Vincent Cassel ist ein Schauspieler, der es versteht, in unterschiedlichste Rollen zu schlüpfen und diese mit Leben zu füllen. Seine Vielseitigkeit und sein Engagement für seine Charaktere haben ihn zu einem der gefragtesten Schauspieler seiner Generation gemacht.
Jacques Mesrine: Die Verkörperung des Staatsfeindes Nr. 1
Besonders eindrucksvoll ist Cassels Darstellung des Jacques Mesrine in "Public Enemy No. 1".
Jacques Mesrine, Frankreichs legendäre Gangstergestalt der sechziger und siebziger Jahre, ein Mann, der zu seiner Zeit die Phantasien beflügelte, ein Medienstar, der die Polizei narrte, ein blutiger Rebell, der die Staatsmacht herausforderte, stirbt an einem grauen Novembertag 1979 im Kugelhagel der Polizei.
War es eine Hinrichtung? Gar Mord? Mesrine hätte sich jedenfalls keinen anderen Schlusspunkt gewünscht. Seine Karriere als herausragender Bandit hatte er wie einen Film inszeniert, als ständigen Ausbruch aus dem Gefängnis der schäbigen Wirklichkeit, aus der er stammte.
Fotos der Leiche wurden - damals noch ungewöhnlich - in sensationeller Aufmachung veröffentlicht. Für die Staatsmacht war der Tote eine Trophäe, für das Volk, vor allem für die Zukurzgekommenen der Gesellschaft, bekam er die Aura eines Märtyrers.
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Mesrine ging in die französische Kriminalgeschichte ein als eine Art moderner Robin Hood, obwohl er nie etwas von seinen Beutezügen an die Armen verteilt hatte.
Es verwundert nicht, dass Stars wie Jean-Paul Belmondo und Alain Delon, beide große Darsteller einsamer Wölfe, sich für die Figur interessierten. Aber erst Vincent Cassel hat sie wirklich verkörpert - mehr als nur gespielt.
Für die Rolle des "Public Enemy No. 1" musste er sich auch physisch verändern, er nahm 22 Kilo zu, was ihm schwerer fiel, als das Gewicht wieder zu verlieren.
"Ich erkannte mich nicht mehr im Spiegel, wenn ich morgens aufwachte", erzählt er, "ich war fett, hatte eine blasse Gesichtsfarbe, Ringe um die Augen, gefärbte, schmutzige Haare."
Die etwas verkommene Hässlichkeit war wichtig, um die Verwandlung des jungenhaften Ganoven in ein zugleich reißendes und gehetztes Wesen glaubhaft darzustellen.
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Cassel, 42, hat das gleiche Alter wie Mesrine bei seinem Tod.
Die Elite des französischen Kinos ist bei diesem atemlosen, in packenden Abschnitten gedrehten Actiondrama dabei: Gérard Depardieu, Mathieu Amalric, Cécile de France, Ludivine Sagnier und Gérard Lanvin.
Natürlich sind solche Namen mehr als Staffage, und doch bilden sie eine Galerie für den alles dominierenden Cassel, der eine ungeheure Energie ausstrahlt, eruptiv und unberechenbar.
Der reale Mesrine scheint zum Schauspieler seiner selbst zu werden, Dokumentation und Fiktion verschmelzen.
Dem Regisseur Jean-François Richet, 42, ist mit diesem filmischen Kraftakt eine Synthese von klassischem französischem Gangsterfilm im Stil Jean-Pierre Melvilles und amerikanischem Thriller nach dem Vorbild von Martin Scorsese gelungen.
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Fast vier Millionen Zuschauer sahen die Saga bisher in Frankreich, gut 40 Millionen Euro hat die Produktion gekostet.
Für Langmann, 37, erfüllte sich mit dem seit Jahren gehegten Projekt ein Jugendtraum. Er war zehn oder elf, als er die Autobiografie des Gangsters verschlang, die Mesrine aus dem Gefängnis heraus zwei Jahre vor seinem Tod veröffentlicht hatte ("L'instinct de mort"): "Das Buch lag auf meinem Nachttisch."
