Die erste deutsche Olympiamedaille bei den Männern gewann Weltergewichtler Faissal Ebnoutalib bei der Premiere in Sydney. Zwölf Jahre später holte Ex-Europameisterin Helena Fromm in London Bronze.
Beim Taekwondo handelt es sich um eine aus Südkorea stammenden Kampfkunst, bei der Füße und Hände benutzt werden. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul im Mutterland Südkorea sowie 1992 in Barcelona war Taekwondo eine Demonstrationssportart, erstmals ins olympische Programm aufgenommen wurde es für Frauen und Männer 2000 in Sydney.
Gekämpft wird bei Olympischen Spielen jeweils in vier Gewichtsklassen, bei WM und EM gibt es je acht Kategorien. Austragungsort 2024 in Paris ist das Grand Palais, ein architektonisches Meisterwerk im Herzen der französischen Metropole.
Ziel im Taekwondo ist es, den Gegner oder die Gegnerin zu treten und zu schlagen, ohne dabei selbst geschlagen zu werden. Gefragt sind schnelle Kombinationen aus Tritten und Schlägen über drei Runden von je zwei Minuten. Punkte werden nach dem Schwierigkeitsgrad der verwendeten Techniken vergeben.
Es kommt im Taekwondo (übersetzt: „Der Weg des Fuß- und Faustkampfes“) nicht auf Brutalität an, vielmehr gilt es laut der Lehre, die gesamte Kraft genau im Moment des Schlages auf eine möglichst kleine Fläche wirken zu lassen, und dies möglichst schnell. Ebenso soll die gegnerische Kraft in die eigene fließen und diese dadurch effektiver machen. Auch verpflichten sich Taekwondo-Kämpfer*innen dazu, den Sport in anderen Lebensbereichen nicht zu missbrauchen.
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Qualifikation für Olympia
Erstmals konnten sich die Sportler für die Olympischen Spiele in Rio über das neu eingeführte Weltranglistensystem qualifizieren. Demnach waren die Sportler der jeweiligen Olympischen Gewichtsklasse direkt für die Olympischen Spiele in Rio qualifiziert, die sich Ende 2015 unter den Top 6 befanden.
Dies traf auf unsere Sportler nicht zu (Anmerkung: Volker Wodzich verpasste die Qualifikation nach Rio um 1,2 Punkte. Er stand Ende 2015 auf Platz 7 und ihm fehlten minimale 1,2 Punkte um das Ticket für Rio zu lösen).
Daraufhin nominierte der Verband die Athleten, Anna-Lena Frömming (-57Kg), Rabia Gülec (-67Kg), Levent Tuncat (-58Kg) und Tahir Gülec (-80Kg), für das kontinentale Qualifikationsturnier in Istanbul.
Alle Sportler zeigten an ihren Wettkampftagen herausragende Leistungen. Unter der Leitung von Bundestrainer Carlos Esteves und Aziz Acharki schafften drei von vier Athleten die Qualifikation für Rio. Fragwürdige Kampfrichterentscheidungen klauten unserer vierten Starterin, Anna-Lena Frömming, das Olympiaticket.
Deutsche Teilnehmer in Rio
In Rio liefen von Anfang an einige Dinge nicht wie geplant und so musste einer unserer Kämpfer, Levent Tuncat, auf anraten der offiziellen Ärzte, seine Teilnahme zurückziehen. Eine bittere Enttäuschung für die gesamte Mannschaft, aber in erster Linie natürlich für den Sportler selbst, der jahrelang auf diesen Höhepunkt hintrainiert hat.
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Die Gülec-Geschwister Rabia und Tahir hingegen waren körperlich fit und zeigten an ihren Wettkampftagen klasse Leistungen. Beide besiegten ihre Erstrundengegner, die bei Olympischen Spielen ebenfalls absolute Top-Leute sind.
Im Viertelfinale gingen beide Sportler an ihre Grenzen, konnten aber die entscheidenden Treffer zum Sieg nicht setzen. Beide erhielten leider nicht die Chance noch um die Bronzemedaille zu kämpfen, da ihre Viertelfinalgegner nicht ins Finale einzogen.
