Capoeira: Herkunft und Geschichte einer afro-brasilianischen Kunstform

Capoeira ist eine afro-brasilianische Kunstform. Als Kulturerbe Brasiliens verschmelzen darin Kampfkunst, Musik und Tanz. Wer beim Capoeira zuschaut, begreift schnell, warum diese ungewöhnliche Sportart einer so vielfältigen Beschreibung bedarf.

Die Roda: Bühne und Gemeinschaft

Die Bühne der Capoeira ist die „Roda“ (portugiesisch: bedeutet Kreis). Aussen am Kreis wird Musik gemacht, geklatscht und gesungen, innerhalb des Kreises spielen zwei Capoeiristas - ein ritueller Kampf - mit Basis-Bewegungen, Tritten, Ausweichbewegungen, Finten und Akrobatik. Die Dynamik einer Roda macht Spass, bietet aber auch lehrreiche Erfahrungen. In der Roda geht es nie ums bloße Gewinnen. Capoeira kann nicht alleine gespielt werden. Es braucht dazu eine Gruppe. Auf diesem Bewusstsein wächst das Gefühl für eine Gemeinschaft. Ein Capoeirista spielt auf kreative Art und Weise, um so wachsen zu können. Das Spiel, das auch Kampf ist, ist nie egoistisch.

Capoeira als Spiegel der brasilianischen Kultur

Capoeira öffnet auch einen Einblick in die reiche brasilianische Kultur. Von der Zeit der Sklaverei bis heute steht dabei das Instrument des Widerstandes und die Sehnsucht nach Freiheit im Zentrum. Capoeirista zu sein bedeutet, aufmerksam dem Leben gegenüber zu sein, mit all seinen Tücken, Höhen und Tiefen. Die Graduierungen (Farbe der Kordeln), welche man in der Capoeira von seinem „Meister“ erhält, zeigen diesen Erkenntnisprozess.

Ursprünge und Legenden

Es existieren eine Vielzahl an Legenden und Theorien über den Ursprung der Capoeira. Sie alle sind wichtig, um den Mythos Capoeira zu verstehen, aber es bleiben Legenden, für die es keine historische Beweise gibt.

Sicher ist, dass mit der Kolonialisierung Brasiliens im 16. Jahrhundert durch die Portugiesen eine neue Epoche in der Geschichte Brasiliens begann. Die Portugiesen erkannten sofort den natürlichen Reichtum des Landes. Anfangs nutzten sie die Arbeitskraft der in Brasilien lebenden Indianer. Dies funktionierte nicht aufgrund der Eigenarten der Indios und ihrem Widerstand gegen die Zwangsarbeit. Sie starben in der Sklaverei oder flohen in noch freie Gebiete. Die Kolonialherren suchten nach Lösungen und begannen mir der Versklavung freier afrikanischen Völker. Es begann ein Handel mit dem „schwarzen Mann“, der vom afrikanischen Kontinent in die neue Welt verschleppt wurde. Es war der Beginn einer großen Tragödie, die die brasilianische Gesellschaft brandmarkte. Erst wurden Hunderte, dann Tausende von Afrikaner gegen ihren Willen gefangen und nach Brasilien verschifft. Mit ihnen erfuhr das Land enorme Veränderungen. Die afrikanische Kultur war anders. Sie wurde nicht in Büchern und Museen aufbewahrt - sondern in den Körpern, dem Geist, dem Herz und der Seele der Menschen.

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Erste Quellen beschreiben Capoeira als einen rabiaten Tanzkampf der Sklaven. Capoeira in der Zeit hatte wohl wenig Ähnlichkeit mit der heute praktizierten Form. Wahrscheinlich wurde Capoeira von den Sklaven oft im kargen Buschland, das nach Brandrodungen des Waldes für spätere Pflanzungen wieder nachwuchs, praktiziert. Diese gerodeten Flächen wurden in der Sprache der Indios „capu era“ genannt.

