Die Geschichte der weiblichen Wrestlerinnen in der WWE: Vom "Eye Candy" zum Main Event

Das Mainevent von Wrestlemania ist das höchste Ziel, das man im Wrestling erreichen kann. Das Mainevent, das ist der letzte Kampf des Abends, der Kampf, den die meisten Augen sehen und für den die beste Gage bezahlt wird. Nun gehört Ronda Rousey zu den drei ersten Frauen, die den Hauptkampf einer Wrestlemania bestreiten werden, nachdem sie es als Mixed-Martial-Art-Kämpferin bereits in die Hauptkämpfe von UFC-Veranstaltungen geschafft hat.

Die WWE wird nie müde, solche geschichtsträchtigen Ereignisse fleißig zu vermarkten und lässt ihre Angestellten viele Freudentränen in die Kameras weinen. Nur: Die tatsächlichen Herausforderungen aufarbeiten, die diesen Moment so geschichtsträchtig machen, das kann die WWE nicht.

Die Anfänge: Schein-Wrestling und Sexualisierung

Bis etwa 2010 waren die Auftritte der Frauen in der WWE aber sogar nur Schein-Wrestling-Matches, denn Bikini-Contests und Unterwäsche-Kissenschlachten sind vergleichbarer mit den Sexy Sport Clips, die zu jener Zeit nach Wrestling-Übertragungen im DSF zu sehen waren. Als dieser Kurs endgültig unzeitgemäß wurde, benannte man die Women’s Division in die Diva’s Division um und für einige Jahre bekam kaum ein Auftritt weiblicher Kontrahentinnen mehr als drei Minuten Sendezeit.

Die Journalistin Heather Bandenburg macht das Argument, dass Frauen-Wrestling per se feministisch sei, weil es Gender-Normen untergrabe, wenn eine Frau ihren Körper zur Waffe macht. Die WWE hat dagegen lange an der Vorstellung festgehalten, dass Frauenkörper nicht mit Gewalt in Zusammenhang gebracht werden dürfen, nicht einmal mit gespielter Gewalt und nicht einmal ohne Beteiligung von Männern. Die Lösung: Schein-Wrestling-Matches, die statt einer gewaltsamen eine sexualisierte Körperlichkeit präsentierten.

Alpha Female: Eine Antithese zum "Eye Candy"

Eine Frau, die aussieht wie eine echte Athletin, ist die Berlinerin Alpha Female. Alpha Female Jazzy "Alpha Female" Gabert ist die einzige deutsche Frau, die mit Wrestling ihren Lebensunterhalt bestreitet. Ihre Karriere begann schon im Jahr 2001. "Frauen waren damals eher eye candy und oft auch gar nicht willkommen", sagt sie.

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"Wenn überhaupt, gab es einen Frauenkampf pro Show. Deshalb war die Konkurrenz sehr groß. Es gab zu wenig Arbeit für all die guten Wrestlerinnen. Inzwischen bekomme ich oft mehrere Anfragen für den selben Tag und gebe die an andere Frauen weiter."

Bevor Jazzy zu Alpha Female wurde, erfuhr sie, wie man sich Frauen im männlich dominierten Wrestling-Business vorstellt: "Meine Trainer haben gesagt, du bist ja noch nicht so gut, also musst du auf sexy machen. Mich hat es nie angemacht, sexy Mädels im Ring zu sehen. Ich wollte immer eine starke Frau sehen."

Alpha Female hat kurzes, in Richtung Hallendecke stehendes Haar, einen muskulösen Körper und einen grimmigen Gesichtsausdruck, wenn sie vors Publikum tritt. Der Charakter ist eine Antithese zum eye candy. "Ich hatte ein Tryout für eine amerikanische Firma, das nicht sonderlich gut lief. Danach hat man im Backstage zu mir gesagt: ‚Denkst du, du bist so sexy wie unsere Mädels hier?‘ Das hat mich sehr verletzt. Ich bin nun mal kein Supermodel. Also habe ich entschieden: Wenn ich nicht das Barbie-Mädchen sein kann, bin ich eben das böse Mädchen."

Alpha Female soll niemand sein, der in altmodische Denkmuster passt oder von Männern gerne angeguckt wird. "Die Leute sollen Emotionen zeigen. Das ist mein Job als Wrestlerin. Deshalb wollte ich dann selbst eine sein und ein Vorbild für andere Frauen." Jazzys eigene Vorbilder waren in ihrer Kindheit männliche Wrestler - mangels Alternativen, die zum Selbstbild passten. "2000 habe ich dann bei einer deutschen Independent-Show zwei Frauen gesehen, die gekämpft haben", erzählt sie.

