Schwingen: Ein Schweizer Nationalsport im Aufwind

Das Schwingen, eine traditionelle Schweizer Variante des Ringens, erfreut sich in der Eidgenossenschaft einer ungebrochenen Beliebtheit. Dabei ist Schwingen eine Art des Ringens, die in der Grundform auf nahezu der ganzen Welt bekannt ist.

Am Freitag hat das alle drei Jahre stattfindende Eidgenössische Schwing- und Älplerfest begonnen, diesmal in Zug. Kein anderes Sportereignis der Schweiz zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich. Und die Beliebtheit wächst.

Die Faszination des Schwingens

Schwingen ist an sich nicht besonders spektakulär. Zwei Männer fassen sich da an ihren kurzen, reißfesten Überhosen und versuchen, den anderen mit einem bestimmen Schwung - es gibt laut Eidgenössischem Schwingerverband etwa 100 dieser Würfe und Griffe - auf den Boden zu werfen. Wer gewinnt, hilft dem Verlierer wieder auf die Beine und klopft ihm das Sägemehl vom Rücken.

Doch beim Schwingen geht es eben nicht allein um den sportlichen Wettkampf. Auf den Schwingfesten wimmelt es von Verweisen auf Schweizer Bräuche, Bauerntum und Bergleben. Als "uraltes Hirtenspiel", dessen Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert zurückreichten, bezeichnet der Verband das Schwingen, als ideale Verbindung aus "Tradition und Sport".

Traditionelle Regeln und Werte

Hinzu kommen ein paar Regeln, die zum traditionellen Image beitragen: Werbung ist innerhalb der Arena und auf der Kampfkleidung der Schwinger verboten, weshalb die Bilder von den Wettkämpfen bis heute etwas Ursprüngliches haben. Und Schwingen, so wollen es die Verbände, soll weiter Amateursport sein. Obwohl "die Bösen", wie die besten Schwinger des Landes genannt werden, locker vom Sponsoring leben könnten, gehen sie zumindest für wenige Tage pro Woche einer normalen Arbeit nach.

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Geschichte des Schwingens

Dabei verläuft die Geschichte des Schwingens nicht so linear, wie es die Traditionalisten des Sports gern hätten. "Das Schwingen hat sich mehrmals neu erfunden", sagt Linus Schöpfer, Schweizer Journalist und Autor, der gerade das Buch "Schwere Kerle rollen besser" über die Geschichte des Schwingens veröffentlicht hat. Er räumt darin mit einigen Mythen auf, den "uralten" Wurzeln zum Beispiel. Das Ur-Schwingfest, auf welches das heutige Schwingen zurückgeht, habe erst 1805 stattgefunden, sagt Schöpfer. "Der Eidgenössische Schwingerverband wurde sogar erst 1895 gegründet - es gibt Schweizer Fußballklubs, die älter sind."

In seinem Buch zeichnet Schöpfer nach, wie die Schwinger seither versuchen, eine Balance zwischen Sport, Geld, Politik und Tradition zu finden. Schwinger, die ihr Können zu Geld machen wollten, habe es immer gegeben. Heute hat sich das strikte Verbot gelockert - eine nicht unerhebliche Neuerung im vermeintlich uralten Schwingen.

Schwingen als TV-Sport

Der Autor Schöpfer hält eine andere Erklärung für plausibler: die Neuerfindung des Schwingens als TV-Sport. In den Neunzigerjahren gab es die ersten Live-Übertragungen, und als das Schweizer Fernsehen merkte, welche Quoten Schwingfeste erzielten, etablierte sich das Fernsehschwingen immer mehr. "Es funktioniert einfach auf den Bildschirmen", sagt Schöpfer.

Die Regeln und der Ablauf eines Schwingkampfes

Der Schwingkampf findet in einer kreisförmigen Wettkampffläche statt, die einen Durchmesser von 7 bis 14 Meter aufweist. Dieser wiederum ist stets mit 23 m³ Sägemehl gepolstert. Um den Kampf regelgerecht ausführen zu können, müssen die Duellanten über der Kleidung eine spezielle Hose aus Zwilch oder Jute tragen. Im Zeichen der Achtung des Gegners reichen sie sich vor Beginn des Kampfes (Gang genannt) die Hand und greifen dann an die spezielle Hose. Ziel ist es nun, den Gegner durch Schwünge auf den Boden, genauer gesagt auf den Rücken, zu werfen.

Ein Gang dauert beim Schwingen fünf Minuten. Die beiden Kontrahenten reichen sich vor dem Beginn des Kampfes die Hand. Die Kämpfer packen sich an ihren Schwingerhosen und versuchen, sich gegenseitig auf den Rücken zu zwingen. Ein Gang ist beendet, wenn ein Schwinger ganz oder zumindest bis zur Mitte beider Schulterblätter den Boden berührt, wobei es egal ist, ob es sich um die rechte oder linke Körperseite handelt. Beide Schulterblätter müssen sich innerhalb der Sägemehlarena befinden.

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Der unterlegende Gegner muss den Boden mit mindestens zwei Dritteln des Bodens berühren, damit der der Kampf gewonnen ist. Um dies zu erreichen, gibt es verschiedene Hauptschwünge namens „Kurz“, „Übersprung“, „Hüfter“, „Buur“ „Brienzer“, oder „Wyberhaagge“.

