Die Olympischen Spiele sind nicht nur ein Schauplatz für sportliche Höchstleistungen, sondern auch ein Ort, an dem Athleten an ihre körperlichen und psychischen Grenzen gehen. Im Judo, einer Sportart, die sowohl Kraft als auch Präzision erfordert, spielen Verletzungen eine bedeutende Rolle. Dieser Artikel beleuchtet einige Aspekte von Verletzungen im Judo im Kontext der Olympischen Spiele, betrachtet aber auch Erfolge und Herausforderungen für deutsche Judoka.
Deutsche Judo-Mixed-Team verpasst Bronzemedaille
Das deutsche Judo-Mixed-Team verpasste bei den Olympischen Spielen in Paris knapp eine Bronzemedaille. In einem dramatischen Kampf unterlag die DJB-Auswahl um Silbermedaillen-Gewinnerin Miriam Butkereit am Samstag Südkorea mit 3:4.
Igor Wandtke verlor dabei das entscheidende Duell gegen An Ba Ul durch drei Verwarnungen. "Ich habe nicht verloren, weil ich schlechter war. Es ist sehr ärgerlich, weil es uns die Medaille gekostet hat", sagte Wandtke. "Igor hatte einfach Pech, es waren komische Strafen, die es den ganzen Tag nicht gab. Man hatte das Gefühl, dass man schnell einen Sieger haben wollte", meinte Butkereit: "Ich bin traurig, aber auch stolz auf uns."
Im Halbfinale hatte Deutschland, das bei der Mixed-Premiere in Tokio Dritter geworden war, 0:4 gegen Japan verloren. Damit bleibt Platz zwei für Butkereit die einzige Medaille für das deutsche Team in Paris. Vor drei Jahren hatte der Deutsche Judo-Bund drei Medaillen geholt. Eduard Trippel (Silber) und Anna-Maria Wagner (Bronze) gewannen damals auch im Mixed Edelmetall. Beide gehörten auch diesmal zum Team, Fahnenträgerin Wagner kam aber wegen einer beim fünften Platz im Einzel erlittenen Knieverletzung nicht zum Einsatz.
Wandtke (Hannover) mit Mühe und Butkereit (Halle/Saale) sorgten gegen vom Gewicht her deutlich leichtere Gegner - im Team-Wettbewerb werden bei Männern und Frauen jeweils sieben Gewichtsklassen zu drei zusammengefasst - für den Ausgleich.
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Im entscheidenden Duell, das aus den vorigen sechs zur Neuauflage ausgelost wurde, musste wieder Wandtke (Gewichtsklasse bis 73 kg) gegen den Rio-Olympiazweiten An Ba Ul (66 kg) ran - und konnte aus seinen Vorteilen keinen Gewinn erzielen.
Anna-Maria Wagner: Verletzung und verpasste Medaille
Für Anna-Maria Wagner standen am Donnerstag die Tränen in den Augen. Ihre Stimme versagte zunächst, ehe sie einzuordnen versuchte, was ihr kurz zuvor auf der Judomatte widerfahren war. „Es ist total bitter“, lauteten ihre ersten Worte, nachdem erst im Halbfinale ihre Goldträume geplatzt waren und sie später auch noch den Kampf um Bronze verloren hatte.
„Gerade sitzt der Schmerz tief, die Kämpfe werden mich noch sehr lange beschäftigen“, sagte die 28 Jahre alte Halbschwergewichtlerin, die nach Miriam Butkereit am Vortag die zweite Medaille für den Deutschen Judo-Bund in Paris vor Augen hatte.
Gold hatte sie sich schnappen wollen, doch das Einzige, was Anna-Maria Wagner bisher fürs Team D in den Händen hielt bei diesen Sommerspielen, war die Fahne. Die Sportsoldatin durfte mit Basketball-Weltmeister Dennis Schröder bei der Eröffnungsfeier quasi als erste deutsche Bootsfrau über die Seine schippern.