Die Women's Revolution: WWE Evolution und mehr

Wer Wrestling als Macho-Sport abgespeichert hat, darf deshalb am 7. April durchaus einschalten. WWE Evolution ist der erste reine Frauen-Event! Mit Nikki Bella vs. Raw Women's Champion Ronda Rousey, Charlotte Flair vs. SmackDown Women's Champion Becky Lynch und der Rückkehr von Lita und Trish Stratus.

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Sky und WWE Network übertragen! In der einstündigen Kickoff-Show gab es übrigens kein zusätzliches Match, dafür aber Interviews vom roten Teppich und natürlich auch eine gute Prise der Selbstbeweihräucherung. "Es geht darum der heutigen Generation zu zeigen, alles tun und werden zu können", so Stephanie McMahons Botschaft im Promo-Video zu Beginn der Veranstaltung.

Sängerin Lzzy Hale und und Alice-Cooper-Gitarristin Nita Strauss, die bereits bei WrestleMania als musikalische Unterstützung für Shinsuke Nakamura, auftrat, eröffneten die Show mit einem musikalischen Beitrag. Michael Cole, Renee Young und Beth Phoenix sind die Kommentatoren des Abends.

Einige Highlights von WWE Evolution:

  • Lita & Trish Stratus bes. Alicia Fox & Mickie James: Die Fans liebten das Wiedersehen mit den Stars aus der Attitude-Ära.
  • NIA JAX GEWINNT DIE BATTLE ROYAL: Der Sieg in der Battle Royal garantierte Nia Jax nämlich ein Titel-Match in nächster Zeit.
  • Finale des WWE Mae Young Classic 2018: Toni Storm vs. Io Shirai: Die Siegerin im zweiten Mae Young Classic: Toni Storm!
  • Sasha Banks, Bayley, Natalya bes. The Riott Squad (Ruby Riott, Sarah Logan, Liv Morgan): Der Sieg für das Team um den Boss & Co. Allerdings hatte die Riott Squad hier auch einen sehr guten Eindruck hinterlassen können.
  • NXT Women's Champion Kairi Sane unterliegt Shayna Baszler -> Titelwechsel: Sane verlor das Bewusstsein - und Shayna Baszler wurde zur Siegerin und damit ersten zweifachen NXT Women's Champion.
  • Last Woman Standing Match - SmackDown Women's Champion Becky Lynch bes. Charlotte Flair: Insgesamt gab es hier zum Last Women Standing Match aber eine hitzige Atmosphäre, die einem solchen PPV (Fast-)Main-Event würdig war.

Chyna: Eine Pionierin ihrer Zeit

Joanie „Chyna“ Laurer legte als Wrestlerin eine einzigartig erfolgreiche Karriere hin, danach stürzte sie in Suchtprobleme und ins Porno-Milieu ab - und starb tragisch früh. Sie spielte eine tragende Rolle in einer legendären Gruppierung, von deren Ruhm WWE bis heute zehrt. Sie war eine wichtige Helferin beim großen Durchbruch des Mannes, der die weltgrößte Wrestling-Liga jetzt lenkt - und auch im wirklichen Leben die Frau an seiner Seite.

Sie selbst legte dabei eine Karriere hin, wie sie noch keine Frau im Wrestling hingelegt hatte, kämpfte auf Augenhöhe mit den männlichen Stars. Heute vor 25 Jahren wurde sie die bis heute einzige Trägerin eines traditionsreichen Titels, der sonst eigentlich den Männern vorbehalten ist. Sie war zudem die erste weibliche Teilnehmerin am Royal-Rumble-Match und blieb auch für ihre Story-Romanze mit dem ebenfalls viel zu früh verstorbenen Eddie Guerrero in Erinnerung.

Erst gegen Ende ihrer WWE-Karriere wurde sie mit Matches gegen Ivory, Trish Stratus und Lita als klassische Frauen-Wrestlerin eingesetzt. Außerhalb des Rings machte Laurer auf sich aufmerksam, indem sie zweimal für den Playboy posierte.