Der Bezwinger hat den Unterlegenen mit mindestens einer Hand an der Schwingerhose zu halten. Der Sieger muss gemäß dem Regelwerk beim Schwingen dem Verlierer das Sägemehl von den Schultern abwischen. Sollte es binnen der fünf Minuten zu keiner Entscheidung kommen, bezeichnet man dieses Unentschieden als “gestellt”.

Punktevergabe

Es gibt drei Kampfrichter, die den jeweiligen Gang bewerten und Punkte verteilen. Die Punkte sind notwendig, um am Ende eines Schwingerfests auch einen Sieger küren zu können, da auch ein Unentschieden möglich sind, wobei der etwas aktivere Schwinger dann die höhere Punktzahl zugesprochen bekommt (ähnelt dem Boxen). Für einen lupenreinen Sieg werden 10,0 Punkte vergeben.

Die Höchstwertung beträgt zehn Punkte. Der Kampfrichter kann Viertelnoten zum Beispiel bei der Anwendung gefährlicher Griffe, bewusster Zeitverzögerung, übermäßigem Verharren in passiver Stellung oder zu losem Anziehen der Schwingerhose abziehen. Vor dem Abzug wird immer zunächst eine Ermahnung ausgesprochen.

Auf einem Schwingfest werden mindestens sechs Gänge absolviert, auf dem Eidgenössischen Schwingfest sogar acht. Die Schwinger, die nach fünf Durchgängen die meisten Punkte vorweisen können, erreichen den Schlussgang.

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Unerlaubte Aktionen

Wie bei jeder Sportart gibt es auch beim Schwingen Aktionen, die nicht erlaubt sind. Wird ein Regelverstoß festgestellt, so wird zunächst eine Verwarnung ausgesprochen. Wenn diese jedoch keine Wirkung zeigt, werden Viertelnoten abgezogen. Dies ist für Vergehen wie Zeitverzögerungen, Kopfeinstellen, aggressive Verhaltensweise oder aber auch für absichtlich lockeres Tragen der Hose vorgesehen.

Die Schwinger

Schwinger sind Amateure, die meist aus Berufen kommen, die viel Körperkraft erfordern. So finden sich unter ihnen beispielsweise viele Maurer, Metzger und Schreiner. Ihre Namensnennung erfolgt immer mit dem den Vornamen vorangestellten Nachnamen. Ihr Auftreten entspricht heute dem von Leistungssportlern. Deswegen trainieren sie regelmäßig und arbeiten mit Experten aus den Bereichen Ausdauer und Ernährung zusammen.

Die besten Schwinger sind unter dem Namen Bösen bekannt und messen ihre Kräfte in der ganzen Schweiz auf sogenannten Schwingfesten.

Schwingfeste

Es gibt jährlich unzählige Schwingerfeste auf jeglichen Festveranstaltungen.

Weitere Schwingfeste, die den Titel “Fest mit eidgenössischem Charakter” tragen, sind das Unspunnen-Schwingen in der Nähe von Interlaken, das Schwingen im Rahmen der Schweizerischen Landesausstellung und das Kilchberg-Schwingen in der Gegend von Zürich. Die kleineren Schwingfeste, die so genannten Bergschwingfeste wie der Schwägalp, der Stoos oder das Brünig-Schwingen, haben Volksfestcharakter und ziehen Tausende von Besuchern an.

Eidgenössisches Schwingfest

Das alle drei Jahre stattfindende Eidgenössische Schwingfest hat ein Budget von knapp 30 Millionen Franken und zieht übers Festwochenende rund eine Viertelmillion Besucher an. Auch hier herrscht Volksfestcharakter, man spricht kräftig dem Bier zu und schneidet den mitgebrachten Käse mit dem Schweizer Messer auf der Tribüne.

Die speziell für dieses Event konstruierte Arena dürfte die größte mobile Kampffläche der Welt sein. Auf ihr finden sieben Sägemehlflächen Platz plus zwei Brunnen, an denen sich die Kämpfer zwischen den Gängen erfrischen können. Wer sich durch die sieben Gänge gekämpft hat und zum Schwingerkönig gekürt wird, darf diesen Titel übrigens lebenslang behalten.

Zum Titel König, kommt ein prächtiger Stier dazu. 18.000 Euro war das Tier im Jahre 2013 wert. Der damalige Schwingerkönig Sempach Matthias beschloss, den edlen Stier nicht an einen Züchter abzugeben und erzielt nun mit dem Verkauf des Samens stattliche Nebeneinkünfte.

Preisgelder und Sponsoring

Die Stars des Schwingens können mit Werbeeinahmen und Sponsorengeldern durchaus Millionen verdienen.

Obwohl Werbung und Sponsoring traditionell nicht üblich sind, haben sich die strengen Regeln seit 1998 gelockert. Die Arena muss immer noch ohne Werbung sein, doch nutzen Sponsoren wie Aldi und Lidl die Gelegenheit, das Schwingen mit Geldern zu unterstützen, um ihre Reputation zu festigen.