Der Kampfsport Judo hat seine Wurzeln im achten Jahrhundert, übersetzt heißt es „sanfter Weg“. Die Übungen dienten einst der Persönlichkeitsentwicklung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Judo zu einem Wettkampfsport, es ist die weltweit am meisten verbreitete Kampfsportart.
Deutschlands Judoka sorgen international immer wieder für Erfolge. So gab es bisher drei Olympiasiege, bei den Männern durch die Halbmittelgewichtler Frank Wieneke (1984 in Los Angeles) und Ole Bischof (2008 in Peking), als einzige deutsche Frau triumphierte Yvonne Bönisch 2004 in Athen.
Anna-Maria Wagner umklammerte ihre Goldmedaille mit der rechten Hand, die Tränen kullerten bei der Nationalhymne über das Gesicht der neuen Judo-Weltmeisterin. Judoka Anna-Maria Wagner ist zum zweiten Mal nach 2021 Weltmeisterin.
"Ich bin so glücklich, fünf Kämpfe gewonnen zu haben. Ich kann es noch gar nicht realisieren", sagte Wagner: "Ich wusste, wenn ich konzentriert bleibe, dann ziehe ich das Ding heute durch."
Die Erleichterung war zum Greifen bei der Ravensburgerin. Der Tote-Hosen-Klassiker „An Tagen wie diesen“, den die Organisatoren in Abu Dhabi nach der Siegerehrung einspielten, passte perfekt: Die 28-Jährige machte am Mittwoch nicht nur ihren zweiten WM-Titel nach 2021 perfekt, sondern löste im hochklassigen deutschen Duell mit der zweimaligen Europameisterin Alina Böhm in der Gewichtsklasse bis 78 kg auch das Olympia-Ticket.
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Frauen-Bundestrainer Claudiu Pusa war voll des Lobes für Wagner: "Sie war fokussiert, souverän und hat keine Schwäche gezeigt. Sie war bereit zu gewinnen.“ Wagner, 2021 in Tokio Olympia-Bronzemedaillengewinnerin, war als Dritte der olympischen Weltrangliste in die WM am Persischen Golf gegangen, Böhm als Fünfte.
Anders als bei der WM, welche die Qualifikationsphase abschließt, ist bei den Sommerspielen in Paris (26. Juli bis 11. August) nur eine Starterin pro Nation erlaubt.
Das Duell um das Olympia-Ticket
Anna Maria Wagner und Alina Böhm sind herausragende Judoka aus Deutschland. Es ist ein packendes Duell. Zwei deutsche Top-Athletinnen streiten um ein Olympia-Ticket. Anna-Maria Wagner, ehemalige Weltmeisterin, und Alina Böhm, zweimalige Europameisterin. Beide starten in der Gewichtsklasse bis 78 Kilogramm.
Bei der Weltmeisterschaft dürfen beide starten, bei Olympia nur eine von Ihnen. "Das ist ziemlich hart, weil wir beide bei Olympia Medaillen-Kandidatinnen wären", sagt Böhm. Keine Übertreibung, denn die Kölnerin gehört, genauso wie ihre Konkurrentin Wagner, zu den erfolgreichsten Judo-Sportlerinnen des Jahres 2024 weltweit.
Nicht von ungefähr, denn bei fast allen internationalen Wettkämpfen belegten die zwei immer nur Topplätze. Anfang Mai, beim letzten Grand-Slam-Turnier vor der WM, hieß die Siegerin Wagner, die Silber-Medaillengewinnerin Böhm.
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Entsprechend optimistisch blickt Anna-Maria Wagner auf die Weltmeisterschaft in Abu Dhabi, fühlt sich "punktgenau fit", denkt, dass sie "ganz oben mitmischen kann". Alles könnte perfekt sein.
Zu beider Leidwesen jedoch gibt es in jeder Gewichtsklasse nur einen Olympia-Startplatz pro Land für die Spiele in Paris. Anna-Maria Wagner ist aktuell die Nummer drei des weltweiten Olympia-Rankings, Alina Böhm die Nummer fünf. Entschieden ist der Zweikampf noch nicht.
Keine einfache Situation auch für Claudiu Pusa. "Beide haben das Champions-Gen, beide sind super fokussiert und liefern ihre Resultate auf den Punkt", beschreibt der Bundestrainer die Qualitäten seiner Sportlerinnen.
Besonders pikant dabei, beide Konkurrentinnen trainieren am Olympia-Stützpunkt in Köln, begegnen sich so praktisch jeden Tag. Um möglichst objektiv urteilen zu können, hat der Verband beide Athletinnen seit Jahresbeginn immer bei den gleichen Turnieren starten lassen. Absolute Chancengleichheit.
Dadurch ist aber auch eine Wettkampf-Intensität entstanden, wie sie sonst im Alltag der Sportart eher selten vorkommt. Sieben große Turniere werden die zwei, einschließlich der Weltmeisterschaft, vor Olympia gekämpft haben.
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"Jedes Mal der Reisestress, verschiedene Zeitzonen, das Konzentrieren, das Hochfahren, das Gewicht machen, die körperliche Belastung im Wettkampf. Irgendwann ist das too much", verdeutlicht Pusa seine Sorgen. Bisher war davon jedoch nichts zu sehen auf der Matte. Vor allem Wagner präsentierte sich extrem konstant.
Zwei wichtige Grand-Slam-Turniere konnte die gebürtige Ravensburgerin gewinnen. "Das hat viel Kraft gekostet. Für die 28-Jährige ist ein solcher Zweikampf um das eine Olympia-Ticket kein Neuland. 2021, vor den Spielen von Tokio, hieß ihre Gegnerin Luise Malzahn.
