Eidgenosse Schwingen: Eine Erklärung

Wenige wissen es, aber die Schweizer sind ein Volk von "Schwingern". Das hat aber nichts mit anzüglichen Kontaktbars zu tun. "Schwingen" ist eine bei den Eidgenossen populäre Form des Ringens.

Ursprünge und Geschichte

Schon im frühesten Altertum übte der Ringkampf Mann gegen Mann auf die Menschen eine unwiderstehliche Faszination aus. Zahlreiche Darstellungen auf Wandmalereien, Steinreliefs, Roll- und Siegelbildern, nicht nur aus dem gesamten Alten Orient, bestätigen den hohen Stellenwert, den diese archaische Form der Auseinandersetzung ohne jegliche Waffen seit jeher genoss. Perser, Sumerer, Hethiter, Ägypter, Griechen, Römer - es ließe sich noch eine Reihe bedeutender Hochkulturen aufzählen, in deren gesellschaftlichem Leben der Ringkampf fest verankert war. Auch schriftliche Zeugnisse weisen darauf hin. Das Alte Testament erwähnt die Errichtung eines Gymnasiums mit Ringerschule in Jerusalem zur Zeit des Hohepriesters Jason (174 v. Chr.).

Nicht anders verhält er sich beim Schwingen, dem Schweizer Nationalsport. Hier erzählt die Sage, »…es hätten vor langen Zeiten zwei Sennen auf der Lüderalp miteinander geschwungen. Sie kämpften den ganz langen Tag, doch keiner konnte den anderen besiegen, der Ausgang blieb schließlich unentschieden. Ausgerechnet in einem Gotteshaus, der Kathedrale in Lausanne begegnet man der ersten authentischen Darstellung des Schwingens. Sie stammt aus dem 13. Jahrhundert und zeigt zwei Kämpfer in der typischen Grifffassung bei Kampfbeginn.

Nachweislich kann man die Bergtäler des Oberlandes, das Emmenthal, Entlebuch und die Innerschweiz als Ursprungsgegenden bezeichnen. Was lag den Sennen auch näher, als in der Bergeinsamkeit ihre Kräfte zu messen. Von hier aus breitete sich das Schwingen, früher auch »Hosenlupf« genannt, in fast alle Kantone aus, selbst bis ins Unterland hinein. Seit Jahrhunderten zählte es zum festen Bestandteil im bäuerlichen Jahresablauf. An zahlreichen Alp- und Wirtshausfesten wurde um ein Stück Hosentuch, ein Schaf oder um andere Naturalien geschwungen.

Ende des 19. Jahrhunderts sorgte die aufkommende Turnund Gymnastikbewegung für neue Impulse. So wurde aus dem ursprünglichen Spiel der Hirten und Bauern ein Nationalsport, der alle gesellschaftlichen Schichten umfasst. Nach Angaben des 1895 gegründeten Eidgenössischen Schwingerverbands gibt es derzeit jeweils 3000 Aktivund 3000 Jungschwinger.

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Regeln und Ablauf

Gekämpft wird auf einer kreisförmigen Fläche, die mit Sägemehl gepolstert ist. Schwingen versteht sich als Variante des Ringens; gewonnen hat, wer den Rücken des Gegners zu mindestens drei Vierteln ins Sägemehl drücken kann. Ein Kampf dauert maximal sechs Minuten.

Ab einem Alter von acht Jahren dürfen junge Sportler den Kreis betreten, der aus Sägemehl gestreut wird. In den ersten Stunden des Treffens wälzen sich die Jungs und werden von ihren Gegnern mit dem Kopf in den Untergrund Holzspäne gepresst. Tapfer unterdrücken sie Tränen. Die Eltern sehen zu, feuern an. Der Kampf dauert maximal sechs Minuten. Danach pfeift der Juror ab.

Die beiden Kontrahenten reichen sich vor dem Beginn des Kampfes die Hand. Die Kämpfer packen sich an ihren Schwingerhosen und versuchen, sich gegenseitig auf den Rücken zu zwingen. Ein Gang ist beendet, wenn ein Schwinger ganz oder zumindest bis zur Mitte beider Schulterblätter den Boden berührt, wobei es egal ist, ob es sich um die rechte oder linke Körperseite handelt. Beide Schulterblätter müssen sich innerhalb der Sägemehlarena befinden.