Die Niederlage, unglücklich zustande gekommen, verdrängte die zweimalige Weltmeisterin auf die Schnelle: „Ich habe meinen Kopf umgestellt, mir gesagt, abhaken, voller Fokus auf den Bronze-Kampf.“
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Dort sah es vier Minuten vielversprechend aus gegen die Chinesin Ma Zhenzhao. Dann, nach zwölf Sekunden in der Golden-Score-Verlängerung, eine Unaufmerksamkeit. Sie habe „leider eine Sekunde geschlafen“ und sich nicht von der Stelle bewegt, sagte Wagner: „Da ist Judo knallhart, sie hat mich erwischt und der Kampf war vorbei.“ Ohne Edelmetall für Anna-Maria Wagner.
Eduard Trippel: Frühes Ausscheiden und Verletzungsprobleme
Der Silbermedaillen-Gewinner von Tokio, Judoka Eduard Trippel, ist in Paris überraschend früh ausgeschieden.
Judoka Eduard Trippel aus Rüsselsheim war nach seinem überraschend frühen Olympia-Aus mächtig angefressen. Drei Jahre nachdem er bei den Spielen in Tokio Silber gewonnen hatte, verlor der Rüsselsheimer in Paris gleich seinen Auftaktkampf in der Gewichtsklasse bis 90 Kilogramm gegen den Schweden Marcus Nyman.
Trippel hat eine lange Leidenszeit mit vielen Verletzungsproblemen hinter sich. Dass er im vergangenen Jahr nie in einen richtigen Trainingsrhythmus gekommen sei, habe sich etwas auf seine Kondition ausgewirkt, erklärte er.
"Ich kann von Glück sprechen, dass ich hier bin. In einem anderen Universum wäre ich jetzt zu Hause gesessen und hätte Livestream geguckt", sagte Trippel, der am Samstag noch im Mixed-Team-Event auf die Matte gehen wird.
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Verletzungen im Judo: Eine wissenschaftliche Perspektive
Verletzungen spielen im Sport - und vor allem im Leistungssport - eine große Rolle. Sie können für Athleten zu Einschränkungen in der Leistungsfähigkeit führen und im schlimmsten Fall das Ende der sportlichen Karriere bedeuten.
Um Athleten in einer bestimmten Sportart adäquat betreuen zu können, ist es von großer Wichtigkeit, die Häufigkeit von spezifischen Verletzungen und deren Auswirkung auf die Sportfähigkeit des betroffenen Athleten herauszufinden. Akoto et al. zeigte in seiner Studie, dass die Ruptur des vorderen Kreuzbandes im Judo die Verletzungen mit den längsten Ausfallzeiten und den schlechtesten Return-to-Competition Ergebnissen war.
Hinsichtlich der zugrundeliegenden Mechanismen der VKB Ruptur im Judo scheint es deutliche Unterschiede im Vergleich zu Mannschaftssportarten, wie beispielsweise Fußball zu geben. In der einzigen uns bekannten Studie über den Verletzungsmechanismus von VKB-Rupturen im Judo konnten Koshida et al. zeigen, dass ein direkter Kontaktmechanismus mit dem Gegner, in der Verteidigung auf einen Angriff, für Verletzungen des VKB im Judo verantwortlich ist.
In den letzten Jahren hat das Functional-Movement-Screening (FMS) gezeigt, dass es möglich ist, durch bestimme Übungen das Risiko für Verletzungen eines Athleten darzustellen. Dennoch ist der FMS Test ein gutes Screening Tool, um Defizite im Bereich der Beweglichkeit, Stabilität und Kraft von Sportlern darzustellen.
Startpunkt des Screenings ist eine ausführliche orthopädische Untersuchung der Athleten mit Dokumentation der Vorverletzungen, Kampfauslage und Spezial-Judo-Techniken. Zusätzlich werden verschiedene funktionelle Untersuchungen durchgeführt, um die Stabilität der unteren Extremität (OSG, Knie, Hüfte und Rumpf) zu testen.
Alle funktionellen Tests werden in Zeitlupe gefilmt, um den Athleten eine Visualisierung der Bewegungsabläufe zu ermöglichen. Studien konnten belegen, dass anhand visueller Betrachtung, Fehler bei erneuter Durchführung besser korrigiert werden konnten, als bei alleiniger verbaler Korrektur.