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Im Jahr 2001 kam es zu einem lange rätselhaften Bruch zwischen Chyna und WWE. Die offizielle Darstellung war, dass Chyna eine neue Karriere im Showbiz verfolgen wollte. Laurer wollte nicht nur im Ring, sondern auch finanziell auf Augenhöhe mit den männlichen Stars agieren. Sie verlangte ein Jahresgehalt von einer Millionen Dollar, was von der damaligen Ligaführung als irrwitzig empfunden wurde. Erst vor einigen Jahren wurden Millionengehälter auch für weibliche Stars wie Becky Lynch und Charlotte Flair zum Standard.

Tiffany Stratton: Die Zukunft des Frauen-Wrestling?

Sports Illustrated: Sie waren Turnerin, betrieben Bodybuilding und Gewichtheben. Nun sind Sie Mrs. Money in the Bank bei der WWE, der größten Wrestling-Liga der Welt.

Sports Illustrated: Können Sie beschreiben, wie es ist, im Jahr 2024 eine Wrestlerin zu sein? Wie stehen die Chancen für Mädchen und Frauen, in das Business zu kommen? Stratton: Vor allem in NXT bekommen Frauen sehr viele Chancen. Ich habe das Gefühl, dass es heutzutage relativ einfach ist, als Frau eine Wrestlerin zu werden und zu sein.

Die "Women's Revolution": Ein langer und harter Kampf

Harte Schläge und schmerzhafte Bumps - Wrestling ist ein Sport für den Mann - dachte man zumindest in der früheren Wrestling-Welt. Heute ist der Begriff der „Women’s revolution“ ein Ausdruck für den Aufstieg des Frauen-Wrestlings.

Frauen wie Trish Stratus, Beth Phoenix oder Becky Lynch stehen mittlerweile in der Beliebtheitsskala bei den Fans auf gleicher Stufe mit männlichen Wrestling-Topstars wie The Rock, Stone Cold Steve Austin oder John Cena. Aber das ist nicht einfach so passiert.

Schon im späten 19. Jahrhundert begannen Frauen auf Jahrmärkten oder im Zirkus neben Männern in den Ring zu steigen. Eine der ersten, bekannten Wrestlerinnen hieß Grace Hemmendinger. Sie war für eine Frau mit 1,82 Metern Körpergröße und einem Gewicht von rund 125 kg auch für die meisten Männer furchteinflößend.

Dann kam Billy Wolfe, ein amerikanischer Wrestling Promoter. Er war so fasziniert von den Frauen im Ring, dass er bald begann, weibliche Athletinnen in seine eigenen Shows zu booken. Bald kamen jedoch vermehrt Gerücht über Wolfe auf, der Promoter würde seine Wrestlerinnen vermehrt sexuell missbrauchen. Als einige wütende Frauen in den frühen 1950ern mit diesen Vorwürfen an die Öffentlichkeit gehen wollten, soll jedoch der einflussreiche Wolfe dafür gesorgt haben, dass alle Wrestlerinnen, die gegen ihn aussagen wollten, keine Anstellung mehr in der Wrestling-Welt fanden.

1968 wurde die „All Japan Women‘s Pro Wrestling Corporation“ gegründet, die in Japan ein großer Erfolg wurde. In der Zwischenzeit wurde das Frauen-Wrestling auch in den USA wieder größer, weshalb Mildred Burke wieder in ihre Heimat zurückkehrte und dort die World Womens Wrestling Association gründete.

In Mexiko gab es Frauen im Wrestling-Ring schon seit den 1930ern. 1960 verbot die mexikanische Regierung Frauen-Wrestling, da sie es als „unsittlich“ betrachteten. Erst 1986 wurde dieses Verbot wieder aufgehoben.

In den frühen 2000er-Jahren waren sogar Frauen im Main Event von Raw oder Smackdown keine Seltenheit. Ein paar Jahre später machte die WWE, die sich mittlerweile umbenannt hatte, diesen kleinen Erfolg für die Frauen wieder kaputt. Sie stellten lieber professionelle Models statt passionierten Kämpferinnen an.

Eine Revolution für das Frauen-Wrestling stellte auch die Gründung der „Knockouts-Division“ bei TNA dar. Mit Stars wie Gail Kim. Awesome Kong oder Velvet Sky bauten sie ein Produkt, in dem Frauen-Wrestling endgültig mehr war als eine nette Randnotiz.

Die letzten 70 Jahre haben gezeigt, dass für diese Powerfrauen alles möglich ist. Sogar gefeierte Auftritte im eher konservativen Saudi-Arabien.