Eine Reise durch Andalusien: Von Málaga bis Granada

Gestartet haben wir unsere gemeinsame Reise in Málaga. Ein erstes Beschnuppern bei einem ersten Anstieg auf den Aussichtspunkt am Gibralfaro mit zwei Dritteln der Gruppe, etwas später als vom Reiseleiter veranschlagt. Hier haben wir erste botanische Entdeckungen gemacht, wie den Karobbaum, dessen Samen immer exakt gleich schwer sind (und daher die Grundlage für die Gewichtseinheit Karat bildeten) sowie den Granatapfelbaum und den Kolumbuspfeffer. Abends trafen wir uns dann in Málagas berühmter Tapas-Bar El Pimpi. Hier genossen wir erst eine Ensaladilla Russa (stark mayonesehaltiger Kartoffelsalat mit Krabben), dann frittierte Boquerones und Tilapa. Zum Hauptgericht erhielten wir Fleisch. Als Nachspeise ein Küchlein.

Der kommende Morgen begann mit einer Überraschung für einen Reiseleiter, der an dieser Stelle nicht namentlich genannt werden will. Aus gut informierten Quelle weiß ich, dass der Reiseleiter am Morgen aufwachte und zu seinem Handy griff. 8:53. „8:53!?!?!?!“ Ins Bad gerannt, Zähne geputzt, in frische Klamotten gesprungen, Voucher gegriffen, die Treppe runtergerannt. 9:05. Dreizehn Augenpaare - zwölf Mitreisende und eine örtliche Fremdenführerin - sehen den Reiseleiter erwartungsvoll an. Ana sagt mir, ich solle es ruhig angehen lassen, die Gruppe und sie würden sich auch ohne mich gut verstehen. Wir besprechen kurz ihren Rundgang, dann geht die Gruppe los und ich sprinte die Treppe wieder hinauf. Ca. 25 Minuten später treffe ich, geduscht und mit einem Kaffee in der Hand die Gruppe am römischen Theater wieder. Gemeinsam fahren wir mit dem Aufzug in die Alcazaba, dort erklärt uns Ana anhand eines Modells die Anlage, dann besichtigen wir die Paläste und schließlich erkunden wir, in die Stadt hinuntersteigend, die Befestigungen der mittelalterlichen Burg, Ana lernt dabei (wieder) die deutschen Wörter Söldner und Rammbock. Anschließend geht Ana mit uns noch in die Kathedrale, wo gerade eine Ausstellung der Figuren der Bruderschaften stattfindet. Wohl auch, weil die Prozessionen der Semana Santa (Karwoche) dieses und das vergangene Jahr wegen Covid nicht stattfinden konnten. Als kleiner Ersatz gewissermaßen. Im Anschluss an den Besuch der Kathedrale haben wir Freizeit, viele von uns gehen zum Ataranzas-Markt, um die Markthalle und insbesondere die Stände für Meeresfrüchte und Fische zu bewundern. Ich kaufe für die Gruppe Salzmandeln aus Málaga.

Dann geht es weiter zum Cortijo Salinas. Auf dem Weg dorthin passiert es. Alfonso, unser Busfahrer folgt seinem Navi, das uns plötzlich nach Ronda hineinführt. Ich erkläre ihm, dass er falsch fährt. Er will an einem geeigneten Ort drehen. Plötzlich fährt mehrere Meter vor uns ein vor einem Stoppschild stehendes Fahrzeug los, nimmt uns die Vorfahrt Alfonso bremst, kann den Bus aber nicht mehr rechtzeitig stoppen. Rummms!!! Glück im Unglück, niemandem ist etwas zugestoßen, in keinem der beiden Fahrzeuge. Alfonso war nur 40 km/h schnell und traf das Auto des anderen Verkehrsteilnehmers zum Glück etwa einen Dreiviertelmeter vor der Fahrerkabine. Der Fahrer des zweiten Wagens meint, er habe den Bus nicht gesehen., räumt aber seine Schuld relativ schnell ein. Man füllt eine "Declaración Amistosa" aus, eine freundschaftliche Erklärung über den Unfallhergang, wie es auf dem Vordruck der Versicherung blumig heißt. Bei uns ist der Schaden gering, es hat nur die Verkleidung getroffen. Der Wagen des Unfallverursachers aber war erst wenige Tage alt. Jetzt hat er eine dicke Beule im linken Kotflügel. Aufgeregt kommen wir im Cortijo Salinas an. Juan Antonio, das Faktotum des Cortijo, begrüßt uns und weist darauf hin, dass wir heute in der hoteleigenen Stierkampfarena grillen. Okay. Die Gruppe sammelt sich zur Abendessenszeit und nähert sich vorsichtig der Stierkampfarena. Dort entdeckt Heiko die Montera (Mütze des Stierkämpfers) und probiert sie an. Juan Antonio hat sein Opfer gefunden. Nach mehreren Gängen Salat, Brot und Grillfleisch verschiedener Art, wird Heiko wieder die Montera auf den Kopf gesetzt und der Capote in die Hand gedrückt. Jetzt harren wir der Dinge, die da kommen.