Der Vorteil eines Pre-Season-Screenings liegt zum einen darin, ein individuelles Risikoprofil für den einzelnen Sportler zu erstellen und zum anderen, Messwerte des Sportlers im gesunden Zustand in Bezug auf Kraft, Stabilität und Ausdauer zu dokumentieren.
Return-to-Competition nach VKB-Ruptur
In diesem Artikel ist der Fokus vorrangig auf das Management des Return-to-Competition Prozesses nach einer VKB-Ruptur im Judo gelegt. Auf die Behandlung der Verletzung wird hierbei nicht spezifisch eingegangen werden. Vollständigkeitshalber wird ein Überblick über die Behandlung der VKB-Ruptur im Judo gegeben.
Die derzeit gängigste Behandlungsmethode für eine VKB-Ruptur ist die chirurgische Rekonstruktion des VKB. Es ist jedoch unklar, ob die chirurgische Therapie in der Lage ist, die Stabilität des Gelenks wiederherzustellen.
Bei der Planung des Return-to-Competition Prozesses durch den betreuenden Arzt sollte nach Erlaubnis des Athleten immer das ganze Team (Arzt, Physiotherapeuten, Trainer und Management) informiert werden. Eine gute Kommunikation ist für den Verlauf der Rehabilitation von entscheidender Bedeutung.
Einen hilfreichen allgemeinen Leitfaden bietet das „Return-to-Competition-Manual“ der VGB. Bei der Testung sollten sportartspezifische Bewegungsaspekte miteinbezogen werden. Im Judo sollte darauf geachtet werden, dass die Durchführung von Techniken anfangs auf zwei Beinen und ohne Gegenwehr durchgeführt werden. Anschließend sollte eine Steigerung mit einbeinigen Techniken erfolgen.
Daher ist zu empfehlen, dass die Sportler, bevor sie in das Full-Contact-Wettkampftraining zurückkehren, die Return-to-Competition Testbatterie einmal in ausgeruhtem Zustand und einmal direkt nach der Durchführung eines judospezifischen (ohne Gegnerkontakt) maximalem Ausdauer-Belastungstest durchführen.
Ein anderer wichtiger Aspekt, welcher berücksichtigt werden sollte, ist die psychologische Verfassung des Athleten. In den letzten Monaten der Rehabilitation kann durch den RSI-ACL Scale kontrolliert werden, inwieweit der Sportler mental bereit für eine Rückkehr in den Sport ist.
Prävention im Judo
Die Erfahrungen der letzten Jahre und vor allem die wissenschaftlichen Studien im Fußball haben gezeigt, dass sportartspezifische Pre-Season-Screenings mit darauffolgender sportlerspezifischer und sportartspezifischer Prävention das Risiko für Verletzungen senken kann.
Gemeinsam mit dem DOSB wurde eine Umfrage an über 10.000 Athleten durchgeführt, um für die einzelnen olympischen Sportarten Häufigkeiten, Ausfallzeiten und Return-to-Competition Fähigkeiten nach Verletzungen darzustellen. Auf Grundlage dieser Ergebnisse ist es das Ziel, in Zusammenarbeit mit den einzelnen Medizinteams der verschiedenen Sportarten Bewegungsmechanismen der schwerwiegendsten Verletzungen zu analysieren.
Bei der Durchführing dieser Programme ist es von großer Bedeutung die Trainer mit einzubeziehen. Sie haben einen engen Kontakt zu den Athleten und können das Training am besten planen und überprüfen ob die Programme durchgeführt werden.
Wir haben Schulungen an der Kölner Trainerakademie für Judo-Trainern im Bereich der Prävention organisiert, sodass die Präventionsprogramme in das tägliche Training eingebaut werden.
Tabelle: Übersicht der Ergebnisse des deutschen Teams bei den Olympischen Spielen
| Wettbewerb | Athlet(en) | Ergebnis |
|---|---|---|
| Mixed-Team | Deutsches Team | Verpasste Bronzemedaille (3:4 gegen Südkorea) |
| Einzel | Miriam Butkereit | Silbermedaille |
| Einzel (-78kg) | Anna-Maria Wagner | Platz 5 |
| Einzel (-90kg) | Eduard Trippel | Frühes Ausscheiden |