Damals jedoch war es nicht ganz so knapp. Und es war eine Konkurrentin, die ihr nicht jeden Tag im Training begegnete. "Aus meiner Sicht ist es schon ein großer Vorteil für Anna-Maria, dass sie solch eine Situation kennt. Allerdings ist es dieses Mal andersherum. Doch ihre Gegnerin hat ebenfalls noch große Hoffnungen, in Paris auf die Matte gehen zu dürfen. Verständlicherweise.
Denn Alina Böhm schaffte es ebenfalls bei vier der bisher sechs Wettkämpfe, auf dem Podest zu stehen. Bei den beiden übrigen unterlag sie im direkten Duell gegen Anna-Maria Wagner. Einer Kontrahentin, auf die sie bei Olympia, im Falle ihrer Qualifikation, ja nicht treffen könnte.
"Der Druck ist übermächtig groß. Es ist brutal", gibt Böhm einen emotionalen Einblick, wie sie diese monatelange, fast schon erbarmungslose Anspannung erlebt. "Immer fit sein zu müssen, immer Vollgas geben, immer vorn dabei zu sein.
Vor der Weltmeisterschaft in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate trennen beide Sportlerinnen 1.167 Punkte im Qualifikations-Ranking. Die besseren Karten hat nach jetzigem Stand Wagner. Doch 2.000 Punkte bekommt eine Judo-Sportlerin für den Gewinn des WM-Titels. Wird Böhm Weltmeisterin und Wagner nur Fünfte, zöge die Jüngere in der Wertung noch vorbei. Am Montag nach der Weltmeisterschaft wird der Judo-Verband seine Vorschläge für Olympia beim DOSB einreichen.
Die Judo-Weltmeisterschaften 2024 in Abu Dhabi
Der Deutsche Judo-Bund hat nun zwei Medaillen in Abu Dhabi auf dem Konto, Mascha Ballhaus hatte zum Auftakt am Sonntag in der Klasse bis 52 kg Bronze gewonnen.
Böhm, die für das Paris-Ticket ihrerseits wohl Gold benötigt hätte, verlor am Mittwoch bereits ihren zweiten Kampf. Für Eduard Trippel und Giovanna Scoccimarro war gar im Auftaktkampf schon Endstation.
Wagner dagegen benötigte gegen Ange Ciella Niragira aus Burundi lediglich 32 Sekunden zum Sieg, ehe sie Olympiasiegerin Shori Hamada dank drei Strafen der Japanerin bezwang. Es folgten zwei weitere schnelle Siege, ehe Wagner im Finale in die Verlängerung musste - und mit einer Laufwürge für die Entscheidung sorgte.
Historische Erfolge deutscher Judoka
Am WM-Coup beeindruckte vor allem auch Wagners Weg zu Gold. Denn dieser war in Budapest richtig schwer.
Auch noch Stunden nach dem Judo-Wunder von Budapest schwebte Anna-Maria Wagner im rosaroten Grenzbereich zwischen Fassungslosigkeit und Wolke sieben. "Eigentlich sollte das hier nur Vorbereitung auf Olympia sein - und jetzt wird mir langsam klar, dass ich Weltmeisterin bin", sagte die 25-Jährige in Freudentränen aufgelöst.
Vor allem, aber nicht nur wegen Wagners Wahnsinns-Wettkampf herrscht sieben Wochen vor Tokio Euphorie im Deutschen Judo-Bund. Wagners Coup am Freitagabend in der Laszlo-Papp-Arena hatte dabei fast schon historische Dimensionen. Als Schwergewicht Johanne Hagn 1993 im kanadischen Hamilton als zuvor letzte deutsche Judoka Weltmeisterin wurde, war Wagner noch nicht einmal geboren. Erst vier DJB-Athletinnen - Barbara Claßen (1982), Alexandra Schreiber (1987), Hagn und nun Wagner - gewannen überhaupt WM-Gold.
In Budapest war Wagner keineswegs als Außenseiterin angetreten, als Weltranglistendritte gehörte die Ravensburgerin durchaus zum engeren Favoritenkreis. Doch wie sie in einer der umkämpftesten Gewichtsklassen reihenweise die hochkarätigsten Gegnerinnen ausschaltete, beeindruckte immens.
Alleine drei Weltmeisterinnen - die Niederländerin Marhinde Verkerk (2009), die Japanerin Mami Umeki (2015) und schließlich im Finale die französische Titelverteidigerin Madeleine Malonga - bissen sich an Wagner die Zähne aus.
Wagner kann die Kampfansage nach dem größten Erfolg ihrer Karriere gelassen quittieren, hat sie doch nun bewiesen, dass sie nach Jahren in der Weltklasse auch eine Frau für die ganz großen Titel ist.
Die Studentin des Hotel- und Tourismusmanagements ("Am liebsten möchte ich wieder zurück in die Heimat und dort in unser Familienhotel einsteigen") war 2017 U23-Europameisterin geworden, holte ein Jahr später EM-Bronze bei den "Großen" - doch der wirkliche Durchbruch kam erst 2021.
Bei drei großen Turnieren trat Wagner an, gewann jedesmal - bei den Grand Slams in Tel Aviv und Kasan sowie nun in Budapest. Das Olympia-Jahr könnte Wagners Jahr werden, der erst zweite Olympiasieg einer Deutschen nach Yvonne Boenisch 2004 ist alles andere als ein unrealistisches Szenario.