An unserem dritten Reisetag geht es Richtung Ronda. Aber zunächst schauen wir uns Alt-Ronda an, Ronda la Vieja, wie es hier in der Region genannt wird, was halb richtig ist und halb falsch. In der römischen Antike hieß Ronda schon Arunda und der Name entwickelte sich eben von Arunda nach Ronda. Ronda la Vieja hingegen hieß in der Antike Acinippo (Akinippo). Es war allerdings bis in die Spätantike die wichtigere der beiden Siedlungen. Dann wurde sie aufgelassen. Wie Ronda liegt Acinippo auf einem Felsplateau, erhalten ist aber nur noch das Theater und einige wenige Bereiche der alten Stadt - so eine Therme und ein Domus - sind ausgegraben. Rondeño Jesús empfängt uns am Busbahnhof und startet mit uns gleich seine Stadtführung.

Wir beginnen an der Plaza del Socorro, dann gehen wir entlang der Jardines de Cuenca, wo wir auch auf der gegenüberliegenden Seit der Schlucht die Mina del Rey Moro sehen, welche die Wasserversorgung der Stadt mindestens im Belagerungsfall gewährleisten sollte, runter zu den arabischen Bädern. Dort sehen wir die verschiedenen Räume und Installationen des Badehauses, von der Wasserzufuhr über das Schöpfsystem mit einer ES (...ES? "Eine Eselsstärke" natürlich) und das Aquädukt bis hin zu den drei Baderäumen und der Rezeption. Jetzt müssen wir wieder bergauf. Jesús zeigt uns die schönsten Postkartenblicke von Ronda, wir halten am Palast der Markgrafen von Salvatierra mit seinen Figuren von zum Christentum bekehrten und wilden Indianern (16. Jhdt. eben), dem Minarett der Sebastianskirche (das Minarett überlebte bis in die heutige Zeit als Glockenturm dieser mittlerweile auch nicht mehr existenten Kirche) und auf dem Rathausplatz mit seiner Kollegiatskirche. Wir besuchen den Palacio Mondragón mit dem archäologischen Museum Rondas, lernen den Pinsapo (Igeltanne) kennen und kehren schließlich über die gut 250 Jahre alte NEUE Brücke (Puente Nuevo) über den Tajo de Ronda zurück und erreichen die Stierkampfarena. Ab hier haben wir erst mal Freizeit - Jesús empfiehlt uns den Besuch des Cafés auf der Dachterasse des gegenüberliegenden Hotels -, bis wir uns nachmittags treffen, um zum Weingut von Joaquín Fernández zu fahren, wo uns dessen Sohn Moises zunächst eine Führung gibt und wir dann drei Weine probieren, einen Rosé und zwei Rote. Anschließend müssen wir den Bus aus einer verfahrenen Situation herausdirigieren, die Gelegenheit lässt sich aber gut nutzen von einem Kaktus eine Cochinille zu entnehmen, um zu zeigen, woher das Rot aus dem Lippenstift kommt.

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Geier kreisen über dem Torcal, als wir auf der bizarr geformten Hochebene ankommen. Ob sie uns als potentielle Opfer erspäht haben? Die Steinböcke jedenfalls lassen sich von den großen Vögeln und auch uns Zweibeinern - sie sind an uns gewohnt - nicht weiter stören. Ein Bock macht es sich ca. 20 Meter von uns auf einem Felsen gemütlich und legt sich zur Ruhe, er weiß, dass wir ihn nicht erreichen würden, und wenn es doch jemand versuchte - er wäre schneller. Und so gelingen uns ein paar schönne Fotos von ihm, leider gegen das Licht. Wir laufen die grüne Route, nur Steffen bleibt zurück, setzt sich in die Sonne und erwartet unsere Rückehr. Als wir am Abzweig der gelben von der grünen Route ankommen, entscheiden sich Heiko und Thomas, die gelbe Route zu laufen. Wir anderen laufen die grüne Route weiter, dann besuchen einige von uns noch die Abdrücke von zwei Ammoniten, die auch ich das erste Mal sehe, obwohl ich schon ein paar Mal hier war. Heiko lobt später die gelbe Route als nicht wesentlich schwieriger als die grüne, lediglich ein wenig länger.