Obwohl die Entfernungen damals auf dem Land riesig waren und es zwischen den Sklavengruppen kaum Möglichkeiten zum Informationsaustausch gab, entwickelte sich Capoeira langsam weiter. Dank dem Verkauf von Sklaven an andere Besitzer oder durch ihre Flucht wurde Capoeira immer bekannter. Dabei spielte auch der Sklavenmarkt eine wichtige Rolle.

Durch den zunehmenden Informationsaustausch ergaben sich neue Möglichkeiten für die Sklaven. Sie konnten sich besser über Fluchtmöglichkeiten und Routen zu den Quilombos informieren. Quilombos war die Bezeichnung für Ansiedlungen geflohener Sklaven, die meistens fernab von den portugiesischen Ländereien versteckt im Busch entstanden. Die Quilombos waren ein Schmelztiegel, in dem sich die Religionen, Kulturen und Traditionen der unterschiedlichen afrikanischen Völker gegenseitig und intensiv inspirierten. Die größten kulturellen Einflüsse kamen dabei von den Völkern der Nagô und der Bantus. Man vermutet daher, dass sich Capoeira in den Quilombo besonders schnell verbreiten konnte. Hier konnten Sklaven in relativer Freiheit ihre Kultur leben.

Die Zeit nach der Sklaverei und das Verbot

Durch die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1888 verbesserte sich die Situation der ehemaligen Sklaven nicht wirklich - ohne Arbeit, Unterkunft und Essen. Weil es ihnen an Möglichkeiten fehlte um zu überleben, nahmen Raub und Plünderung stark zu. Dabei bedienten sie sich der Capoeira als Hilfsmittel für ihr kriminelles Tun. Damit änderte sich auch das Image der Capoeira. Capoeiristas wurden bald als Kriminelle und Ganoven betrachtet.

Die Anfänge des 20. Jahrhunderts war geprägt von ständigen Konflikten zwischen der Polizei und kriminellen Banden. Brennpunkte dieses Geschehens waren die Bundesstaaten Pernambuco, Bahia und Rio de Janeiro. Der Capoeirista der Zeit war ein „Malandro“, ein Krimineller und Experte beim Austeilen von Golpes (Tritte), Rasteiras (Fussfeger), Cabecadas (Kopfstösse), der auch Waffen wie Rasierklingen und Macheten benutzte.

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Das Verbot und die ständige Verfolgung mit der Polizei hatte zur Folge, dass Capoeira im Umland von Rio und Recife langsam verschwand.

Legalisierung und kulturelle Bedeutung

Die Einführung der Capoeira Regional durch Mestre Bimba (Manoel dos Reis Machado) war dann ein extrem bedeutsamer Schritt hin zur Legalisierung der Capoeira und zur Rettung seines Wertes. Capoeira löste sich von dem kriminellen Image und entwickelte sich hin zu einem bedeutenden kulturellen Erbe. Zur gleichen Zeit war es Mestre Pastinha (Vicente Ferreira Pastinha), der mit der Capoeira Angola voranschritt, um damit auf die „Vermischung“ der Capoeira Regional zu reagieren und eine reine Capoeira Form zu bewahren.

Im Jahre 1937 wurde die Capoeira gesetzlich zugelassen und entwickelte sich von diesem Zeitpunkt in ganz Brasilien rasant weiter. Es begann ein sozio-kultureller Aufstieg und die Capoeira betrat als kulturelle Ausdrucksform die Szenerie. Capoeira fand sich in der Musik, in den plastischen Künsten, der Literatur und im Schauspiel wieder. Die dunkle Epoche seiner Geschichte, in der Capoeira mit all seinen Ausdrucksformen von der Gesellschaft vollständig ausgegrenzt wurden, war beendet. Capoeira hatte sich zum Kulturerbe des brasilianischen Volkes entwickelt.