An Cassel als Protagonisten dachte er von Anfang an, "er hat das Charisma, er strahlt die Emotion aus".
Der Umworbene zögerte zunächst und verwarf einen ersten Drehbuchentwurf, der ihm zu viel Heldenverehrung, zu viel Bonnie and Clyde enthielt.
Cassel bestand auf einem Spiel von Licht und Schatten; er fürchtete, die Legende könne noch einmal politisch missbraucht werden von den jugendlichen Strolchen der brodelnden Vorstädte.
Aus dem imaginären Bewusstsein der Nation ist der Mythos 30 Jahre danach noch nicht ganz verschwunden.
Mesrine fasziniert gerade, weil er unfassbar bleibt: ein schillernder böser Junge, der gewaltgeschärft aus dem Algerien-Krieg heimkommt, verführerisch und gefährlich, kleinbürgerlich und anarchistisch, ein psychopathischer Ehrenmann und ein Schuft, ein liebender Vater und ein schlechter Gatte - und immer ein wilder Abenteurer in einem verlorenen Kampf.
"Er wusste, dass er kein Held war", sagt Cassel.
"Mon Roi": Ein charismatischer Menschenseelenverschlinger
Plötzlich ist er da: der Fremde mit dem markerschütternden Blick und dem kaum zu widerstehenden Lächeln. Giorgio (Vincent Cassel) heißt er: ein Mann mit Fünftagebart und attraktivem Wuschelkopf, der vor Charme fast zu platzen droht.
Ein charismatischer Menschenseelenverschlinger, ein Energiespringbrunnen, ein dauerspeiender Emotionsvulkan. Die Anwältin Tony (Emmanuelle Bercot) - blond, gut aussehend, ein wenig linkisch - hat ihn in der Disco kennengelernt.
Und von da an wird sie ihn nicht mehr los, und will es auch gar nicht, denn Giorgio ist einfach hinreißend. Erstes Date, betörender Sex, und schon sagt er: "Ich liebe dich."
Essen in schönen Restaurants, Zusammenleben in Giorgios schmucker Wohnung. Hochzeit, Schwangerschaft, Kind. Geschickt schlingt Giorgio schwere Ketten um Tony und sich, um sich dann, wie der Entfesselungskünstler Houdini, selbst langsam und behände zu entwinden.
Wie Tony fühlt er sich zusehends eingeengt in der Beziehung, doch nur ihm gelingt es, sich aus den Zwängen zu befreien. Tony hingegen sieht man nicht nur einmal in diesem Film schnappatmend nach Luft ringen.
Auch ihr skeptischer Bruder Solal (Louis Garrel) hat nichts mehr zu sagen. Giorgio beherrscht bald ihr Leben, er regiert über ihre Gefühle, er ist ihr König ("Mon Roi" heißt der Film im französischen Original).
Schon in ihrem vorherigen Film "Polisse" (2011) hatte die Regisseurin Maïwenn einen Hang zu forcierten Emotionen, ja zu regelrechten Gefühlsfeuerwerken erkennen lassen.
Eifersucht, ekstatische Freude, Niedertracht und ein beständiger Kampf um Anerkennung: Das ist auch in "Mein Ein, mein Alles" die Gemengelage.
Tony will das wild ausschlagende Elektrokardiogramm ihrer Beziehung in eine flache Linie der Vernunft verwandeln - Giorgio erkennt darin lediglich ein erkaltetes Herz und somit: den Tod.
Am Anfang von "Mein Ein, mein Alles" sieht man, wie sich Tony in den Alpen eine Piste hinabstürzt. Eine Selbstzerstörungsmission in schwarzem Skianzug und mit schwarzer Sonnenbrille. Wie ihre Beziehung zu Giorgio: eine Schussfahrt in die Tiefe.
Bei einem Sturz reißt sie sich das Kreuzband. In einer Reha-Klinik an der südlichen Atlantikküste muss sie wieder das Gleichgewicht finden und aufrecht gehen lernen.
Wie sie dort langsam mit einer Gruppe ebenfalls versehrter Jugendlicher das Lachen wiederentdeckt, das gehört zu den schönen Kontrastmomenten dieses Films.