Anschließend fahren wir nach Antequera. Über der Stadt machen wir einen kurzen Fotostopp, wir sehen die Stadt mit ihrer Alcazaba, dem maurischen Stadttor, das als solches den Wandel der Zeiten überlebt hat, weil in seinem Inneren eine Kirche (Ermita) eingerichtet wurde und, im Hintergrund, den Peñón de los Amantes oder auch Indio de Antequera, diesen Berg der im Profil auch ohne viel Phantasie bemühen zu müssen so aussieht, wie der Kopf eines schlafenden Riesen. Weiter geht es zu den Dolmen von Antequera. Das Filmchen, welches man sich hier bisher zur Einführung über den Bau der Dolmen, die Umwelt Antequeras im Neolithikum ansehen konnte, kann man sich jetzt auf sein Handy laden - vorausgesetzt man hat Internet. Auch der Weg zu den Dolmen ist neu gemacht und pandemiebedingt wird man einmal um die Dolmen herumgeführt, so dass Besuchergruppen möglichst wenig Gelegenheit haben sich zu begegnen. Wir besuchen zuerst den Dolmen de la Menga, da hinter uns eine große Schülergruppe kommt und wir den wichtigeren der beiden Dolmen (älter, größer, mit der Besonderheit von "Säulen" im Innern und einem Brunnen (gefunden 2005), dessen Alter bisher ungeklärt ist) möglichst von diesen ungestört besichtigen wollen. Vor allem aber ist der Dolmen de la Menga, anders als der Dolmen de la Viera, mit der Öffnung auf den Peñón de los Amantes ausgerichtet, was wohl kein Zufall, sondern Absicht ist. Der Dolmen de la Menga war im 18. Jhdt. von einer leprösen Frau (La Menga < mendiga) bewohnt, den Dolmen de la Viera haben die Viera-Brüder erst im 19. Jhdt. als solchen erkannt.

Wir fahren weiter in Richtung Granada (oder Graná, wie man auf Andalusisch sagt). Dort besuchen wir die immer noch stattlichen Reste des Karthäuseklosters. Mit der Desamortización de Mendizábal 1835 ff. wurden den Klöstern wegen unterstellter Unwirtschaftlichkeit ihre Güter entzogen und verkauft, auch mit dem Ziel, Landlosen Zugriff auf Land zu gewährleisten. Die tatsächlichen Profiteure waren aber meist die weltlichen Großgrundbesitzer. In der Folge lösten sich viele Klöster auf und in den Städten wurden ehemalige Klostergärten und Kreuzgänge abgetragen und zu den öffentlichen Plätzen umgewandelt, die wir heute als konstituierende Elemente der spanischen Städte wahrnehmen. Auch vorher schon, unter Joseph Bonaparte, Napoleons jüngerem Bruder, der von diesem als König Spaniens eingesetzt wurde, hatte es Enteignung von Kirchenbesitz gegeben, insbesondere in Madrid. Die Karthause von Granada verlor in diesem Zusammenhang ihren großen Kreuzgang um den herum die Häuser der Mönche angelegt waren. Karthausen unterscheiden sich von anderen Klöstern darin, dass die Mönche nicht in Zellen leben, sondern in eigenen Häusern, die aufgeteilt sind in einen Wohn- und Schlafbereich sowie eine Werkstatt und einen Gebetsraum: Die Karthäuser wollten das alte benediktinische Ideal von Ora et Labora wiederbeleben. Im Refektorium der Karthause konnten wir Bilder aus der Ordensgeschichte, rund um den Gründer, den Heiligen Bruno bewundern sowie die Martyrien von Karthäusern (und Mönchen anderer Orden) im henricianischen England.

Heinrich VIII., zunächst noch von Papst Leo X. 1521 mit dem Titel des Fidei Defensor (Verteidiger des Glaubens) versehen, weil er eine Schrift gegen Luther verfasst hatte, 1534 brach Heinrich mit der katholischen Kirche, die die Annullierung der Ehe mit Catalina/Katharina von Aragón und Ehe mit Anne Boleyn nicht anerkannte, Paul III. In England setzte eine Katholikenverfolgung ein, die von einem Maler der spanischen Karthäuser hier bildlich in Szene gesetzt wurde. Die Karthäuserkirche ist äußerst prächtig, vereinigt Elemente von Barock und Rokoko, Plateresco und Churriguerismus, am prächtigsten ausgestaltet ist aber der Raum, den der normale Kirchenbesucher normalerweise nicht zu sehen bekommt: Die Sakristei.