Capoeira entstand und überlebte, dank der afrikanischen Bevölkerung Brasiliens - ihrem Widerstand und Überlebenskampf unter harten und schwierigen Bedingungen sowie ihrem ewigen Kampf nach Freiheit.

Die drei Hauptelemente des Capoeira

Die drei Hauptelemente des Capoeira sind Kampftechniken, Musik (Chula) und rhythmische Bewegung. Zum Rhythmus von Berimbau (einem afrikanischen Bogeninstrument), Konga -Trommeln und Schellentamburin bewegen sich jeweils zwei Capoeiristas in der „Ginga". Beide Kämpfer sind in ständiger Bewegung.

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Die Ginga ist ein Wiegeschritt (zugleich Kampfrhythmus!), der zum Rhythmus der Musik ausgeführt wird. Jeder Capoeirista hat seinen eigenen Rhythmus. Aus dieser Ginga werden Kampftechniken und akrobatische Bewegungen ausgeführt, wobei kaum zu unterscheiden ist, ob es sich um Tanzen oder Kämpfen handelt. Capoeira wird locker und leicht ausgeführt, ist aber als Kampfpraktik dennoch sehr effektiv.

Die Bewegungen werden in den „Sequentia Basica“ und im „Jogo", einem kontrollierten Übungskampf erlernt. Die Angriffstechniken haben so fantasievolle Namen wie „Rabo de Arraia" (Rochenschwanz) oder „Martelo" (Hammer) und werden durch Verteidigungstechniken wie „Negativa" (die erste Technik, die man in einer Capoeira-Schule erlernt) und „Resistencia" ergänzt.

Da den Sklaven nach der Arbeit auf den Feldern oft die Hände zusammengekettet wurden, trainierten sie zu Verteidigungszwecken insbesondere ihre Beine. Daher blieb Capoeira bis heute vor allem auf die Beine konzentriert, obwohl in der jahrhundertelangen Entwicklung dieses „Kampftanzes" auch viele Handtechniken hinzukamen.

Capoeira heute

Capoeira ist nicht nur Sport und Spiel, sondern ein Bestandteil brasilianischer Kultur und insbesondere für die farbige Bevölkerung von großer Bedeutung. Inzwischen findet Capoeira aber auch wachsendes Interesse in der weißen Bevölkerung Brasiliens. Er wird nicht mehr ausschließlich in den „morros" (den Elendsvierteln der Großstädte) betrieben, sondern auch in den besseren Vierteln. Selbst außerhalb Brasiliens (insbesondere in den USA) findet Capoeira zunehmend Anhänger, wobei er teilweise noch mit anderen Kampfsportarten wie Karate oder Taekwondo (aus denen vor allem Hand- und Fausttechniken entlehnt werden) kombiniert wird.

Capoeira hat viele Seiten: Sie ist eine Mischung aus Kampfkunst, tänzerischem Spiel, Akrobatik, Musik und Rhythmusgefühl, so dass kein Spiel dem anderen gleicht und es keine einstudierten Choreographien gibt, bei der vor allem Phantasie und Improvisation gefragt sind. Zwei der Capoeiristas treffen sich in der Mitte dieses Kreises, um miteinander zu spielen und den Stil vor. Es ist fast unmöglich die Vielfalt, Kraft und Schönheit der Capoeira in einem kurzen Text zu beschreiben.

Die Stile: Capoeira Angola und Capoeira Regional

La Capoeira ist in zwei Stile sehr verschieden: L'Angola und la Régional. Der älteste Stil „Capoeira de Angola" zeichnet sich durch tiefe Bewegungen am Boden aus. Daraus hat sich später ein neuer Stil, „Capoeira Regional" entwickelt. Neben diesen großen Stilrichtungen existieren noch viele weitere Schulen in Brasilien.

