Die "Attitude Era" der früheren WWF war ein Erfolgsrezept, eine Zauberformel, die als entscheidend im "Monday Night War" galt, in dem die Promotion Ende der neunziger Jahre mit Stars wie "Stone Cold" Steve Austin und The Rock die Showkampf-Marktführerschaft dauerhaft eroberte.
Viele Fans sehnen sich bis heute nach ihr zurück. Sie ist ein Mythos, dessen Kreation die Wrestling-Liga WWE womöglich vor dem Untergang bewahrte. Mit einer neuen, erwachsenen und kontroversen Ausrichtung (ein Gegenpol zur späteren "PG Era") sorgte die damalige WWF für den zweiten großen globalen Wrestling-Boom nach dem Aufstieg von Hulk Hogan und seiner "Hulkamania" eineinhalb Jahrzehnte vorher.
Die Ausgangslage: WWE in der Krise
Der Attitude Era waren aus Sicht der WWF schwierige Jahre vorausgegangen: Ein großer Steroid-Prozess hatte die Liga ebenso erschüttert wie der Angriff der Konkurrenzliga World Championship Wrestling (WCW). Hogan und andere Stars wechselten zum von Medien-Mogul Ted Turner finanzierten Mitbewerber gewechselt, mit der Story um den böse gewordenen Hogan und seine New World Order (nWo) strickte WCW auch eine große Erfolgsgeschichte mit den Überläufern.
Die personell gebeutelte WWF stürzte ab, die Quoten der Flaggschiff-Show Monday Night RAW sanken. Auf dem Höhepunkt der Krise konnte die WWF 1997 zum ersten und einzigen Mal in ihrer Geschichte nicht mal ihre wichtigste Show WrestleMania ausverkaufen.
Der Richtungswechsel: Mehr Kontroverse und Realismus
McMahons Reaktion? Er experimentierte mehr und mehr mit einem kreativen Richtungswechsel und kontroversen Ideen. Schon 1995 etwa führte er den homoerotischen Bösewicht Goldust ins Programm ein. Im Jahr darauf kreierte die WWF den Charakter des Antihelden "Stone Cold" Steve Austin, der Bier trank, Stinkefinger zeigte und Schimpfwörter benutzte, die vorher tabu waren.
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Auch andere Wrestler taten plötzlich Dinge, die sie vorher nicht taten: Der einst jugendfreie Held Bret "The Hitman" Hart wurde in einer Fehde mit Austin zum verbitterten Wüterich, Brian Pillman in einem Video-Segment mit einer Pistole inszeniert, auch die Gruppierung D-Generation X mit Shawn Michaels und Triple H tat sich durch Provokationen hervor. Am Ende des Jahres 1997, kurz nachdem die WWF durch den spektakulären Abgang von Bret Hart eine weitere Schwächung erfuhr, entschloss McMahon sich endgültig zur Flucht nach vorn.
Das Gründungsmanifest: Die Geburt der "Attitude"
Am 15. Dezember 1997 wandte McMahon sich bei RAW mit einer Ansprache an sein Publikum und versprach, es künftig "auf eine zeitgemäßere Weise zu unterhalten". McMahon grenzte sich ab von "Superhelden, die euch erzählen, eure Gebete zu sprechen und Vitamine zu essen" und von "dem immergleichen, alten und einfachen Gut-gegen-Böse-Schema". Die WWF hätte verstanden, dass "die Zuschauer es satt haben, ihre Intelligenz beleidigt zu sehen" und gelobte eine "weit kreativere und innovativere" neue Ausrichtung seines Produkts.
Noch mehr als bisher wollte er die Einflüsse aus anderen Unterhaltungssparten aufnehmen. Vor allem aber verkündete McMahon: Seine Flaggschiff-Show RAW werde nun bewusst nicht mehr jugendfrei gehalten. Das neue Leitmotiv: "Attitude".
Die Elemente der Attitude Era
McMahon setzte von nun an in aller Konsequenz darauf, Reizpunkte zu schaffen: Er setzte "Hardcore-Matches", bei denen die Wrestler mit Gegenständen aufeinander eindroschen und oft Blut vergossen. Er inszenierte weibliche Stars wie Sunny, Sable und Goldusts Managerin Marlena zunehmend freizügig und sexualisiert. Ein wichtiger Ideengeber des Richtungswechsels war der relative Erfolg der Nischenliga ECW (Extreme Championship Wrestling) von Paul Heyman, die der Attitude Era in fast allen Punkten vorgriff.
Innerhalb der damaligen WWF galt vor allem der Autor Vince Russo als wichtiger Antreiber der Attitude Era. Russo hatte viele neuartige Ideen, einen Sinn für Schockeffekte und keinerlei Scheu mit Traditionen und Tabus zu brechen.