Denn die 39-jährige Maïwenn, die zusammen mit Étienne Comar auch das Drehbuch verfasst hat, schneidet in ihrem vierten Spielfilm resolut hin und her: zwischen der sonnigen Gegenwart in der Klinik und den sich langsam verdüsternden Rückblenden in die Zeit mit Giorgio.
Die Vergangenheit: Das sind Ausbrüche, Versöhnungen, Anfälle und Wiedergutmachungen. Hysterie und Manie. Lachen, Schreien, Tränen, Rotz.
Emmanuelle Bercot hat für ihre Tour de Force, bei der sie mit schamfreier Offenheit ihren Körper zur Schau stellt, im vergangenen Jahr den Darstellerinnenpreis beim Filmfestival in Cannes gewonnen. Und auch für den agilen Vincent Cassel ist dieser Giorgio eine Paraderolle.
"Mein Ein, mein Alles" ist faszinierend inszeniertes Schauspielerkino. Aber bisweilen sind diese 124 Minuten kaum auszuhalten in ihrer Intensität.
Giorgio magnetisiert die Aufmerksamkeit seiner Umgebung, und wenn er sie nicht bekommt, reagiert er ungehalten. Er sucht sich seine Freunde in der Kunst- und Modewelt, umgibt sich mit der Pariser Jeunesse dorée.
Schöne junge Menschen, in deren Gegenwart sich Tony wie graues Mittelmaß vorkommt. Giorgio ist ein Narziss, ein liebender Egomane, ein verspieltes Kind.
Früher hatte er Beziehungen allein mit Models, deren Glanz auf ihn abfallen sollte. An einer von ihnen, der spindeldürren Agnès (Chrystèle Saint-Louis Augustin), hängt er noch immer und kann nicht los von ihr.
Man möchte Tony zurufen, sie solle Giorgio doch endlich zum Teufel schicken, und weiß doch, wie schwer das sein kann: von einem Menschen zu lassen, den man noch liebt.
Und davon handelt dieser Film ja im Kern: dass die Liebe ein beklemmender Kerker mit offener Tür sein kann, durch die man sich nicht zu fliehen traut.
Abhängigkeit zieht sich deshalb wie ein Leitmotiv durch den Film. Drogen, Medikamente, vor allem aber die Sucht nach Menschen, denen man sich verpflichtet fühlt.
"Banger": Ein alternder DJ im Visier der Drogenfahndung
Die besten Zeiten des EDM-DJs Scorpex (Vincent Cassel) liegen schon Jahrzehnte zurück. Mit Online-Partys und in völlig aus der Zeit gefallenen Klamotten versucht der gealterte Superstar ziemlich verzweifelt, sich im Hier und Heute eine neue Anhängerschaft aufzubauen.
Die Aufmerksamkeit der Teens und Twens zieht er dabei zwar kaum auf sich, dafür aber die der französischen Drogenfahndung. Denn: die Polizeibeamten, allen voran die Agentin Rose (Larua Felpin), sehen in Scorpex eine Chance, an dessen jüngeren und ziemlich angesagten Rivalen Vestax (Mister V) heranzukommen.
Der soll nämlich Verbindungen zur russischen Rauschgiftmafia und deren Boss namens Molotov haben, der das eigentliche Ziel der Ermittler ist.
Die französische DJ-Szene in "Banger" ist Regisseur So Me bestens vertraut. Bertrand Lagros de Langeron (so sein bürgerlicher Name) ist nämlich der Art Director von Ed Banger Records, einem französischen Musik-Label, da vor allem für EDM und House bekannt ist.
So Me führte in der Vergangenheit hauptsächlich bei Musikvideos für Künstler seines Labels wie Justice oder auch für internationale Musik-Stars wie Kanye West Regie.
Der alternde DJ Scorpex (Vincent Cassel) aus "Banger" wurde bereits in einer Episode der französischen Anthologie-Serie "6 X Confiné.e.s" (2021) eingeführt. Auch dort spielte Cassel die Hauptrolle unter der Regie von "Banger"-Macher So Me.
