Taekwondo gehört zu den olympischen Sportarten, die in den zurückliegenden 20-30 Jahren eine wirklich rasante Entwicklung genommen haben. Das ist auch insofern bemerkenswert, als dass die Wurzeln der Sportart im Unterschied zu vielen anderen asiatischen Kampfsportarten nur gut 100 Jahre, an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückreichen. Inzwischen ist Taekwondo aber in das olympische Programm aufgenommen, wurden bei den Olympischen Spielen 2000 im australischen Sydney erstmals Olympiasieger gekürt.
Der erst 1966 gegründete Internationale Taekwondo Verband WTF hat inzwischen nicht weniger als 204 nationale Landesverbände, in denen weit über 30 Millionen Sportlerinnen und Sportler aktiv sind. Im Zuge dieser Entwicklung ist eine Vielzahl von Büchern über das Training und über die Wettkämpfe im Taekwondo vorgelegt worden, in denen es um die sportartspezifische Ausbildung und den Einsatz von Taekwondotechniken im Wettkampf geht.
Die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit den Wurzeln
Weniger gut sieht es aber aus, wenn man sich mit den historischen und philosophischen Grundlagen befassen möchte, die doch in asiatischen Kampfsportarten so bedeutsam sind. Während in Sportarten wie Judo oder Karate dazu entsprechende Publikationen vorliegen, gibt es für Taekwondo nicht viel Vergleichbares. Da die 100jährige Entwicklung seit den Anfängen um 1910 aber sehr rasant vonstattengegangen ist, ist das bemerkenswert, unverständlich und schade zugleich.
Denn es gibt genügend Interessantes und Wichtiges zu lesen und zu berichten, das im Zusammenhang mit dem Taekwondo steht. Beispielsweise, dass die sportlichen Wurzeln dieser gerne als koreanisch bezeichneten Sportart im japanischen Shotokan-Karate liegen, in den fünfziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts eine zunehmende Trennung von diesem erfolgte. Auch die philosophischen Einflüsse auf das Taekwondo aus China sind bisher nicht wirklich untersucht und präsentiert worden.
Bei genauerer Betrachtung der philosophischen Basis der Sportart sind aber Einflüsse des Konfuzianismus, des Daodismus, des Buddhismus und der philosophischen Positionen des chinesischen Buchs der Wandlungen Yijing nicht zu übersehen. Ebenso gibt es bisher nur sehr wenig zu den Entwicklungsbedingungen für Taekwondo in seinen Anfängen in Korea zu lesen und zu Impulsen und zum Rahmen für die schnelle internationale Verbreitung bis hin zu den olympischen Weihen.
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Philosophische und historische Einflüsse
Die daraus entwickelten Techniken, Taekwondoformen, spiegeln die Symbolik wider, die diesen philosophischen Auffassungen und Werken zugrunde liegen. Das trifft auch in vergleichbarer Weise auf die Struktur der Taekwondobewegungen und die zur Sportart gehörenden Verhaltensweisen, insbesondere in der sportlichen Auseinandersetzung, zu.
Mit dem vorliegenden Buch beabsichtigt die Autorin, diese Lücken zu füllen und ein Angebot zu unterbreiten für alle diejenigen, denen es um ein vertieftes Verständnis des Taekwondo geht. Dazu gehört die Beschäftigung mit den philosophischen Ideen, die von Anfang an im Taekwondo wirkten wie auch mit den historischen, politischen Entwicklungen in Ostasien (insbesondere in Korea, China und Japan) in der Zeit der ersten Entwicklungsetappen des Taekwondo, in der auch eine klare Abgrenzung vom Karate vollzogen wurde.
Die Sportart als Verteidigungssport, und nicht als Angriffssport konzipiert, sollte Ausdruck des Freiheitskampfes eines friedfertigen Volkes sein, das aber fest entschlossen ist, mit der Faust und dem Fuß für seine Ziele und gegen einen Gegner zu kämpfen. Taekwondo steht aber auch für ehrenwerte Eigenschaften der Kämpfer wie Anstand, Selbstdisziplin, Unbeugsamkeit, Bescheidenheit und Konzentrationsfähigkeit, die fester Bestandteil der Ausbildung und des Wettkampfs sind.
Eng verbunden mit ihnen sind auch Verhaltensregeln, wie die förmliche Begrüßung und Verabschiedung oder der respektvolle Umgang untereinander und die Pünktlichkeit. Den philosophischen Grundsätzen entsprechend sind im Taekwondo auch das Graduierungssystem (mit den unterschiedlichen Gürtelfarben) und die Bewegungsformen (von denen es 8 Schüler- und 24 grundsätzliche Bewegungsformen, eine für jede Stunde des Tages, gibt) aufgebaut.
Hier wird immer wieder die sehr enge Beziehung zwischen der Sportart und den philosophischen Wurzeln im Yijing deutlich. Es gelingt Andrea-Mercedes Riegel eindrucksvoll, diese so bedeutsamen Beziehungen zwischen Philosophie und Bewegungsform deutlich und deren Bedeutung erlebbar zu machen.
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Aktuelle Entwicklungen und kritische Betrachtungen
In den nachfolgenden Abschnitten setzt sich die Autorin auch mit aktuellen Entwicklungen im Taekwondo auseinander, die nicht in jedem Fall diese Einheit widerspiegeln. Die Frage Kampfkunst mit philosophischer Tiefe oder Kampfsport mit alleiniger physischer Siegorientierung spielt dabei eine wichtige Rolle.
Aber auch die Bedeutung des Qi, scheint ihr in den Taekwondoabhandlungen bisher stark unterrepräsentiert, wie auch das Element der Volkserziehung zu Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und moralischer Integrität in der "Moderne des Takewondo" angesichts gesellschaftlicher Veränderungsprozesse immer mehr an Bedeutung verliert.
Das moderne Taekwondo ist eine besondere Kampfsportart, die in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts entstand und eine Geschichte voller Widersprüche schreibt. Es ist ein Abkömmling des Shotokan-Karate und gleichzeitig als dessen Widerpart konzipiert. Es ist olympische Disziplin auf der einen und philosophisches Kunstwerk auf der anderen Seite.
Dieses Buch befasst sich mit den Ursachen dieser Widersprüchlichkeit, es legt offen, was sich hinter dem Taekwondo, das wir heute kennen, verbirgt, wie es zu dem wurde, was es ist. Die politischen Motivationen seiner Gründer werden herausgestellt und die philosophischen Aspekte des Taekwondo analysiert. Insbesondere der enge Bezug zum Yijing wird detailliert erläutert.
Gleichzeitig wirft es einen kritischen Blick auf die neueren Entwicklungen im Taekwondosport im Vergleich zu den Intentionen der Väter des Taekwondo. Bewusst wird auf die Darstellung von Bewegungsabläufen und auf jede Auseinandersetzung mit körperlichen Übungsformen verzichtet.
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Es geht hier um die Vermittlung eines tieferen Verständnisses koreanischen Denkens und dieser Kampfsportart, die unter schwierigen Umständen auf koreanischem Boden entstanden ist.