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Die Stars der Attitude Era
Vor der Kamera war es neben Austin vor allem Vince McMahon selbst, der sein neues Konzept zum Funktionieren brachte. Geschickt nutzte er den Umstand, dass er es sich bei Bret Harts Abgang auch mit vielen eigenen Fans verscherzt hatte: Er machte sich selbst zum neuen Oberbösewicht der Liga und großen Rivalen von "Stone Cold".
Austin stieg bei WrestleMania XIV im Frühjahr 1998 - mit Hilfe eines clever inszenierten Gastauftritts von Box-Legende Mike Tyson - zum neuen Champion auf. Die anschließende Rivalität zwischen dem bösen Boss McMahon und seinem rebellischen Angestellten wurde ein Sensationserfolg, der der WWF Traumquoten bescherte und das Ruder im "Monday Night War" herumriss.
Sie war die Keimzelle eines neuen Booms, aus der zahlreiche weitere Erfolgsprojekte entstanden: der Aufstieg von The Rock als zweiter großer Liebling, der fortlaufende Kult um die DX, die Neuerfindung des Undertaker als düsterer Hohepriester, der unwahrscheinliche Popularitätsschub des verwegenen Jedermanns Mick Foley, die Etablierung von Triple H als Mega-Bösewicht, die Wiedergeburt der Tag-Team-Division mit fantastischen Matches von Matt und Jeff Hardy, Edge und Christian und den von ECW verpflichteten Dudley Boyz.
Der Sieg im Monday Night War
RAW lockte zwischen 1998 und 2000 mehr Zuschauer an als je zuvor, der Hype wurde so groß, dass die WWF im Jahr 2000 die zweite große Wochenshow SmackDown etablieren konnte. WCW hatte bald nichts mehr entgegen zu setzen, sie rutschte selbst in eine Kreativkrise, verlor aufstrebende Stars wie Chris Jericho, Chris Benoit und Eddie Guerrero an die WWF. Ein Großteil der Fans wandte sich ab, Mutterkonzern und TV-Partner Time Warner ließ die Promotion 2001 fallen und verkaufte sie - an McMahon.
Der WWF-Boss hatte sein langgehegtes Ziel erreicht, er war unumstrittener Herrscher der Wrestling-Nation. Ironischer-, aber vielleicht auch folgerichtigerweise schritt auch seine Liga danach wieder in ein Tal.
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Das Ende der Attitude Era und der Übergang zur PG Era
Nach dem Ende des "Monday Night War" sank das allgemeine Zuschauerinteresse, die WWF trug mit eigenen Fehlentscheidungen dazu bei, unter anderem die missglückte Eingliederung der WCW-Stars oder die Verwässerung Austins durch mehrere unentschlossene Wechsel zwischen Gut und Böse. Von diversen Grundideen der Attitude Era hatte WWE (2002 umbenannt) da schon länger Abstand genommen.
Nach der Übergangszeit der "Ruthless Aggression Era" 2002 bis 2008 mit neuen Stars wie John Cena um Batista kam dann ein radikalerer Schnitt: WWE sah es zur Zielgruppenerweiterung geboten, ihr komplettes Programm wieder kinder- und jugendfreundlich zu machen, um das entsprechende "PG Rating" zu bekommen. Blut, Sex und andere Schockeffekte waren wieder tabu.
Die Schattenseiten der Attitude Era
Als Dauerkonzept lief der Tabubruch sich zwangsläufig tot, die provokanten Ideen nutzten sich ab. Attitude-Autor Russo wurde vorgehalten, dass sein Konzept des "Crash TV", in dem viele Matches eher Vehikel für seine Story-Ideen waren als umgekehrt, auf Dauer den athletischen Kern des Produkts schwächte. Russo ging später zu WCW und war dort durch viele missglückte Schachzüge mitverantwortlich für den Untergang.
DVD-Box zur Attitude Era
Das moderne Sports Entertainment ist ohne die Attitude Era nicht erklärbar, Grund genug, dass WWE dieser Zeit eine eigene DVD-Box widmet. Etwas mehr als sieben Stunden Videomaterial werden dem Wrestling-Fan mit dieser Box geboten, wie immer unterteilt in eine DVD mit einem erzählten und kommentierten Rückblick auf diese Zeit (1997 - 2000).
In Kurzform wird die Attitude Era angerissen und mit schönen und legendären Szenen unterlegt, während Wrestler und Kommentatoren ihre Sicht der Dinge schildern und ab und an eine kleine Anekdote zum jeweiligen Sport beitragen. Zwei weitere DVDs mit ausgewählten Szenen und Matches sind passend zum Thema bestückt. Von 1998 an werden diverse Matches und Showelemente vorgestellt, die durchaus reizvoll und unterhaltsam sind, aber meist den Bezug zur Era vermissen lassen.
Zitate
"You want mercy? Take your ass to church!" - Stone Cold Steve Austin