Nach dem Besuch im Kloster fuhren wir dann zum Mirador San Cristobal, bewunderten von dort das Ensemble aus Albaicín und Alhambra. Anschließend marschierten wir gemeinsam zur namensgebenden Kirche, wo auch ein alter Aljibe (Brunnen) liegt, der von einer unterirdischen Wasserleitung gespeist wird. Die Kirche wurde im 16. Jhdt. Der heutige Tag steht ganz im Zeichen der Alhambra. Wir beginnen unseren Rundgang an der alten Karawanserei von Granada (Corral de Carbón), gehen weiter durch den restaurierten Seidenmarkt (span. Alcaicería < arab. al-Qaysariya < griech. Kaisar < lat. Caesar) zur Capilla Real, der königlichen Grablege, in der die Katholischen Könige Isabel und Ferdinand, sowie ihre Tochter Johanna die Wahnsinnige sowie deren Mann Philipp der Schöne von Habsburg bestattet sind. Über die Plaza Nueva gehen wir den Darro entlang, der ungesehen an unserem Hotel vorbeifließt, weil er 1888 mit Straßen und Plätzen überbaut wurde. Bis in die 1950er Jahre versuchte man hier mit Goldwäsche Geld zu verdienen (wahrscheinlich kommt der Name des Darro von "da oro" < "dat aurum": "gibt Gold", erstmals ist der Name allerdings in arabischen Quellen belegt). Wir folgen dem Paseo de los Tristes (inoffizieller Name der Carrera del Darro) bis zum Oboenhaus, wo im 18. Jhdt. eine Musikkapelle spielte, hier biegen wir dann links ab und steigen nun durch die schmalen und steilen Gassen des Albaicín in Richtung des Mirador San Nicolás auf. Ganz gemächlich machen wir das, halten hier oder dort an einem Aussichtspunkt. Bevor wir den Mirador erreichen, machen wir aber noch einen kleinen Schlenker, müssen eine Treppe hoch. Dann stehen wir plötzlich an der 2003 fertiggestellten neuen Moschee von Granada. Vom Mirador aus, unserem eigentlichen Ziel, hat man den schönsten Blick auf die Alhambra, die wir in ganzer Länge bewundern können. Dummerweise liegt sie östlich von uns und die Sonne scheint uns in die Kameras. Als sich alle vom Blick der Alhambra lösen können, gehen wir weiter. Wir besuchen das Kloster von Isabel la Real, das an den Palast der Mutter des letzten Sultans von Granada gebaut wurde (der Palast war den Klarissinen von den Katholischen Königen gegeben worden), hier kaufen wir durch eine Drehtür ohne Sichtkontakt Gebäck von den Nonnen. Weiter geht es zur Plaza San Miguel Bajo, an der Unteren Michaelskirche (eine ober Michaelskirche (San Miguel Alto)) gibt es in einem alten Stadtmauertor im Sacromonte. Hier setzen wir uns in ein Café, Kraft tanken für den Abstieg. Vorbei an der Josephskirche mit ihrem Minarett aus dem 11. Jhdt. kehren wir wieder zurück über die Plaza Nueva und streben unserem Hotel zu.

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Um 13:00 sind wir mit Alfonso verabredet, der uns zur Alhambra hochfahren soll. Um 13:20 kommen wir dort oben an, Pedro erwartet uns schon. Pedro Calderón ist ein in Süddeutschland aufgewachsener Granaíno (Granadino), seines Zeichens Kunsthistoriker, der die Alhambra gerne als Schiff präsentiert, dass man von Heck nach Bug und von Bug nach Heck durchquert. Während wir "mit viel Liebe" andere Gruppen vor uns her scheuchen, um möglichst gute Bilder von den Verzierungen in den Palästen zu machen, malt er ein sozialhistorisches Panorama der Alhambra und ihrer Bewohner, der Sultane und Adeligen, der Palastbediensteten, der Sklaven und Handwerker, er erzählt uns von der Polychromie der sich heute in beige präsentierenden Stuckarbeiten. Nachdem wir aus den Palästen heraus sind - für mich immer das Highlight der Alhambra - besuchen wir zunächst die ...

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