Der Bezwinger hat den Unterlegenen mit mindestens einer Hand an der Schwingerhose zu halten. Der Sieger muss gemäß dem Regelwerk beim Schwingen dem Verlierer das Sägemehl von den Schultern abwischen. Sollte es binnen der fünf Minuten zu keiner Entscheidung kommen, bezeichnet man dieses Unentschieden als “gestellt”.

Kleidung und Ausrüstung

Diese helvetische Kampfsportart wirkt urig. Die Athleten tragen keinen speziellen Sportdress, sondern gewissermaßen Stallkleidung: dunkle Hosen und ein helles geblümtes Hemd mit Kragen. Über die Hosen ziehen die Teilnehmer grobe kurze Hosen aus Zwillich drüber - daran packen sie den Gegner später an.

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Zur Unterscheidung erkennt man die Turnerschwinger an der weißen Kleidung (weiße Hose, weißes Ärmelleibchen) während die Sennschwinger in dunkler Hose und farbigem Hemd antreten. Darüber tragen die Duellanten eine kurze Schwingerhose aus grobem Drillich (Leinen, Rupfern).

Techniken und Schwünge

Tatsächlich gehört aber mehr als nur bloße Kraft dazu - die Technik entscheidet. Über 100 verschiedene Schwünge sind im Regelbuch gelistet, die gängigsten heißen "Brienzer", "Hüfter" oder "Überschwung". Über hundert Schwünge kennt das Regelwerk.

Es gibt an die hundert Schwünge. Die Hauptschwünge werden zum Beispiel als Brienzer, Bur, Hüfter, Kurz, Wyberhaagge, Gammen und Übersprung bezeichnet. Somit müssen die Varianten und Kombinationen beim Schwingen regelmäßig trainiert werden, insgesamt kommt man auf dreihundert Kombinationen.

Bedeutung und Popularität

Bis zu 50.000 Zuschauer zieht dieser Nationalsport an. Und mancher Schwinger hat es zum Star gebracht: Während wir hierzulande voller Vorfreude auf die WM Klebebildchen von Fußballspielern tauschen, sammeln die Schweizer lieber -- Schwinger.

Zu einem der traditionsreichsten Wettkämpfe, dem Unspunnen- Schwinget, strömen die Massen (20000 Zuschauer sind keine Seltenheit) alle sechs Jahre auf die Höhematte von Interlaken. Im vergangenen Jahr fiel es wieder mit dem Unspunnen-Fest zusammen, das seit 1805 nur alle zwölf Jahre durchgeführt wird und als eine Art eidgenössisches Heiligtum in die Geschichte eingegangen ist. Schon deshalb, weil die Anfänge in die schwierige Zeit französischer Fremdherrschaft fielen. Mit dem Aufleben der alten Volksbräuche wollte man alle Demütigung abstreifen und das nationale Selbstbewusstsein wiedererlangen. Sogar ausländische Gesandte und Fürstlichkeiten, berühmte Dichter und Künstler wurden dazu eingeladen.

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Noch mehr Publikum zieht das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest an, das nur alle drei Jahre abgehalten wird. Vor zwei Jahren füllten an beiden Wettkampftagen an die 60000 Zuschauer das Stadion in Estavayer, und auf dem gesamten Festgelände tummelten sich 300000 Besucher. Und das alles ohne Security.

Der Zulauf ist trotz des altväterischen Auftritts ungebrochen, berichtet Bea Meister. Sie hielt die Fäden für ein Schwingertreffen in Ramsen im Kanton Schaffhausen in den Händen. Natürlich sind auch ihre beiden Söhne Jan und Tim dabei. Ramsen ist deshalb interessant, da es gerade einmal 1300 Einwohner zählt und über zwei Tage hinweg mehr als 300 Ehrenamtliche herbeitrommelt.

Die Popularität dieser Tradition erklärt er mit dessen Verwurzelung in der Geschichte der Eidgenossen. Nur sie kennen und üben sich in dieser Disziplin. Und Kinder seien stolz, wenn sie dort weitermachen dürfen, wo die Väter aufgehört haben. Wie bäuerlich geprägt diese Sportfeste sind, zeigt sich auch an den Preisen. Der Sieger erhält am Ende des Tages einen Muni - einen Jungstier. Das lebhafte Tier muss man auch erst einmal unterbringen können, am besten in einem Stall.

Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest

Das alle drei Jahre ausgetragene Eidgenössische Schwing- und Älplerfest zieht zum Beispiel stets Zehntausende Besucher in seinen Bann. 2007 haben die Veranstalter sämtliche Rekorde gebrochen: Nach offiziellen Angaben nahmen 279 Schwinger und 150 Steinstoßer an dem Fest in Aarau teil, dazu kamen noch 450 Hornusser in 20 Teams. Das eigens für das Ereignis errichtete Stadion fasste knapp 50.000 Zuschauer und war die größte Arena, die je auf eidgenössischem Boden stand. Sie war damit auch größer als das Fußball-EM-Stadion in Basel.

Mehr als 200.000 Menschen kamen, um sich das Spektakel anzuschauen und mit ihren Idolen - den "Bösen“, wie sie der Volksmund nennt - mitzufiebern. Die meist großen und wohlgenährten Wettkämpfer haben in der Schweiz Kultstatus. Mit unübersehbar böser Miene machen sie sich daran, ihren Gegner aufs Kreuz zu legen. Traditionell kommen die Schwinger aus Handwerksberufen, in denen Kraft gefordert ist.

Das Schwingfest ist aber bei Weitem nicht nur sportlicher Wettkampf, sondern vielmehr großes Volksfest und kulturelles Event. In der Arena wird nicht nur geschwungen, sondern auch gejodelt und Alphorn geblasen. Drumherum stehen Bierzelte, abends gibt es Volksmusik-Konzerte. Folklore pur.

Allerdings nur in der Schweiz - und das soll auch so bleiben. Die Schweizer leben mit dem Schwingerfest ihr traditionelles Eigenbrötlertum. Eine Öffnung für das Ausland - Stichwort Tourismus - ist nicht gewollt. "Wir wollen echte Schweizer Volkskultur betreiben", sagt Vogel. "Swissness", nennt er das. "Dafür haben wir auch extra den Titel des Schwingerkönigs über die Landesgrenzen hinaus schützen lassen."

Die "Bösen" und der Schwingerkönig

Die "Bösen" - wie die besten Schwinger des Landes liebe- und respektvoll genannt werden - sind in ihrer Heimat Stars. Wer einmal den Titel "Schwingerkönig" gewonnen hat, behält ihn sein Leben lang. Die bekanntesten Gesichter dienen als Werbeträger, generieren hohe Sponsorenerlöse. Galt das Schwingen früher noch als Sport der Bauern und Hirten, ist es mittlerweile ein Millionengeschäft.

Wie bei allen größeren Schwingfesten wird der stolze Gewinner nicht nur mit einem Eichenlaubkranz gekrönt, sondern darf auch einen stattlichen Vierbeiner sein eigen nennen. Ähnlich wie beim Ranggeln betrachtete die Obrigkeit in den vergangenen Jahrhunderten das als unsittlich bezeichnete Treiben mit größtem Argwohn.

Am Ende wischt der Sieger dem Verlierer die Sägespäne vom Rücken und gewinnt ein Rindvieh.

Kontroversen und Kritik

Ähnlich wie beim Ranggeln betrachtete die Obrigkeit in den vergangenen Jahrhunderten das als unsittlich bezeichnete Treiben mit größtem Argwohn. Die strenge Sittengesetzgebung des 16. und 17. Jahrhunderts führte zwangsläufig zu Schwingverboten, da es die jungen Burschen mit der Sonntagsheiligung nicht so genau nahmen und sich an Kirchweihtagen (Kilbinen genannt) und Fasnachten lieber mit »gross tenz und allerlei spils« die Zeit vertrieben.

1592 taucht erstmals die Bezeichnung »sennen kilbinen« auf, zu dem »…schwingen, stein stoßen, singen, schießen, keiglen und mengerlei sünden…« gehörten. Im Schwarzenburgerland traf man sich seltsamerweise am Weihnachtsabend zum Schwingen. Manche Geschichtsforscher kamen auf den Gedanken, diesen Anlass mit nordisch-kultischen Bräuchen in Verbindung zu bringen. Der Berner Obrigkeit jedenfalls stieß 1611 diese Freveltat dermaßen sauer auf, dass es zu drastischen Strafen kam, weil durch »…die wynachtlichen Schwyngeten viel ungradt entstaht und zu sölcher Heiligen zytt dergleichen mutvvillen….«.

Obwohl Werbung und Sponsoring traditionell nicht üblich sind, haben sich die strengen Regeln seit 1998 gelockert. Die Arena muss immer noch ohne Werbung sein, doch nutzen Sponsoren wie Aldi und Lidl die Gelegenheit, das Schwingen mit Geldern zu unterstützen, um ihre Reputation zu festigen.