Wrestling hinter den Kulissen: Eine Dokumentation und der Fall eines Stars

True Crime ist das Dok-Genre der Stunde. Nachdem Netflix mit «Making a Murderer» riesige Erfolge feierte, liefert der Streamingdienst nun eine neue True Crime-Dok, und zwar «Team Foxcatcher». Nun gibt's neuen True Crime Stoff mit dem Dok-Film «Team Foxcatcher».

«Team Foxcatcher»: Eine schockierende Geschichte mit echtem Bild-Material

Aber, Foxcatcher - hatten wir das nicht schon einmal? Stimmt! Erst letztes Jahr kam der Hollywood-Film «Foxcatcher» in die Schweizer Kinos. Der Film vereinte die Stars Channing Tatum, Mark Ruffalo und Steve Carrell, welche in der Verfilmung der Geschichte von John E. du Pont und den Schultz Brüdern mitspielten und dafür sogar Oscar-Nominierungen einheimsten.

Inhaltlich unterscheiden sich Dokumentation und Spielfilm nicht gross, denn beide Filme fokussieren sich auf die immer grösser werdende Paranoia du Ponts. Das zentrale Thema bei beiden Filmen: wie es schlussendlich dazu kommen konnte, dass du Pont ein Team-Mitglied seines Wrestling-Clubs Foxcatcher umgebracht hat. «Team Foxcatcher» zeigt nun diese schockierende Geschichte mit echtem Bild-Material.

In der Dokumentation sind reale Home-Videos der Schultz-Familie zu sehen, welche die Wrestler beim Trainieren und beim privaten Zusammensein zeigen. Diese authentischen Bilder verleihen der ganzen Thematik eine zusätzliche Ebene und dürften vor allem für Fans des Spielfilmes interessant sein, welche diese Geschichte nicht via News in den 90ern mitbekommen haben.

Etwas fragend zurück lässt einen die Dokumentation aber in zwei Punkten:

  1. Zum einen spielt Mark Schultz, notabene Hauptfigur im Spielfilm «Foxcatcher», nur eine Nebenrolle.
  2. Die im Spielfilm angedeutete homosexuelle Beziehung zwischen Mark Schultz und John E. du Pont wird in der Dokumentation mit keinem Stück erwähnt.
Dies hinterlässt leider einen schalen Nachgeschmack, da man so auch nach 2 Filmen noch immer das Gefühl hat, die ganze Geschichte des «Foxcatcher»-Falles nicht komplett zu kennen.

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Spannend ist «Team Foxcatcher» aber allemal.

Razor Ramon: Ein Wrestlingstar verglüht im Rampenlicht

Er war einer der grössten Stars im Profi-Wrestling. Heute ist Scott Hall nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Geschichte erinnert an den Film «The Wrestler» - allerdings ohne Happy End.

Der Aufstieg von Scott Hall

Mitte der Neunzigerjahre war Wrestling auf dem Höhepunkt: Millionen Fans auf der ganzen Welt warteten Woche für Woche auf die neuesten Entwicklungen bei den grossen Ligen WWF (heisst heute WWE) und WCW (gehört heute auch zur WWE). Einer der absoluten Stars: Scott Hall alias «Razor Ramon».

Ocean Center in Daytona Beach, Florida, 7. Juli 1996. 8300 Zuschauer in der Halle, unzählige an den TV-Geräten: Hulk Hogan tritt der nWo bei. Die einflussreichste Gruppierung der neueren Wrestlinggeschichte ist geboren. Mit dabei: Scott Hall. Diese als Outlaws angelegte Gruppe revolutionierte das Business quasi im Alleingang. Nie zuvor - und nie mehr danach - war Wrestling so aufregend und erwachsen. Auf einmal gab es coole Bösewichte, Legionen von Jugendlichen bejubelten die Anti-Helden. Bis heute gilt das nWo-Shirt als das meistverkaufte Wrestlingshirt aller Zeiten.

Wrestling war Big Business und Scott Hall ein Superstar. Damals berichtete auch die «Bravo» in Deutschland regelmässig über Wrestling und in den USA war der Showsport fester Bestandteil der Mainstream-Medien. Dementsprechend gut verdienten die Akteure: Mit über einer Million Dollar war Hall neben Hogan einer der bestbezahlten Akteure im Geschäft. Auf Tour lebten sie das Leben von Rockstars - Groupies, Partys und Kokain inklusive. Und Hall sah auch aus wie ein Rockstar: Muskulös, gross und braungebrannt. Ein Bild von einem Mann.

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Der Fall von Scott Hall

Eine Turnhalle in Fall River, 8. Juli 2011, 480 Zuschauer: Scott Hall tritt bei einer kleinen Wrestlingpromotion auf. Er ist dermassen fertig, dass er beim Gang zum Ring gestützt werden muss, er kann kaum sprechen. Nach dem Auftritt liefert er sich in ein Krankenhaus ein. Dort wird eine Überdosis an Opiaten diagnostiziert. Scott Hall ist nur noch ein Schatten seiner selbst, ein Häufchen Elend in einem aufgedunsenen, überdimensionalen Körper.

In den 15 Jahren zwischen der Gründung der nWo und dem Auftritt in Fall River ist viel passiert. Das Wrestlingbusiness ist geschrumpft und fokussiert auf Kinder als Fangemeinschaft. Für einen Razor Ramon gibt es keinen Platz mehr. Doch selbst wenn die grossen Promotionen noch Interesse an ihm hätten: Scott Hall ist unfähig, ein Match zu bestreiten. Er hat zehn Entziehungskuren und einen Herzanfall hinter sich, zeitweise kann er sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen.

Die grosse Wrestlingliga WWE zahlt ihm jeden Entzug: «Wir haben eine sechsstellige Summe [in Dollar] für die Rehab von Scott bezahlt. Das ist mehr als für jeden anderen», erzählt Stephanie McMahon in einer Doku dem Sender ESPN. Scott ist schwer alkoholabhängig und muss jeden Tag elf verschiedene Medikamente nehmen. Doch vor allem ist er süchtig nach Wrestling, nach dem Rampenlicht, welches ihn verbrennt: «Was mache ich, wenn die Leute meinen Namen nicht mehr rufen?», fragt sich Hall. So scheint es fast egal, wenn es nur eine Handvoll in einer Provinzturnhalle sind. Hauptsache sie geben ihm die Liebe, die er braucht.

Tragischer als «The Wrestler»

Der Werdegang des Scott Hall alias Razor Ramon erinnert frappant an jenen von Randy «The Ram» Robinson im oskargekrönten Drama «The Wrestler». Wie Randy ist auch Scott süchtig nach dem Rampenlicht, nach den Drogen. Er zahlt den Tribut für lange Jahre «on the road». Wie die Filmfigur hat auch Hall mit seiner Frau und seiner Familie gebrochen. Halls Frau Nancy erinnert sich: «Er musste sich zwischen der Familie und dem Wrestling entscheiden. Das Wrestling hat gewonnen.» Doch Randy war im Film wenigstens ein letztes Match vor grosser Kulisse gegönnt. Zu einem solchen scheint Hall nicht mehr fähig: Momentan ist er wieder im Krankenhaus - der elfte Entzug wartet.

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