das“, erzählt Claudius Dreilich beim Interview in seinem Berliner Büro.
Sein Wagnis sollte sich lohnen.
Seit 2005 singt er nun schon bei Karat, die am Wochenende in Berlin eine große Tournee anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens starten.
Zugleich präsentieren sie ihr neues Album „Hohe Himmel“.
Mehr als 70 Konzerte sind bis zum Spätherbst geplant.
Ständig gaben sich bei uns Bandkollegen meines Vaters die Klinke in die Hand.
Manchmal wohnte auch einer bei uns.
Oft probten sie bis weit in die Nacht, wurden Platten gehört, über Songs und Texte diskutiert.
Bei mir hinterließ das insofern tiefe Spuren, als dass ich beispielsweise nie eine Langspielplatte mit Kindermusik besaß, sondern nur die Platten von Karat hören wollte.
Die erste Platte in meiner Sammlung war auch die des gleichnamigen Debütalbums „Karat“, unter anderem mit dem Titel „König der Welt“.
Ich war wahnsinnig stolz, dass meinem Vater tausende Menschen zujubelten.
Wo die Jungs auftraten, wurden sie wie Superstars gefeiert.
Das Größte für mich aber war, dass ich beim Konzert hinter die Bühne durfte.
Oh Gott, da habe ich mich gefühlt wie ein Riese!
Ich war aber sieben Jahre in Halle am Konservatorium, lernte dort Violine und Klavierspielen.
Gitarre brachte ich mir selbst bei.
Erst als ich 18, 19 war, fing das an, dass mein Vater und ich uns musikalisch austauschten.
Ich schrieb eigene Songs, die er hören wollte, woraufhin wir dann gelegentlich miteinander gejammt haben.
Die Zeit des Mauerfalls und danach
Ich wollte damals partout nicht in den Westen ziehen.
Ich tat es meiner Mutter zuliebe.
Nur deshalb gab ich ihr auch meine schriftliche Einwilligung, die sie für die Ausreise benötigte, weil ich zu dem Zeitpunkt bereits 14 war.
Mit dem Weggang verlor ich auch meinen Freundeskreis.
Welcher Teenager möchte das erleben?