Die Erfahrungen, die man bei Olympischen Spielen macht, prägen die weitere sportliche Laufbahn weiter.
Lorena Brandl verpasst Bronze in Tokio
Taekwondo-Europameisterin Lorena Brandl hat die Bronze-Medaille bei den Olympischen Spielen verpasst. Im kleinen Finale (+67 Kilogramm) unterlag die 27-Jährige aus Oberbayern der Südkoreanerin Dabin Lee mit 1:2.
Am Ende war die Enttäuschung bei Lorena Brandl riesengroß. Im Duell um Bronze zeigte die 27-Jährige einen tollen Kampf, verlor in der dritten, entscheidenden Runde aber gegen ihre südkoreanische Kontrahentin. Vor der beeindruckenden Kulisse im Grand Palais gekämpft zu haben, sei dennoch "eine große Ehre" gewesen.
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Im Bronze-Duell legte die Südkoreanerin einen Blitzstart hin und überrumpelte die Deutsche mit einer schnellen Attacke, die ihr drei Punkte einbrachte. Weil Lee dabei den Boden berührte, bekam aber auch Brandl einen Punkt. Durch einen Punch erhöhte die Koreanerin ihre Führung allerdings auf 4:1.
In der zweiten Runde startete Brandl mit einem Kick an den Kopf und ging 3:0 in Führung. Dann ging es hin und her. Erst traf Lee, dann konterte die Deutsche mit einem weiteren Treffer. Beide agierten mit viel Tempo und gingen voll in die Offensive. Sieben Sekunden vor Schluss baute Brandl ihre Führung durch zwei weitere Treffer auf 9:5 aus und sicherte sich den zweiten Durchgang.
"Nach der zweiten Runde wusste ich: Jetzt erst recht. Ich hole mir die dritte Runde", sagte Brandl nach dem Kampf. In einem offenen Schlagabtausch gönnten sich die beiden dann keine Pause.
In einem spannenden Duell versuchte es Brandl ein ums andere Mal mit einem Body Punch, aber die reichten nicht für eine Wertung. 30 Sekunden vor Schluss gelang der Südkoreanerin ein weiterer Treffer an den Kopf, bei dem Brandl sogar ihren Helm verlor. Dafür bekam Lee fünf weitere Punkte - die Entscheidung.
Den Einzug ins kleine Finale hatte Brandl nur über Umwege erreicht: Nachdem die Deutsche im Viertelfinale gegen die Französin Althea Laurin verloren hatte, war die Enttäuschung zunächst groß. Brandl legte dabei in der ersten Runde gut los.
Die Tadschikin ging zwar durch einen Body Punch mit 1:0 in Führung, dann aber nutzte die Deutsche ihre Größen- und Reichweitenvorteile und schlug mit zwei Dreierwertungen zurück. In der zweiten Runde war es zwar wieder die Tadschikin, die zuerst eine Wertung einfahren konnte, aber Brandl konterte mit einem guten Kick zum Kopf.
Die Olympischen Spiele in Tokio hatte Brandl vor drei Jahren noch verpasst. Kurz vor dem Qualifikationsturnier fing sich die Oberbayerin eine Corona-Infektion ein und konnte dann als Quali-Dritte das Ticket für Tokio nicht lösen.
Lorena Brandl in Paris 2024
Mit neun Jahren stand Lorena Brandl zum ersten Mal auf der Matte. Damals konnte die junge Taekwondo-Kämpferin gleich bei ihrem ersten internationalen Wettkampf eine Silbermedaille mit nach Hause bringen. Heute trainiert sie im Leistungskader der Deutschen Taekwondo Union. Ihr Ziel ist immer noch dasselbe: Einmal an den Olympischen Spielen teilnehmen. Diesen Sommer wird ihr Traum in Erfüllung gehen. Lorena hat sich als einzige deutsche Taekwondoka für die Olympischen Spiele in Paris qualifiziert.