Während bei der "Capoeira de Angola" Musik, Spiel und Ritual die meist bodennah und zeitlupenartig ausgeführten Ausweichfiguren prägen, stellt sich die "Capoeira regional", erkennbar an den zahlreichen offensiven Luftsprüngen, als ein auf Leistung ausgerichtetes Sport- und Kampfgeschehen dar, auch wenn die Musikbegleitung erhalten geblieben ist. In der Gegenwart existieren zahlreiche Mischformen der beiden Grundrichtungen.

Rio de Janeiro, Salvator de Bahia und Recife wurden zu Zentren des Capoeira und konkurrieren bei den jährlichen Meisterschaften.

Die Instrumente der Capoeira

Die Instrumente spielen in der Capoeira eine wichtige Rolle, sie dienen der Verständigung. Wann genau sie Teil der Capoeira wurden, ist nicht bekannt, aber der ursprüngliche Zweck war es, die Sklavenherren und Polizei zu täuschen. Die Sklaven ließen diese Glauben, dass sie nur singen und tanzen, während sie in Wirklichkeit Tritte übten, um sich zu verteidigen.

Die Musik bestimmt außerdem den Rhythmus und die Art des Spiels, welches in der Capoeira-Roda gespielt wird.

Zu den wichtigsten Instrumenten gehören:

  • Berimbau
  • Pandeiro
  • Atabaque
  • Agogo
  • Reco-reco

Die Cordas (Gürtel) in der Capoeira

Viele Capoeira Gruppen haben unterschiedliche Gürtelsysteme, die sich oft in der Farbe der Corda unterscheiden. Trotz der Unterschiede erkennen geübte Capoeristas, ob der Gegenüber ein erfahrener Capoerista ist oder nicht. Ein Capoerista erlangt seine Corda, indem er bei verschieden, Workshops und Veranstaltungen teilnimmt, wo er immer mehr Erfahrung sammelt.

Bei der ersten Prüfung, der sogenannten Batizado (Taufe) erhält der neue Capoeirista seinen Capoeira-Namen (Kriegsnamen), der sich aus seinem Carakter und seiner Art Capoeira zu spielen ergibt. So ist es keine Ausnahme, dass es Namen wie Tigre (Tiger) oder Coruja (Eule) gibt.

Der Capoeira Name wird immer von einem Meister oder Lehrer vergeben und ist auch immer ein großes Event. Gerade für Kinder ist die Batizado ein aufregendes und wichtiges Ereignis.

Bekannte Persönlichkeiten der Capoeira

Mestre Bimba (Manoel dos Reis Machado): Seine Einführung der Capoeira Regional war ein extrem bedeutsamer Schritt hin zur Legalisierung der Capoeira und zur Rettung seines Wertes. Capoeira löste sich von dem kriminellen Image und entwickelte sich hin zu einem bedeutenden kulturellen Erbe.

Mestre Pastinha (Vicente Ferreira Pastinha): Er schritt mit der Capoeira Angola voran, um damit auf die „Vermischung“ der Capoeira Regional zu reagieren und eine reine Capoeira Form zu bewahren.

Maculelê: Tanzkampf mit Stöcken oder Macheten

Maculele ist ein Choreografierter Tanz/Kampf, der mit Holzstöcken oder Macheten getanzt wird. Wie die Capoeira sehr ästhetisch, aber mit afrikanischem Ursprung. Maculele wurde wahrscheinlich von der afrikanischen Küste von den ersten Sklaven, die in Santa Amaro - BA ankamen, mitgebracht. Diese Festlichkeiten spielten sich meist während der Feste zu Nossa Senhora da Conceicao und am 2. Februar ab. Sein berühmtester Verbreiter war Mestre Popó (Paulino Alnisio Andrade).

Mestre Popó wird als der Vater des Maculele in Brasilien angesehen. Er war der große Kenner und Verbreiter dieses Spiels, mit ihm gewann Maculele ein neues Gesicht, eine indiskutable Sache, bei der schlechten Kritik die ihm anhing, aber er konnte sein Wesen und seine Struktur aufrechterhalten.