Erst im Mai konnte die 27-Jährige im serbischen Belgrad die Europameisterschaft in ihrer Gewichtsklasse "+73 kg" für sich entscheiden. Damit brachte sie den ersten EM-Titel im Taekwondo seit 16 Jahren nach Deutschland. Ob die Medaille in der Vitrine überhaupt noch einen Platz findet, ist fraglich bei neun deutschen Meistertiteln und 47 internationalen Auszeichnungen.
Für Lorena ist es eine große Ehre, Deutschland nun bei den Olympischen Spielen vertreten zu dürfen. "Ich freue mich riesig auf das Team Deutschland, auf das deutsche Haus und einfach auf die ganze Reise. Ich habe schon immer gesagt: Ein Traum ist ein Ziel mit Termin - und dieser Termin ist für mich am 10. August in Paris", sagt sie.
Immer an ihrer Seite ist ihr Trainer Bernhard Bruckbauer. Seit 2011 trainiert er die Athletin - damals noch in ihrem Heimatverein Tiger and Dragon Altmannstein/Mindelstetten.
Für Bruckbauer war von Anfang an klar, dass Lorena ein außergewöhnliches Talent besitzt "Lorena ist wie ein Stehaufmännchen. Selbst wenn sie eine schlimme Verletzung hat, und davon hatte sie schon viele, ist sie immer wieder zurückgekommen - und das noch stärker als zuvor", sagt er stolz über seinen Schützling. Einmal habe sie sogar mit einem gebrochenen Ellenbogen gekämpft und gewonnen.
"Mir ist es jetzt besonders wichtig, dass ich verletzungsfrei nach Paris fahre, damit ich dort auch wirklich mein Bestes geben kann," ergänzt Lorena. Damit sie in weniger als zwei Monaten in ihrer besten Form auf die Matte steigt, trainiert sie täglich im Bundesstützpunkt für Taekwondo in Nürnberg.
Seit 2019 wird unweit der Nürnberger Messe die Taekwondo-Elite von morgen ausgebildet. In der großzügigen Anlage gibt es acht Wettkampfplätze mit den dazugehörigen Aufwärm- und Krafträumen. Beste Bedingungen also, um sich auf die internationalen Wettbewerbe vorzubereiten.
Lorena Brandl ist die erste am Stützpunkt ausgebildete Athletin, die zu den Olympischen Spielen fahren wird. "Der Bundesstützpunkt ist ein sehr wichtiger Faktor für uns alle. Wir haben hier beste Bedingungen. Eine große Taekwondo-Halle mit Wettkampfflächen, ein elektronisches System, den Kraftraum, Physiotherapie und ärztliche Betreuung. Das Umfeld hier hat auch viel dazu beigetragen, dass ich heute dort stehe, wo ich jetzt nun mal stehe", sagt Brandl selbst.
Ihr Umfeld, das sind neben ihrem Heimtrainer Bernhard Bruckbauer vor allem der Bundestrainer Balazs Toth und ihre beste Freundin Vanessa Körndl - ebenfalls Taekwondoka. Die drei werden Lorena nach Paris begleiten und sie bei den Kämpfen unterstützen.
Die mentale Vorbereitung vor so einem Wettkampf sei enorm wichtig. Sie arbeitet mit einer Mental-Trainerin zusammen, die sie auch für die Olympischen Spiele stärken soll. Eigentlich wollte die Sportsoldatin schon 2020 mit nach Tokio fahren. Damals hatte eine Corona-Infektion ihren Trainingsfortschritt kurz vor der Qualifikation zunichte gemacht. Ein herber Rückschlag für Lorena, den sie erst einmal verarbeiten musste.
In Paris soll daher im besten Fall alles perfekt laufen. Trainer Bruckbauer sorgt mit einem alten Versprechen noch für zusätzliche Motivation. "Ich habe immer gesagt, dass ich mir nie ein Piercing oder ein Tattoo machen werde, außer jemand aus meinem Verein schafft es zu den Olympischen Spielen, dann geht es danach in den Tattoo-Shop", verspricht Bruckbauer.
Nachdem sie das Ticket für die Olympischen Spiele nun schon gelöst hat, steht jetzt die nächste Etappe für Lorena Brandl an. Sie möchte bei ihrem Kampf am 10. August im Grand Palais olympisches Edelmetall gewinnen.
